Vermeintliche Wundermittel bei Krebs: Was ist dran?

Oft Hoffnungsträger ohne ausreichende wissenschaftliche Belege

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Von: Vanessa Schöner (Zellbiologin, M.Sc.)

"Brokkoli killt Krebszellen", "Cannabis heilt Krebs" oder "neues Wundermittel aus der Forschung" – immer wieder wecken solche Schlagzeilen falsche Hoffnungen bei Betroffenen und ihren Angehörigen. Dabei beruhen die Meldungen häufig auf Versuchen an Zellen oder Tieren. Diese Ergebnisse lassen sich nicht einfach auf Menschen übertragen. Ob eine Substanz sicher ist und gegen Krebs hilft, lässt sich nur durch hochwertige klinische Studien am Menschen klären. Das erfordert viele Jahre Forschung. 

Viele Menschen mit Krebs hoffen auf neue Behandlungsmöglichkeiten. Das zeigen zahlreiche Anfragen, die uns, den Krebsinformationsdienst, immer wieder dazu erreichen: "Ich habe gehört, es gibt da etwas Neues. Kann mir das helfen?" 

Unsere wissenschaftliche Einordnung solcher angeblichen Wundermittel fällt dann aber oft ernüchternd aus, wie die folgenden 3 Beispiele zeigen.

Cannabispflanze mit Blüten
Cannabis als Mittel gegen Krebs befindet sich noch in der frühen Forschung – zu Wirkung sind die Ergebnisse uneinheitlich.
Bild: © Thinkstock

Sulforaphan: Hilft Brokkoli gegen Krebs?

Was ist Sulforaphan?

Sulforaphan ist ein Senföl, das in verschiedenen Kohlsorten enthalten ist – in besonders hohen Konzentrationen in Brokkoli.

Bisher empfehlen Fachgesellschaften und Leitlinien Sulforaphan weder zur Vorbeugung noch zur Behandlung von Krebs. Dennoch wird es im Internet unter anderem als vielversprechender Wirkstoff zur Vorbeugung und Behandlung von Krebs angepriesen. 

Wie ist der Stand der Forschung?

  • Ergebnisse zur Behandlung von Krebs gibt es zurzeit praktisch nur aus Zellkultur- oder Tierversuchen. Diese Ergebnisse sind nicht direkt auf den Menschen übertragbar. Klinische Studien mit Krebspatientinnen und -patienten gibt es bislang nur wenige. Sie lieferten nur begrenzt Hinweise auf eine Wirkung von Sulforaphan gegen Krebs.
  • Es gibt Hinweise aus epidemiologischen Studien, dass der Verzehr von Gemüse, das viel Sulforaphan enthält das Risiko für manche Krebsarten senken könnte.

Fazit: Ob Sulforaphan zur Therapie von Krebs geeignet ist, ist nicht ausreichend wissenschaftlich belegt. Um das zu klären, sind weitere klinische Studien notwendig. 

Cannabis gegen Krebs?

Fachleute empfehlen Cannabis nicht zur Behandlung der Krebserkrankung selbst. Dennoch ist im Internet zu lesen, dass Cannabis Krebs heilen oder das Tumorwachstum bremsen könne. 

Wie ist der Stand der Forschung?

  • Hinweise zu einer möglichen krebshemmenden Wirkung von Cannabis gibt es bislang vor allem aus Zell- und Tierversuchen. Allerdings gibt es auch gegenteilige Ergebnisse aus der Grundlagenforschung. Einige wenige klinische Studien an Menschen konnten ebenfalls keine eindeutigen Ergebnisse liefern.
  • Cannabis kann Krebserkrankten aber bei Beschwerden wie Übelkeit helfen, wenn die Standardtherapie nicht ausreichend wirkt. Dafür sind Cannabis-Arzneimittel bereits seit 2017 unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen. 

Fazit: Es gibt aktuell keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege, dass Cannabis Krebs heilen oder das Wachstum von Tumorzellen hemmen kann. 

Dichloracetat (DCA): Hoffnung oder Hype

Was ist Dichloracetat (DCA)?

Dichloracetat ist das Salz der Dichloressigsäure. Im Internet wird es auch gegen Krebs angeboten – oft als Chemikalie, um die arzneimittelrechtlichen Bestimmungen zu umgehen.

Es gibt bislang keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege, dass DCA gegen Krebs wirkt. Dennoch wird es im Internet als Wundermittel gegen Krebs gehandelt.

Wie ist der Stand der Forschung?

  • Hinweise auf eine mögliche Wirkung von Dichloracetat gegen Krebs stammen hauptsächlich aus der Grundlagenforschung mit Zellen oder Tieren. Eine Studie an Menschen konnte nicht sicher klären, ob die zusätzliche Behandlung mit DCA einen Nutzen hat.
  • Die internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation hat Dichloracetat als möglicherweise krebserregend (2b) einstuft. 

Fazit: Ob Dichloracetat (DCA) zur Krebstherapie beim Menschen wirksam und sicher ist, muss noch in großen klinischen Studien untersucht werden. Aktuell tragen Betroffene sowohl die Kosten, als auch mögliche Risiken selbst.

Risiken von ungeprüften "Wundermitteln"

Wer ungeprüfte Substanzen auf eigene Faust einnimmt, geht ein unberechenbares Risiko ein. Es können Nebenwirkungen auftreten oder auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Außerdem ist ungewiss, ob die Substanzen tatsächlich helfen. 

"Zu Recht ist der Weg von einem potenziellen Wirkstoff im Labor bis zu einem zugelassenen Medikament ein langwieriger und hochkomplexer Prozess, bei dem in jeder Hinsicht auf Nummer sicher gegangen wird."

Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes, DKFZ

Selbst Forschungsansätze mit vielversprechenden Substanzen müssen im Verlauf der vielstufigen Prüfung oft wieder verworfen werden. Zum Beispiel weil sie sich im Laufe der umfangreichen Prüfung in klinischen Studien als unwirksam oder unsicher für die Patientinnen und Patienten herausstellen. Auch vermeintlich "natürliche" Produkte sind nicht automatisch harmlos. Daher ist die Rücksprache mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzte für Betroffene sehr wichtig. 

Zum Weiterlesen

Mehr zu klinischen Studien und Forschung zu Krebs finden Sie in unseren Texten Klinische Studien bei Krebs: Ihre Fragen – unsere Antworten und Wie wird Krebs erforscht?

Quellen und Links (Auswahl)

Baladia E, Moñino M, Pleguezuelos E, Russolillo G, Garnacho-Castaño MV. Broccoli Consumption and Risk of Cancer: An Updated Systematic Review and Meta-Analysis of Observational Studies. Nutrients. 2024 May 23;16(11):1583. doi: 10.3390/nu16111583.

Powell SF, Mazurczak M, Dib EG, Bleeker JS, Geeraerts LH, Tinguely M, Lohr MM, McGraw SC, Jensen AW, Ellison CA, et al. Phase II study of dichloroacetate, an inhibitor of pyruvate dehydrogenase, in combination with chemoradiotherapy for unresected, locally advanced head and neck squamous cell carcinoma. Invest New Drugs. 2022 Jun;40(3):622-633. doi: 10.1007/s10637-022-01235-5. 

Legare CA, Raup-Konsavage WM, Vrana KE. Therapeutic Potential of Cannabis, Cannabidiol, and Cannabinoid-Based Pharmaceuticals. Pharmacology. 2022;107(3-4):131-149. doi: 10.1159/000521683. 

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