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Neuropathie bei Krebs: Vorbeugen mit Kälte und Kompression

Neuropathie gilt als gefürchtete Nebenwirkung einiger Chemotherapien. Können Kryotherapie und Kompression einer Schädigung der Nerven vorbeugen? Krebsinformationsdienst.med fasst die aktuelle Datenlage zusammen.

 

 

Periphere Neuropathie beeinträchtigt die Lebensqualität © Image Point Fr, Shutterstock

Besonders bei Behandlung mit Taxanen, Platin-Derivaten und Vinca-Alkaloiden treten neuropathische Beschwerden als Nebenwirkung auf. Dosisabhängig sind mehr als die Hälfte der Patienten von belastenden Symptomen betroffen. Beschwerden wie Kribbeln, Missempfindungen und Taubheit – oft verbunden mit Schmerzen – können die Lebensqualität beeinträchtigen. Zudem können sie so stark sein, dass eine Chemotherapie nicht wie geplant durchgeführt werden kann.

Trotz diverser Ansätze zur Vorbeugung und Therapie gibt es nur wenige etablierte Mittel gegen Neurotoxizität. Ärzte und Patienten sind daher sehr interessiert an Studiendaten zu Maßnahmen, die möglicherweise helfen könnten.

Kälte und Kompression – wie funktionieren diese Maßnahmen?

Nachdem die Kryotherapie Erfolge im Hinblick auf Nagelveränderungen unter Docetaxel-Therapie gezeigt hatte, wird seit einigen Jahren die Kühlung von Händen und Füßen zur Vorbeugung von Neuropathie untersucht. Dabei werden Kältehandschuhe und -socken während der Chemotherapie-Gabe sowie 15 bis 30 Minuten davor und danach getragen. Um die sehr niedrigen Temperaturen der Handschuhe beziehungsweise Socken über den gesamten Zeitraum zu halten, ist entweder ein Wechsel der Kühlelemente nach etwa der Hälfte der Anwendungszeit oder eine kontinuierliche Kühlung notwendig.

Mechanistisch wird eine Gefäßverengung durch die Kälte angenommen: So gelangt weniger neurotoxische Substanz in Hände und Füße.

Ein weiterer Ansatz, der ebenfalls auf einer Gefäßverengung beruht, ist die Kompression mit Operationshandschuhen: Der Patient trägt dabei vor, während und nach der Chemotherapie zwei Paar sehr eng anliegende Handschuhe übereinander.

Kälte oder Kompression, oder beides? Was sagen die Studien?

Die Daten zur Kryotherapie und Kompression stammen überwiegend aus kleinen, frühen Studien mit Brustkrebs-Patientinnen unter Paclitaxel-Behandlung. Vom Aufbau her sind die Studien sehr unterschiedlich und die Ergebnisse sind widersprüchlich.

  • Kältetherapie: Wurde während einer Taxan-Behandlung Hand und/oder Fuß einer Körperhälfte gekühlt und danach mit der anderen, nicht-gekühlten Körperhälfte verglichen, war in einigen Studien die Neuropathie in der gekühlten Körperhälfte subjektiv und teilweise objektiv geringer1,2. Es liegen allerdings auch Untersuchungen vor, in denen zwischen Kühlung und Kontrolle ohne Kühlung kaum bzw. kein Unterschied festgestellt werden konnte3,4.
  • Kompression: Durch OP-Handschuhe an einer Hand während nab-Paclitaxel-Gabe traten laut einer Studie danach deutlich weniger sensorische und motorische Neuropathien auf als an der anderen Hand ohne Kompression5. Bei einer weiteren Studie trat nach Kompression an beiden Händen bei 14 % der Patienten eine Grad 2 Neuropathie nach den Common Terminology Criteria Adverse Events (CTCAE) auf. Eine direkte Kontrollgruppe gab es hier nicht6.
  • Kyrotherapie versus Kompression: Im direkten Vergleich erwiesen sich Kompression und Handkühlung in einer Studie mit 38 Brustkrebspatientinnen als gleich effektiv: Nach nab-Paclitaxel-Behandlung trat in beiden Gruppen bei 18 % der Patientinnen eine sensorische Neuropathie vom Grad 2 und höher auf. Vier Patientinnen brachen die Studie ab: zwei aufgrund von Kälteintoleranz und zwei aufgrund von Unverträglichkeiten bei der Kompression. Eine Kontrollgruppe ohne Behandlung gab es in dieser Studie nicht7.
  • Kombination Kryotherapie mit Kompression: Beide Verfahren wurden in einer Studie kombiniert. Die Arbeitsgruppe aus Singapur setzte dafür eine spezielle Apparatur ein: Unter einem Druck von 5 – 15 mmHg wurden Hände und Füße bei 13 Patientinnen über 150 Minuten vor, während und nach Taxan-Gabe mit 16° C kontinuierlich gekühlt. Die Autoren verglichen dies mit Ergebnissen aus anderen Studien mit kontinuierlicher Kühlung oder ohne weitere Behandlung. Hierbei zeigte sich eine verbesserte motorische Nervenfunktion durch die Kryokompression8.

Die Studiendaten geben zunächst ermutigende Hinweise, allerdings bleiben die Ergebnisse aussagekräftiger Untersuchungen abzuwarten.

Haben Kälte und Kompression auch Nebenwirkungen?

Während die Kryotherapie in einigen Studien als gut verträglich beschrieben wird, berichten andere von Therapieabbrüchen aufgrund von Kälteempfindlichkeiten der Patienten3,9. Darüber hinaus gibt es vereinzelte Berichte von Erfrierungen. Bei der Kompression mit Handschuhen sind Latex-Allergien zu beachten.

Kälte oder Kompression: Das sagen die Fachgesellschaften

Aktuelle S3-Leitlinien zur Diagnostik und Therapie verschiedener Krebserkrankungen erwähnen weder Kältetherapie noch Kompression zur Vorbeugung einer Neuropathie.

Die S3-Leitlinie "Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen" spricht sich bezüglich Vorbeugung einer Neuropathie für ein regelmäßiges Bewegungstraining der Finger und Zehen aus.

Die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO), Kommission Mamma, beurteilt die Kompressionstherapie mit chirurgischen Handschuhen und Kompressionsstrümpfen als Maßnahme mit begrenztem Nutzen, die durchgeführt werden kann (+ Empfehlung). Sie setzt diese damit dem Funktionstraining von Händen und Füßen gleich. Die Kryotherapie wird aufgrund des nicht belegten Nutzens nur im Einzelfall angeraten (+/- Empfehlung).



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Herausgeber: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) │ Autoren/Autorinnen: Fachkreise-Redaktion des Krebsinformationsdienstes. Lesen Sie mehr über die Verantwortlichkeiten in der Redaktion.

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