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Prostatakrebs, Foto: STEVE GSCHMEISSNER/Getty Images © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

Prostatakrebs: Hormonelle Therapie und Hormonentzug

Hormone stoppen, Tumorwachstum bremsen

Warum reagieren Prostatakrebszellen auf Testosteron? Wie lässt sich das Tumorwachstum durch eine antihormonelle Behandlung bremsen? Wie lange wirkt die Therapie? Für Männer mit Prostatakrebs bietet die Hormonentzugstherapie oder kurz Hormonbehandlung eine wirksame Strategie, um das Tumorwachstum in Schach zu halten. Die Behandlung wird mit Medikamenten durchgeführt, daher müssen Betroffene meist nicht ins Krankenhaus, obwohl zumindest zu Anfang Nebenwirkungen nicht selten sind. Eingesetzt wird der Hormonentzug vor allem bei fortgeschrittenen Prostatakarzinomen. Sind andere Behandlungsverfahren zu belastend, können sich Männer aber in jedem Stadium der Erkrankung für die Behandlung mit Medikamenten entscheiden.
Einen Überblick bietet der folgende Text des Krebsinformationsdienstes. Er kann Betroffenen das Gespräch mit ihren Ärzten erleichtern, aber nicht ersetzen.

Erstellt: 31.07.2010
Zuletzt überprüft: 31.07.2010

Einführung: Warum Hormonentzug bei Prostatakrebs?

Bei praktisch allen Patienten mit einem Prostatakarzinom wachsen die Tumorzellen hormonabhängig. Vor allem das männliche Geschlechtshormon Testosteron stimuliert ihr Wachstum. 

  • Lässt sich Prostatakrebs nicht durch eine Operation oder Bestrahlung bremsen, ist der Hormonentzug eine weitere wichtige Behandlungsmöglichkeit.

Abgekürzt sprechen viele Betroffene von "Hormontherapie", besser wäre die Bezeichnung Antihormontherapie. Fachleute nutzen auch die Bezeichnung "Androgendeprivationstherapie (ADT)".

Die verschiedenen Formen der Antihormontherapie wirken im ganzen Körper. Sie bieten daher eine wirksame Behandlung auch für Patienten, bei denen der Tumor nicht mehr auf die Prostata selbst begrenzt ist. Der Hormonentzug wird heute meist mit Medikamenten durchgeführt, die in größeren zeitlichen Abständen als Depotspritze unter die Haut gegeben oder eingenommen werden. Die Entfernung der Hoden ist ebenfalls möglich: Dort werden die meisten "Androgene" gebildet, also Testosteron und in geringem Umfang weitere männliche Geschlechtshormone.

Die Hormonentzugstherapie hat zumindest zu Beginn Nebenwirkungen, die Symptomen der Wechseljahre bei Frauen ähneln können, etwa Hitzewallungen.  Auf lange Sicht wird vor allem die sexuelle Aktivität vieler Patienten eingeschränkt. Im Vergleich zu Operation und Bestrahlung ist die Antihormontherapie aber keine riskante Therapie, so dass sie selbst für hochbetagte  Männer oder Patienten mit Vorerkrankungen in Frage kommt.

Eine langfristige Heilung ermöglichen die verschiedenen Formen der hormonellen Therapie nicht: Bei vielen Patienten lässt sich aber für viele Monate bis Jahre ein Wachstumsstopp erreichen. Die Behandlung lindert zudem tumorbedingte Beschwerden.
Früher oder später reagieren die meisten Tumorzellen nicht mehr auf den Entzug der männlichen Geschlechtshormone. Oft bremsen andere Hormone, vor allem Östrogene und chemische Verwandte, ein weiteres Fortschreiten der Erkrankung. Erst wenn der PSA-Spiegel trotzdem weiter steigt, gilt der Tumor als "hormontaub". Dann kommen andere Behandlungsformen wie etwa eine Chemotherapie in Betracht. 

In vorklinischen und klinischen Studien wird erforscht, wie man die Zeitspanne der Wirksamkeit einer hormonellen Therapie verlängern kann und welche neuen Substanzen sich eignen könnten. Mögliche Nebenwirkungen zu mindern, ist ebenfalls Thema der Forschung. Ob sich dazu beispielsweise die regelmäßige Unterbrechung der Behandlung (intermittierende Therapie) bis zum Wiederanstieg des PSA-Wertes eignet, steht noch nicht fest.

Befunde und Tumorstadium

Für die Planung einer Hormontherapie spielen die Befunde und das Tumorstadium eine wichtige Rolle, mehr dazu hier. Die Hormonentzugstherapie kommt in Frage, wenn

  • ein Mann einen auf die Prostata begrenzten Tumor hat, eine Operation aber zu riskant wäre und eine Bestrahlung wegen der Nebenwirkungen nicht möglich oder nicht gewünscht ist. Dabei muss bedacht werden, dass sich eine langfristige Heilung so nicht erzielen lässt. Für die Entscheidung spielen daher auch Alter, Allgemeinzustand und voraussichtliche Lebenserwartung des Patienten eine Rolle.
  • Der Hormonentzug steigert den Therapieerfolg einer Radiotherapie größerer Tumoren. Dabei wird die Therapie nur für einen bestimmten Zeitraum adjuvant eingesetzt. Auch die neoadjuvante Gabe vor einer Bestrahlung wird diskutiert, um die Prostata zu verkleinern.
  • Die hormonelle Therapie als Dauerbehandlung ist Standard bei Tumoren, die in die Knochen oder andere Organe gestreut haben.
  • Sie ist außerdem für viele Patienten die Therapie der Wahl bei einem Rückfall nach Operation oder Bestrahlung.

Methoden, Substanzen: Womit wird behandelt?

Die älteste Therapie gegen Prostatakrebs ist die Orchiektomie oder Kastration, die Entfernung der Hoden: In den männlichen Geschlechtsdrüsen wird der überwiegende Teil des körpereigenen Testosterons produziert. Nur ein geringer Anteil anderer Androgene stammt aus den Nebennieren; einige Sexualhormone werden auch im Fettgewebe produziert.
Die Operation wurde Ende des 19. Jahrhunderts erstmals zur Therapie des Prostatakarzinoms eingesetzt. Sie gilt nach über hundert Jahren aus medizinischer Sicht immer noch als der Maßstab, mit dem sich andere Methoden zur Senkung des Testosteronspiegels vergleichen lassen müssen.
Viele Männer empfinden den Eingriff allerdings als psychisch belastend und lehnen ihn ab. Auch ist die Orchiektomie ein Eingriff, der nicht rückgängig zu machen ist.

Seit mehreren Jahrzehnten sind medikamentöse Formen der Hormonblockade im Einsatz, die die Orchiektomie ersetzen können. Die Mehrzahl der Männer in Deutschland entscheidet sich heute für diese Therapieform, auch wenn sie der operativen Kastration hinsichtlich Wirkung wie Nebenwirkung gleichkommt:

  • Die so genannten GnRH-Analoga, früher auch LHRH-Analoga, stoppen die Testosteronbildung schon beim übergeordneten hormonellen Regelkreis im Gehirn. GnRH ist die Abkürzung für "Gonadotropin-Releasing-Hormon" oder Gonadoliberin, das im Hypothalamus im Gehirn gebildet wird und in der Hypophyse weitere Steuerhormone reguliert, die Gonadotropine. Diese wiederum sind für die Sekretion der eigentlichen Geschlechtshormone in den Hoden (bei Frauen in den Eierstöcken) verantwortlich. Ein Analogon ist ein gleich wirkender Stoff, die synthetischen Mittel sind den natürlichen Substanzen sehr ähnlich, wirken aber stärker und "wetteifern" sozusagen mit deren Wirkung.
    Als Medikamente werden mehrere verschiedene Substanzen bzw. Marken eingesetzt (Substanznamen u.a.: Buserelin, Goserelin, Leuprorelin, Triptorelin, weitere). Über Markennamen informiert der behandelnde Arzt.)
    Neuer sind Stoffe, die direkt als Antagonisten, also Gegenspieler, von GnRH wirken. Sie konkurrieren ebenfalls mit dem natürlichen Hormon und verhindern dessen Wirkung, haben aber eine andere biochemische Struktur.  
  • So genannte Antiandrogene blockieren die Testosteronaufnahme bzw. ihre Wirkung, indem sie mit den natürlichen Hormonen um die "Andockstellen" an den Zellen konkurrieren. Auch hier gibt es mehrere verschiedene Arzneimittel mit vergleichbarer Wirkung. Einige sind den natürlichen Hormonen ähnlich; sie gehören chemisch ebenfalls zu den so genannten Steroiden (Beispiel für Substanznamen: Cyproteronacetat, Megestrolacetat, weitere). Andere besetzen zwar den gleichen Rezeptor auf den Zellen, sind jedoch nicht steroidal aufgebaut (Beispiele für Substanznamen: Flutamid, Bicalutamid, Nilutamid, weitere).
  • Einige Substanzen hemmen die Androgenbildung in der Nebenniere. Sie werden eingesetzt, wenn eine vollständige Blockade aller Testosteronverwandten gewünscht wird, also auch derjenigen die nicht in den Hoden gebildet werden (Beispiele für Substanznamen: Ketokonazol). Diese Mittel wurden ursprünglich gegen andere Erkrankungen entwickelt. Ihr Einsatz beim Prostatakarzinom wird noch geprüft, eine offizielle Zulassung für Patienten besteht nicht.

Östrogene - alte Therapie neu bewertet?

Die um 1940 entwickelte therapeutische Gabe des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen wirkt sehr gut und wäre theoretisch eine Alternative zur Orchiektomie. Die Verwendung der verschiedenen Östrogenformen gegen Prostatakrebs war jedoch lange in den Hintergrund getreten, da viele Männer mit Nebenwirkungen wie etwa Herzproblemen oder Thrombosen rechnen mussten.
In der Forschung wird derzeit intensiv versucht, durch neue Anwendungsformen, etwa Pflaster, die Risiken zu senken.
Zurzeit kommen Östrogene und ihre chemischen Verwandten sowie ein Kombinationsmedikament mit einem Zytostatikum in Deutschland daher vorwiegend bei fortgeschrittenen Erkrankungen zum Einsatz, wenn der Androgenentzug nicht mehr wirkt (Substanzen z.B. Östradiol in Estramustinphosphat, Diethylstilbestrol, weitere synthetische Östrogene).

Ablauf: Wie wird eine Hormontherapie durchgeführt?

Je nach Situation können sich die Wahl der Medikamente und der zeitliche Ablauf der medikamentösen Therapie individuell gestalten. Meist orientieren sich die Ärzte beim Beginn der Therapie aber an folgendem Schema:

  • GnRH-Analoga als Depotspritze unter die Haut: Zur Verfügung stehen Präparate für die Anwendung einmal monatlich, und es gibt sogenannte Depot-Präparate, die nur alle zwei oder drei Monate notwendig sind. Auch GnRH-Antagonisten müssen gespritzt werden, je nach Präparat in zwei- bis vierwöchigen Abständen.
  • Orchiektomie: Als gleichwertig gilt die Entfernung der Hoden, wenn eine dauerhafte Therapie gewünscht wird. Der Eingriff kann ambulant oder bei einem kurzen stationären Aufenthalt durchgeführt werden.

"Flare-up"-Unterdrückung mit Antiandrogenen

Das Gleichgewicht aller Hormone steuern empfindliche Regelkreise, und so stellen die Drüsenzellen die Testosteron-Ausschüttung nicht sofort ein, sondern reagieren zunächst sogar mit einer gesteigerten Freisetzung. Ärzte bezeichnen den kurzfristigen Anstieg des Testosterons als "Aufflammen" oder "Flare-up"-Phänomen.

Antiandrogene, die begleitend über einige Tage verabreicht werden, "fangen" das Testosteron ab. Sie verhindern mögliche negative Auswirkungen eines hohen Testosteronspiegels: Vor allem bei Patienten mit raschem Tumorwachstum oder Metastasen könnten sich Krankheitszeichen wie etwa Knochenschmerzen sonst verstärken. Auch das Herz-Kreislauf-System und die Nieren könnten durch die Hormonmenge in Mitleidenschaft gezogen werden.
Wann und wie lange die Antiandrogene gegeben müssen, wird unterschiedlich beurteilt: In den USA empfehlen Experten die Gabe vor oder begleitend zu den GnRH-Analoga für mindestens sieben Tage; europäische Leitlinien sehen die gleichzeitige Gabe für etwa zwei Wochen vor.

Anfang 2008 wurde erstmals ein neuer Wirkstoff zugelassen, der auf andere Weise als die bisher verfügbaren GnRH-Analoga in den übergeordneten Hormonregelkreis eingreift: ein sogenannter GnRH-Antagonist. Inzwischen gibt es mehrere Präparate. Bei diesen Mitteln ist ein "Flare-up"-Phänomen nicht zu erwarten, Patienten brauchen keine begleitenden Antiandrogene.

Androgen-Monotherapie

Antiandrogene alleine, als so genannte Monotherapie, scheinen in der ersten Phase der Hormontherapie weniger erfolgreich zu sein als die Therapie mit GnRH-Analoga. Als interessant gilt die Behandlung trotzdem, wegen der vergleichsweise geringen Nebenwirkungen zumindest der nichtsteroidalen Substanzen.
Auf die Ergebnisse einiger zurzeit nicht abgeschlossener Tests zur Monotherapie warten die Fachleute noch.
Vor allem die nichtsteroidalen Substanzen eignen sich jedoch zur Behandlung von Patienten, bei denen der Hormonentzug nur zeitweilig begleitend zur Bestrahlung eingesetzt wird, oder als alleinige Therapie für Männer mit lokal fortgeschrittenen Tumoren ohne Metastasen, die eine Bestrahlung ablehnen.

Rückfall: Was tun bei PSA-Anstieg?

Ein einmalig leicht erhöhter PSA-Wert bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Hormontherapie nicht mehr wirkt. Erst wenn der Blutspiegel des Prostata spezifischen Antigens bei drei Messungen im Abstand von jeweils einigen Wochen angestiegen ist, das Testosteron im Blut nicht massiv absinkt oder deutliche Krankheitszeichen auftreten, sollte die Therapie angepasst werden.

Bei etwa jedem vierten Patienten bewirken zusätzlich gegebene Antiandrogene als Tablette einen PSA-Abfall. Dabei lohnt es sich auch, verschiedene Substanzen nacheinander einzusetzen. Zeigt auch dies keine Wirkung, kann es sogar nützen, das Antiandrogen wieder wegzulassen: Die erneute hormonelle Umstellung beeinflusst die Blutwerte bei einigen Patienten für eine gewisse Zeit noch einmal günstig.
GnRH-Analoga sollten dabei unbedingt weiter regelmäßig als Depot gespritzt werden.

Spricht der Tumor auch auf diese Therapie nicht mehr an, kommen Medikamente mit östrogener Wirkung und rein synthetische Hormone in Frage. Ein gängiges Mittel besteht aus einer Kombination eines Östrogens mit einem Zytostatikum. Diese Mittel gibt es als Tabletten oder zur Injektion.

Erst wenn jede Form der hormonellen Therapie wirkungslos ist, bezeichnen Experten den Tumor als "hormonrefraktär" oder "hormontaub. Für Patienten kann dann eine Chemotherapie in Frage kommen.

Wenn Knochenmetastasen oder Tumorabsiedelungen in anderen Organen zu Schmerzen führen, benötigen Patienten mit einer fortgeschrittenen Prostatakrebserkrankung zusätzlich eine symptomlindernde Therapie.  Auch die Bestrahlung von Knochenmetastasen lindert Beschwerden wirkungsvoll.

Erfolgsaussichten: Was kann mit einer antihormonellen Therapie erreicht werden, was nicht?

Wie bei den anderen Therapieverfahren wird der Behandlungserfolg einer hormonellen Therapie am PSA-Spiegel des Patienten gemessen. Abgesehen von einem kurzfristigen Ansteigen nach (medikamentöser) Kastration sinkt der PSA-Wert bei den meisten Patienten rasch auf Werte knapp über der Nachweisgrenze. Auch eine Beschwerdelinderung sollte relativ schnell einsetzen.

Bei der antihormonellen Therapie erfolgt außerdem eine regelmäßige Prüfung der Testosteronspiegel: Die Werte sollten Kastrationsniveau erreichen, so der Fachausdruck, also mindestens so tief sinken, wie es bei der Entfernung der Hoden durchschnittlich der Fall wäre. Als Grenzwert galten lange 50 Nanogramm Testosteron in einem Deziliter Blut (50 ng/dl). Heute kann man Testosteron aufgrund moderner Testverfahren besser nachweisen und weiß, dass ein Wert von 15 Nanogramm pro Deziliter Blut eher dem Testosteronspiegel nach der Entfernung der Hoden entspricht.
Als Grenzwert, der heute durch eine antihormonelle Therapie mindestens erreicht oder unterschritten werden sollte, nennen Fachleute 20 Nanogramm pro Deziliter Blut (20 ng/dl).
Dieser Wert wird oft auch anstelle auf Deziliter Blut (Zehntel-Liter) auf Milliliter bezogen und entspricht dann 0,2 Nanogramm Testosteron pro Milliliter (0,2 ng/ml) Blut.

Eine alleinige medikamentöse Behandlung oder eine Entfernung der Hoden kann einen längerfristigen Wachstumsstopp der Tumoren bei Patienten mit Prostatakarzinom erzielen. Eine solche antihormononelle Behandlung führt allerdings nicht zu einer Heilung. Patienten, für die aufgrund ihres Tumorstadiums und ihres Allgemeinzustands auch eine Bestrahlung oder Operation in Frage käme, sollten dies bei ihrer Therapiewahl berücksichtigen.

Bei Patienten mit Metastasen liegen mit den etablierten Verfahren der Hormonbehandlung die krankheitsfreien Zeiträume zwischen 28 und 53 Monaten.
Es gibt Berichte über einzelne Patienten, die auf die Antihormontherapie zehn Jahre und länger angesprochen haben. Für die neueren Substanzen oder die verschiedenen Ansätze, mit einer nur zeitweiligen Hormontherapie die Wirkungsdauer zu verlängern, sind die Langzeitergebnisse noch nicht absehbar.
Für die zweite und die folgenden Stufen der hormonellen Therapie werden Zeiträume von jeweils mehreren Monaten genannt, in denen eine deutliche PSA-Wert-Senkung erreicht werden kann. Allerdings sprechen nicht alle Patienten auf die Medikamente dieser Stufe an.

Nebenwirkungen: Was ist häufig, was selten, wer ist betroffen?

Nebenwirkungen GnRH-Analoga und -Antagonisten sowie der Orchiektomie:

Die Entfernung der Hoden wie auch die Behandlung mit Mitteln, die über die Hypophyse den Testosteronspiegel senken führen bei fast allen Männern zu einer deutlichen Reduktion des sexuellen Interesses, zum Nachlassen der Libido.
Trotz intensiver Forschung gibt es bisher dagegen keine Abhilfe. Da dies eine Partnerschaft belasten kann, sollten betroffene Paare rechtzeitig und möglichst offen über das Thema sprechen.Die rein körperliche Fähigkeit zum Geschlechtsverkehr ist zwar ebenfalls bei den meisten Patienten stark eingeschränkt, lässt sich aber durch Medikamente zur Verstärkung einer Erektion oder andere Maßnahmen teilweise wiederherstellen, mehr dazu hier

Nach einer Hodenentfernung geht bei allen Patienten, unter medikamentöser Kastration bei fast allen Patienten die Fähigkeit verloren, ein Kind zu zeugen. Männer, die mit ihrer Partnerin noch Kinderwunsch haben, sollten ihre Ärzte auf die Möglichkeit ansprechen, Spermien vor Behandlungsbeginn einzufrieren. Werden die Medikamente abgesetzt, kann es innerhalb einiger Monate zu einer Erholung der Samenproduktion kommen.

Fünf bis acht von zehn Patienten müssen nach Orchiektomie oder bei medikamentöser Therapie mit Hitzewallungen rechnen, wie sie sonst nur Frauen in den Wechseljahren kennen. Begleitmedikamente, Maßnahmen wie Sport, die Reduktion von Kaffee- oder Alkoholgenuss oder eine Umstellung der hormonellen Therapie bringen Linderung, oft gewöhnt sich der Körper auch nach einiger Zeit an den Hormonentzug, mehr dazu hier

Seltener, aber nicht ausgeschlossen sind außerdem Allergien.

Nebenwirkungen der Antiandrogene:

Zumindest die nicht-steroidalen Medikamente wirken sich nicht so einschneidend wie andere antihormonelle Maßnahmen auf das Sexualleben aus. Allerdings ist die Monotherapie mit diesen Mitteln bisher derzeit keine Standardanwendung. Sie wird meist nur adjuvant zu einer Strahlentherapie mit heilender Absicht eingesetzt oder bei Männern, deren Tumor noch keine Metastasen gebildet hat. Die Fähigkeit, ein Kind zu zeugen, erlischt weitgehend.

Nebenwirkungen der Östrogene und Kombinationen:

Die Östrogene können Veränderungen in der Blutgerinnung bewirken und so das Risiko von Thrombosen erhöhen, ebenso das Risiko für Herzinfarkte. Ihre Anwendung bei Patienten, die bereits entsprechende Vorerkrankungen haben, muss sorgfältig überdacht werden. Ob Mittel zum Schutz vor Thrombosen als Begleitmedikation notwendig sind, muss der behandelnde Arzt entscheiden.

Nebenwirkungen aller hormonellen Therapien:

 Bei allen Formen der hormonellen Therapie können die Brustdrüsen wachsen: Beobachtet wird dies bei einem bis zwei von zehn Männern nach Kastration oder GnRH-Analoga, bei etwa der Hälfte der Männer unter kompletter Androgenblockade und bei bis zu acht von zehn Männern unter östrogenhaltiger Therapie. Abhilfe bringen – als vorbeugende Maßnahme -  eine niedrig dosierte Bestrahlung der Brustdrüsen oder Medikamente. Ist das Wachstum des Drüsengewebes bereits sehr ausgeprägt, können betroffene Patienten einen kleinen chirurgischen Eingriff zur Größenreduktion in Betracht ziehen.

Gegen sonstige körperliche Veränderungen, etwa Gewichtszunahme oder Muskelabbau, hilft Sport.
Regelmäßige und dem Allgemeinzustand angemessene körperliche Belastung trägt auch dazu bei, Knochenschwund vorzubeugen: Wie bei älteren Frauen wirkt sich der veränderte Hormonspiegel auf das Osteoporose-Risiko aus. Auch Kalzium, Vitamin D und/oder Medikamente, die so genannten Bisphosphonate, werden zur Prophylaxe empfohlen, ob sie sinnvoll sind, muss aber im Einzelfall entschieden werden.
Betroffene Männer sollten wissen: Als weitere Risikofaktoren für Osteoporose gelten Übergewicht, mangelnde Bewegung, Rauchen und Alkohol.
Unklar ist der Einfluss der Hormonentzugstherapie auf Depressionen oder die kognitive Leistungsfähigkeit. Einige Männer berichten, dass die Medikamente ihre Gedächtnisleistung und Denkfähigkeit beeinträchtigen. Welche Rolle das fortgeschrittene Alter vieler Patienten dabei spielt, ist unklar. Erste Anlaufstelle beim Auftreten solcher Probleme ist der behandelnde Arzt. Während es gegen Einschränkungen der kognitive Leistungsfähigkeit bisher keine standardisierte Vorgehensweise gibt, lassen sich Depressionen und Stimmungsschwanken sowohl durch Medikamente wie auch durch therapeutische Unterstützung lindern.

Forschung: Was wird geprüft, was hat sich nicht bewährt?

Dauertherapie oder Unterbrechung?

Lange diskutiert wurde der so genannte intermittierende Hormonentzug: Hier werden die Medikamente nur so lange gegeben, bis der PSA-Wert auf einen Stopp des Tumorwachstums hindeutet. Dazu wurden im Rahmen von Studien meist etwa sechs bis neun Monate benötigt. Danach setzt der Patient die Behandlung ab. In dieser Therapiepause gehen die Nebenwirkungen deutlich zurück, auch das sexuelle Interesse kehrt bei vielen Männern zurück. Erst bei Ansteigen des PSA-Wertes wird die Behandlung fortgeführt.
Für viele Männer erscheint diese Möglichkeit sehr attraktiv, nicht nur wegen der reduzierten Nebenwirkungen und der verbesserten Lebensqualität. Sie versprechen sich auch eine Verlängerung der Zeit, bis der Tumor hormontaub wird.

Das Verfahren ist möglicherweise allerdings nicht für jeden Patienten geeignet: Noch sind Fragen offen, wer davon einen Nutzen hat und wem die Unterbrechung schadet. Es gibt erste Hinweise darauf, dass zumindest langfristig die Lebenserwartung sinken könnte, wenn die Hormonblockade immer wieder unterbrochen wird. 

Für Männer, die die "intermittierende Hormontherapie" in Betracht ziehen, geht es im Gespräch mit ihrem behandelnden Arzt also um die schwierige Abwägung zwischen Lebensqualität und Lebenserwartung. Eine solche Entscheidung kann immer nur individuell getroffen werden.

Minimale Androgenblockade,
Dreifach-Blockade, Therapie nach Leibowitz?

Es gibt viele Ansätze, die bisherigen Verfahren der Hormonentzugstherapie abzuwandeln. Die so genannte minimale Androgenblockade setzt anstelle der üblichen Medikamente auf eine Substanz, die bisher nur bei gutartigen Prostatavergrößerungen Wirkung gezeigt hat und für das Prostatakarzinom bisher nicht zugelassen ist: Finasterid greift ebenfalls in den Testosteronstoffwechsel ein.
Kombiniert wird sie bei der minimalen Androgenblockade mit einem nichtsteroidalen Antiandrogen. Die Therapie hat weniger Nebenwirkungen und beeinträchtigt das Sexualleben bei weniger Patienten als bei der herkömmlichen Therapie. Noch fehlen allerdings aussagekräftige Langzeitstudien zur Sicherheit, die vorliegenden Daten reichen bislang nicht aus. Solange sei diese Therapieform als experimentell anzusehen, so die europäischen Leitlinien.

Der U.S.-amerikanische Urologe Robert Leibowitz wurde mit einem Therapieschema bekannt, das alle Substanzklassen kombiniert, also GnRH-Analoga, ein Antiandrogen und Finasterid. Er empfiehlt es auch Männern, für die eine Operation oder Bestrahlung in Frage käme, und bezeichnet diese Standardverfahren als "verstümmelnd": Kritiker merken an, dass Finasterid bei einer vollständigen Hormonblockade vermutlich keinen zusätzlichen Nutzen bringt, Patienten dafür aber mit zusätzlichen Nebenwirkungen rechnen müssen. Auch gelten ihre Einwände der Behauptung von Leibowitz, mit dieser Therapie ließe sich eine Heilung erzielen.
Männer, für die auch eine heilende Operation oder Bestrahlung in Frage käme, müssen wissen, dass der Beleg für die Richtigkeit von Leibowitz' Aussagen bisher aussteht.

Östrogene als erste hormonelle Therapie?

Die Östrogentherapie ist sehr wirksam, sie geriet aber hauptsächlich wegen der Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Thrombosen in den Hintergrund. Die sonstigen Nebenwirkungen sind jedoch vergleichsweise gering ausgeprägt. In Studien wird seit einiger Zeit versucht, die Wirksamkeit der Therapie zu verbessern und gleichzeitig die Risiken zu minimieren: Möglicherweise lassen sich die Nebenwirkungen senken, wenn die Mittel nicht eingenommen, sondern in die Muskulatur gespritzt werden oder über Pflaster zur Anwendung kommen. Vielleicht reichen zur Behandlung von Prostatakrebs auch deutlich niedrigere Östrogen-Dosen aus als bisher angenommen.
Auch wenn das wissenschaftliche Interesse an der Therapie groß ist - als Alternative zur Orchiektomie oder zu den GnRH-Analoga in der ersten Phase der hormonellen Therapie haben sich die Östrogene bisher noch nicht wieder etabliert.