Beim Nocebo-Effekt handelt es sich nicht um “eingebildete” Symptome, sondern um körperliche Vorgänge, die durch Erwartungen getriggert werden. Eine achtsame Kommunikation kann dabei helfen, Nocebo-Effekte zu begrenzen.
Nocebo – Die Macht der Erwartung
In placebokontrollierten klinischen Studien gibt es regelmäßig Teilnehmende, die Therapien aufgrund von Nebenwirkungen beenden. Werden die Studien entblindet, stellt man fest, dass darunter auch Teilnehmende der Placebo-Gruppe sind. Die Rede ist vom Nocebo-Effekt: In Gegenüberstellung zum Begriff Placebo (lateinisch "ich werde gefallen") bedeutet Nocebo “Ich werde schaden”.
Entscheidend für die Ausbildung von Nocebo-Effekten ist vor allem die Erwartungshaltung der Patientinnen und Patienten: Untersuchungen weisen darauf hin, dass sogar der Arzneimittelpreis beeinflussen kann, wie stark der Nocebo-Effekt ausgeprägt ist. Je teurer ein Medikament ist, desto eher scheinen die Anwender Nebenwirkungen zu erwarten und desto wahrscheinlicher treten sie auf.
Nicht nur “Scheinnebenwirkungen”: Nocebowirkungen können prinzipiell bei jedem Arzneimittel und auch bei nicht-medikamentösen Therapien zum Tragen kommen. Wichtig zu wissen: Es handelt sich nicht einfach um “eingebildete” Symptome, sondern beim Nocebo-Effekt werden über neurobiologische Mechanismen tatsächlich körperliche Vorgänge beeinflusst. Dabei ist der Übergang zwischen therapieinduzierten Nebenwirkungen und Nocebowirkungen fließend. So ist es möglich, dass sich therapieinduzierte Nebenwirkungen als Folge des Nocebo-Effekts verstärken oder als belastender wahrgenommen werden.
Krebstherapie und Nocebo-Effekte
Onkologische Therapien sind häufig eingreifend und mit unvermeidbaren Nebenwirkungen verbunden. Auf den ersten Blick scheinen sie daher nicht unbedingt ein Gebiet zu sein, auf dem Nocebo-Effekte eine bedeutsame Rolle spielen.
Unspezifische Nebenwirkungen betroffen: Es sind jedoch besonders die unspezifischen Nebenwirkungen, die durch Nocebo-Effekte beeinflussbar sind. Diese haben auch bei Krebstherapien eine hohe Relevanz und können zu einem gewissen Grad variabel sein – Beispiele sind Übelkeit, Schwindel, Erschöpfung, depressive Verstimmungen, Konzentrationsprobleme oder sexuelle Störungen. Entsprechende Symptome sind für manche Betroffene so belastend, dass ihre Therapietreue (Compliance) gefährdet ist und sie im ungünstigen Fall die Therapie abbrechen.
Erwartungen bei Krebsbetroffenen: Tumortherapien sind bei Patienten häufig mit starken Ängsten und negativen Erwartungen verbunden. Diese werden auch von den Medien und dem persönlichen Umfeld beeinflusst: Das Bild, dass Betroffene aufgrund ihrer Behandlung “durch die Hölle gehen” wird im Kontext von Krebserkrankungen häufig gebraucht. Diesem Bild etwas entgegenzusetzen, ohne die Situation unangemessen zu beschönigen, ist eine Herausforderung für Behandelnde. Dabei spielt die Art der Patientenaufklärung eine wichtige Rolle.
Tipps für die Kommunikation mit Patientinnen und Patienten
Ärztinnen und Ärzte befinden sich in einem ethischen Dilemma, dem sich schon viele Veröffentlichungen gewidmet haben: Einerseits sind sie zur Aufklärung des Patienten verpflichtet, andererseits laufen sie Gefahr, gerade durch die Aufklärung ihren Patienten auch zu schaden. Wie können Behandelnde also im Beratungsgespräch seriös über Therapiefolgen aufklären, ohne negative Erwartungen zu sehr zu schüren?
In verschiedensten Fachpublikationen finden sich konkrete Tipps, mit denen man im Aufklärungsgespräch Nocebo-Effekte vermindern kann, ohne Nebenwirkungen zu verschweigen. Wir haben einige Beispiele herausgegriffen.
Erwartungen erfragen: Es ist wichtig, die Ängste vor Nebenwirkungen ernst zu nehmen. Deshalb kann ein erster Schritt sein, Patientinnen und Patienten zu fragen, welche Beschwerden sie erwarten, welche Ursachen sie vermuten und welche Vorstellungen sie belasten. Die Antworten geben dem oder der Behandelnden die Gelegenheit, empathisch auf individuelle Sorgen einzugehen und diese einzuordnen.
Auf Verständlichkeit achten: Werden Patientinnen und Patienten im Rahmen der Aufklärung mit medizinischen Fachbegriffen konfrontiert, die sie nicht oder nur zum Teil verstehen, kann das Unsicherheiten oder Gefühle von Kontrollverlust auslösen. Daher ist es günstig, Informationen möglichst allgemeinverständlich zu transportieren und wo nötig Fachvokabular zu übersetzen. Gespräche “auf Augenhöhe” helfen dabei, Vertrauen zu schaffen und Hemmschwellen für Nachfragen zu senken.
Zahlen bewusst kommunizieren: Klärt man über die Häufigkeit einer Nebenwirkung auf, kann man hervorheben, wie viele Patienten nicht von dieser Nebenwirkung betroffen sind, statt zu benennen, wie viele Patienten diese Nebenwirkungen zeigen. So können Ärztinnen und Ärzte beispielsweise erläutern, dass selbst bei “häufigen” Nebenwirkungen mehr als 9 von 10 Patienten davon verschont bleiben. Zusätzlich ist es hilfreich, darauf hinzuweisen, dass der Körper die Fähigkeit hat, sich von vielen Nebenwirkungen wieder vollständig zu erholen.
Aufklärung von Risiken und Nutzen verknüpfen: Es ist günstig, wenn Behandelnde Informationen über Therapienebenwirkungen mit Informationen über den zu erwartenden Nutzen verknüpfen. So kann einer Risikoaussage sofort eine “positive Botschaft” gegenübergestellt werden. Klärt man beispielsweise über Übelkeit unter Chemotherapie auf, kann man erläutern, dass sich dahinter die hohe Wirksamkeit des Medikaments gegen sich schnell teilende Zellen verbirgt – und dass zu diesen Zellen auch die Tumorzellen gehören.
Über die Möglichkeit von Nocebo-Effekten aufklären: Studien deuten darauf hin, dass Nocebo-Effekte dadurch abgeschwächt werden könnten, dass Patienten vor Beginn einer Therapie auf die Möglichkeit solcher Effekte hingewiesen werden. Im Hinblick auf Krebstherapien ist es allerdings wichtig, die Grenzen der Beeinflussbarkeit von Nebenwirkungen anzuerkennen: Es sollte nicht der Eindruck entstehen, dass es “nur eine Frage der richtigen Einstellung” ist, ob oder in welcher Intensität Betroffene Nebenwirkungen erleiden. Außerdem sollten Krebsbetroffene immer dazu ermutigt werden, Beschwerden rückzumelden.
Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und Beistand anbieten: Gerade für Krebserkrankte ist entscheidend zu wissen, dass sie im Falle von Nebenwirkungen nicht allein gelassen werden. Steht beispielsweise eine endokrine Therapie bevor, die häufig Wechseljahresbeschwerden verursacht, sollten Betroffene erfahren, wie sich diese Beschwerden gegebenenfalls lindern lassen. Von großer Bedeutung ist für die meisten Patientinnen und Patienten die Frage, an wen sie sich wenden können, wenn belastende Symptome auftreten. Das gilt insbesondere auch im Rahmen von längerfristigen Erhaltungstherapien.
Zum Weiterlesen: Verwendete Quellen und vertiefende Informationen
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