Für Alle

Sie sind Krebspatientin oder Krebspatient, Angehöriger, Freund oder Interessierter und haben Fragen zu Krebs?

0800 - 420 30 40

Telefonisch täglich von 8 bis 20 Uhr, Anruf kostenlos

krebsinformationsdienst@dkfz.de

Per E-Mail (datensicheres Kontaktformular)

Für Fachkreise

Sie sind an der Versorgung von Krebspatienten beteiligt und benötigen unabhängig und neutral recherchierte Fakten zu Krebs?

0800 - 430 40 50

Telefonisch täglich von 8 bis 20 Uhr, Anruf kostenlos

kid.med@dkfz.de

Per E-Mail (datensicheres Kontaktformular)

Ein mittelaltes Paar sitzt bei einem Therapeuten auf dem Sofa. © Troels Graugaard, Getty Images
Psyche

Möchtest Du gerne mit den Ärzten des Krebsinformationsdienstes chatten? Dann spende jetzt!

Psychische Einflüsse auf die Krebsentstehung

Gibt es die Krebspersönlichkeit? Macht Unglück krank?

Letzte Aktualisierung: 02.10.2017

Macht Unglück krank? Auf der Suche nach den Ursachen ihrer Krebserkrankung stellen viele Menschen einen Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und Krebs her. Doch stimmt das wirklich? Noch ist die Forschung zu diesem Thema nicht abgeschlossen. In neueren Studien zeigt sich bisher allerdings kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Stress, Depression oder bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und der Krebsentstehung.

Wie beeinflussen sich Psyche und Immunsystem? Stellen Kummer und Depression Risikofaktoren für Krebs dar? Der folgende Text bietet Hintergründe und Linktipps für Patienten, Interessierte und Fachkreise.

Die Vermutung gibt es schon lange: psychische Belastungen können sich körperlich auswirken und damit die Gesundheit beeinflussen können. Viele Menschen gehen sogar davon aus, dass dieser Zusammenhang gesichert sei. Doch geht dieser Einfluss so weit, dass Stress, eine Depression, der Tod naher Angehöriger oder sonstiges Unglück zu Krebs führen können?

Die Forschung dazu ist nicht einfach: Hier zwei Beispiele:

  • Viele Studien arbeiten mit der Befragung bereits Erkrankter. Hier zeigt sich: Im Nachhinein beurteilen viele Menschen ihr Leben ganz anders, vor allem dann, wenn sie nach einer Ursache für eine Krebserkrankung suchen. Diese Erinnerung kann trügerisch sein.
  • Moderne Studien setzen daher zum Beispiel darauf, Gesunde über lange Zeiträume zu begleiten. Über Jahre hinweg werden die Teilnehmer befragt, wie es ihnen geht, wie sie leben, was sie essen und welchen weiteren Risiken sie aktuell ausgesetzt sind. Und erst nach wirklich langer Zeit prüfen die verantwortlichen Wissenschaftler, wer erkrankt und wer nicht.

In solchen Studien zeigt sich: Die Psyche bestimmt indirekt durchaus mit, wie gesund wir leben. Wer Stress oder Ärger mit Zigaretten und Alkohol oder viel Essen begegnet, hat auch ein höheres Krebsrisiko. Wer durch eine Depression den Antrieb verliert, geht möglicherweise seltener zur Krebsfrüherkennung, oder ignoriert erste Symptome, statt schnell einen Arzttermin zu vereinbaren.

  • Doch ein klarer Zusammenhang von "Stress macht Krebs" oder "Depression, Ärger, Konflikte führen zu einem Tumor" - den scheint es nicht zu geben.

Vor einigen Jahren wurde auch ein weiterer Ansatz viel diskutiert: die sogenannte Psychoneuroimmunologie. Sie setzt einen direkten Einfluss des psychischen Empfindens auf das Immunsystem voraus. Trotz umfangreicher Forschung gibt es hier bislang jedoch keine wirklich belastbaren Ergebnisse.

Da bei der Entstehung einer Krebserkrankung immer mehrere, bisher nur teilweise bekannte Faktoren zusammenwirken, ist die Gewichtung möglicher psychischer Einflüsse insgesamt nicht leicht. In keinem Fall sind eingleisige Zuordnungen gerechtfertigt, etwa "wer viel Kummer oder Stress hat, bekommt leichter Krebs".

Die meisten Daten liegen derzeit aus sogenannten epidemiologischen Studien vor: In solchen Untersuchungen befragen Wissenschaftler größere Bevölkerungsgruppen über ihr Leben und mögliche Krebsrisikofaktoren. Solche Untersuchungen können prospektiv, also vorausschauend sein - dann gelten sie in der Regel als zuverlässiger. Denn die Erinnerung kann trügen, daher sind retrospektiv Daten im Rückblick oft nicht zuverlässig genug.
Beispiele für wichtige Studien in Deutschland und Europa sind zum Beispiel die EPIC-Studie, die zunächst vor allem nach Ernährungsrisiken suchte.

Doch auch die epidemiologischen Studien ergaben bislang für Kummer, Unglück, Depression oder besonders belastende Lebensereignisse kein sicheres Bild. Insgesamt sieht es bisher eher so aus, dass sich keine direkten Zusammenhänge belegen lassen. 
Das heißt: Kummer, Depression oder andere psychische Belastungen haben vor allem eine Bedeutung, wenn sie auch den Lebensstil gravierend verändern und zum Beispiel zu gesteigertem Alkohol- und Tabakkonsum, zu Übergewicht und Bewegungsmangel oder zu anderen Risikofaktoren führen.

Schon der griechische Arzt Hippokrates vermutete vor mehr als 2.000 Jahren Zusammenhänge zwischen Unstimmigkeiten im seelischen Gleichgewicht und der Entstehung von Krebs. In abgewandelter Form wird über das Konzept einer "Krebspersönlichkeit" bis heute spekuliert. Beispielsweise diskutierten Fachleute lange, ob grundlegende Persönlichkeitseigenschaften wie Unterwürfigkeit, Angepasstheit, Unsicherheit und schwacher Ausdruck negativer Gefühle wie Ärger einen Einfluss auf die Krebsentstehung hätten.

Kritiker bringen verschiedene Argumente gegen eine solche Sichtweise vor. So gebe es kaum Menschen, auf die diese einseitige Beschreibung ihrer Persönlichkeit vollkommen und lebenslang zutrifft.

  • Vor allem fehlt aber ein plausibler biologischer Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und der Entstehung von Tumorzellen.

Die Kritik gilt auch den wissenschaftlichen Daten, die zur Krebspersönlichkeit vorliegen. Die meisten sind nicht sehr belastbar, denn sie wurden in rückblickenden, also retrospektiven Studien erfasst.
Ein typischer Fehler: Im Nachhinein beschäftigen sich die meisten Menschen bei einer schweren Erkrankung wie Krebs mit der Frage "warum gerade ich?". Wenn greifbare Ursachen fehlen, neigen viele dazu, ihre Persönlichkeit sozusagen im Nachhinein mit ihrer Erkrankung in Verbindung zu bringen.

Paar umarmt sich © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum
Kleines Glück im Alltag: Gemeinsam Zeit verbringen. Foto: Tobias Schwerdt © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

Wie sollte man leben, um gesund zu bleiben? Wie wichtig ist individuelles Glück?

Eine aktuelle Studie mit sehr vielen Teilnehmerinnen zeigt: Zwar kann Krankheit unglücklich machen. Unglück scheint sich jedoch umgekehrt jedoch nicht auf die Sterblichkeitsrate auszuwirken - weder auf das Risiko, an Krebs zu sterben, noch auf das Sterberisiko durch eine Reihe weiterer Erkrankungen.

Deshalb gilt: Aus dem derzeit immer noch lückenhaften Wissen über seelische Einflüsse auf die Krebsentstehung lassen sich keine Rezepte für die Lebensführung ableiten. Es bleibt also bei den Ratschlägen, die eindeutig bekannten Krebsrisiken zu meiden, sich viel zu bewegen und sich gesund zu ernähren.

Psychisches Wohlbefinden wichtig - aber kein "Zwang zum positiven Denken"

Experten nehmen das psychische Wohlbefinden trotzdem  sehr wichtig: Als gesundheitsfördernd im umfassenderen Sinn sollte man alles betrachten, was einem guttut und zur eigenen Zufriedenheit beiträgt. Der Weg dorthin kann alledings für jeden Menschen ein anderer sein.

Auch für Krebspatienten gilt: Wie man mit der Erkrankung umgeht, sollte sich immer an der individuellen Situation ausrichten.

  • Möglicherweise bewirkt hier Flexibilität mehr als der starre Rat zum "positiven Denken", mehr dazu im Text Krankheitsverarbeitung.

Psychosoziale Krebsberatungsstellen gibt es in vielen Städten und Gemeinden. Sie können eine erste Anlaufstelle für Patienten und Angehörige sein, die sich bei der Verarbeitung ihrer Situation auch mit möglichen psychischen Risikofaktoren auseinandersetzen. Eine Liste niedergelassener Psychoonkologen mit besonderer Weiterbildung bietet der Krebsinformationsdienst ebenfalls an. 

Hintergründe zu verschiedenen Aspekten der Krankheitsverarbeitung hat der Krebsinformationsdienst in eigenen Texten zusammengestellt. Die Übersicht findet sich unter Krankheitsverarbeitung: Umgang mit einer Krebserkrankung.

Quellen und weiterführende Informationen (Auswahl)

Leitlinien:
Welche Rolle spielt die psychische Verfassung für Krebspatienten? Anhaltspunkte und Möglichkeiten der Unterstützung zeigt die S3-Leitlinie "Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten" auf. Sie ist abrufbar bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) unter www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/032-051OL.html

Welche Risikofaktoren heute für einzelne Tumorarten tatsächlich diskutiert werden, lässt sich den jeweiligen lokalisationsbezogenen Leitlinien entnehmen. Sie können entweder über das www.leitlinienprogramm-onkologie.de gesucht werden, oder sind ebenfalls bei der AWMF abrufbar, unter www.awmf.org/leitlinien/aktuelle-leitlinien.html.

Fachbücher, die eine Einführung zum Thema bieten:
Bergelt C: Psychosoziale Risikofaktoren bei der Entstehung einer Krebserkrankung. In Mehnert A, Koch U (Hrsg.): Handbuch Psychoonkologie. Hogrefe Verlag, Göttingen, 1. Auflage 2016

Heußner P, Besseler M, Dietzelfelbinger H, Fegg M, Lang K, Mehl U, Pouget-Schors D, Riedner C, Sellschopp A (Hrsg.): Manual Psychoonkologie. 3. Auflage 2009, Zuckschwerdt Verlag, München

Holland JC, Breitbart WS, Buto PN, Jacobsen PB, Loscalzo MJ, McCorkle R (2015). Psycho-Oncology. Third Edition. Oxford University Press, New York.

Lang K: Krebs und Psyche. In: Schulz-Kindermann F (Hrsg.): Psychoonkologie, 87-99, Beltz, Weinheim, Basel, 2013.

Schwarz R, Singer S (2008). Einführung Psychosoziale Onkologie. Stuttgart: UTB. 

Tschuschke V (2011). Psychoonkologie. Psychologische Aspekte der Entstehung und Bewältigung von Krebs. 3. Auflage. Stuttgart: Schattauer.

Fachveröffentlichungen (Auswahl):
Batty G David, Russ Tom C, Stamatakis Emmanuel, Kivimäki Mika. Psychological distress in relation to site specific cancer mortality: pooling of unpublished data from 16 prospective cohort studies BMJ 2017; 356:j108, doi:10.1136/bmj.j108

Hefner J, Csef H. Psychoneuroimmunologie und Krebs: Neuere Forschungsergebnisse zu Katecholaminen, ß-Blockern und klinischen Implikationen. Der Onkologe 23: 845. doi: 10.1007/s00761-017-0294-7

Lemogne C, Consoli SM, Melchior M, Nabi H, Coeuret-Pellicer M, Limosin F, Goldberg M, Zins M. Depression and the Risk of Cancer: A 15-year Follow-up Study of the GAZEL Cohort. Am J Epidemiol. 2013 Sep 30. [Epub ahead of print]. doi: 10.1093/aje/kwt217.

Liu B, Floud S, Pirie K, Green J, Peto R, Beral V (2015): Does happiness itself directly affect mortality? The prospective UK Million Women Study. Lancet, online vor Print 9.12.2015, doi:http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(15)01087-9

Rensing L, Rippe V (2009). Ist psychischer Stress ein Risikofaktor bei der Entstehung und Entwicklung von Tumoren? Der Onkologe 15: 784-791. doi: 10.1007/s00761-009-1654-8

Spiegel D, Giese-Davis J. Depression and cancer: mechanisms and disease progression. Biol Psychiatry2003;356:269-82. doi:10.1016/S0006-3223(03)00566-3 pmid:12893103.

Weitere Themen

Erstellt: 02.01.2013

#Chatfunding