Wenig beachtet, aber bei Krebspatienten und Krebspatientinnen häufig, ist die tumorassoziierte Kachexie. Darauf weist seit April 2026 auch eine “Klug entscheiden”-Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) hin: Ärzte und Ärztinnen sollen eine Mangelernährung bei Tumorerkrankungen früh erkennen und behandeln. Dadurch lässt sich das Überleben der Betroffenen oftmals verbessern, auch bei fortgeschrittener Krebserkrankung.
Was bedeutet Kachexie bei Krebs und wie häufig ist sie?
Der Begriff “Kachexie” kommt aus dem Griechischen und heißt ins Deutsche übersetzt “schlechter körperlicher Zustand”. Die krebsbedingte Kachexie zeichnet sich durch Merkmale wie Appetitverlust (Anorexie) und ungewollten Gewichtsverlust aus: Skelettmuskeln und meist auch Fettgewebe werden abgebaut. Die Auszehrung beeinträchtigt die körperliche Leistungsfähigkeit und geht oftmals mit Fatigue einher. Hinter dem Kachexie-Syndrom steckt eine chronische systemische Inflammation, die zu tiefgreifenden Stoffwechselstörungen und Mangelernährung führt.
Epidemiologie: Rund 50 bis 80 Prozent der Krebsbetroffenen haben eine Kachexie, vorwiegend in fortgeschrittenen Tumorstadien. Die tumorassoziierte Kachexie kommt häufig bei Bauchspeicheldrüsen- oder Lungenkrebs vor sowie bei Tumoren im oberen Magen-Darm-Trakt oder im Kopf-Hals-Bereich. Weniger häufig diagnostiziert wird sie bei Menschen mit Brustkrebs, Prostatakrebs oder hämatologischen Krebserkrankungen. Laut Literatur sind 20 bis 30 Prozent der Krebstodesfälle auf Kachexie zurückzuführen.1
Was unterscheidet Kachexie von Sarkopenie?
Kachexie und Sarkopenie (griechisch “Fleisch-Mangel”) sind zwei sich überlappende Krankheitsbilder. Beide Syndrome sind durch eine Abnahme von Muskelmasse, Muskelkraft und Muskelfunktion gekennzeichnet. Bei der Kachexie kommen jedoch weitere Merkmale hinzu. Außerdem unterscheiden sie sich in ihrer Pathophysiologie: Die Sarkopenie ist in der Regel altersbedingt, die Kachexie hingegen krankheitsbedingt. Die Pathophysiologie der Tumorkachexie ist komplex.
Unabhängig von Krebs: Laut Deutscher Rheumaliga leidet mindestens die Hälfte aller Menschen über 80 Jahre an Sarkopenie. Bereits im dritten Lebensjahrzehnt nimmt die Muskelmasse physiologischerweise ab, um etwa 3 bis 8 Prozent pro Dekade. Man schätzt, dass im Alter von 70 die Muskelmasse um 20 bis 40 Prozent abgenommen hat. Das hat zur Folge, dass viele ältere Personen bereits vor der Krebsdiagnose eine Sarkopenie haben.2
Wie wird Tumorkachexie erkannt?
Eine Kachexie bei Krebs ist schwierig zu diagnostizieren. Zudem ist die Diagnose der Tumorkachexie nicht standardisiert. In der Praxis werden unterschiedliche Untersuchungsmethoden eingesetzt. Onkologen plädieren dafür, ein Kachexie-Screening in die Routineversorgung von gefährdeten Patienten einzubeziehen.3
Prinzipiell sollten folgende Kriterien objektiv gemessen werden:
- Ernährungszustand: bei Krebsdiagnose frühzeitige Erfassung von Nahrungsaufnahme, Body-Mass-Index (BMI) und Gewichtsverlust in den letzten Monaten sowie regelmäßige Kontrollen im weiteren Erkrankungsverlauf
- Körperzusammensetzung: die Zusammensetzung des gesamten Körpers, einschließlich der Muskelmasse von Armen und Beinen, beispielsweise anhand bildgebender Verfahren wie Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) – als Goldstandard, um verschiedene Gewebearten wie Fett und Muskulatur zu unterscheiden
- Muskelkraft: die Handgreifkraft als guter Indikator für die allgemeine Muskelkraft eines Menschen, seinen Gesundheitszustand und seine Gesamtprognose
- Körperliche Leistungsfähigkeit: der ECOG-Performance-Status und Tests, um das Tempo beim normalen Gehen, schnellen Treppensteigen oder koordinierten Aufstehen von einem Stuhl, Loslaufen, Wenden und sich wieder Hinsetzen einzuschätzen (Timed “Up & Go”-Test)
- Laborwerte: zum Beispiel Bestimmung der Entzündungsmarker C-reaktives Protein (CRP), Interleukin-6 (Il-6) und Tumornekrosefaktor alpha (TNF-α) sowie des Eiweißes Albumin als Biomarker für systemische Inflammation beziehungsweise reduzierten Ernährungszustand
Wichtig zu wissen: Ergänzend zu den genannten objektiven medizinischen Befunden spielt der subjektiv wahrgenommene Gesundheitszustand (Patient Reported Outcome Measures, PROMs) eine relevante Rolle bei der Diagnose einer krebsbedingten Kachexie. Betroffene sollten daher zu ihrer Lebensqualität, zu täglichen Aktivitäten, Appetit und wie das Essen schmeckt befragt werden.
Darüber hinaus empfehlen onkologische Fachgesellschaften je nach Krankheitssituation vor Beginn einer Systemtherapie bei älteren Patienten und Patientinnen ein sogenanntes geriatrisches Assessment durchzuführen. Damit lassen sich körperliche, psychische und funktionelle Einschränkungen sowie Hinweise auf eine Sarkopenie oder Kachexie erkennen.
Pathophysiologie: Wie kommt es zu Kachexie?
Die Kachexie ist ein multifaktorielles Syndrom mit abbauender (kataboler) Stoffwechsellage. Wie die Kachexie bei Krebs genau entsteht und welche komplexen Veränderungen damit verbunden sind, ist noch nicht vollständig verstanden. Derzeit geht die Wissenschaft davon aus, dass die metabolische Störung über verschiedene Signalwege etwa in Leber, Gehirn und Skelettmuskulatur gesteuert und vorangetrieben wird – im Wechselspiel mit der Tumorerkrankung und dem Immunsystem.
Im Folgenden einige Beispiele aus der Forschung4,5:
- Im Vergleich zu Krebspatienten ohne Kachexie sind bei Tumorkachexie bestimmte Botenstoffe (Zytokine) wie CRP, Il-6 und TNF-α im Blut erhöht. Das Immunsystem bildet Zytokine, um die Tumorzellen abzuwehren, und löst so einen entzündlichen Prozess im ganzen Körper aus. Die proinflammatorischen Zytokine induzieren dann eine katabole Stoffwechsellage.
- Im Rahmen des Katabolismus werden Eiweiße (Proteine) vermehrt abgebaut und nicht ausreichend nachgebildet. Dadurch kommt es zu einem Muskelschwund (Atrophie). Dieser kann auch den Herzmuskel betreffen. Weitere gestörte Signalwege tragen dazu bei, dass der Muskelabbau rasch und im Übermaß passiert, etwa durch Schädigung der Mitochondrien sowie der motorischen Nervenzellen (mit Denervierung der Muskulatur).
- Zytokine wirken zudem auf das zentrale Nervensystem (ZNS). Zum Beispiel beeinflusst Interleukin-1-beta den Hypothalamus, ein wichtiges Regulationszentrum für vegetative und hormonelle Vorgänge, unter anderem bei der Nahrungsaufnahme. Dies erklärt, warum es bei Kachexie typischerweise zu Anorexie kommt. Die Mangelernährung kann mit weiteren ZNS-bedingten Symptomen wie Schmerzen und Fatigue einhergehen.
- Weitere Hormonveränderungen wie weniger Wachstumshormone (zum Beispiel Insulin-like-growth faktor-1, IGF-1), mehr Glukokortikoide und zu viel Wachstumsdifferenzierungsfaktor-15 (GDF-15) können ebenfalls katabole Effekte haben. Vermittelt werden diese dadurch, dass spezifische Gene an- beziehungsweise abgeschaltet werden. Forschende haben dies im Tiermodell an Genexpressionssignaturen in der Leber gezeigt, die für Tumorkachexie charakteristisch sind.
Die inflammatorischen und metabolischen Dysregulationen können sich von Tumorart zu Tumorart unterscheiden. Daher ist es wichtig, die Kachexie bei Krebs individuell zu behandeln.
Therapie der Kachexie
Die Tumorkachexie ist schwierig zu behandeln. Bislang gibt es keine zugelassenen Medikamente. Eine vermehrte Kalorienzufuhr allein reicht als Therapie nicht aus. Vielmehr ist ein multiprofessionelles und multimodales Vorgehen notwendig, das sich an der individuellen, meist palliativen Situation orientiert.
Prinzipiell ist es wichtig, die Kachexie-Symptome so früh wie möglich zu behandeln. Ein Baustein des Gesamtkonzepts bleibt weiterhin die “eigentliche” Krebstherapie. Mithilfe eines geriatrischen Assessments lässt sich bei älteren Patienten und Patientinnen die individuelle Belastbarkeit beurteilen. Dies hilft zu entscheiden, welche gegen den Tumor gerichtete Therapie am besten geeignet ist.
Tumorkachexie-Betroffene benötigen ein interdisziplinäres Team aus verschiedenen Fachrichtungen: Onkologie, Palliativmedizin, Ernährungs- und pharmakologische Beratung, Pflege, Physiotherapie, Psychoonkologie und Sozialdienst.
- Die Ernährungstherapie richtet sich nach der individuellen Krankheitssituation und Nahrungsaufnahme. Ernährungsbetreuende Maßnahmen erfolgen stufenweise. Das Spektrum reicht von Diätberatung über energiereiche Speisen und angereicherte Trinknahrung bis hin zur enteralen Sondenernährung oder parenteralen Ernährung.
- Eine Bewegungstherapie verbessert die körperliche Aktivität. Viele Krebsbetroffene bewegen sich weniger und verlieren dadurch im Verlauf von Krankheit und Behandlung an Muskelmasse. Therapeuten und Therapeutinnen können motivieren und bei Ausdauer-, Kraft- und Funktionstraining anleiten.
- Zur Supportivtherapie gehören zusätzlich unterstützende Maßnahmen wie beispielsweise die Behandlung von Blutarmut, Schmerzen, Übelkeit und Entzündungen der Schleimhäute.
- Eine psychosoziale Unterstützung kann die Lebensqualität Betroffener und ihrer Angehörigen verbessern. Denn eine Kachexie bei Krebs führt oftmals auch auf emotionaler und zwischenmenschlicher Ebene zu Belastungen. Das Wissen über mögliche Ursachen der Essprobleme – etwa, dass der Gewichtsverlust ungewollt ist und nicht in der persönlichen Macht der Erkrankten steht – kann helfen, besser mit der individuellen Situation umzugehen und in Beziehungen Empathie zu zeigen.
- Weltweit ist derzeit kein Medikament explizit für die Behandlung der Tumorkachexie zugelassen: Studien konnten bislang keine klinisch bedeutsamen Verbesserungen der muskulären Funktion oder des Überlebens belegen. Laut ärztlichen Leitlinien6,7 können (trotzdem) Substanzen wie Kortikosteroide, Progestine oder das Antipsychotikum Olanzapin bei Kachexie infrage kommen: Dexamethason beispielsweise mit der Indikation Palliativtherapie, Progestine und Olanzapin allerdings nur als Off-Label-Use.
Tumorkachexie – Ausblick
Derzeit laufen große Phase-III-Studien zu zielgerichteten Substanzen. Bei der tumorassoziierten Kachexie gelten monoklonale Antikörper gegen den zirkulierenden Wachstumsdifferenzierungsfaktor Growth-differentiation-factor-15 (GDF-15) als vielversprechend.
Beispiele sind die GDF-15-Hemmer Ponsegromab zur subkutanen und Visugromab zur intravenösen Therapie. Ergebnisse aus frühen klinischen Studien weisen darauf hin, dass dadurch das Körpergewicht wieder zunimmt, Kachexie-Symptome wie Appetitverlust, Übelkeit und Fatigue abnehmen und sich die körperliche Aktivität verbessert.
An einzelnen Studien (zum Beispiel ClinicalTrials.gov NCT06989437 oder NCT07112196) sind auch europäische und deutsche Zentren beteiligt. Die medizinischen Fortschritte machen Hoffnung, dass in wenigen Jahren wirksame und zugelassene Medikamente gegen krebsbedingte Kachexie verfügbar sind.
Zum Weiterlesen: Verwendete Quellen und vertiefende Informationen
Quellen
1 Wei D, Lin X, Bresalier RS. Reframing cancer cachexia: the vagal brain-liver axis as a novel neuro-metabolic target. Signal Transduct Target Ther. 2025 Nov 11;10(1):370. doi: 10.1038/s41392-025-02483-6.
2 Papadopoulos E, Irving BA, Brown JC, Heymsfield SB, Sattar S, Alibhai SMH, Williams GR, Dunne RF. Sarcopenia and Cachexia in Older Patients with Cancer: Pathophysiology, Diagnosis, Impact on Outcomes, and Management Strategies. Drugs Aging. 2025 Dec;42(12):1113-1142. doi: 10.1007/s40266-025-01252-y.
3 Mito O, Muto S, Kitamura K, Nagaya N, Nagashima Y, Morino J, Fujita K, Horie S. Prevalence and prognostic impact of cancer cachexia in patients with bladder cancer: a multicenter retrospective study. Int J Clin Oncol. 2026 Jul;31(7):1299-1306. doi: 10.1007/s10147-026-03043-w.
4 Kaltenecker D, Fisker Schmidt S, Weber P, Loft A, Morigny P, Machado J, Geppert J, Saul KB, Benedikt P, Molocea CE et al. Functional liver genomics identifies hepatokines promoting wasting in cancer cachexia. Cell. 2025 Aug 21;188(17):4549-4566.e22. doi: 10.1016/j.cell.2025.06.039.
5 Wang T, Zhou D, Hong Z. Sarcopenia and cachexia: molecular mechanisms and therapeutic interventions. MedComm (2020). 2025 Jan 5;6(1):e70030. doi: 10.1002/mco2.70030.
Leitlinien und systematische Übersichtsarbeiten
6 Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Klinische Ernährung in der Onkologie, Langversion 1.0, 2026, AWMF Registernummer: 073 - 006OL, Zugriff am 20.07.2026.
7 Roeland EJ, Bohlke K, Baracos VE, Smith TJ, Loprinzi CL; Cancer Cachexia Expert Panel. Cancer Cachexia: ASCO Guideline Rapid Recommendation Update. J Clin Oncol. 2023 Sep 1;41(25):4178-4179. doi: 10.1200/JCO.23.01280.
Weitere Übersichtsarbeiten und Fachveröffentlichungen
Blum D, Vagnildhaug OM, Stene GB, Maddocks M, Sørensen J, Laird BJA, Prado CM, Skeidsvoll Solheim T, Arends J, Hopkinson J et al. Top Ten Tips Palliative Care Clinicians Should Know About Cachexia. J Palliat Med. 2023 Aug;26(8):1133-1138. doi: 10.1089/jpm.2022.0598.
Fearon K, Strasser F, Anker SD, Bosaeus I, Bruera E, Fainsinger RL, et al. Definition and classification of cancer cachexia: an international consensus. Lancet Oncol. 2011;12(5):489–95.
Molfino A, Imbimbo G, Rothenberg E, Bosaeus I, Jager-Wittenaar H, Schneider S, Biolo G, Cederholm T, Arends J, Muscaritoli M; Special Interest Group (SIG) Cachexia-Anorexia in Chronic Wasting Diseases. Phenotype profiling of disease-related malnutrition with inflammation: Document elaborated by the ESPEN special interest group (SIG) ''cachexia-anorexia in chronic wasting diseases''. Clin Nutr. 2026 Apr;59:106595. doi: 10.1016/j.clnu.2026.106595.
Mullard A. Cancer cachexia contender enters first pivotal trial. Nat Rev Drug Discov. 2025 Nov;24(11):811-814. doi: 10.1038/d41573-025-00168-x.
Nierengarten MB. Potential new treatment for cancer-related cachexia: Patients with cancer-related cachexia who were treated with ponsegromab had a significant increase in weight gain from the baseline in comparison with patients treated with a placebo. Cancer. 2025 Jan 1;131(1):e35657. doi: 10.1002/cncr.35657.
Weitere Quellen (Auswahl)
Klug entscheiden. Eine Initiative der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Positivempfehlung zur Erfassung und Therapie von Mangelernährung bei Tumorerkrankungen.

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