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Darmkrebs © Krebsinformationsdienst, DKFZ
Darmkrebs

Behandlung bei Darmkrebs: Zielgerichtete Medikamente

Letzte Aktualisierung: 24.11.2020
  • Moderne Krebsmedikamente greifen gezielt in Wachstums- und Teilungsprozesse von Tumorzellen ein. Obwohl sie sehr krebsspezifisch wirken, können sie Nebenwirkungen haben.
  • Zielgerichtete Wirkstoffe sind vor allem für Betroffene mit fortgeschrittenem Darmkrebs geeignet.
  • In diesem Text erfahren Sie, welche Medikamente es gibt, wie die Behandlung abläuft und welche Nebenwirkungen möglich sind.

Hinweis: Informationen aus dem Internet können Ihnen einen Überblick bieten. Sie sind aber nicht dazu geeignet, die Beratung durch einen Arzt oder eine Ärztin zu ersetzen.

Seit einigen Jahren spielen bei der Behandlung von Darmkrebspatienten neue Medikamente eine wachsende Rolle. Dabei handelt es sich um Stoffe, die zielgerichtet gegen tumorspezifische Merkmale wirken: Genutzt werden Merkmale, die entweder bei Tumorzellen vermehrt vorkommen oder für ihr Wachstum eine wichtigere Rolle spielen als für normale, gesunde Gewebe. Eine gängige Bezeichnung lautet daher "zielgerichtete Arzneimittel", auf Englisch "targeted therapies" (target = Ziel).

Auch wenn die modernen Medikamente "krebsspezifischer" wirken als die klassische Chemotherapie, sind sie nicht völlig nebenwirkungsfrei. Denn: Sie richten sich gegen Zielstrukturen, die auch in gesunden Geweben vorkommen – wenn auch deutlich weniger als in Tumoren.

Für wen sind zielgerichtete Medikamente geeignet?

Alle bisher gegen Darmkrebs zugelassenen zielgerichteten Medikamente sind für Patienten mit einer fortgeschrittenen, metastasierten Erkrankung gedacht. Betroffene, bei denen der Tumor vollständig in einer Operation entfernt werden konnte, benötigen nach bisherigem Kenntnisstand keine nachgeschaltete zielgerichtete Therapie: Sie hätten davon keinen Nutzen, aber das Risiko von Nebenwirkungen.

  • Zielgerichtete Medikamente ersetzen die anderen verfügbaren Behandlungsverfahren gegen Dick- und Enddarmkrebs nicht, sondern ergänzen sie.

Was können Betroffene von der Therapie erwarten?

Eine Heilung ermöglichen zielgerichtete Arzneimittel allein nach bisherigem Kenntnisstand nicht. Sie ergänzen die bisherigen Therapien. Und sie tragen dazu bei, die Krankheit über längere Zeit unter Kontrolle zu bringen und das Tumorwachstum zu bremsen. Damit verbessert sich bei vielen Patienten die Lebensqualität, Beschwerden gehen zurück.

Es gibt jedoch einzelne Betroffene mit zunächst nicht operablen Lungen- oder Lebermetasen, bei denen die Kombination von zielgerichteten Arzneimitteln und Chemotherapie zu einer deutlichen Verkleinerung der Tumoren führt. Unter Umständen wird bei ihnen eine Operation möglich, und es kann gelingen, alles Tumorgewebe zu entfernen. Dann steigt statistisch die Chance, dass eine Heilung doch möglich ist.

Für Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs sind verschiedene zielgerichtete Medikamente zugelassen. Welche Therapie für den Einzelnen geeignet ist, richtet sich nach dem Allgemeinzustand, den Eigenschaften des Tumors und den Therapien, die der oder die Betroffene vorher schon erhalten hat.

Ein Teil der Medikamente wirkt nur, wenn die Tumorzellen bestimmte Biomarker aufweisen. Daher wird das Tumorgewebe – manchmal auch das Blut – für die Behandlungsplanung auf diese Biomarker hin untersucht.

Wachstumshemmende Antikörper

Signalempfänger auf der Zelloberfläche vermitteln Wachstumssignale an Zellen. Sie sind bei manchen Tumorzellen überaktiv. Wirkstoffe, die die Signalempfänger blockieren, bremsen das Tumorwachstum. So wirken unter anderem EGFR-Antikörper (englisch für "epidermal growth factor receptor", übersetzt "Epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor"). Beispiele für Antikörper, die für Darmkrebspatienten infrage kommen, sind Cetuximab und Panitumumab.

  • Voraussetzung dafür, dass die Antikörper wirken können, ist: Der EGF-Rezeptor muss auf den Krebszellen tatsächlich vorhanden sein. Das trifft auf etwa 8 von 10 Darmkrebspatienten mit einer fortgeschrittenen Erkrankung zu.

Studien haben außerdem gezeigt, dass die Behandlung nur bei Patienten wirkt, bei denen Gene einer bestimmten Genfamilie im Tumorgewebe unverändert vorliegen - die sogenannten RAS-Gene. Ihre Produkte sind an der Weiterleitung der Wachstumssignale vom EGFR ins Zellinnere beteiligt.

  • RAS-Gene im "Wildtyp", also unverändert, liegen bei etwa der Hälfte der Betroffenen vor.

Die Versorgung des Tumors stören

Wachsende Tumoren benötigen ab einer bestimmten Größe eine eigene Blutgefäß-Versorgung. Sie bilden deshalb Wachstumsfaktoren, die die Neubildung von Blutgefäßen anregen. Wird dieser Vorgang gehemmt, dann wird der Tumor sozusagen ausgehungert. So wirken die sogenannten Angiogenese-Hemmer.

Im Moment sind drei solche Medikamente zur Behandlung von Darmkrebspatienten mit einer fortgeschrittenen Erkrankung zugelassen: Die beiden Antikörper Bevacizumab und Ramucirumab, sowie Aflibercept, ein aus Antikörperanteilen und anderen Eiweißen bestehendes Fusionsmolekül.

Hemmung von Signalwegen innerhalb der Zelle

Innerhalb der Zelle leiten Eiweißmoleküle Signale für Wachstum, Entwicklung und Vermehrung weiter. Diese Signalwege sind in vielen Tumorzellen zu aktiv. Sie können mit Medikamenten gehemmt werden, sogenannten Kinasehemmern. Das sind zum Beispiel die Wirkstoffe Regorafenib, Encorafenib, Larotrectinib und Entrectinib.

  • Encorafenib wirkt nur bei Betroffenen mit einer bestimmten Veränderung im Erbmaterial der Tumorzellen. Diese Veränderung macht den Signalüberträger BRAF dauerhaft aktiv, der für die Regulierung von Wachstumssignalen zuständig ist.
  • Larotrectinib und Entrectinib können nur Betroffene mit einer sogenannten NTRK-Genfusion erhalten. Bei dieser Genfusion tauschen Chromosomen Erbmaterial aus. Dadurch werden zu viele Wachstums- und Teilungssignale in der Zelle übertragen.


Behandlung in der Tagesklinik Foto: Tobias Schwerdt © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum
Eine Antikörperbehandlung kann man als Patient oder Patientin ambulant durchführen. Foto: Tobias Schwerdt © Krebsinformationsdienst, DKFZ

Die meisten Betroffenen erhalten die Arzneimittel zusammen mit einer Chemotherapie. Für manche Patienten kommt auch eine sogenannte "Monotherapie" mit einem zielgerichteten Medikament oder eine Kombination von zielgerichteten Medikamenten infrage.

Antikörpertherapien erhalten Betroffene als Infusion in eine Vene. Die Behandlung findet in der Regel ambulant statt, bei einem spezialisierten niedergelassenen Facharzt oder in einer Tagesklinik oder Ambulanz eines Krankenhauses.

Die Antikörperinfusion findet je nach Medikament einmal in der Woche oder alle 2, selten auch alle 3 Wochen statt. Ist gleichzeitig eine Chemotherapie geplant, dann erhalten Patienten sie normalerweise am gleichen Tag.

Die Infusion selbst dauert je nach Wirkstoff eine halbe bis zwei Stunden. Die gesamte Behandlungsdauer kann aber länger sein – je nachdem, welche Medikamente Betroffene zusätzlich noch erhalten.

Kinasehemmer nehmen Patienten als Tablette ein, in der Regel täglich, manche Wirkstoffe auch mehrmals am Tag.

  • Wichtig zu wissen: Patienten mit fortgeschrittenen Tumoren erhalten eine Therapie in der Regel so lange, wie sie wirkt. Lässt die Wirkung nach oder treten zu starke Nebenwirkungen auf, dann können Ärzte den Wechsel auf ein anderes oder mehrere andere Medikamente vorschlagen.

Auch wenn sie zielgerichtet gegen tumorspezifische Merkmale wirken: Moderne Krebsmedikamente haben dennoch Nebenwirkungen. Denn ihre Angriffspunkte kommen auch im gesunden Gewebe vor. Welche Nebenwirkungen wahrscheinlich sind, hängt vom gewählten Medikament ab. Auch reagiert nicht jeder Patient gleich.

Die Ärzte fragen

Betroffene sollten mit ihren Ärzten darüber sprechen, mit welchen Beschwerden sie persönlich rechnen müssen und was man dagegen tun kann.

Nebenwirkungen von gezielten Medikamenten, mit denen viele Darmkrebs-Patientinnen und -Patienten rechnen müssen, sind zum Beispiel:

  • Allergische Reaktionen auf die Infusion,
  • Probleme mit der Haut wie Ausschläge, Rötungen, Juckreiz oder Trockenheit,
  • Auswirkungen auf das Blutbild und dadurch Müdigkeit oder Anfälligkeit für Infektionen,
  • Auswirkungen auf den Magen-Darm-Trakt wie Durchfall, Übelkeit oder Appetitlosigkeit,
  • Nervenschäden an Händen oder Füßen,
  • Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem, wie Bluthochdruck oder Thrombosen.

Manchen dieser Beschwerden kann man vorbeugen, andere sind behandelbar oder zumindest gut zu lindern. Mehr dazu finden Sie im Text Zielgerichtete Krebstherapie im Abschnitt "Nebenwirkungen" und in unserer Rubrik Belastende Symptome.

Weitere moderne Medikamente werden derzeit in klinischen Studien getestet: Es handelt sich entweder um ganz neue Wirkstoffe mit anderen Angriffszielen in oder auf der Krebszelle, oder um zielgerichtete Medikamente, die sich schon bei der Behandlung anderer Krebsarten bewährt haben.

Aber auch neue Kombinationen schon für Darmkrebspatienten zugelassener Arzneimittel werden überprüft, in sogenannten Therapieoptimierungsstudien.



Quellen und weiterführende Informationen (Auswahl)

Leitlinien
Die medizinische S3-Leitline für die Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des kolorektalen Karzinoms geht auch auf neue Verfahren in der Behandlung von Darmkrebs ein. Zuletzt wurde sie im Januar 2019 überarbeitet. Sie wird verantwortet von der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und weiteren Fachgesellschaften. Abrufbar sind  eine Kurz- und eine Langfassung für Fachkreise sowie weitere Dokumente zum Thema.

Die Europäische Gesellschaft für medizinische Onkologie (European Society for Medical Oncology, ESMO) publiziert mehrere Leitlinien zum Thema Gastrointestinale Tumoren in englischer Sprache.

Arzneimittel: Herstellerinformationen, Studien, Nutzenbewertungen
Als Quelle für Aussagen zu Medikamenten hat der Krebsinformationsdienst aktuelle Fachinformationen der Hersteller herangezogen (über www.fachinfo.de für Fachkreise zugänglich). Außerdem greift der Krebsinformationsdienst auf frei zugängliche Informationen zu, wie

Zu neueren Arzneimitteln werden als Quelle auch Nutzenbewertungen gemäß § 35a des SGB V herangezogen. Die bisher vorliegenden Berichte sind abrufbar beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) unter dem Stichwort "Projekte & Ergebnisse", dann "Publikationen".
Auch der Gemeinsame Bundessausschuss (G-BA) bietet Informationen zu Arzneimitteln. In der Regel handelt es sich dabei um Änderungen der Arzneimittel-Richtlinie.

Fachartikel

Baraniskin A et al. Clinical relevance of molecular diagnostics in gastrointestinal (GI) cancer: European Society of Digestive Oncology (ESDO) expert discussion and recommendations from the 17th European Society for Medical Oncology (ESMO)/World Congress on Gastrointestinal Cancer, Barcelona. Eur J Cancer. 2017 Nov;86:305-317. doi: 10.1016/j.ejca.2017.09.021.

DeStefanis RA, Kratz JD, Emmerich PB, Deming DA. Targeted Therapy in Metastatic Colorectal Cancer: Current Standards and Novel Agents in Review. Curr Colorectal Cancer Rep. 2019 Apr;15(2):61-69. doi: 10.1007/s11888-019-00430-6.

Ettrich TJ, Seufferlein T. (2016) Metastasiertes kolorektales Karzinom: Moderne Therapiekonzepte zwischen Heute und Morgen. Der Onkologe; 22(2):109-114. doi: 10.1007/s00761-015-3010-5.

Piawah S, Venook AP. Targeted therapy for colorectal cancer metastases: A review of current methods of molecularly targeted therapy and the use of tumor biomarkers in the treatment of metastatic colorectal cancer. Cancer. 2019 Dec 1;125(23):4139-4147. doi: 10.1002/cncr.32163.

Stintzing S. Präzisionstherapie beim kolorektalen Karzinom. Dtsch Med Wochenschr. 2017 Nov;142(22):1652-1659. doi: 10.1055/s-0043-108467.

Sveen A, Kopetz S, Lothe RA. Biomarker-guided therapy for colorectal cancer: strength in complexity. Nat Rev Clin Oncol. 2020 Jan;17(1):11-32. doi: 10.1038/s41571-019-0241-1.

 

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Erstellt: 24.11.2020