Gut bekannt sind Nebenwirkungen der Krebstherapie zum Beispiel an Haut, Haaren, Nerven, Gehör und Herz. Neu in den Fokus gerückt sind die Augen. Denn: Okuläre Nebenwirkungen treten unter den neuartigen Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (Antibody-Drug Conjugates, kurz ADC) häufig auf – öfter als bei Chemo-, Hormon- oder Immuntherapie. Daher ist die Unterstützung von Augenärzten und Augenärztinnen zunehmend gefragt, wenn Patienten ADCs erhalten.
Dies betrifft aktuell insbesondere folgende ADCs (Beispiele):
- Mirvetuximab-Soravtansin (Handelsname Elahere)
- Tisotumab-Vedotin (Handelsname Tivdak)
- Enfortumab Vedotin (Handelsname Padcev)
- Belantamab-Mafoditin (Handelsname Blenrep)
- Datopotamab-Deruxtecan (Handelsname Datroway)
Welche Augensymptome auftreten
Die Krebsbehandlung kann zu Nebenwirkungen am Auge und an der Augenoberfläche führen. Trockenes Auge ist das häufigste Augenproblem. Ob okuläre Nebenwirkungen auftreten und wenn ja, mit welcher Wahrscheinlichkeit, hängt wesentlich von der Art der onkologischen Therapie und vom Typ des Antikörper-Wirkstoff-Konjugats (ADC) ab. Unter ADCs kommt es im Mittel bei rund 15 Prozent1 aller Patientinnen und Patienten zu Beschwerden an den Augen.
Die Nebenwirkungen sind je nach ADC verschieden: Sie variieren in Art, Häufigkeit, im Schweregrad und wie schnell nach Therapiebeginn sie normalerweise auftreten. Quer durch die Wirkstoffklasse gibt es eine große Spannbreite: Beispielsweise kommt es bei 10 bis mehr als 50 Prozent aller Betroffenen zu Nebenwirkungen am Auge1 – abhängig vom ADC-Medikament. Meist sind die Nebenwirkungen niedriggradig und vorübergehend. Bei etwa 2 Prozent der Erkrankten allerdings kommt es zu einer schweren Toxizität, die einen Stopp der Krebstherapie erfordert. Spätfolgen wie Blindheit sind selten.
Über welche Augenbeschwerden Betroffene berichten:
- Gefühl des trockenen Auges (Xerophthalmie) durch verminderte Tränensekretion (umgekehrt ist auch ein vermehrter Tränenfluss möglich)
- Reibegefühl mit Reizung und Rötung des Auges: Entzündung der Hornhaut (Keratitis) und der Bindehaut (Konjunktivitis)
- Gefühl, geblendet zu sein, erhöhte Lichtempfindlichkeit der Augen (Photophobie)
- Sehstörungen wie verschwommenes Sehen mit oder ohne Verschlechterung des Sehvermögens (Visus)
- Augenschmerzen, Schmerzen an der Augenoberfläche
Mit Hilfe von Fragebögen lassen sich die von Patienten berichteten Augensymptome standardisiert erfassen (auch als Patient-Reported Outcomes bezeichnet, kurz PRO). Mitdokumentiert wird auch, welche Auswirkungen die PRO auf Aktivitäten des täglichen Lebens haben wie zum Beispiel Lesen (auch am Computer oder Handy), Autofahren und Fernsehen. Die persönliche Wahrnehmung kann das behandelnde Ärzteteam bei der individuellen Therapieentscheidung unterstützen.
Krebstherapien, die augentoxisch wirken können
Neben den ADCs gibt es noch eine ganze Reihe anderer Krebstherapien mit okulären Nebenwirkungen. Sie können nicht nur die Hornhaut der Betroffenen schädigen, sondern je nach Therapie auch andere Strukturen des Auges wie die Linse, die Netzhaut oder die Tränendrüse:
- Chemotherapie
- Zielgerichtete Therapie
- Antihormonelle Therapie
- Immuntherapie mit Checkpoint-Hemmern
- Knochenmarktransplantation mit Graft-versus-Host-Disease
- Strahlentherapie im Bereich der Augen
- Radiojodtherapie bei Schilddrüsenkrebs
Warum es wichtig ist, frühzeitig auf Augensymptome zu achten
Sofern Augensymptome unter Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADC) frühzeitig erkannt und behandelt werden, bilden sich die okulären Nebenwirkungen bei den allermeisten Patienten und Patientinnen wieder vollständig zurück. Die Krebstherapie kann dann in der Regel sicher fortgesetzt werden.
Patientenedukation: Deswegen brauchen Krebspatienten eine sorgfältige Aufklärung – unter anderem zum Thema Augenpflege und wie bedeutsam es ist, Beschwerden am Auge umgehend zu melden. Denn oftmals unterschätzen Betroffene milde Beschwerden wie trockene Augen, leichte Reizerscheinungen an der Augenoberfläche oder verschwommenes Sehen. Auch kann Augentrockenheit bereits vor Beginn der Therapie mit den ADCs vorliegen – sei es aufgrund höheren Alters oder weil Patienten schon Nebenwirkungen durch vorangegangene Krebstherapien haben.
Augenärztinnen und Augenärzte einbeziehen: Mit dem wachsenden Einsatz von ADCs in der Onkologie ist die Augenheilkunde zunehmend gefragt. Bei manchen ADC-Arzneimitteln ist die augenärztliche Mitbetreuung – laut Zulassungsbehörden und Fachinformation – sogar fester Bestandteil der Krebstherapie. Das ist auch für Hausarztpraxen wichtig, um Patientinnen und Patienten gegebenenfalls zeitnah zum Ophthalmologen zu überweisen.
Wie ADCs die Augen schädigen
Das Augengewebe reagiert aus unterschiedlichen Gründen empfindlich auf verschiedene onkologische Wirkstoffe: weil es gut durchblutet ist, teilweise aus sich schnell teilenden Zellen besteht und spezifische Rezeptoren ausbildet, die von den ACDs angesteuert werden2. Mehr als die bisherigen Krebstherapien – wie etwa die herkömmliche Chemotherapie – können die neuen Antikörper-Wirkstoff-Konjugate das Auge schädigen.
Hauptangriffspunkt der ADCs am Auge ist die Hornhaut: Über die Blutbahn und auch über den Tränenfilm gelangen die ADC-Wirkstoffe in das Hornhautepithel. Noch ist der genaue Pathomechanismus der ADCs nicht vollständig verstanden. Bei der Untersuchung kann der Augenarzt oder die Augenärztin mit der Spaltlampe kleine, zystenähnliche Veränderungen (Pseudomikrozysten) im Hornhautepithel feststellen. Die Hornhaut sieht nicht mehr glatt und klar aus, sondern die Oberfläche ist aufgeraut. Das ist der Grund, warum Betroffene schlechter sehen und über ein Fremdgefühl im Auge berichten.
On-Target-Effekte und Off-Target-Effekte: Beides spielt laut Experten und Expertinnen1,2,3,4,5 bei der Schädigung der Hornhaut eine Rolle – je nach ADC-Medikament mehr der eine oder mehr der andere Mechanismus.
- Im gesunden Auge gibt es teilweise dieselben Rezeptoren wie auf den Krebszellen, wo die Krebsmedikamente gezielt andocken sollen (englisch: on target, also "im Ziel"), um sie zu zerstören. Bindet das zytotoxische Medikament nun spezifisch an dem entsprechenden Rezeptor in der Hornhaut, wird es von der gesunden Epithelzelle aufgenommen (Endozytose) und kann dort antimitotisch wirken.
- Umgekehrt spricht man von off target, also "weg vom Ziel", wenn das Medikament über eine nicht-spezifische Endozytose in die Zelle internalisiert wird. Auch dann wird die Zellteilung gehemmt und die gesunde Zelle stirbt ab. Dadurch kann es zusätzlich zu entzündlichen Prozessen in der Hornhaut kommen, die ebenfalls zur Augentoxizität beitragen.
Augengesundheit bei Krebs überwachen
Vor Therapiebeginn: Bereits vor Start einer Therapie mit Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADC) ist es wichtig, Patienten und Patientinnen individuell zu beraten. Je nach ADC kann die augenärztliche Mitbetreuung zwingend erforderlich sein, das heißt, sie ist fester Bestandteil der Krebstherapie. Oder sie ist optional, die ophthalmologische Untersuchung und Behandlung richtet sich also danach, ob Augenbeschwerden vorbestehen, unter dem ADC neu auftreten oder sich während der Therapie verschlimmern.
Prophylaxe von Anfang an: Mit vorbeugenden Maßnahmen lassen sich Auftreten und Schweregrad von Nebenwirkungen der ADCs am Auge mindern. Folgende prophylaktische Maßnahmen sind daher in der Regel empfohlen.
- Augenpflege: auf eine gründliche Hygiene in der Augenregion achten und vor dem Schlafengehen warme Kompressen auf die Augenlider legen, um Entzündungen vorzubeugen
- mehrmals täglich die Augen mit benetzenden, konservierungsmittel- und steroidfreien Augentropfen befeuchten, während der gesamten Therapie und sicherheitshalber einige Wochen darüber hinaus
- keine Kontaktlinsen tragen, es sei denn vom Augenarzt verordnet (zum Beispiel spezielle Verbands-Kontaktlinsen bei Hornhautschäden)
- direktes Sonnenlicht vermeiden und Sonnenbrille mit UV-Schutz tragen
- Symptome ernst nehmen und umgehend dem behandelnden Ärzteteam melden
Und was ist bei Katarakt oder Glaukom?
Augenerkrankungen wie der graue Star (Katarakt) oder der grüne Star (Glaukom) sind keine Kontraindikationen für die Gabe von Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADCs) – müssen aber vom Augenarzt oder der Augenärztin kontrolliert werden.
Steroidhaltige Augentropfen können indiziert sein, um ADC-bedingte Augentoxizität zu behandeln. Diese wiederum können selbst Nebenwirkungen am Auge auslösen, zum Beispiel:
- Entstehung eines Katarakts
- Entwicklung eines Glaukoms durch erhöhten Augeninnendruck mit möglicher Gefährdung des Sehnervs
- Erhöhung der Infektionsgefahr
- Verzögerung der Wundheilung
- Verschlimmerung vorbestehender Beschwerden wie trockenes Auge
Fazit: Eine augenärztliche Begleitung ist erforderlich.
Therapie von okulären Nebenwirkungen
Zwar sind Nebenwirkungen unter Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADC) häufig, sie lassen sich jedoch in der Regel gut behandeln. Die genaue Vorgehensweise hängt davon ab, welches ADC-Arzneimittel im Einzelnen Krebskranke erhalten, welche Augensymptome auftreten und wie sie verlaufen. Die spezifischen Therapieempfehlungen sind in der jeweiligen Fachinformation detailliert nachzulesen.
Mögliche Bausteine der Therapie (abhängig vom ADC)
- befeuchtende Augentropfen (rezeptfrei)
- kortikosteroidhaltige Augentropfen
- vasokonstriktorische Augentropfen und Augenkühlung mit Kühlpacks während der ADC-Infusion, um die Gefäße zu verengen und die Durchblutung zu verringern
- antibiotische Augentropfen
- Anpassung der ADC-Therapie (Behandlung pausieren, Dosis reduzieren, selten dauerhaftes Absetzen)
Dabei bedarf es einer engen Absprache zwischen Onkologie und Augenheilkunde. Zu den ophthalmologischen Kontrolluntersuchungen kann je nach klinischer Indikation folgende Augendiagnostik gehören:
- Spaltlampenuntersuchung, um die Hornhaut zu beurteilen
- Sehschärfentest, um den Visus zu bestimmen
- Messung des Augeninnendrucks (Tonometrie)
- Spiegelung des Augenhintergrunds (Funduskopie), um Netzhaut, Sehnerv und Blutgefäße zu beurteilen
Wichtig zu wissen: Sorgsames Monitoring und Management von Nebenwirkungen am Auge sind essenziell, um die ADC-Therapie sicher fortzuführen. Ist es notwendig, einen Zyklus zu verschieben oder die Infusionsdosis herabzusetzen, scheint die Therapie trotzdem wirksam zu bleiben – so die Studienergebnisse4. Ein Abbruch der Krebstherapie, um das Augenlicht zu erhalten, ist nur selten notwendig. Gegebenenfalls müssen Arzt und Patient gemeinsam Nutzen und Risiken abwägen.
Fazit für die Praxis
Ist eine Therapie mit Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADC) geplant? Dann sollten Betroffene, ihre betreuenden Hausärzte und ihr Umfeld informiert sein, dass Augenprobleme eine häufige Nebenwirkung von ADCs sind. Meist lässt sich zuverlässig vorhersagen, wann nach Start des ADC mit ersten Veränderungen am Auge zu rechnen ist: In der jeweiligen Fachinformation ist die mediane Zeitspanne bis zum Auftreten vermerkt und was man prophylaktisch tun kann.
Eine ophthalmologische Mitbetreuung von Anfang an ist oftmals sinnvoll und bei manchen ADCs zudem Voraussetzung für die sichere und wirksame Durchführung der Krebstherapie. Patienten und Patientinnen kann es beruhigen, dass ADC-bedingte Augennebenwirkungen meist niedriggradig sind und durch augenärztliche Maßnahmen in der Regel wieder vollständig abklingen.
Interessant zu wissen ist auch, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an der Entwicklung von ADCs der nächsten Generation forschen – für weitere Tumorarten und insbesondere, um die Toxizitätsprofile zu verbessern.6
Zum Weiterlesen: Verwendete Quellen und vertiefende Informationen
Quellen
1 Bouguerra Zina B, Rousseau F, Fauquier S, Sabatier R, Kfoury M. Practical clinical management of ocular adverse events related to Antibody-Drug Conjugates in gynaecological malignancies. Cancer Treat Rev. 2025 Mar;134:102867. doi: 10.1016/j.ctrv.2024.102867.
2 Feng X, Yu X, Yang S, Yuan G, Huang M, He Z, Wu J. Risk of Ophthalmotoxicity Associated with Antibody-Drug Conjugates: A Systematic Review and Meta-analysis. Clin Drug Investig. 2025 Jun;45(6):295-308. doi: 10.1007/s40261-025-01447-6.
3 Greenberg MR, Noveihed A, George M. Overview of ocular toxicities associated with breast cancer therapies. Breast Cancer Res Treat. 2025 Dec 9;215(1):33. doi: 10.1007/s10549-025-07843-y.
4 Terpos E, Trudel S, Mateos MV, Alejandre N, Colby K, Dimopoulos MA, Esposti SD, Farooq AV, Gavriatopoulou M, Gay F et al. Practical Guidance on Clinical Management of Belantamab Mafodotin-Associated Ocular Events. Am J Hematol. 2025 Oct;100(10):1839-1850. doi: 10.1002/ajh.70015.
5 Topalov NE, Ivanov V, Messmer E. et al.Augentoxizität unter Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten. Fokus Onkol 28, 53–61 (2025). doi: 10.1007/s15015-025-4415-7.
6 Zhang J, Li W, Li M, Wu G, Ni Y, Du J, Xu G, Duan M, Yang Y, Yu X, Cui C, Liu C, Yu C, Wang L. Bench-to-Bedside Perspectives on Ocular Toxicity of Antibody-Drug Conjugates: Toxicology, Clinical Management and Molecule Optimization. Pharm Res. 2026 Jan 15. doi: 10.1007/s11095-025-03953-w.
Leitlinien und systematische Übersichtsarbeiten
Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen, Langversion 2.0, 2025, AWMF-Registernummer: 032-054OL; Zugriff am 12.02.2026.
