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Aktuelles Thema: Warum kann man nicht jedes Chemotherapie-Medikament als Tablette bekommen?

Immer mehr moderne Krebsmedikamente stehen heutzutage in Tablettenform zur Verfügung. Für betroffene Patienten bedeutet dies meist eine Erleichterung, wenn ihre Behandlung ohne Infusionen oder Spritzen auskommt.
Aber gerade in der Chemotherapie überwiegen noch immer andere Verabreichungsformen: Die meisten Zytostatika gibt es weiterhin nur als Infusionslösung.

Warum das so ist, erläutert der Krebsinformationsdienst anhand einer aktuellen Anfrage.



Sehr geehrte Fragestellerin, vielen Dank für Ihre E-Mail an den Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums. Ihr Mann ist an kleinzelligem Lungenkrebs erkrankt. Sie fragen, ob er eine Chemotherapie in Tablettenform erhalten kann.

Chemotherapie: Infusionsbeutel © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum
Die meisten Zytostatika stehen als Infusion zur Verfügung © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

Gerne stellen wir Ihnen aktuelle Hintergrundinformationen zur Behandlung bei kleinzelligem Lungenkrebs zusammen. Bitte beachten Sie jedoch: Eine persönliche und auf die Situation Ihres Mannes zugeschnittene ärztliche Beratung lässt sich durch Informationen aus dem Internet oder per E-Mail nicht ersetzen. Die Planung, welche Behandlungen und welche Medikamente infrage kommen, können nur die behandelnden Ärzte durchführen. Diese werden sich bei der Prüfung der Möglichkeiten aber auf jeden Fall mit Ihrem Mann absprechen und seine Sorgen und Befürchtungen, soweit möglich, bei der Behandlung berücksichtigen.

Ihrem Mann wurden eine Chemotherapie und eine Bestrahlung vorgeschlagen. Für die Chemotherapie bei kleinzelligem Lungenkarzinom stehen verschiedene Medikamente, sogenannte Zytostatika, zur Verfügung. Sie haben zwar nicht angegeben, in welchem Stadium die Erkrankung Ihres Mannes entdeckt wurde und welche Arzneimittel genau die Ärzte vorschlagen. Daher bitten wir Sie um Verständnis dafür, dass wir Ihre Anfrage nur vergleichsweise allgemein beantworten können.

Aber Sie schreiben, dass die Ärzte Ihres Mannes noch keine Metastasen finden konnten: Hat ein kleinzelliger Tumor der Lunge noch nicht in andere Organe gestreut, ist aber zu groß für eine Operation, wäre zurzeit eine Kombination der Zytostatika Cisplatin und Etoposid die erste Wahl. Gleichzeitig oder direkt danach beginnt eine Bestrahlung. Dies empfehlen Fachleute in sogenannten Leitlinien, aktuellen Behandlungsempfehlungen, die Ärzte als Grundlage ihrer Entscheidungen heranziehen.

Von solchen Leitlinienempfehlungen kann allerdings auch abgewichen werden, wenn die Situation eines Patienten es erfordert.

  • Bitte fragen Sie oder Ihr Mann daher die Ärzte, ob diese beiden Arzneimittel bei ihm angewendet werden sollen.

Falls dies der Fall ist, so kommt für Ihren Mann eine sogenannte orale Chemotherapie, also mit Arzneimitteln zum Einnehmen, nicht infrage: Der Wirkstoff Cisplatin gehört zur Gruppe der Platin-Verbindungen. Er steht nur als Infusion zur Verfügung. In Tablettenform gibt es dieses Mittel nicht. Das Gleiche gilt auch für andere platinhaltige Zytostatika.
Etoposid erhalten Patienten ebenfalls meist als Infusion. Den Wirkstoff gibt es zwar inzwischen auch als Kapsel zum Schlucken.
Für das kleinzellige Lungenkarzinom sind die Kapseln aber nur dann zugelassen, wenn die Erkrankung bereits fortgeschritten ist. Dies trifft nach Ihrer Schilderung für Ihren Mann aber nicht zu. Und auch wenn Ihr Mann eines der beiden Medikamente als Kapsel erhalten könnte, müsste man ihm dennoch das andere als Infusion geben.

Ein Beispiel ist etwa Topotecan. Die Tablettenform des Wirkstoffes ist bei kleinzelligem Lungenkrebs zugelassen, wenn die Erkrankung nach einer zunächst erfolgten Behandlung erneut auftritt und bisher verwendete Medikamente nicht mehr infrage kommen.

"Port" zur Erleichterung der Infusionen

Angst vor Spritzen?

Das muss Patienten nicht peinlich sein. Vielen Menschen geht es so, Ärzte und Pflegefachleute kennen das Problem.

Auch wenn Ihr Mann seine Medikamente voraussichtlich als Infusionen in eine Vene erhalten wird, werden die Ärzte und Pflegefachkräfte versuchen, ihm die Situation so erträglich wie möglich zu machen. Vielleicht scheut sich Ihr Mann, seine Angst vor Spritzen selbst anzusprechen. Er steht damit aber nicht alleine, vielen anderen Patienten geht es genauso. Vielleicht hilft es ihm, das Thema beim nächsten Arztgespräch ins Spiel zu bringen.

Damit nicht bei jeder Infusion eine neue Vene gesucht und ein neuer Venenkatheter gelegt werden muss, erhalten viele Patienten für die Zeit der Chemotherapie einen sogenannten Port. Ein Port ist ein kleines Reservoir aus sterilem Material. Es wird bei einem ambulanten chirurgischen Eingriff unter die Haut eingesetzt und mit einer Vene verbunden. Ist der Port nach kurzer Zeit eingeheilt, müssen Ärzte und Pflegekräfte nicht mehr jedes Mal eine Vene anstechen, um die Zytostatika-Infusionen zu legen oder um andere Medikamente zu geben: Nur noch das Reservoir wird mit einer feinen Nadel durch die Haut anpunktiert. Die meisten Patienten empfinden dies als wenig oder gar nicht schmerzhaft. Auch die Gefahr des Danebenstechens entfällt. In manchen Kliniken ist es zudem üblich, Blut für Untersuchungen über den Port abzunehmen.

Ob ein solcher Port für Ihren Mann infrage kommt, sollte er beim nächsten Arztgespräch klären. Weitere Informationen hat der Krebsinformationsdienst im Text "Port zur Chemotherapie: Wie pflegen, wann entfernen?" zusammen gestellt.
Wir würden uns freuen, wenn wir Ihnen und Ihrem Mann mit diesen Informationen weiterhelfen konnten. Weitere Informationen sowie Linktipps und Quellen haben wir im folgenden Abschnitt zusammengestellt.

Hintergrund: Warum gibt es die meisten Zytostatika nicht als Tabletten?

Warum gibt es nicht mehr Zytostatika zum Einnehmen? Dies hat mehrere Gründe: Zum einen erhält ein Patient mit jeder Infusion eine für ihn individuell abgestimmte Zusammenstellung und Dosierung der Zytostatika. Festgelegt ist auch, wie schnell oder wie langsam über den "Tropf" die Mittel in den Körper gelangen. Dabei berücksichtigt man nicht nur das Gewicht des Patienten, sondern auch beispielsweise, wie gut die Nieren funktionieren.

Diese genaue Dosierung ist mit Tabletten nicht so einfach: Wie schnell eine Substanz über Magen oder Darm aufgenommen wird, hängt stark vom individuellen Stoffwechsel ab, und natürlich spielen auch die Nahrungsaufnahme oder die Trinkmenge eine Rolle.

Zum anderen kann nicht jedes Medikament geschluckt werden, weil viele Wirkstoffe über den Verdauungstrakt gar nicht in den Blutkreislauf und so auch nicht an den Tumor gelangen würden. Andere würden Magen oder Darm dagegen nicht unbeschadet passieren. Die Magensäure würde beispielsweise mit dem Wirkstoff Cisplatin reagieren und ihn verändern. Dann könnte er nicht mehr richtig wirken.

Um eine zu frühe "Verdauung" zu verhindern, setzen Arzneimittelexperten heute auf zwei Strategien: Manche Arzneimittel lassen sich in Kapseln oder andere Hüllmittel so verpacken, dass sie erst im Dünndarm freigesetzt werden. Orale Zytostatika bestehen außerdem meist aus einer chemischen Vorstufe des eigentlichen Wirkstoffs: Diese Vorstufe passiert den Verdauungstrakt unbeschadet und wird erst in der Leber in den eigentlichen Wirkstoff umgewandelt. Von dort gelangt der Wirkstoff ins Blut, das ihn im Körper verteilt.

Forschung: Entwicklung neuer Darreichungsformen

Lexikon

Galenik: Lehre von der Herstellung von Arzneimitteln; auch "pharmazeutische Technologie".

Forscher in der Medizin sind nicht nur damit beschäftigt, neue Medikamente zu entwickeln. Sie suchen auch nach neuen Darreichungsformen für bestehende Wirkstoffe - um sie verträglicher zu machen oder Patienten die Einnahme zu erleichtern. Dazu gehört es auch, Wirkstoffe chemisch so abzuändern, dass sie bei gleicher Wirksamkeit nicht als Infusion, sondern etwa als Tablette zur Verfügung stehen.

Diese Forschung benötigt jedoch Zeit. Ein Beispiel: Seit Anfang der neunziger Jahre untersuchen Mediziner in klinischen Studien eine mit Cisplatin verwandte Verbindung, das Satraplatin. Diese Platinverbindung kann wegen ihrer chemischen Eigenschaften auch geschluckt werden. Bisher fanden mit Lungenkrebspatienten aber nur frühe klinische Studien statt. Die Substanz ist bis heute nicht als Arzneimittel zugelassen, weil noch Informationen über ihren tatsächlichen Nutzen und ihre Wirkung im Körper fehlen: Weitere Studien sind notwendig.



Herausgeber: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) │ Autoren/Autorinnen: Internet-Redaktion des Krebsinformationsdienstes. Lesen Sie mehr über die Verantwortlichkeiten in der Redaktion.

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