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Klimawandel in medizinischer Leitlinie angekommen

S3-Leitlinie Hautkrebs-Prävention widmet Klimawandel eigenes Kapitel

2020 war nicht nur das Jahr der Corona-Pandemie. Es war weltweit auch eines der drei wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Das Thema Klimawandel hat nun Eingang in eine medizinische Leitlinie gefunden.

Ein einzelner Baum steht in einer ebenen Landschaft, das Bild ist in der Mitte geteilt: Auf der linken Bildseite trägt der Baum Blätter und steht auf einer grünen Wiese. Auf der rechten Seite steht er kahl unter der strahlenden Sonne, die Landschaft ist trocken und wüstenartig [Symbolbild für den Klimawandel].
Klimawandel und UV-Strahlung – nun ein Thema in der aktualisierten S3-Leitlinie Prävention von Hautkrebs. © Tumisu, Pixabay

Die aktuelle S3-Leitlinie Prävention von Hautkrebs widmet sich unter anderem einem Thema, das neben weltweiten Folgen in diversen Lebensbereichen womöglich auch einen Einfluss auf die Hautkrebsinzidenz haben könnte: dem Klimawandel. "Klimawandel und UV-Strahlung" ist das neue Kapitel der im März 2021 veröffentlichten Version 2.0 der S3-Leitlinie Hautkrebs-Prävention betitelt. Doch worum geht es konkret? Und was hat der Klimawandel mit Hautkrebs zu tun? krebsinformationsdienst.med gibt einen Einblick.

Leitlinie um Kapitel "Klimawandel und UV-Strahlung" ergänzt

Die Autoren des neuen Kapitels beschäftigen sich mit den Folgen des Klimawandels auf die Lufttemperatur und auf die Belastung durch UV-Strahlung. Sie stellen dar, was bereits bekannt ist und wo noch Forschungsbedarf besteht – auch hinsichtlich eines möglichen Zusammenhangs mit Hautkrebs.

Untergliedert ist das Thema Klimawandel in die Unterkapitel

  • Klimawandel und UV-Strahlung,
  • Wahrnehmung von Hitze und UV-Strahlung und
  • Klimawandel und Städtebau.

Was ist bislang bekannt?

Mehr Mini-Ozonlöcher über Europa

In der nördlichen Hemisphäre kommt es nach bisherigem Kenntnisstand durch die globale Erwärmung vermehrt zum Auftreten von Mini-Ozonlöchern (Niedrigozon-Ereignisse). Mini-Ozonlöcher entstehen durch Schwankungen des Ozongehalts und bestehen nur wenige Tage lang. Örtlich kann es dann kurzfristig zu einer hohen UV-Belastung kommen. Mit dem Klimawandel steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Mini-Ozonlöcher über Europa bilden.

Steigende Lufttemperaturen und eine erhöhte Belastung durch UV-Strahlen sind Folgen des Klimawandels, das ist belegt. Wie sich dies aber für bestimmte Regionen auswirkt, lässt sich bislang noch nicht in Zahlen ausdrücken.

Die UV-Strahlungsbelastung wird beispielsweise beeinflusst durch

  • eine veränderte Bewölkung,
  • den Abbau der Ozonschicht
  • oder dadurch, dass sich Menschen häufiger im Freien aufhalten, wenn die Sonne scheint und es angenehm warm ist.

Einfluss auf Morbidität und Mortalität

Sowohl steigende Temperaturen als auch UV-Belastung beeinflussen die Morbidität, also die Krankheitshäufigkeit in der Bevölkerung. Eine erhöhte Mortalität dagegen ist derzeitigen Erkenntnissen zufolge bislang nur im Zusammenhang mit steigenden Temperaturen festzustellen – die Autoren der Leitlinie verwenden hier den Ausdruck "thermische Belastung".

Stichwort Hitzewelle: Studien belegen, dass thermische Belastungen in Form von Hitzewellen mit einer erhöhten Sterblichkeit einhergehen können. Gesundheitlich vorbelastete Personen, etwa mit Lungen- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Säuglinge, Kleinkinder und ältere Menschen sind besonders gefährdet. Hinzu kommt, dass Luftverschmutzung vor allem durch Stickoxide, bodennahes Ozon und Feinstaub die Wirkung der thermischen Belastung verstärkt.

Auswirkungen auf Hautkrebszahlen noch nicht messbar

Unklar ist allerdings derzeit noch, wie sich der Klimawandel und die Veränderungen in der Ozonschicht auf die Inzidenz und Prävalenz von Hautkrebs auswirken. Laut Leitlinienautoren wird das erst in den kommenden Jahrzehnten quantifizierbar sein. Grund dafür ist, dass zwischen den durch UV-Strahlung bedingten Schäden an der DNA und der Diagnose einer Hautkrebserkrankung Jahrzehnte vergehen können.

Fakt ist: Das Hautkrebsrisiko steigt mit zunehmender UV-Strahlungsbelastung. Sobald es wärmer wird, verbringen Menschen in kühleren Gegenden mehr Zeit im Freien (und damit potenziell in der Sonne). In ohnehin wärmeren Gegenden meiden Menschen den Aufenthalt draußen eher, wenn die Temperaturen weiter steigen. Das zeigen weltweite Studien.

Wo besteht Forschungsbedarf?

2020 – Jahr der Temperaturrekorde

In Deutschland war 2020 das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen im Jahr 1881. Der Deutsche Wetterdienst meldet eine Jahresmitteltemperatur von 10,4 Grad Celsius. Das sind 1,5 Grad Celsius mehr als in der Vergleichsperiode 1981 – 2010.

In Europa war es Daten des europäischen Copernicus-Klimawandeldienstes zufolge so warm wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Im Vergleich zum Referenzzeitraum 1981 – 2010 war es in Europa durchschnittlich 1,6 Grad Celsius wärmer.

Weltweit war 2020 das drittwärmste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen. Das berichtet die Weltorganisation für Meteorologie (WMO). Global lag die Durchschnittstemperatur bei 14,9 Grad Celsius. 2020 war es laut Copernicus weltweit 0,6 Grad Celsius wärmer als im Vergleichszeitraum 1981 – 2010.

Die Annahme, dass ein wärmeres Klima zu deutlich erhöhter UV-Strahlungsbelastung und folglich höherer Hautkrebshäufigkeit führen wird, kann derzeit nicht sicher belegt werden.

Temperaturabhängiges Verhalten: Noch nicht abschließend geklärt ist, ob die Hautkrebsinzidenz steigen wird, weil sich die Menschen abhängig von der Temperatur anders verhalten. Die UV-Strahlungsdosis, der eine Person ausgesetzt ist, hängt maßgeblich vom individuellen Verhalten ab. Entscheidend ist, wo und wie lange man sich draußen aufhält und wie man sich vor UV-Strahlung schützt.

Laut den Experten der Leitlinie müssten solche wetterabhängigen Verhaltensgewohnheiten systematisch in Zahlen erfasst werden.

  • In Studien untersucht werden müsste beispielsweise, inwieweit sich klimawandelbedingte Wetterveränderungen langfristig auf das Verhalten unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Lebensbereichen wie Urlaub, Arbeit oder Freizeit auswirken.
  • Damit verbunden sollte geklärt werden, wie dies die UV-Strahlungsbelastung und die Wahrscheinlichkeit für UV-Überbelastung beeinflusst.

Einfluss des Klimawandels auf UV-Belastung: Die Experten fordern eine Quantifizierung und eine Auswertung bereits vorhandener Daten für Deutschland beziehungsweise Europa, zum Beispiel zu:

  • dem Einfluss der chemischen, physikalischen und meteorologischen Prozesse des Klimawandels auf die stratosphärische Ozonschicht, auf das Auftreten von Mini-Ozonlöchern und damit auf die erdbodennahe UV-Strahlungsbelastung
  • regionsspezifischer UV-Strahlungsbelastung
  • erdbodennaher UV-Strahlungsbelastung im Zusammenspiel mit Bewölkung, Aerosolkonzentration und gegebenenfalls Rückstrahlvermögen (Albedo)

Einfluss der UV-Belastung auf Hautkrebs: Um Aussagen zum Einfluss der UV-Strahlungsbelastung auf Morbidität und Mortalität treffen zu können, müsste die Registrierung aller Hautkrebsentitäten in Deutschland beziehungsweise Europa optimiert werden. Daneben regen die Experten an, eine Dosis-Wirkungs-Beziehung von UV-Strahlung zu Hautkrebs zu erstellen.

Einfluss der Temperatur: Ebenso ist noch nicht abschließend geklärt, ob durch höhere Temperaturen das Hautkrebsrisiko beim Menschen steigt. Hierzu gibt es derzeit widersprüchliche Daten. Die Leitlinienautoren fordern Studien, in denen der mögliche Einfluss der Temperatur auf die (insbesondere kanzerogenen) Wirkungen von UV-Strahlung untersucht wird. Forschungsbedarf besteht auch zu der Frage, welche Auswirkung die Kombination aus UV-Strahlung, Luftschadstoffen und meteorologischen Faktoren auf die Gesundheit hat.

Städtebau: UV-Belastung verringern

Die Leitlinienexperten geben außerdem Empfehlungen dazu, wie Lebensräume gestaltet sein sollten, um die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels für die Bevölkerung möglichst minimal zu halten. Im Kapitel "Klimawandel und Städtebau" fordern sie von den Kommunen, die Bevölkerung vor einer ungewollten Exposition mit UV-Strahlung und/oder Hitze zu schützen.

Mehr Grün = mehr Schatten, weniger reflektierte Strahlung

In der Leitlinie wird dargelegt, wie dies im Rahmen von städtebaulichen Maßnahmen aussehen könnte. Die Autoren heben insbesondere die vielfältigen positiven Effekte verschiedener Formen von Bepflanzung hervor und belegen diese anhand von Studien.

  • Bäume spenden Schatten, kühlen ihre Umgebung durch die Abgabe von Wasser über ihre Blätter und speichern CO2.
  • Rasenflächen reflektieren weniger als bebaute Flächen. Außerdem bieten sie eine Aufnahmefläche für starke Niederschläge.
  • Auch Gebäudebegrünungen werden vorgeschlagen, um die reflektierte Strahlung zu reduzieren und für Kühlung zu sorgen.

Letztlich könne das Thema UV-Schutz den Autoren zufolge dazu dienen, Kommunen dabei zu unterstützen, Klimaschutzaktivitäten umzusetzen. Denn UV-Schutz und Hautkrebsgefahr seien greifbarer als das Konzept des Klimawandels und ließen sich daher womöglich in der Öffentlichkeit besser kommunizieren.

Fazit

Die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels sind vielfältig. Wenn die UV-Strahlung im Zuge des Klimawandels zunimmt, sind Folgen für die Gesundheit wahrscheinlich. Betroffen wären vor allem Haut und Augen.

Unklar ist aber noch, inwieweit die UV-Belastung durch den Klimawandel zunimmt und wie sich dies auf die Hautkrebsinzidenz auswirkt.

Die Leitlinienautoren sprechen sich dafür aus, die Bevölkerung mithilfe städtebaulicher Maßnahmen vor übermäßiger UV-Belastung zu schützen. Möglich wäre das etwa durch Bepflanzungen – dies spendet Schatten, kühlt die direkte Umgebung und schafft zudem Frischluftkorridore.





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