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Spontanheilung bei Krebs

Gibt es die Genesung "von selbst"?

Letzte Aktualisierung: 03.03.2021
  • Immer wieder gibt es Medienberichte über Krebspatienten, die auch ohne Therapie von selbst wieder gesund wurden. Viele erweisen sich als falsch oder unvollständig – doch manche Spontanheilungen sind medizinisch einwandfrei nachweisbar.
  • Das Phänomen der Spontanheilung fasziniert nicht nur, es ist auch in der Krebsforschung ein Thema: Kann man die Mechanismen dahinter aufdecken und gezielt für eine Behandlung nutzen?
  • Auf einen spontanen Krankheitsrückgang bei Krebs sollten sich Patientinnen und Patienten allerdings nicht verlassen: Rein statistisch ist die Heilung ohne Behandlung extrem selten.

Kann sich ein Tumor von allein zurückbilden? Das geschieht bei Krebs nur extrem selten. Ohne Behandlung schreiten Krebserkrankungen bei fast allen Patientinnen und Patienten voran. Die meisten nehmen dann einen schweren Verlauf.

Doch es gibt sie, die wenigen Ausnahmen: Ein Tumor bildet sich zurück, ohne dass die Patientin oder der Patient gezielt behandelt wurde oder obwohl die Therapie keine Heilung erwarten lässt. Um das Phänomen der Spontanheilung zu verstehen, muss man sich erst einmal klarmachen, was Heilung eigentlich bedeutet.

Grundlagen: Was bedeutet Heilung?

Lexikon

Heilung: vollständige und dauerhafte Remission – zu Lebzeiten des Patienten sind keine Krankheitszeichen der Krebserkrankung nachweisbar

Remission/Regression: Tumorherde bilden sich zurück, dies kann unterschiedlich stark ausfallen

Von einer Krebserkrankung geheilt ist eine Patientin oder ein Patient, wenn der Krebs restlos verschwunden ist und im Verlauf des Lebens nicht wieder zurückkehrt. Insgesamt ist es bei Krebs jedoch schwer, mit letzter Sicherheit von einer Heilung zu sprechen. Denn: Krebszellen können zunächst unentdeckt im Körper verbleiben und erst nach Jahren wieder beginnen, sich zu teilen und einen neuen Tumor zu bilden.

Bilden sich Tumorherde zurück, sprechen Expertinnen und Experten erst einmal von einer sogenannten Remission oder auch Regression – auch wenn die Krebserkrankung vollständig zurückgeht. Der Begriff "Remission" allein beschreibt aber nicht, wie ausgeprägt der Krankheitsrückgang ist. Fachleute unterscheiden zwischen Teil- und Komplettremission.

  • Teilremission: Der Tumor verkleinert sich deutlich, verschwindet aber nicht vollständig – oder nicht alle Krebsherde im Körper verschwinden.
  • Komplettremission: Der Tumorrückgang ist vollständig, sodass durch übliche diagnostische Maßnahmen keine Tumorreste mehr nachweisbar sind.

Viele Menschen sprechen umgangssprachlich von einer Remission, wenn sie eine Komplettremission meinen.

Wichtig zu wissen

Eine Komplettremission ist nicht automatisch eine endgültige Heilung.

Und auch die Komplettremission unterscheiden Fachleute noch einmal:

  • Feste Tumoren: Bei einer bildgebenden Komplettremission ist durch bildgebende Untersuchungen kein Tumor mehr nachweisbar. Doch sehr kleine Tumorreste lassen sich so nicht erkennen. Genauer ist die pathologische Komplettremission: Dann wurden bei einer Untersuchung von Gewebeproben des Tumorbetts keine Krebsreste mehr gefunden.
  • Tumoren des Blutes und des lymphatischen Systems: Bei Leukämien und Lymphomen unterscheiden sich die Kriterien einer Komplettremission mitunter je nach der vorliegenden Krebsform. Mehr dazu lesen Sie im Abschnitt "Remission: Ein Maß für den Therapieerfolg bei der Leukämie" unter Leukämie bei Erwachsenen: Behandlung.

Wann gelten Krebspatienten als geheilt? In der Krebsmedizin gelten Patientinnen und Patienten in der Regel als geheilt, wenn sie nach 5 Jahren keinen Krebs mehr haben. Ein Rückfall ist danach zwar niemals ganz ausgeschlossen – nach dieser Zeit wird er aber bei den meisten Tumorarten rein statistisch gesehen immer unwahrscheinlicher.

Was bedeutet spontan?

Lexikon

spontan: von selbst, von alleine – ohne erkennbaren äußeren Einfluss

Fachleute sprechen bei verschiedenen Situationen von einer "spontanen Remission" oder einer "spontanen Heilung":

  • wenn sich der Tumor ganz ohne eine Behandlung zurückgebildet hat.
  • wenn sich der Tumor während einer Behandlung zurückgebildet hat, die nach allgemeiner onkologischer Erfahrung diesen Rückgang nicht erklären würde.
  • wenn bereits eine Behandlung durchgeführt wurde, diese aber versagt hat oder nicht mehr wirksam war.

Die meisten Expertinnen und Experten sind sich über die grundlegenden Voraussetzungen für eine Spontanremission oder eine Spontanheilung einig. Trotzdem legen Fachleute Einzelheiten der Definition nicht immer einheitlich aus.

Mögliche Schwierigkeiten bei der Definition spontaner Krankheitsrückgänge:

  • Uneinheitlich ist beispielsweise, wie viel Tumormasse sich zurückbilden muss oder wie lange die Rückbildung anhalten muss, um als Spontanremission zu gelten.
  • Manche Expertinnen und Experten bezeichnen auch eine spontane Teilremission als Spontanheilung – obwohl es sich dabei um eine Spontanremission handelt.
  • Einige Fachleute führen irrtümlich einen lang anhaltenden Wachstumsstillstand auf eine Spontanremission zurück.
  • Es kann schwierig sein, eine spontane Remission oder Heilung von einem Therapieerfolg abzugrenzen – mehr dazu lesen Sie im Abschnitt "Spontan" oder Behandlungserfolg?
Wichtig zu wissen

Es gibt keine einheitliche Definition für spontane Krankheitsrückgänge.

Fazit: Es kann sein, dass unterschiedliche Fachleute spontane Remissionen und Heilungen verschieden ausgelegen. Dann benutzen sie die Begriffe in der Literatur nicht einheitlich. Das führt dazu, dass sich in Veröffentlichungen unterschiedliche Zahlen zur Häufigkeit spontaner Krankheitsrückgänge finden.

Zweifelsfreie Dokumentation notwendig

Auf einem Unterlagenstapel liegt ein Stethoskop.
Die Dokumentation einer Spontanremission oder einer Spontanheilung muss medizinisch und wissenschaftlich einwandfrei nachvollziehbar sind. © Micolas, Shutterstock

Um eine Spontanremission oder eine Spontanheilung glaubwürdig zu dokumentieren, muss die Diagnose der Krebserkrankung zuvor eindeutig bestätigt sein. Dieser Nachweis erfolgt in der Regel durch eine feingewebliche Untersuchung des Tumorgewebes. Zudem müssen die Ärzte alle Krankheitsrückgänge und alle bisherigen oder derzeitigen Behandlungsversuche festgehalten haben.

Eine saubere wissenschaftliche Dokumentation aller medizinischer Maßnahmen ist wichtig. Damit können Fachleute nachvollziehen, welche Behandlungen möglicherweise die Remission oder die Heilung beeinflusst haben könnten.

Mitunter fehlt diese nachvollziehbare Dokumentation möglicher Spontanheilungen. Beispielsweise, weil der Krankheitsrückgang nicht auffällt, Ärzte von einer anfänglichen Fehldiagnose ausgehen oder ihn als Behandlungserfolg werten. Darüber hinaus kann es sein, dass Veröffentlichungen über spontane Krankheitsrückgänge methodische Mängel haben.

Doch auch wenn spontane Tumorrückgänge nicht immer veröffentlicht werden oder sich eine Veröffentlichung später als falsch oder unvollständig erweist: Manche Spontanheilungen sind medizinisch einwandfrei nachgewiesen und wissenschaftlich sauber dokumentiert.

Spontan oder Behandlungserfolg?

Zentrale Frage bei der Definition spontaner Krankheitsrückgänge ist, ob sie von selbst passiert sind oder durch eine Behandlung ausgelöst wurden. Gibt oder gab es eine medizinisch wirksame Behandlung, die aus krebsmedizinischer Sicht den Rückgang des Tumors erklären könnte?

Ärztliche Erfahrungen zählen: Mediziner müssen wissen, wann eine bestimmte Behandlung zu einer kompletten Tumorrückbildung führen kann und wann nicht. Nur dann können sie einordnen, ob es sich bei Krankheitsrückgängen um eine spontane Selbstheilung oder um einen Therapieerfolg handelt. Für Ärztinnen und Ärzte ist diese Einordnung jedoch nicht immer einfach, beispielsweise wenn:

  • unklar ist, ob eine vorherige Therapie noch wirksam ist.
  • die Wirkung einer Behandlung später eintritt als üblich.
  • eine Therapie unerwartet stark anschlägt.

Darüber hinaus ist es auch möglich, dass eine bisher unbekannte Therapiewirkung auftritt.

Strengstens ausgelegt lässt sich nur sicher von einer Spontanremission ausgehen, wenn Genesene gar keine Behandlung bekommen haben. Krebs nimmt jedoch ohne Therapie bei fast allen Betroffenen einen schweren Verlauf. Daher wäre es unethisch, sie nicht zu behandeln und auf eine Spontanremission zu spekulieren. Entsprechend schwer ist es, das Phänomen Spontanheilung zu erforschen.

Fazit: Nicht immer können Ärztinnen und Ärzte klar bewerten, ob sich der Krebs von selbst zurückgebildet hat oder es sich um einen medizinisch erklärbaren Behandlungserfolg handelt.

Wie häufig spontane Tumorrückbildungen sind, lässt sich nicht exakt beziffern – weder für Deutschland noch für andere Länder. Denn: Die meisten in wissenschaftlichen Datenbanken erfassten Berichte beziehen sich auf einzelne Patientinnen und Patienten. Es handelt sich dann um sogenannte wissenschaftliche "Fallbeschreibungen".

Neben diesen Fallbeschreibungen gibt es noch sogenannte Fallsammlungen. Das sind Veröffentlichungen, die mehrere Fallbeschreibungen sammeln. Doch auch sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Zum einen gib es keine allgemein anerkannte zentrale Stelle, die spontane Krankheitsrückgänge sammelt. Zum anderen vermuten Fachleute, dass nicht alle Spontanremissionen veröffentlicht werden.

Wichtig zu wissen

Es lässt sich nicht genau sagen, wie häufig spontane Tumorrückbildungen sind.

Es gibt also keine verlässlichen Zahlen dazu, wie häufig Krankheitsrückgänge "von selbst" sind. Schätzungen in der Literatur gehen davon aus, dass auf 60.000 bis 100.000 Krebserkrankte eine Spontanremission fällt. Experten vermuten, dass Spontanheilungen bei Krebs sehr viel seltener sind als Spontanremissionen – und vor allem sehr viel seltener als spontane Teilremissionen.

Was Fachleute wissen: Spontane Krankheitsrückgänge können in allen Erkrankungsstadien auftreten, nicht nur bei Patienten, die bereits "austherapiert" sind. Außerdem hängt die Häufigkeit spontaner Remissionen von der jeweiligen Krebsart ab. Bei häufigen Tumorarten wie etwa Brustkrebs, Lungenkrebs oder Darmkrebs werden sie vergleichsweise selten beobachtet. Es gibt jedoch einige Tumorarten, bei denen spontane Krankheitsrückgänge häufiger vorkommen als bei anderen.

Spontanremissionen bei einigen Krebsarten häufiger

Nahansicht der Holzkugeln eines Rechenschiebers
Wie häufig spontane Tumorrückbildungen sind, lässt sich nicht genau zählen – bei einigen Krebsarten treten sie aber häufiger auf als bei anderen. © wolfmen, Pixabay

Obwohl spontane Tumorrückbildungen schon für viele verschiedene Krebsarten dokumentiert wurden, beobachten Ärztinnen und Ärzte sie bei einigen Krebserkrankungen häufiger als bei anderen. Dazu gehören:

Lymphome

Nierenzellkarzinome

Maligne Melanome

Neuroblastome von Säuglingen und Kleinkindern

Doch Achtung: Auch, wenn Spontanremissionen bei diesen Krebsarten häufiger vorkommen als bei anderen, sind sie insgesamt immer noch sehr selten. Betroffene sollten sich also nicht auf sie verlassen und deswegen mit der Behandlung warten oder gar ganz auf eine Therapie verzichten.

Beim Neuroblastom: Spontane Rückgänge besonders häufig

Rückansicht eines blonden Kleinkinds
Vor allem Säuglinge und Kleinkinder können an einem Neuroblastom erkranken. [Symbolbild] © freestocks-photos, Pixabay

Tatsächliche Spontanheilungen gibt es häufig beim Neuroblastom. Das ist eine Krebsart, die vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern vorkommt. Diese Tumoren gehen von Nervenzellen aus, die noch nicht ausgereift sind.

Wie kommt es zu spontanen Krankheitsrückgängen beim Neuroblastom? Die unausgereiften Nervenzellen des Neuroblastoms können spontan ausreifen und sich durch diese sogenannte Differenzierung zu gutartigen Tumoren (Ganglioneuroblastomen) entwickeln. Darüber hinaus können die Tumorzellen auch durch den programmierten Zelltod, die Apoptose, von selbst absterben. Dann kommt es zu einer spontanen Regression.

  • Sowohl Differenzierung als auch Apoptose sehen Fachleute als mögliche Mechanismen für spontane Tumorrückgänge – auch bei anderen Krebsarten.

Wie häufig sind Tumorrückbildungen beim Neuroblastom? Auch beim Neuroblastom lässt sich nicht genau sagen, wie häufig spontane Regressionen auftreten. Die Datenlage ist bei dieser Krebsart jedoch etwas besser: Experten gehen davon aus, dass sich bei etwa 50 bis 80 von 100 Kindern das Neuroblastom zurückbildet. Es gibt allerdings verschiedene Unterformen, die sich mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit spontan zurückbilden.

Was bedeutet das für betroffene Kinder? Wenn Ärztinnen und Ärzte bei einem Kind das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf als niedrig einschätzen, bekommt es vorerst nur eine milde oder sogar keine Behandlung. Stattdessen wird es engmaschig überwacht. Falls Symptome auftreten oder der Tumor wächst, geben Ärzte meist eine milde Chemotherapie. Sie soll anstoßen, dass sich das Neuroblastom zurückbildet und wird wieder abgesetzt, sobald es aufhört zu wachsen.

Wichtig zu wissen: Manche Kinder haben aufgrund ihres Alters, des Krankheitsstadiums oder der feingeweblichen und molekularen Eigenschaften des Neuroblastoms ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Sie benötigen in der Regel eine intensive Behandlung.



Ein Mann läuft auf einen Waldweg in Gegenlicht.
Krebspatienten, die von einer Spontanheilung berichten, sehen unterschiedliche Gründe für ihre Genesung, wie beispielsweise spirituelle oder religiöse “Erleuchtungen“. © Tama66, Pixabay

Menschen, die eine unerwartete spontane Genesung erfahren haben, schildern ihre Eindrücke oft höchst eindrucksvoll. Manche sind sicher zu wissen, wie sie das Phänomen herbeigeführt haben und finden dabei unterschiedliche Erklärungen für ihre Heilung, darunter:

  • eine eigene Bewusstseinsarbeit,
  • eine neu definierte Lebenseinstellung – sprich ein spiritueller oder existenzieller Wandel,
  • einen besonderen Umgang mit der Krankheit oder
  • eine Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens.

Doch solche psychospirituellen Ansätze, die auf der reinen Kraft von Gedanken oder der Weltanschauung basieren, sind für Forscher und Mediziner stets spekulativ. Denn: Es ist nicht bewiesen, dass solche Faktoren eine Heilung bei Krebs beeinflussen können.

Darüber hinaus können diese Erklärungsansätze dazu führen, dass sich Patientinnen und Patienten für die Erkrankung selbst verantwortlich fühlen. An einer Krebserkrankung ist jedoch niemand schuld.

Wunderheilungen: Manche Genesene geben auch an, sich auf ihren Glauben oder das Gebet verlassen zu haben. So hätten sie Hilfe von Gott erhalten. Spontanheilungen, die durch die Religion oder den Glauben begründet werden, werden auch als Wunderheilungen bezeichnet.

Welche Rolle spielt die Psyche?

Silhouette einer meditierenden Frau im Schneidersitz
Meditation und Entspannung – manche Krebspatienten geben an, dass sie ihnen bei einer Spontanheilung geholfen haben soll. © Pexels, Pixabay

Im Zusammenhang mit spontanen Krankheitsrückgängen – auch bei Krebs – wird in der Öffentlichkeit und Fachwelt immer wieder diskutiert, ob psychologische Faktoren eine Selbstheilung begünstigen können. Kann die Psyche auf den Verlauf einer Krebserkrankung einwirken, beispielsweise durch die folgenden Faktoren?

  • spezielle Persönlichkeitsmerkmale wie Optimismus und Lebenswille
  • soziale Unterstützung
  • Reduktion von Stress
  • Verarbeitung der Krebserkrankung in bestimmter Weise

Derzeit gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass sich allein durch psychische Einflüsse eine Krebserkrankung unmittelbar zurückdrängen lässt. In diesem Zusammenhang diskutieren Fachleute auch oft sogenannte psychoneuroimmunologische Mechanismen.



Was sagt die Forschung?

Warum es bei manchen Krebspatientinnen und -patienten zu einer Spontanremission oder Spontanheilung kommt, ist aus wissenschaftlicher Sicht bisher nicht vollständig aufgeklärt. Mediziner und Wissenschaftler arbeiten aber daran, die biologischen Vorgänge hinter den bekannten und belegten Spontanheilungen besser zu verstehen.

Spontane Remissionen und Heilungen treten nicht bei jeder Krebsart gleich häufig auf. Dies sehen Fachleuten als Anzeichen dafür, dass bestimmte biologische Mechanismen einem spontanen Krankheitsrückgang zugrunde liegen. Es gibt verschiedene Vermutungen, welche Vorgänge eine Selbstheilung bei Krebs ermöglichen könnten.

Mögliche Mechanismen für eine Spontanremission oder eine Spontanheilung:

  • immunreaktive Vorgänge: spontane Abwehrmechanismen des Immunsystems erkennen und bekämpfen die Krebszellen
  • Hemmung der Angiogenese: das Wachstums von Blutgefäßen, die den Tumor versorgen, wird unterbunden
  • Hemmung der Telomerase: dieses Protein ist in Krebszellen aktiv und kann sie unsterblich machen; wird es gehemmt, stellt dies die natürliche Zellalterung wieder her
  • hormonelle Einflüsse: sie hindern Krebszellen möglicherweise an der Teilung, hemmen die Angiogenese oder bewirken den Zelltod

All diese Mechanismen münden letztlich in einem von 2 Vorgängen, die zu einem Krankheitsrückgang bei Krebs führen können:

  • Apoptose – der natürliche Zelltod wird ausgelöst und die Krebszellen sterben ab
  • Zelldifferenzierung – die "bösartigen" Eigenschaften der Krebszellen bilden sich zurück, sodass sie zu normalen, gesunden Körperzellen ausreifen

Spontanremissionen bei Krebs können sehr unterschiedlich auftreten: Manche Krankheitsrückgänge ereignen sich sehr schnell, andere wiederum eher langsam. Bei einigen bilden sich alle Krebsherde zurück, bei anderen kommt es nur zu einer Teilremission. Daher vermuten Experten, dass es verschiedene Mechanismen geben könnte, die eine Spontanremission auslösen.

Ziel der Wissenschaftler: Sollte sich zukünftig feststellen lassen, welche Mechanismen einem spontanen Krankheitsrückgang zugrunde liegen, könnten Ärztinnen und Ärzte sie gezielt für eine Behandlung nutzen. Zum Beispiel durch Medikamente, die die natürlichen Auslöser einer Spontanremission gezielt anregen und so letztlich eine Heilung herbeiführen.

Die Rolle des Immunsystems

Das körpereigene Abwehrsystem, das sogenannte Immunsystem, wehrt Krankheitserreger und körperfremde Stoffe ab. Darüber hinaus beseitigt es wenn nötig auch körpereigene Zellen – etwa wenn sie gealtert oder geschädigt sind. Dazu gehören auch Krebszellen, also Zellen, die sich bösartig verändert haben und nun unkontrolliert wachsen und gesundes Gewebe zerstören.

Lexikon

Infektion: krankmachende Keime dringend in den Körper ein und vermehren sich

Mehr dazu lesen Sie unter Entzündungen und Infektionen bei Krebs.

Damit ein Tumor überhaupt entstehen kann, müssen Krebszellen durch spezielle Ausweich-Mechanismen der körpereigenen Abwehr entgehen. Einige Experten vermuten, dass manche Spontanremissionen darauf zurückzuführen sein könnten, dass das Immunsystem wieder in die Lage versetzt wird, Tumorzellen zu erkennen und zu bekämpfen. Eine Rolle spielen könnten ihnen zufolge möglichweise:

  • Infektionen, im Bereich des Tumors oder im gesamten Körper, die eine Entzündungsreaktion hervorrufen und so gewissermaßen als "Nebeneffekt" zu einer Immunreaktion gegen den Krebs führen.
  • die Tumor-Mikroumgebung, in der beispielsweise ein geänderter pH-Wert dazu führen kann, dass Immunzellen wieder aktiviert werden.

Tatsächlich wurden bei vielen Spontanremissionen beobachtet, dass sie gleichzeitig mit einer Infektion aufgetreten sind. Doch Vorsicht: Um das Immunsystem gezielt zur Krebsbekämpfung anzuregen, reichen keine unspezifischen Immunstimulanzien, die auf eine pauschale "Stärkung des Immunsystems" setzen.

Coley-Toxine: Der wohl bekannteste Ansatz Infektionen zur Behandlung von Krebs einzusetzen stammt aus dem 19. Jahrhundert. Ein Wissenschaftler namens William Coley spritzte vielen Patienten gezielt eine Mischung aus abgetöteten Bakterien in den Tumor. Da sein Therapieansatz darauf abzielte, das Immunsystem zu stimulieren, wird er heute oft als Begründer der modernen Immuntherapie bezeichnet.

Immuntherapien als "Förderung der Selbstheilung"? Eine Immuntherapie soll den Körper dazu anregen, selbst gegen die Krebserkrankung anzugehen. Dennoch ist sie eine Behandlung, da sie das Immunsystem, das nicht von selbst den Krebs bekämpft, gezielt unterstützt. Fest steht: Die körpereigene Immunabwehr hat beträchtliches Potenzial in der Krebstherapie.

Die Psychoneuroimmunologie

In Veröffentlichungen zu spontanen Remissionen oder Heilungen bei Krebs kommt oft auch die sogenannte Psychoneuroimmunologie zur Sprache. Denn: Eine Spontanheilung könnte man auch so interpretieren, dass sich der Patient oder der Körper selbst heilt. Dazu könnten psychoneuroimmunologische Mechanismen beitragen.

Wichtig zu wissen

Die Psychoneuroimmunologie ist nicht zu verwechseln mit den teils sehr umstrittenen psychospirituellen Ansätzen.

Das Forschungsgebiet der Psychoneuroimmunologie beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen zwischen dem Immunsystem und dem Nerven- sowie dem Hormonsystem. Sie geht davon aus, dass es funktionelle Zusammenhänge der 3 Systeme gibt, die gemeinsam in einem biochemischen Netzwerk interagieren. Danach reagiert das Immunsystem auf Signale des Nerven- und des Hormonsystems – und umgekehrt.

Vereinfachte schematische Darstellung der Psychoneuroimmunologie mit den Wechselwirkungen zwischen Nerven-, Immun- und Hormonsystem.
Das Forschungsgebiet der Psychoneuroimmunologie geht davon aus, dass sich Nerven-, Immun- und Hormonsystem gegenseitig beeinflussen. © Krebsinformationsdienst, DKFZ, erstellt mit BioRender.com

Nach dem Modell der Psychoneuroimmunologie führen psychosoziale oder psychologische Faktoren zu körperlichen Veränderungen – beispielsweise über Signalmoleküle, die vom Nerven- oder Hormonsystem ausgeschüttet werden und sich auf Immunzellen auswirken. In diesem Zusammenhang beschäftigt sich die Psychoneuroimmunologie viel mit den Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem.

Die Annahme, dass psychische Belastungen eine Rolle dabei spielen, dass Krebs überhaupt entsteht, ist weit verbreitet. Ähnliches gilt für die Auffassung, dass psychische Faktoren einen unmittelbaren Einfluss auf den Verlauf einer bestehenden Krebserkrankung haben oder gar eine Immunantwort gegen Krebs auslösen könnten.

Was spricht dafür? Tatsächlich haben Forschende gezeigt, dass langfristiger psychischer Stress viele Funktionen des Immunsystems hemmt. So könnte man nach Meinung einiger Experten durch stresssenkende psychologische Therapieansätze auch das Immunsystem und damit den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Sie möchten daher, dass auch psychotherapeutische Behandlungen in der Dokumentation einer Spontanheilung festgehalten werden.

Was spricht dagegen? Auch wenn psychotherapeutische Ansätze bei stressbedingten Erkrankungen einen gewissen Nutzen vorweisen, kann dies nicht ohne Weiteres auf Krebs übertragen werden. Bisherige Studien konnten insgesamt keinen überzeugenden Beleg für einen entscheidenden Zusammenhang erbringen. Darüber hinaus sind auch förderliche Wirkungen von Stress auf das Immunsystem nachgewiesen: Es gibt also widersprüchliche Ergebnisse zum Einfluss von Stress auf die Immunfunktion.

Fazit: Es gibt Anzeichen dafür, dass sich das Immunsystem teilweise durch die Psyche beeinflussen lässt. Eine direkte Beziehung zwischen der Psyche und einer Immunantwort gegen Krebs ist aber nicht belegt: Es gibt es keine überzeugenden wissenschaftlichen Beweise dafür, dass psychologische Faktoren oder Therapieansätze als alleinige "Behandlung" eine Krebserkrankung unmittelbar zurückbilden können.

Unabhängig davon kann es für Krebspatientinnen und Krebspatienten wichtig und hilfreich sein, psychologische Unterstützung zu suchen, um Belastungen zu senken.



Wichtig zu wissen

Eine Spontanheilung kann man nicht herbeiführen.

Eine Spontanheilung geschieht, wie es das Wort schon sagt, "von selbst". Eine geförderte oder bewusst herbeigeführte "Spontanheilung" im engeren Sinne gibt es nicht. Doch manche Krebserkrankte hoffen auf eine Spontanheilung und fragen sich: Lässt sich eine Remission oder gar eine Heilung auch ohne Krebstherapie herbeiführen?

Darüber hinaus bekommen Krebspatientinnen und Krebspatienten möglicherweise gut gemeinte Ratschläge, wie sie selbst etwas zu ihrer Heilung beitragen können. Doch weder durch Diäten, alternative Therapien, eine allgemeine Immunstärkung, noch durch psychologische Einflüsse allein lässt sich eine Selbstheilung erreichen.

Fazit: Nach heutigem Wissensstand gibt es keine Möglichkeit, wie Krebspatienten eine Spontanheilung herbeiführen können. Betroffene sollten sich also nicht unter Druck setzen, den Krebs durch die "richtige" Einstellung, Willensstärke oder umfassende Lebensänderungen bekämpfen zu müssen.

Die Tatsache, dass es – wenn auch extrem selten – unerwartete spontane Genesungen gibt, kann Krebsbetroffenen vor allem Hoffnung geben. Dies gilt besonders für Patientinnen und Patienten, die als "austherapiert" gelten. Krebspatienten hingegen, die noch Behandlungsoptionen haben, sollten nicht auf eine Spontanheilung spekulieren und deshalb ihre Therapie hinauszögern oder gar ganz darauf verzichten.

Vorsicht vor dubiosen Geschäften

Achtung

Seien sie vorsichtig bei unseriösen Therapieangeboten, die eine Heilung ohne "schulmedizinische" Krebstherapie versprechen.

Dass es mitunter schwierig ist eine Spontanremission von einem Behandlungserfolg abzugrenzen, spielt besonders Verfechtern von unkonventionellen Behandlungsansätzen in die Karten. Wenn die Remission einer alternativen Methode zugeschrieben wird, begründen ihre Fürsprecher dies meist damit, dass die Methode funktioniert, bisher aber nicht gut genug erforscht ist.

Tatsächlich ist häufig wissenschaftlich nicht nachgewiesen, dass der unkonventionelle Therapieansatz die Ursache der Heilung ist. Dazu wären Studien nötig, in denen Fachleute untersuchen, wie häufig es bei Krebsbetroffenen mit oder ohne die alternative Behandlung zu einem Tumorrückgang beziehungsweise zu einer Heilung kommt.

Fazit: Das Phänomen spontaner Krankheitsrückgänge wird gelegentlich als Argument für die Anwendung alternativer Methoden missbraucht. Bei Therapieangeboten, die für eine Heilung "ohne Schulmedizin" werben oder eine Selbstheilung versprechen, sollten Sie vorsichtig sein. Solche Angebote werden von Fachleuten in der Regel als unseriös eingeschätzt.





Quellen und weiterführende Informationen

Linktipp

Hintergründe zum Neuroblastom lesen Sie zum Beispiel auf www.kinderkrebsinfo.de, einem Informationsportal zu Krebs- und Bluterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie der Charité Universitätsmedizin Berlin.

Leitlinien

Die S1-Leitlinie: Neuroblastom ist abrufbar bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Aufgerufen am 24.02.2021.

Bücher (Auswahl)

Everson TC., Cole WH. Spontaneous Regression of Cancer. Philadelphia: Saunders, 1966.

Heim ME., Schwarz R. Spontanremissionen in der Onkologie. Theoretische Modelle und klinische Befunde. Schattauer Verlag, 1998.

Kappauf H. Wunder sind möglich. Spontanheilung bei Krebs. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder GmbH, 2014.

Kappauf H., Gallmeier WM. In: Schmoll H-J., Höffken K., Possinger K.: Kompendium Internistische Onkologie. Standards in Diagnostik und Therapie. Springer-Verlag Berlin Heidelberg, 2006:171–186.

Maurer YA. Heilungswunder. Eingreifen Gottes, biologischer Glücksfall oder Volksmythos? Berlin: Springer-Verlag, 2012.

Fachartikel (Auswahl)

Die folgenden Publikationen stellen nur eine Auswahl dar. Die meisten Veröffentlichungen zum Thema Spontanheilung sind Fallberichte. Diese können über wissenschaftliche Fachdatenbanken abgerufen werden. Hilfreiche Suchbegriffe in der Fachdatenbank PubMed sind unter anderem "Neoplasm Regression, Spontaneous" (MeSH Unique ID: D009365) oder "Remission, Spontaneous" (MeSH Unique ID: D012075) in Verbindung mit "Neoplasms" (MeSH Unique ID: D009369). Mehr zur Suche nach Fachinformationen lesen Sie auch im Informationsblatt "Suche nach medizinischer Fachliteratur" (PDF).

Bodey B. Spontaneous regression of neoplasms: new possibilities for immunotherapy. Expert Opin Biol Ther. 2002;2(5):459–476. doi:10.1517/14712598.2.5.459.

Brodeur GM. Spontaneous regression of neuroblastoma. Cell Tissue Res. 2018;372(2):277-286. doi: 10.1007/s00441-017-2761–2762.

Brodeur GM, Bagatell R. Mechanisms of neuroblastoma regression. Nat Rev Clin Oncol. 2014;11(12):704–713. doi:10.1038/nrclinonc.2014.168.

Challis GB, Stam HJ. The spontaneous regression of cancer. A review of cases from 1900 to 1987. Acta Oncol. 1990;29(5):545–550. doi:10.3109/02841869009090048.

Diede SJ. Spontaneous regression of metastatic cancer: learning from neuroblastoma. Nat Rev Cancer. 2014;14(2):71–72. doi: 10.1038/nrc3656.

Hoc, S. Spontanremissionen: Ein reales, aber seltenes Phänomen. Dtsch Arztebl 2005;102(46): A-3162 / B-2671 / C-2501.

Kappauf,H. Spontanremissionen bei Krebs. Beobachtungen zu Häufigkeit und Wirkmechanismen. Schweizer Zeitschrift für Onkologie. 2019;5:21–25.

Newman JH, Zloza A. Infection: a Cause of and Cure for Cancer. Curr Pharmacol Rep. 2017;3(6):315–320. doi: 10.1007/s40495-017-0109-y.

Nickerson HJ, Matthay KK, Seeger RC, Brodeur GM, Shimada H, Perez C, Atkinson JB, Selch M, Gerbing RB, Stram DO, Lukens J. Favorable biology and outcome of stage IV-S neuroblastoma with supportive care or minimal therapy: a Children's Cancer Group study. J Clin Oncol. 2000;18(3):477–86.

Ratner N, Brodeur GM, Dale RC, Schor NF. The "neuro" of neuroblastoma: Neuroblastoma as a neurodevelopmental disorder. Ann Neurol. 2016;80(1):13–23. doi:10.1002/ana.24659.

Straub RH, Cutolo M. Psychoneuroimmunology-developments in stress research. Wien Med Wochenschr. 2018;168(3-4):76–84. doi: 10.1007/s10354-017-0574-2.

Vernon LF. William Bradley Coley, MD, and the phenomenon of spontaneous regression. Immunotargets Ther. 2018;7:29–34. doi: 10.2147/ITT.S163924.

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Erstellt: 03.03.2021

Herausgeber: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) │ Autoren/Autorinnen: Internet-Redaktion des Krebsinformationsdienstes. Lesen Sie mehr über die Verantwortlichkeiten in der Redaktion.

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