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Komplementäre Krebstherapie: Was ist dran an Bienenprodukten?

Honig, Propolis und Gelée Royale in der Onkologie

Welchen Stellenwert haben komplementäre und alternative oder auch experimentelle Methoden? Diese Frage beschäftigt sehr viele Nutzerinnen und Nutzer des Krebsinformationsdienstes. Ein aktuelles Beispiel: Können Bienenprodukte als Krebsmedikamente genutzt werden? Hilft Honig gegen Mukositis? Wie sieht es mit Propolis oder Gelée Royale zur Linderung therapiebedingter Beschwerden aus, etwa zur Unterstützung der Wundheilung, oder auch zur Krebstherapie selbst? Der krebsinformationsdienst.med ist diesen Fragen nachgegangen und hat den gegenwärtigen Wissensstand zu Bienenprodukten zusammengetragen.

Bienenprodukte: Honig und was noch?

Welche Bienenerzeugnisse werden in der Medizin diskutiert?

  • Honig unterliegt zwar dem Lebensmittelrecht, wird in der Naturheilkunde aber traditionell als Heilmittel eingesetzt. Es gibt jedoch auch als Medizinprodukt zertifizierte Zubereitungen, z.B. für die Wundbehandlung, die nach den Vorgaben des europäischen Arzneibuchs hergestellt sein müssen. Die Wirkung basiert auf physikalischen, antibakteriellen Prozessen.
  • Bienenwachs und ganze Bienenwaben. Beides wird nicht in der Krebsmedizin eingesetzt.
  • Gelée Royale ist der sogenannte Bienenköniginnenfuttersaft. Dieser Saft wird in den Kopfdrüsen von Honigbienen produziert und dient der Ernährung der Bienenkönigin und zum Teil auch der Bienenlarven. Gelée Royale wurde bis vor einiger Zeit in unverarbeiteter oder verarbeiteter Form als Inhaltsstoff von Arzneimitteln verwendet. Inzwischen wird der Saft nur noch als Nahrungsergänzungsmittel und Inhaltsstoff von Lebensmitteln angeboten. Es ist Aufgabe der Behörden der amtlichen Überwachung in den Bundesländern, über die Verkehrsfähigkeit Gelée Royale-haltiger Produkte zu entscheiden. Für Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel und Arzneimittel gelten unterschiedliche rechtliche Bestimmungen.
  • Propolis, das auch als Bienenharz, Bienenkitt oder Bienenleim bezeichnet wird, ist ein Gemisch aus mehr als zweihundert unterschiedlichen Stoffen. Die konkrete Zusammensetzung unterscheidet sich je nach Umgebung und dem Angebot an Futterpflanzen von Bienenvolk zu Bienenvolk. Einen wesentlichen Anteil haben Baumharze. Deren Inhaltsstoffe erklären auch die antibiotische, antimykotische und antivirale Wirkung, die nicht nur Imker dem Bienenharz zuschreiben. Propolis dient in Bienenstöcken als Kitt und Klebesubstanz. Es findet sich insbesondere an den Fluglöchern eines Bienenstocks, wo es möglicherweise auch als Keimbarriere dient. Darüber hinaus wird es von Bienen aber auch benutzt, um im Stock vorhandene Fremdkörper und Unrat abzukapseln.
    Rechtlich gilt für Propolis dasselbe wie für Gelée Royale. Das heißt, die jeweiligen Landesbehörden sind abhängig von der Verwendung von Propolis als Arzneimittel, Lebensmittel oder Kosmetikum für die Einhaltung der gültigen rechtlichen Bestimmungen zuständig. Beispielsweise muss entschieden werden, ob Propolis im Lebensmittelbereich den Zusatzstoffen gleichgestellt ist oder ob es sich um einen zulassungspflichtigen Stoff handelt.

Honig, Propolis & Co. – sinnvoll in der Krebstherapie?

Honig in der Supportivtherapie

Honigbiene und Blüte © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum
Honigbiene im Anflug © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

Traditionell wird Honig in vielen Kulturen gegen Hautreizungen und zur Wundpflege eingesetzt. Im Bereich der Onkologie finden sich Studien, in denen Honig beispielsweise als supportive Therapie bei Krebspatienten nach einer therapiebedingten oralen Mukositis eingesetzt wurde. Honig lindert die Beschwerden der Patienten, in Abhängigkeit vom Schweregrad manchmal deutlich, manchmal weniger deutlich. Die vorliegenden Daten sind nur mäßig aussagekräftig. Da die Behandlung einer oralen Mukositis aber schwierig, langwierig und schmerzhaft sein kann, stellt Honig dennoch eine Therapiemöglichkeit dar.

Honig ist jedoch auch zur Selbstmedikation populär: Manche Patienten, etwa mit Kopf-Hals-Tumoren, setzen Honig vorbeugend während einer Strahlentherapie von Mund, Hals und Speicheldrüsen ein, um das Auftreten von Schleimhautschäden in der Mundhöhle zu verhindern. Generell können verschiedenste Krebstherapien, nicht nur eine Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich, zum Auftreten von Mukositiden führen. Hier stellt Honig tatsächlich eine präventive Maßnahme dar.

Diese Anwendung von Honig ist zwar nicht schädlich, trotzdem sollten Ärzte, Apotheker oder auch einbezogene Pflegefachleute auf eine gute Mundhygiene hinweisen: Der hohe Gehalt an Zucker im Honig kann bei einer langzeitigen Anwendung und vor allem bei eingeschränktem Speichelfluss die Entstehung von Karies fördern. Die Behandlung offener Schleimhautwunden mit naturbelassenem Honig ist aufgrund der möglichen Keimbelastung nicht zu empfehlen. Egal ob kranke Personen Honig präventiv oder supportiv verwenden möchten, es sollte immer medizinischer Honig genutzt werden.

Propolis gegen Tumorzellen

Anders sieht die Studienlage für Propolis aus: Veröffentlichungen aus experimentellen Studien, in denen Inhaltsstoffe aus Propolis isoliert und gezielt an Zellkulturen getestet wurden, gibt es schon seit mehreren Jahrzehnten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf dem Inhaltsstoff Kaffeesäure-Phenethyl-Ester: Diese Substanz kann in Zellkulturen beispielsweise das Auftreten einer genregulierten Chemotherapieresistenz vermindern. Wie sieht es mit der Übertragbarkeit solcher vorklinischer Daten auf die klinische Situation aus? Bislang haben sich weder dieser Ester noch weitere Wirkstoffe aus Propolis in aussagekräftigen klinischen Studien als Therapie gegen Krebs beweisen können.
Auch präventiv scheint das Bienenharz nicht wirksam zu sein. Eine Pilotstudie, welche den tumorschützenden Effekt von brasilianischem Propolis bei Patienten mit Darmpolypen untersucht hat, erbrachte keinen Effekt: Die Raten an proliferativen Veränderungen in der Darmschleimhaut, wie sie auch bei Patienten mit Darmkrebs auftreten, änderte sich durch die Einnahme von Propolis nicht. Die Autoren führten keine weiteren Studien mit Propolis durch.

Beschrieben wird auch eine supportive Wirkung für Patienten mit bestrahlungsbedingter Mukositis. Allerdings ist die Datenlage nicht eindeutig. Deshalb sollte zunächst ein Einsatz von Propolis bei Schleimhautentzündungen bei mehr Patienten untersucht werden.
Ähnlich sieht die Datenlage zu Gelée Royale aus. In einzelnen Studien wurden positive Effekte bei Patienten mit Mukositiden nach Bestrahlung oder Chemotherapie beobachtet. Hier liegen bislang aber zu wenige Daten vor, um eine eindeutige Empfehlung abgeben zu können.

Diskutiert wird auch, ob der Bienenköniginnensaft das Immunsystem von Patienten verbessern kann. In der Zellkultur und in Tierversuchen konnte Gelée Royale die Auswirkungen von oxidativem Stress vermindern und auch antiinflammatorische und zellregenerierende Effekte wurden beobachtet. Studien am Menschen, Krebspatienten oder nicht, fehlen dazu aber bislang.

Mögliche Risiken: Allergien, Keimbelastung, Schadstoffe

Im Jahr 2009 veröffentlichte das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) eine immer noch gültige Stellungnahme zur "Einschätzung von Propolis und Gelée Royale". In dieser weist das BfR darauf hin, dass beide Bienenprodukte Inhaltsstoffe haben, die bei empfindlichen Personen in Einzelfällen zu schweren allergischen Reaktionen führen können. Bei Propolis beschreiben die vorliegenden Berichte Kontaktreaktionen bei äußerlicher Anwendung, etwa in kosmetischen Produkten, und allergische Reaktion bei oraler Einnahme in Form von Tabletten, Lutschbonbons oder Tropfen. Gelée Royale hat ein höheres allergenes Potential. So war in seltenen Fällen nach oraler Einnahme von anaphylaktischen Reaktionen berichtet worden. Vorsicht bei der Anwendung von Bienenköniginnenfuttersaft sollten walten lassen: Asthmatiker, Atopiker und alle Personen, die sonst eine Überempfindlichkeit gegen Stoffe aus der Umwelt aufweisen können. Bei ihnen kann Gelée Royale schwere, lebensbedrohliche Reaktionen auslösen.

Nicht nur die Keimbelastung von Honig, Propolis und Co. spielt eine Rolle. Wichtig ist es auch, den Schadstoffgehalt von Bienenprodukten im Blick zu behalten. Honig selbst wird regelmäßig überwacht im Rahmen des sogenannten Lebensmittelmonitorings des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Auch Honigprodukte, die als Lebensmittel in den Verkehr gebracht werden, dürfen gewisse Grenzwerte von Schadstoffen nicht überschreiten.

Dies zu gewährleisten, ist nicht so einfach wie gedacht. Alleine die eingesetzten Pestizide in der Landwirtschaft stellen eine echte Gefahr für die Bienenvölker weltweit dar. Einmal aufgenommen, finden sich die Schadstoffe über kurz oder lang auch in den Bienenprodukten wieder.

Hinzu kommt, dass Bienen extrem empfindlich auf Schadstoffe reagieren. So kommt es immer weiter zu einem besorgniserregenden Schwund von Bienenvölkern. Inzwischen hat die Europäische Kommission eine eigene Strategie zur Bekämpfung des Bienenrückgangs ins Leben gerufen, welche von der European Food Safety Authority koordiniert wird.
Nur den wenigsten Menschen ist klar, wie abhängig wir tatsächlich von Bienen und der Pflanzenbestäubung durch Insekten sind. Nach den Schätzungen der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) werden 71 der 100 Nutzpflanzenarten, aus denen ein Großteil der Lebensmittel (90 %) weltweit gewonnen wird, von Bienen bestäubt. Auch die meisten der in der Europäischen Union (EU) angebauten Kulturpflanzen sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen.