Zielgerichtete Medikamente in Schweiß, Speichel und Sperma

Kein Problem für Angehörige

Erstellt am:

Von: Dr. Juliane Folkerts (Ärztin)

Viele Krebserkrankte erhalten zielgerichtete Wirkstoffe, oft auch über einen längeren Zeitraum. Meist handelt es sich dabei um sogenannte "small molecules". Diese kleinen Moleküle werden häufig als Tablette verabreicht und bevorzugt über den Urin oder den Stuhl ausgeschieden. Auch in vielen Körpersekreten sind sie nachweisbar. Aufgrund der geringen absoluten Menge der Substanzen in Schweiß, Speichel, Vaginalsekret oder Samenflüssigkeit ist ein enger Kontakt für Angehörige in aller Regel unproblematisch.

Das Wichtigste in Kürze

  • Viele zielgerichtete Medikamente sind in Körpersekreten wie Schweiß, Speichel, Tränenflüssigkeit, Samenflüssigkeit oder Vaginalsekret nachweisbar.
  • Die absolute Menge eines Wirkstoffs in entsprechenden Sekreten ist gering.
  • Für die Angehörigen beziehungsweise den Partner oder die Partnerin stellen sie bei Kontakt in aller Regel keine gesundheitliche Gefahr dar.
  • Besondere Hinweise in Bezug auf Verhütung, Schwangerschaft oder das Stillen müssen je nach zielgerichteter Substanz beachtet werden.
Ein Paar im Bett unter der Bettdecke. Zu sehen sind ihre Füße.
Eine Therapie mit zielgerichteten Medikamenten ist kein Hindernis für Intimität.
Bild: © Andrey Popov, IStockphoto.com

Einige betroffene Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen stellen sich gerade bei einer Langzeiteinnahme zielgerichteter Medikamente die Frage, ob Familie und Freunde durch Ausscheidungen oder Körpersekrete gefährdet sind. 

Zielgerichtete Wirkstoffe werden meist über den Urin oder Stuhl ausgeschieden und sind dort möglicherweise in höherer Konzentration vorhanden. Beachtet man im Umgang jedoch allgemeine Hygieneregeln, bestehen keine gesundheitlichen Gefahren. Daten zur Konzentration zielgerichteter Substanzen in Sekreten wie Schweiß, Speichel, Vaginalsekret und Sperma finden sich nur für wenige Medikamente.1 Im Körper wird die Wirkstoffmenge aber stark verdünnt. Deshalb ist nicht zu erwarten, dass beim normalen Umgang miteinander, beim Küssen oder auch bei direktem Kontakt mit Ejakulat oder Vaginalsekret relevante Mengen einer zielgerichteten Substanz auf eine andere Person übertragen werden. 

Betroffene und ihre Angehörigen, die sich diesbezüglich Sorgen machen, können daher entlastet werden.

Was sind zielgerichtete Medikamente?

Zielgerichtete Krebstherapien umfassen Medikamente, die spezifisch in Vorgänge eingreifen, die für das Tumorwachstum wichtig sind. Die meisten zielgerichteten Wirkstoffe sind entweder sogenannte “small molecules” (übersetzt “kleine Moleküle”) oder Antikörper. 

Kleine Moleküle (siehe Infobox unten) verteilen sich aufgrund ihrer geringen Größe gut in allen Körperbereichen, wenn sie nicht an Plasmaproteine gebunden sind. Antikörper sind deutlich größer. Auch sie lassen sich in verschiedenen Körperflüssigkeiten nachweisen. Gewebebarrieren wie eine intakte Blut-Hirn-Schranke oder Blut-Hoden-Schranke können sie jedoch oft nicht passieren.

Konzentration in Sekreten individuell

Wie hoch die Konzentration einer zielgerichteten Substanz und ihrer Stoffwechselprodukte in verschiedenen Körpersekreten tatsächlich ist, ist individuell sehr verschieden und kann im Einzelfall nicht exakt vorausgesagt werden. Eine Rolle spielen dabei vor allem:

  • die Art der zielgerichteten Substanz
  • die eingenommene Dosis
  • die Aufnahme über den Darm (bei Tabletten) oder das Gewebe (bei subkutaner Gabe)
  • die Bindung an Plasmaproteine
  • die Verstoffwechselung

Verdünnungseffekt ist entscheidend

Die verabreichte Menge eines zielgerichteten Medikaments verteilt sich nach der Aufnahme im ganzen Körper: unter anderem in etwa 5 bis 7 Litern Blut sowie auch in anderen Kompartimenten wie Zellzwischenräumen und Fettgewebe. Fachleute gehen daher von einem starken Verdünnungseffekt in Körpersekreten aus. Die absolute Menge einer zielgerichteten Substanz in wenigen Millilitern Speichel, Schweiß oder Ejakulat ist im Vergleich zur therapeutischen Gesamtdosis äußerst gering. Der unmittelbare Kontakt mit diesen Körperflüssigkeiten gilt daher als unproblematisch.

Rechenbeispiel: Imatinib im Sperma

Imatinib gehört zu den “small molecules” (kleine Moleküle, siehe Infobox unten) und ist zur längerfristigen Behandlung bei unterschiedlichen Krebserkrankungen zugelassen. Erkrankte nehmen Imatinib dann meist täglich als Tablette ein.

Die Substanz wird innerhalb von 7 Tagen vorwiegend über den Stuhl und den Urin ausgeschieden. Im Blut ist sie überwiegend an Plasmaproteine gebunden. Imatinib findet sich auch in verschiedenen Körpersekreten. Nachgewiesen ist dies beispielsweise für Muttermilch, Liquor und auch für die Samenflüssigkeit.1,2,3

Absolute Menge im Sperma gering: Exemplarisch ergab eine Messung von Imatinib im Ejakulat eines einzelnen Patienten 12 Stunden nach der Einnahme von 400 mg Imatinib eine Konzentration von 610 ng/ml.3 Bei einem geschätzten Ejakulat von 5 ml entspräche dies bei vaginalem Geschlechtsverkehr einer Exposition der Vaginalschleimhaut von absolut 0,003 mg Imatinib – also einem Bruchteil der therapeutischen Dosis. Das sind weniger als 0,001 Prozent.  

Was sind kleine Moleküle?

Mit kleinen Molekülen (englisch “small molecules”) meint man in der Pharmakologie Wirkstoffe, deren Molekülmasse unterhalb von 900 Gramm pro Mol liegt. Man bezeichnet sie daher auch als niedermolekulare Verbindungen. Kleine Moleküle sind in der Lage, in Zellen einzudringen, um dort ihre Wirkung zu entfalten. Aufgrund ihrer geringen Größe gelangen sie auch in verschiedene Körperflüssigkeiten.

Im Gegensatz dazu haben Antikörper eine durchschnittliche Molekülmasse von etwa 150.000 Gramm pro Mol.

Eine fundierte Erläuterung zur molaren Masse findet sich in einem Erklärvideo der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim.

Verhütung bei zielgerichteten Medikamenten

Ob eine sichere Schwangerschaftsverhütung notwendig ist, hängt maßgeblich von der Art der zielgerichteten Substanz ab und muss immer individuell gemeinsam mit dem behandelnden Ärzteteam geklärt werden.

Mechanische Barrieren wie Kondome sind häufig Teil eines umfassenden Verhütungskonzepts. Zudem senken sie das Risiko für Infektionen, die beim Geschlechtsverkehr übertragen werden können. 

Zum Weiterlesen: Verwendete Quellen und vertiefende Informationen

1 Köllő Z, Garami M, Vincze I, Vásárhelyi B, Karvaly GB. Therapeutic Monitoring of Orally Administered, Small-Molecule Anticancer Medications with Tumor-Specific Cellular Protein Targets in Peripheral Fluid Spaces-A Review. Pharmaceutics. 2023 Jan 10;15(1):239. doi: 10.3390/pharmaceutics15010239. 

2 Chang X, Zhou L, Chen X, Xu B, Cheng Y, Sun S, Fang M, Xiang Y. Impact of Imatinib on the Fertility of Male Patients with Chronic Myelogenous Leukaemia in the Chronic Phase. Target Oncol. 2017 Dec;12(6):827-832. doi: 10.1007/s11523-017-0521-6

3 Ter Horst PGJ and Mulder LW. Paternal Use of Imatinib: A Case Report. Journal of Clinical Pharmacology and Therapeutics. 2021, Volume 2, Article 1010018, Medtext Publications. ISSN: 2766-8347.

Produktinformation, Sicherheitsdatenblatt

Produktinformation zu Glivec (Imatinib) der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA (Stand 12.11.2025, Zugriff 18.5.2026)

Sicherheitsdatenblatt Imatinib Mesylate, Version 2.0, (Stand 6/2023, Zugriff 18.5.2026) 

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