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Weihrauch in der Krebstherapie – unbewiesen oder altbewährt?

Boswelliasäuren zur komplementären Behandlung

Weihrauch, Gold und Myrrhe: Schon Kinder kennen Weihrauch als eine Gabe der drei heiligen Könige aus dem Morgenland. Und so wird die heilende Wirkung von Weihrauch alle Jahre wieder zum Thema in den Medien. Seit Jahrzehnten wird Weihrauch erforscht. Besonders bei Hirntumorpatienten soll er krebshemmend wirken und Hirnödeme lindern, insbesondere nach einer Strahlentherapie. Unter Hirntumorpatienten ist die Nutzung von Weihrauch dementsprechend weit verbreitet. Trotz einer ganzen Reihe von Studien gibt es bisher jedoch kein zugelassenes Medikament. Auf welche Alternativen greifen Krebspatienten zurück? Worauf sollte man im Gespräch mit Betroffenen besonders achten? Der krebsinformationsdienst.med fasst aktuelle Hintergründe für Fachkreise zusammen.

Weihrauch – das Harz der Boswellia-Bäume

Weihrauch ist gereinigtes, gehärtetes Gummiharz aus den verschiedenen Arten des Weihrauchbaumes (Boswellia). Medizinisch unterscheidet man vor allem zwei Sorten: indischen Weihrauch (Sallaki, Sallaiguggul), der von der Weihrauchbaumart Boswellia serrata stammt und arabischen oder afrikanischen Weihrauch, der aus dem Harz von Boswellia sacra (Synonym: Boswellia carterii) gewonnen wird. Insbesondere der afrikanische Weihrauch ist auch unter dem historischen Namen Olibanum bekannt. Für medizinische Zwecke wird aus dem Harz des indischen Weihrauchs ein Trockenextrakt hergestellt. Als aktive Wirkstoffe gelten die Boswelliasäuren (auch: Boswellinsäuren). Die bisher in klinischen Studien eingesetzten Weihrauchextrakte wiesen in der Regel einen standardisierten Gehalt an den zwei wichtigsten Boswelliasäuren auf, der 11-Keto-beta-Boswelliasäure (KBA) und der 3-O-Acetyl-11-keto-beta-Boswelliasäure (AKBA).

Was Patienten zu Weihrauch wissen wollen

Diverse komplementär-alternativmedizinisch orientierte Internetseiten weisen auf die antientzündliche Wirkung des Weihrauchs hin und bewerben die Nutzung. Vor allem in der komplementären Onkologie hat Weihrauch einen gewissen Bekanntheitsgrad: Boswelliaextrakte sollen gegen Tumoren, insbesondere Hirntumoren, und gegen perifokale Ödeme bei betroffenen Patienten wirksam sein. Ein Blick in Internetforen von und für Krebspatienten bestätigt, dass Weihrauch unter Hirntumorpatienten weit verbreitet ist. Auch den Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums erreichen regelmäßig Anfragen zum Stellenwert von Weihrauch in der Krebstherapie. Was viele Patienten dabei bewegt, ist nicht nur die Frage nach der tatsächlichen Wirksamkeit, sondern auch die Frage, welches das "richtige" Präparat ist. Hinzu kommt die Frage, ob die Krankenkassen die Kosten für eine Weihrauch-Therapie übernehmen.

Wirksamkeit von Weihrauch bei Hirntumoren ist unklar

Seit mehreren Jahrzehnten wird die Wirkung von Weihrauch bei Krebs erforscht, vor allem bei Hirntumoren. Relativ früh standen die Boswelliasäuren als wirksame Substanzen im Vordergrund: Sie greifen unter anderem in den Leukotrien-Stoffwechsel ein und zeigen im Tierversuch eine entzündungshemmende Wirkung. Weitere Effekte, wie etwa eine Apoptose-auslösende Wirkung, wurden ebenfalls in vorklinischen Studien untersucht. Trotz der umfangreichen pharmakologischen, vorklinisch-therapeutisch ausgerichteten Studien und einigen wenigen klinischen Studien sind jedoch nach wie vor viele Fragen zum möglichen Wirkprinzip der Weihrauchpräparate offen.

Welche Quellen liegen vor?

"CAM-Cancer", ein europäisches Projekt zu komplementären und alternativen Krebstherapien, hat Anfang 2015 seine evidenzbasierte Zusammenfassung der bisher vorliegenden Daten zu Weihrauch in der Krebstherapie aktualisiert. Die Experten des CAM-Cancer Consortium kamen zu folgenden Schlussfolgerungen:

  • Es können nach wie vor keine gesicherten Aussagen über die antitumoröse Wirkung von Boswelliasäuren oder allgemein Boswelliaextrakten bei Patienten mit Hirntumoren getroffen werden.
  • Daten aus kleinen Studien und Fallreihen geben Hinweise darauf, dass sich strahlentherapiebedingte Hirnödeme durch Boswelliaextrakte bessern. Die Evidenz dieser Untersuchungen wird aber als gering erachtet.
  • In-vitro-Versuche haben bei hohen Konzentrationen eine antiinflammatorische und antiproliferative Wirkung bei einigen malignen Zelllinien von Tieren und Menschen gezeigt.

Weihrauchpräparate arzneimittelrechtlich

Weihrauch im Mörser © hjschneider/Fotolia
Wird Weihrauch als Rezepturarzneimittel bezogen, ist seine pharmazeutische Qualität sichergestellt. © hjschneider/fotolia

Weihrauch ist in der Europäischen Union (EU) nicht als Arzneimittel zugelassen. Patienten greifen deshalb in der Regel auf Boswellia-haltige Nahrungsergänzungsmittel zurück. Auf dem Markt sind Produkte unterschiedlichster Zusammensetzung und von vielen verschiedenen Herstellern. Einige dieser Produkte werden als "ayurvedisch" bezeichnet und tragen häufig den Namenszusatz "H15".

Bei der Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln sollten Patienten grundsätzlich darüber informiert werden, wie deren rechtlicher und medizinischer Stellenwert ist: Grundsätzlich sind in der Europäischen Union legale Nahrungsergänzungsmittel nicht zur Therapie von Erkrankungen zugelassen, sie gelten rein rechtlich lediglich als Lebensmittel. Insbesondere bei Importpräparaten sollte zudem der Hinweis erfolgen, dass diese möglicherweise eine mangelnde pharmazeutische Qualität aufweisen können.

Wie sieht es mit den Möglichkeiten des Imports aus, insbesondere dann, wenn für Boswellia-Präparate Zulassungen zur Therapie in Ländern außerhalb der EU bestehen? In Indien eingetragene Boswellia-haltige Medikamente können für einen einzelnen Patienten gemäß §73(3) des Arzneimittelgesetzes (AMG) in die EU importiert werden. Auskünfte dazu können internationale Apotheken geben. Für einen solchen Import muss der Arzt ein Privatrezept ausstellen. Damit hat er nicht nur eine erhöhte Aufklärungspflicht Patienten gegenüber, sondern übernimmt auch die rechtliche Verantwortung: Patienten müssen wissen, dass es sich hierbei um ein in Deutschland nicht zugelassenes Arzneimittel handelt. Und der Einsatz des nicht zugelassenen Arzneimittels erfolgt rechtlich als sogenannter individueller Heilversuch unter der unmittelbaren Verantwortung des Arztes.

Werden Weihrauchkapseln als in Deutschland hergestelltes Rezepturarzneimittel angewendet, ist zumindest die pharmazeutische Qualität sichergestellt: Für den indischen Weihrauch von Boswellia serrata existiert eine Monographie im Europäischen Arzneibuch. Als Rezepturarzneimittel ist Weihrauch verordnungsfähig. Auch hier geschieht die Anwendung jedoch im Rahmen des individuellen Heilversuchs.
Ob die Kosten von gesetzlichen oder privaten Krankenkasse übernommen werden, sollte grundsätzlich im Vorfeld geklärt werden.