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Krebs macht Angst. Und Angst macht schweigsam: Über Herzinfarkt, Schlaganfall und Co. wird weit offener gesprochen als über Tumorerkrankungen, obwohl die Statistik eindeutig belegt: Nicht Krebs, sondern Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems sind die wahren Killer, sie stellen die Haupttodesursachen dar. Ist Krebs also ein Tabuthema? Man könnte es fast vermuten, betrachtet man die vielen Gerüchte, die über Krebs entstehen und nur hinter vorgehaltener Hand weitergegeben werden.
Ein weiteres Indiz: Viele dieser modernen Mythen verknüpfen die Tumorerkrankungen mit anderen Tabuthemen, zum Beispiel der Sexualität. Attraktiv sind auch Spekulationen, die um die Ernährung kreisen, zum Leidwesen der Experten: Sie beklagen, dass mancher Falschinformation zu Ernährung und Krebs weit eher geglaubt wird als dem tatsächlich anerkannten Wissen darüber, wie wir uns mit Messer und Gabel vor Krebs schützen könnten.
Viele dieser Annahmen über Krebs wurzeln tief in den allgemeinen Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit, manche haben sogar weltanschauliche Hintergründe. In einigen steckt ein Körnchen Wahrheit, oder sie rühren aus durchaus ernst gemeinten, aber veralteten wissenschaftlichen Annahmen.
Gelegentlich werden Gerüchte aber auch dazu genutzt, mit der Angst vor Krebs Geschäfte zu machen - mit dem Verkauf angeblicher Allheilmittel oder der Werbung für den hundertprozentigen Schutz vor Risiken, die, legt man wissenschaftliche Maßstäbe an, gar nicht existieren.
Was ist wirklich dran an einigen häufiger verbreiteten Gerüchten über Krebs?
Eine Abtreibung ist nichts, was eine Frau auf die leichte Schulter nehmen wird. Umso mehr traf Brustkrebspatientinnen vor einiger Zeit die in den Medien verbreitete Information, dass eine vielleicht vor Jahrzehnten getroffene Entscheidung nun ihre Erkrankung ausgelöst haben sollte.
Der Aufhänger für diese Meldungen waren statistische Aussagen gewesen, nach denen Schwangerschaftsabbrüche bei Frauen mit Brustkrebs angeblich häufiger in der Vorgeschichte nachgewiesen werden konnten.
Kritiker bemängelten, dass diese Aussage durch die vorliegenden Daten gar nicht gestützt wurde: Die Häufung war weder zweifelsfrei nachgewiesen noch ließ sich ablesen, dass Abtreibung und Brustkrebs überhaupt etwas miteinander zu tun hätten. Krebsforscher bemühen zur Veranschaulichung solcher statistischen Probleme gerne das Beispiel von den Storchennestern auf den Dächern von Dörfern, in denen besonders viele Kinder geboren werden – die Existenz des Klapperstorches lässt sich daraus nicht ableiten.
Die Experten vermuteten anhand der heftig geführten Diskussionen vor allem in den USA, dass einige Beiträge von Abtreibungsgegnern trotz der mangelnden wissenschaftlichen Fakten regelrecht ausgeschlachtet wurden, um gegen Schwangerschaftsabbrüche – auch legale – zu Feld zu ziehen.
Inzwischen haben mehrere Studien, die auf wissenschaftlicher Basis einer möglichen Verknüpfung nachgegangen sind, Schwangerschaftsabbrüche als Risiko für Brustkrebs relativ sicher ausgeschlossen. Als eine der Voraussetzungen für die saubere Datenerfassung galt dabei, dass Schwangerschaftsabbrüche im jeweils untersuchten Land nicht verboten, sondern legal und damit auch annähernd nachvollziehbar dokumentiert waren. Eine schwedische Studie, die Anfang 2003 veröffentlicht wurde, konnte zusätzlich belegen, dass auch Fehlgeburten keinen Einfluss auf das Brustkrebsrisiko zu haben scheinen.
Verknüpft mit der Botschaft „zurück zur Natur“ wurde vor einigen Jahren die Nachricht verbreitet, zu enge Büstenhalter seien als eindeutiges Brustkrebsrisiko identifiziert. Als biologische Erklärung wurde das Abklemmen von Lymphbahnen und damit das fehlende Ausschwemmen von Stoffwechselschlacken mitgeliefert. Ein Beweis oder auch nur eine wissenschaftliche Quelle ließen sich nicht finden, obwohl Fachgesellschaften und Behörden in USA, Kanada und Europa mit Anfragen überschwemmt wurden.
Als einzigen greifbaren Anhaltspunkt untersuchten Experten daraufhin den Zusammenhang der Brustgröße bei jungen Frauen und einem späteren Auftreten von Brustkrebs – das Gerücht hatte behauptet, Mädchen mit großem Busen hätten das höchste Risiko, weil sie bereits sehr früh zu besonders einengenden Büstenhaltern gezwungen würden. Belegen ließ sich auch dieser Zusammenhang nicht, außer für Frauen, die schon mit Beginn der Pubertät mindestens Körbchengröße D getragen hatten, obwohl sie sehr schlank waren. Die Krebsforscher weisen jedoch darauf hin, dass hier bekannte hormonelle Risikofaktoren und die schwierigere Früherkennung von Erkrankungen bei großen Brüsten als Erklärung vollkommen ausreichen und das Tragen von Büstenhaltern selbst keinen nachweisbaren Einfluss hat.
Wer schön sein will, darf nicht schwitzen: Genügten noch vor wenigen Jahren Wasser und Seife, später vielleicht noch Deos, die Körpergeruch verhinderten, müssen es heute meist schon so genannte Antitranspirantien sein, die die Schweißbildung hemmen. Und schon geisterte das erste Krebs-Gerücht durch das Internet: Vor allem die Antitranspirantien sollten für Brustkrebs verantwortlich sein, so eine Ketten-E-Mail, die seit einigen Jahren in verschiedenen Sprachen durch das Netz kreist.
Einen wissenschaftlichen Beleg für die Behauptung gibt es nicht. Weder werden über den Schweiß Schadstoffe aus dem Körper geleitet, die sich ansonsten im Körper ansammeln würden, noch wirkt sich ein Deo oder ein Antitranspirant auf den Stoffwechsel aus oder ist mit den bekannten hormonellen oder genetischen Risikofaktoren für Brustkrebs verknüpft.
Bekannt ist lediglich - wie bei allen Kosmetika und Körperpflegemitteln - die Gefahr der Allergiebildung oder der Unverträglichkeit. Menschen mit empfindlicher Haut sollten bei Problemen deshalb auf andere Produkte wechseln. Auch beobachten Radiologen gelegentlich, dass in die Haut aufgenommene Bestandteile der schweißhemmenden Kosmetika in der Mammographie zu sehen sind. Bei guter Durchführung der Untersuchung sind diese Einlagerungen jedoch von auf Brustkrebs hinweisenden verdächtigen Gewebeveränderungen zu unterscheiden.
Neue Nahrung erhielten die Gerüchte über das Risiko von Deos, als eine deutsche Fachgesellschaft eine Pilotstudie aufgriff und gegenüber Journalisten vor Risiken warnte: Eine international anerkannte Fachzeitschrift veröffentlichte eine Studie, nach der sich in den entnommenen Tumorproben von 20 Brustkrebspatientinnen Rückstände von Konservierungsmitteln fanden, die auch in Deos und anderen Kosmetika verwendet werden. Von diesen Substanzen ist seit kurzem bekannt, dass sie hormonähnlich wirken können. Die Herausgeber der Fachzeitschrift wiesen in einem Kommentar jedoch darauf hin, dass daraus nicht automatisch ein Zusammenhang abgeleitet werden kann: Weder wurde untersucht, ob sich diese Stoffe auch bei gesunden Frauen im (Fett-)Gewebe finden, noch ist der Mechanismus geklärt, über den die Krebsentstehung beeinflusst werden könnte. Sie forderten weitere Forschung, für eine Empfehlung sei es noch viel zu früh. Auf diese Vorläufigkeit der Ergebnisse beziehen sich bisher auch alle weiteren Kommentare, noch haben sich keine weiteren Hinweise auf ein besonderes Brustkrebsrisiko ergeben.
Die Unterbindung der Samenleiter bei Männern, die so genannte Vasektomie, ist in den Industrieländern eine vergleichsweise selten genutzte Methode zur Schwangerschaftsverhütung: Die meisten Männer schrecken vor der Endgültigkeit des Schritts zurück. Als zu Beginn der 90er Jahre das erste Mal über eine mögliche Erhöhung des Risikos für Prostatakrebs oder auch Hodenkrebs berichtet wurde, erleichtete dies die Entscheidung für diese Form der Familienplanung nicht gerade. Wie beim Zusammenhang Brustkrebs – Abtreibung stammten die Daten aus so genannten epidemiologischen Untersuchungen, bei denen im Nachhinein erkrankte Männer befragt worden waren. Allerdings gab es bald auch Überlegungen zu möglichen Mechanismen und biologischen Erklärungen: Da die Durchtrennung der Samenleiter die Produktion von Spermien nicht stoppt, befürchtete man eine Art hormonelle oder immunologische Fehlregulation durch die im Körper zurückgehaltenen Spermien.
Der genauen Nachprüfung hielten die ersten Daten jedoch nicht stand: Inzwischen gilt es als sicher, dass eine Vasektomie keinen Einfluss auf das Prostatakrebs-Risiko hat. Als besonders aussagekräftig sahen Experten dabei Studien aus den USA und Neuseeland an, wo die Unterbrechung der Samenleiter im weltweiten Vergleich am häufigsten zur Familienplanung genutzt wird. Die Datensammlungen erfassen teilweise Zeiträume deutlich über 25 Jahre, so dass auch viele Männer in einem Alter miteinbezogen werden konnten, in dem die Erkrankungsrate für Prostatakrebs beginnt anzusteigen. Als Erklärung für das zufällige Zusammenfallen von Prostatakrebs und Sterilisation sehen die Forscher heute in einem höheren Bildungsstand, entsprechenden Lebensgewohnheiten und damit verbundenen Risikofaktoren, vor allem aber in einer besseren medizinischen Versorgung, die zur Entdeckung auch früher und symptomloser Krebserkrankungen führt.
Es gibt sie nicht, die Krebsdiät – und trotzdem können sich Patienten und ihre Angehörigen vor gut gemeinten Ernährungsratschlägen oft nicht retten. Da heißt es, man brauche zusätzliche Vitamine und Mineralstoffe, weil die Böden in Deutschland so ausgelaugt seien, dass Obst oder Gemüse gar nicht mehr gesund seien. Andere warnen vor Schadstoffen oder auch jeder Form von Lebensmittelzusatzstoffen in Lebensmitteln.Als besonderer Übeltäter gelten in vielen alternativen Diäten auch Kartoffeln und Tomaten. Zur Begründung wird ihre Zugehörigkeit zur botanischen Familie der Nachtschattengewächse angegeben – diese sei giftig für Krebspatienten.
Wie bei vielen Gerüchten findet sich auch hier ein Körnchen Wahrheit: Die Nachtschattengewächse sind bekannt für ihre Produktion von Alkaloiden. Doch diese sind zwar mehr oder meist auch weniger giftig, aber nicht krebserregend, und in reifen Tomaten oder gut gelagerten, nicht ausgekeimten Kartoffeln sind sie gar nicht drin.
Ähnliche Warnungen hören Betroffene häufig vor Schweinefleisch, das angeblich Substanzen enthält, die vor allem den Tumor „füttern“; beliebt sind auch Unterteilungen in „saure“ oder „basische“ Lebensmittel oder der gänzliche Verzicht auf industriell gefertigte Produkte. Eine wirklich nachvollziehbare Begründung für diese Warnungen findet sich meist eher im weltanschaulichen als im medizinischen Bereich.
Für Krebspatienten spielt eine ausgewogene Ernährung eine große Rolle. Die Erkrankung kann zudem ein Anlass sein, bisherige Gewohnheiten zu überdenken und auch die Qualität und die Erzeugungsweise von Lebensmitteln zu Kriterien für den Einkauf zu machen. Doch gerade dann, wenn der Appetit sowieso schon unter der Krankheit oder auch der Therapie leidet, Übelkeit einen Widerwillen selbst gegen Gewohntes und Lieblingsspeisen erzeugt und das Gewicht fällt, sollten sich Betroffene durch gut gemeinte, aber nicht begründbare Diätwarnungen nicht unter Druck setzen lassen.
Tumoren galten bis vor etwa hundert Jahren als nur selten behandelbar. Schon aus dem Altertum stammte die Beobachtung, dass manche Knoten und Geschwüre viel schlimmer wurden und gar nicht mehr heilten, wenn man sie mit dem damals üblichen Methoden – Ausbrennen oder Verätzen – zu behandeln versuchte.
Auch nach den Anfängen der modernen Medizin hatte sich bis zur Einführung der Narkose die Ansicht weit verbreitet, dass ein Schnitt zur Entfernung einer Krebsgeschwulst das Wachstum erst recht anrege: Vor allem die Vertreter der sich im 19. Jahrhundert entwickelnden Naturheilkunde vermuteten, dass der Kontakt des Körperinneren mit Luft an sich schädlich sei.
Neue Nahrung erhielt diese Vorstellung im 20 Jahrhundert durch den Chirurgen Julius Hackethal, der am Beispiel des Prostatakarzinoms die Theorie vom „Haustierkrebs“ im Unterschied zum „Raubtierkrebs“ entwickelte: Haustierkrebse konnten nach seiner Vorstellung durch eine Operation „gestört“ werden und sich dann erst recht bösartig entwickeln.
Heute sind alle diese Vorstellungen eindeutig widerlegt. Was sich aus der Forschung zu diesem Thema jedoch entwickelte, waren neue und sehr viel feinere Operationsmethoden: Eine vor allem in den Anfängen der Krebschirurgie bestehende Gefahr, durch Schnitte und Manipulationen im Operationsgebiet Krebszellen im Körper zu verstreuen, aus denen dann unter ungünstigen Umständen Metastasen entstehen konnten, ist heute erkannt und wird durch viele Vorsichtsmaßnahmen und verfeinerte Operationsstrategien verringert. Bei Punktionen und Biopsien ist die Gefahr der Zellstreuung heute ebenfalls minimiert, da durch verbesserte Methoden weniger Blut fließt als früher; auch wird, bestätigt sich ein Krebsverdacht, heute meist der Punktionskanal bei einer nachfolgenden Operation mit berücksichtigt.
Auch weiß man inzwischen, dass die Freisetzung von Zellen bei einer Operation nicht automatisch zu einer Metastasierung führt, da scheinbar körpereigene Abwehrmechanismen das "Angehen" der gestreuten Zellen verhindern oder diese aufgrund der Situation in einer Wunde gar nicht lebensfähig sein können.
Krebs ist keine ansteckende oder übertragbare Erkrankung wie etwa eine Grippe oder AIDS. Es wurden zwar Viren entdeckt, die an der Entstehung einiger Krebserkrankungen mitwirken oder sie verursachen, und es ist tatsächlich möglich, dass sie von einem Menschen auf den anderen übertragen werden. Sie sind jedoch niemals der alleinige Auslöser für eine bösartige Neubildung. Die meisten Menschen kommen mit ihnen in Kontakt, ohne jemals an Krebs zu erkranken.
Die Diagnose einer virusassoziierten Krebserkrankung sollte daher auch nicht zur Belastung für eine Partnerschaft werden. Wer mit diesen so überaus häufigen Viren zuerst infiziert war, wer wen angesteckt hat und welches Risiko damit verbunden war, lässt sich allein aus der Tumorentstehung nur bei einem Partner und der Gesundheit des anderen nicht schließen; auch ist die Erkrankung schon gar kein Indiz für etwaige Untreue. Zum Zeitpunkt der Erkrankung muss auch die ursprüngliche Infektion gar nicht mehr bestehen. Familien oder Paare, die sich in diesem Zusammenhang Sorgen machen und Schwierigkeiten haben, über dieses belastende Thema zu reden, sollten sich auf jeden Fall beraten lassen.
Auch bei der Pflege oder dem normalen Umgang mit Krebspatienten besteht keine Gefahr für die Familie und Freunde. Aus einem Tumor stammende Krebszellen werden vom Körper normalerweise nicht ausgeschieden. Daher kann man sich beispielsweise nicht an Bettwäsche, beim Reinigen einer Toilette oder bei sexuellen Kontakten anstecken. Selbst bei einer Bluttransfusion von einem Krebspatienten auf einen Gesunden – die meisten Blutspendedienste lassen Krebspatienten erst nach einer Wartefrist von einigen Jahren zu – besteht praktisch kein Risiko. Die für den Empfänger fremden Gewebezellen werden von seinem Immunsystem erkannt und vernichtet.
Das Internet macht es möglich: Meldungen über Krebs werden heute sehr viel schneller und weiter verbreitet, als es noch vor einigen Jahren möglich war. Das Internet erlaubt es jedoch auch, schnell und effektiv an Informationen und Kommentare von Fachgesellschaften und Experten zu kommen und sich selbst ein Bild zu machen.