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Neue Therapieoptionen beim kleinzelligen Lungenkrebs

Erste Immuntherapie für das SCLC zugelassen

Patienten mit fortgeschrittenem kleinzelligen Bronchialkarzinom (SCLC) hatten bis vor kurzem nur wenige Therapieoptionen: Über drei Jahrzehnte standen für sie entweder eine Chemotherapie oder eine Chemotherapie kombiniert mit Bestrahlung zur Verfügung.

Seit Anfang September 2019 ist das anders: Der Immun-Checkpoint-Hemmer Atezolizumab (Tecentriq®) hat eine Zulassungserweiterung erhalten und ist jetzt – kombiniert mit einer Chemotherapie – auch für das SCLC zugelassen. Aus diesem Anlass stellt Ihnen krebsinformationsdienst.med diese und weitere neue Therapien vor, die in Zukunft bei der Behandlung von Patienten mit kleinzelligem Bronchialkarzinom eine Rolle spielen könnten.

Atezolizumab verlängert das Überleben

Arzt betrachtet Röntgenbild der Lunge. © nito / stock.adobe.com
Arzt betrachtet Röntgenbild der Lunge auf einem Tablet. © nito/ stock.adobe.com

Die Zulassungserweiterung von Atezolizumab für das SCLC durch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA basiert auf einer Zwischenauswertung von Daten der IMpower133-Studie1:

  • Die prospektive multizentrische Phase-III-Studie nahm über 400 Patientinnen und Patienten mit unbehandeltem fortgeschrittenen SCLC auf. Der Nachbeobachtungszeitraum betrug knapp 14 Monate.
  • Alle Patienten erhielten eine Chemotherapie bestehend aus 4 Zyklen Etoposid und Cisplatin. Randomisiert bekamen 201 Patienten zusätzlich Atezolizumab, 202 ein Scheinmedikament (Placebo), bis die Erkrankung fortschritt.
  • Erhielten Patienten Atezolizumab, verlängerte dies sowohl ihr progressionsfreies Überleben als auch ihr Gesamtüberleben, letzteres um etwa acht Wochen verglichen mit den Patienten, die Placebo zu ihrer Chemotherapie bekamen.
  • Unerwünschte Ereignisse traten in beiden Gruppen bei einem Großteil der Patienten auf (95 bzw. 92 %). Die Häufigkeit an unerwünschten Ereignissen vom Grad 3 oder 4 war vergleichbar. Hiervon waren 112 Patienten in der Atezolizumab-Gruppe beziehungsweise 110 Patienten in der Placebo-Gruppe betroffen (56,6 % bzw. 56,1 %). In beiden Gruppen starben jeweils drei Patienten unter der Therapie.

Die IMpower133-Studie läuft noch bis ins Frühjahr 2020. Die Endauswertung wird weitere Daten zum Überleben liefern. Je länger die Studienpatienten nachbeobachtet werden, desto genauer kann abgeschätzt werden, wie gut die Immuntherapie wirkt.

Durvalumab überzeugt in Phase-III-Studie

Beim "World Lung Cancer Congress" im September 2019 in Barcelona wurde eine Zwischenauswertung der CASPIAN-Studie vorgestellt. Angewendet wurde der Immun-Checkpoint-Hemmer Durvalumab (Imfinzi®)2,3:

  • Die Auswertung umfasste zwei der drei Gruppen der Phase-III-Studie bei Patienten mit fortgeschrittenem SCLC.
  • Durvalumab wurde in Kombination mit der Standardchemotherapie Etoposid und Platinderivat (EP) eingesetzt. Patienten im Vergleichsarm erhielten eine alleinige Chemotherapie.
  • Die Patienten der Durvalumab-Gruppe lebten etwa zwölf Wochen länger als Patienten, die eine alleinige Chemotherapie erhielten (verbessertes medianes Gesamtüberleben). Diese besseren Überlebensdaten zeigten sich sowohl nach einem Jahr als auch nach 18 Monaten.
  • Schwere unerwünschte Ereignisse traten in beiden Behandlungsgruppen gleichermaßen auf. Die Rate an immunvermittelten Ereignissen (immune related adverse events, irAE) war mit 19,6 % in der Durvalumab-Gruppe erwartungsgemäß deutlich höher als die 2,6 % in der Gruppe, die nur die Chemotherapie erhielt.

Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat Durvalumab aufgrund dieser Studiendaten einen Orphan Drug Status zuerkannt. Es ist über kurz oder lang zu erwarten, dass die europäische Arzneimittelagentur EMA die Zulassung von Durvalumab zur Behandlung des kleinzelligen Bronchialkarzinoms erweitert.

Pembrolizumab: Daten werden im Jahr 2021 erwartet

Der Immun-Checkpoint-Hemmer Pembrolizumab (Keytruda®) wird derzeit in einer Phase-III-Studie bei Patienten mit kleinzelligem Bronchialkarzinom untersucht. Die sogenannte KEYNOTE-604-Studie läuft. Zwischenergebnisse gibt es bislang keine. Die Endauswertung ist derzeit für das Jahr 2021 geplant.

Rovalpituzumab-Tesirin nicht für die Erstlinie

Bei Rovalpituzumab-Tesirin (Rova-T) handelt es sich nicht um eine Immuntherapie, sondern um ein Antikörper-Wirkstoff-Konjugat. Es besteht aus einem humanisierten Mausantikörper und dem toxischen Wirkstoff Pyrrolobenzodiazepin (PBD) Dimer. Das Antikörper-Konjugat ist gegen das Protein DLL3 (delta-like 3) auf Tumorzellen gerichtet, bindet daran und wird in die Zelle aufgenommen. Innerhalb der Zelle wird das toxische Pyrrolobenzodiazepin vom Antikörper abgespalten und freigesetzt.

In einer Phase-I-Studie zeigte Rova-T eine gute Wirksamkeit bei Patienten mit kleinzelligem Lungenkrebs4. Die Ergebnisse der Phase-II-Studie TRINITY waren weniger überzeugend5:

  • Das Überleben war bei Patienten mit SCLC unter Therapie mit Rovalpituzumab-Tesirin in allen drei Studiengruppen (mit hoher, mäßiger oder keiner DLL3-Expression) vergleichbar.
  • Zudem traten häufig unerwünschte Ereignisse unter der Therapie mit Rova-T auf. Diese waren teilweise schwerwiegend. Es bildeten sich beispielsweise ausgeprägte Ödeme oder Pleuraergüsse oder es kam plötzlich zu einer starken Lichtempfindlichkeit der Haut. Dies führte dazu, dass ein Teil der Patienten die Dosis reduzierte, die Therapie unterbrach oder gar abbrach.

Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass Rova-T zwar angewendet werden kann, die Wirksamkeit gegen kleinzelligen Lungenkrebs aber nur moderat ist. Zudem müssen Patienten mit dem Auftreten von Toxizitäten rechnen, die die Lebensqualität deutlich einschränken können. Ein Einsatz von Rovalpituzumab-Tesirin ist allenfalls in der dritten Therapielinie im Rahmen von Studien angezeigt. Andere Therapien wie Immun- und/oder Chemotherapie sollen also zuerst ausgeschöpft worden sein.

Fazit für die Praxis

Mit Atezolizumab steht Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem kleinzelligen Lungenkrebs nun erstmals eine zugelassene Immuntherapie als Behandlungsoption zur Verfügung.

Folgende Therapien könnten möglicherweise künftig bei Patienten mit SCLC eine Rolle spielen, sind aber bislang noch nicht für diese Krebsart zugelassen:

  • andere Immun-Checkpoint-Hemmer wie Durvalumab oder Pembrolizumab.
  • Rova-T ist möglicherweise eine Option für die dritte Therapielinie, also wenn die Patienten mindestens zwei Behandlungen erhalten haben.

Therapien, die bisher nicht zugelassen sind, sollten SCLC-Patienten im Rahmen von klinischen Studien erhalten. So können eventuell auftretende Nebenwirkungen schnell erfasst und behandelt werden. Auch die Frage, ob neue Therapien einen Nutzen für Krebspatientinnen und -patienten bringen, lässt sich durch klinische Studien am besten beantworten.

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