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Hormonentzugstherapie des Prostatakarzinoms

Individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung immer wichtiger

Das Prostatakarzinom ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern in Deutschland. Eine wichtige Säule der Therapie von Patienten mit Prostatakrebs ist die Hormonentzugstherapie. Häufig erstreckt sich die Therapie über mehrere Monate oder Jahre. Daher sind auch viele Nicht-Urologen wie beispielsweise Hausärzte mit der hormonellen Therapie befasst, wenn sie Patienten mit einem Prostata-Ca betreuen.

In der aktualisierten Fassung der S3-Leitlinie "Prostatakarzinom" sind jetzt die Empfehlungen zur Anwendung der Hormonentzugstherapie präzisiert. Besonderen Wert legen die Autoren darauf, Patienten bei der Entscheidung für oder gegen einen Hormonentzug einzubeziehen, Vor- und Nachteile individuell abzuwägen sowie rehabilitative Maßnahmen zu berücksichtigen. krebsinformationsdienst.med erläutert die wissenschaftlichen Hintergründe.

Rolle der Hormonentzugstherapie

Nutzen: Kurative versus palliative Zielsetzung
Die Hormonentzugstherapie wird bei Männern mit einem Prostatakarzinom in unterschiedlichen Krankheitssituationen eingesetzt. Die Indikationen erstecken sich von lokal begrenztem Prostatakrebs bis zur fortgeschrittenen Krebserkrankung mit Metastasen. Die Zielsetzung der Hormonbehandlung kann also kurativ oder palliativ sein. Während sie bei Patienten mit lokalisiertem Prostata-Ca die Heilung unterstützen kann, erfolgt sie bei metastasierter Erkrankung, um Beschwerden zu lindern und das Überleben zu verlängern.

Multimodales Behandlungskonzept
In den letzten Jahren sind die Behandlungskonzepte bei Patienten mit Prostatakrebs zunehmend komplexer geworden. Während die Hormonentzugstherapie früher oft alleine gegeben wurde, ist sie heute häufig in eine multimodale Therapie eingebettet. Das heißt, je nach Erkrankungssituation, kann die Hormontherapie zusammen mit anderen Therapieverfahren wie Operation, Strahlentherapie und/oder Chemotherapie eingesetzt werden. Wie die verschiedenen Säulen der Therapie miteinander zu kombinieren sind, können Fachleute in der neuen S3-Leitlinie "Prostatakarzinom" nachlesen.

Individualisierte Therapieentscheidung

Patient berät sich mit seinem Arzt Foto: Tobias Schwerdt © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum
Individuell Nutzen und Risiken abwägen. Foto: Tobias Schwerdt © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

Die Autoren der S3-Leitlinie Prostatakrebs weisen in ihrer aktualisierten Fassung auf die begrenzte Datenlage zur Hormontherapie hin. In den Hintergrundinformationen wird erklärt, dass Ergebnisse aus den vorliegenden randomisiert kontrollierten Studien nicht 1:1 auf bestimmte Patientengruppen übertragen werden können.

Heterogene Studienlage bei der Beratung berücksichtigen
Grundlage für die aktuellen Leitlinienempfehlungen sind mehrere Studienpublikationen. Eine Auswahl hat krebsinformationsdienst.med für Sie im Abschnitt Quellen am Ende des Textes zusammengestellt. Die Studien sind heterogen. Beispielsweise werden Risikogruppen oder Subgruppen nicht in allen Arbeiten getrennt analysiert. Auch wenn die Nachbeobachtungszeiten in einigen Auswertungen ausreichend lang sind – manchmal bis zu 20 Jahre – können die Ergebnisse meist nicht direkt auf die heutige Praxis übertragen werden: Die Therapien, die bei Beginn der Studien üblich waren, entsprechen heute oft nicht mehr dem aktuellen Kenntnisstand. Ein Beispiel hierfür sind die modernen Bestrahlungstechniken der Prostata.

Aus diesen Gründen ist es notwendig, für jeden Patienten eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung vorzunehmen. Die Entscheidung für oder gegen eine Hormontherapie kann im Einzelfall schwierig sein: Sowohl die vielfältigen Eigenschaften des Tumors als auch individuelle Faktoren des Patienten müssen berücksichtigt werden. Ebenso spielen die persönlichen Wünsche und Wertvorstellungen des betroffenen Mannes eine wichtige Rolle.

Nutzen und Risiken abwägen

Fazit für die Beratung:

Die Beratung zur Hormontherapie ist keine leichte Aufgabe. Ziel einer Hormontherapie sollte nicht nur der rasche PSA-Abfall sein – auch wenn Experten beobachtet haben, dass sich dies günstig auf die Psyche auswirken kann. Vielmehr ist es wichtig, betroffene Männer umfassend über mögliche Vor- und Nachteile eines Hormonentzugs aufzuklären. Ärzte sollten die Wünsche ihrer Patienten erfragen. Nutzen und Risiken müssen individuell abgewogen werden, um die Indikation richtig zu stellen. Arzt und Patient treffen die Therapieentscheidung gemeinsam. Vor Beginn der antihormonellen Therapie werden Maßnahmen geprüft, die den Nebenwirkungen vorbeugen sollen.

Die Prostatakrebs-Leitlinie sieht vor, dass Ärzte und Patienten gemeinsam entscheiden. Voraussetzung für eine "richtige Entscheidung" ist, dass betroffene Männer gut informiert sind und sorgfältig über Vor- und Nachteile der Hormontherapie aufgeklärt werden. Welchen potentiellen Nutzen ein Hormonentzug mit seinem Nebenwirkungsspektrum rechtfertigt, muss mit jedem einzelnen Patienten individuell abgewogen werden, eventuell nach Konsultation verschiedener Fachdisziplinen. Manche Experten sprechen auch von einer Personalisierung oder Stratifizierung der antihormonellen Therapie, da die Therapie anhand der persönlichen Situation des Patienten geplant wird.

Wann könnte eine Hormonentzugstherapie nützlich sein? Wenn mehrere Zeichen gleichzeitig für eine hohe Rückfallwahrscheinlichkeit vorliegen.

  • hoher Gleason-Score 8 - 10
  • positiver Schnittrand nach der Operation
  • ausgedehntes Tumorwachstum über die Prostatakapsel hinaus, Tumorbefall der Samenblasen und/oder der benachbarten Lymphknoten

Wann könnte eine Hormonentzugstherapie eher schaden? Wenn Patienten eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, an etwas anderem zu sterben als an Prostatakrebs.

  • hohes Alter
  • Begleiterkrankungen
  • begrenzte Lebenserwartung

Nebenwirkungen vorbeugen und behandeln

Typische und häufige Nebenwirkungen der antihormonellen Therapie

Informationen zu diesem Thema finden Sie in unserem Text "Behandlung bei Prostatakrebs: Hormonelle Therapie und Hormonentzug". Zusätzlich sind hier auch Maßnahmen zur Vorbeugung und Behandlung genannt.

Ist die Therapieentscheidung für eine Hormontherapie getroffen, gilt es möglichen Nebenwirkungen vorzubeugen und/oder sie zu behandeln. Prinzipiell können die Nebenwirkungen bereits innerhalb der ersten drei Monate nach Therapiebeginn auftreten. In der Regel steigen die Nebenwirkungen mit zunehmender Dauer des Hormonentzugs an. Auch nach Absetzen der Therapie kann die antihormonelle Wirkung noch eine Weile andauern, zum Beispiel bis sich der Testosteronspiegel normalisiert hat.

Außerdem sind die Nebenwirkungen von folgenden Kriterien abhängig:

  • Art des Hormonentzugs (Testosteron-senkende oder antiandrogene Wirkung)
  • Therapiestrategie (intermittierende oder kontinuierliche Therapie)
  • Alter und Begleiterkrankungen des Patienten

Für die Behandlungswahl können auch Nebenwirkungen entscheidend sein, die bisher weniger bekannt sind. Daher sollten Ärzte betroffene Männer auch über folgende Beschwerden unter Hormonentzug aufklären:

  • Angst, Depression und Fatigue
  • Abnahme von Hoden- und Penisgröße
  • Metabolisches Syndrom (z. B. mit der Folge eines Diabetes mellitus)

Neu in der aktualisierten Leitlinie ist die Empfehlung, bereits während der Hormonentzugstherapie die Nebenwirkungen zu behandeln. Experten empfehlen den behandelnden Ärzten darüber hinaus, bei Patienten mit einem Prostata-Ca bereits vor Therapiebeginn die Knochengesundheit, das kardiovaskuläre Risikoprofil und den allgemeinen Gesundheitszustand (geriatrisches Assessment) zu untersuchen. Einig sind sich die Fachleute auch, dass es wichtig ist herauszufinden, welche Männer psychoonkologischen Unterstützungsbedarf haben (psychoonkologisches Screening). Ziel dieses multidisziplinären Managements ist es, die Lebensqualität der Betroffenen während der gesamten Behandlungszeit bestmöglich zu erhalten.