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Nachricht

Komplementär- und Alternativmedizin (KAM) bei Krebs: Mit Patienten sprechen!

Warum Betroffene alternative Therapien nicht preisgeben

Eine retrospektive Beobachtungsstudie – im April 2019 im US-amerikanischen Ärzteblatt JAMA publiziert – bestätigt, was Fachleute schon seit längerem vermuten: Oft verschweigen Krebspatientinnen und -patienten ihrem behandelnden Arzt, wenn sie komplementäre oder alternative Medizin (KAM) anwenden. Was dahinter steht und welches Fazit Ärzte daraus für die Praxis ziehen können, erläutert krebsinformationsdienst.med im nachfolgenden Text.

KAM bei Krebs: Häufig genutzt – Risiken oft nicht bekannt

In Europa nutzen rund 40 Prozent der Krebspatientinnen und Krebspatienten komplementäre und alternative Medizin (KAM).

Dabei ist der Anteil der KAM-Nutzerinnen und Nutzer starken Schwankungen unterworfen – abhängig von Geschlecht und Tumorentität. So gehen Experten beispielsweise davon aus, dass der Anteil der Brustkrebspatientinnen, die KAM nutzen, eher bei 70-90 Prozent liegt.

Ein wissenschaftlicher Wirksamkeits- und Unbedenklichkeitsnachweis fehlt für KAM in aller Regel.

Risiken durch KAM nicht unterschätzen

Heilpflanzen im Arzneimittelspender © Sonja Birkelbach, AdobeStock
Für viele Krebspatienten gehört Alternativmedizin fest dazu © Sonja Birkelbach/AdobeStock

Dass KAM nicht immer die von Betroffenen erwünschte sanfte Alternative ist, wissen zwar Experten – viele Patienten sind sich dieser Tatsache jedoch nicht bewusst.

Je nach eingesetzter Methode sind Wechselwirkungen und/oder Nebenwirkungen möglich. Zudem gibt es eine Vielzahl an Methoden, bei denen Betroffene das Risiko einer hohen finanziellen Belastung eingehen.

Alternativer Einsatz besonders fragwürdig: Nicht zuletzt gefährden Patientinnen und Patienten ihre Überlebenschance, wenn sie sich anstelle der nachgewiesenen wirksamen etablierten Krebstherapien für KAM entscheiden. Dies wurde im letzten Jahr eindrucksvoll mit einer umfangreichen US-amerikanischen Beobachtungsstudie gezeigt2.

Studie: Betroffene kommunizieren KAM-Therapien nicht an ihre Ärzte

In einer aktuellen retrospektiven Beobachtungsstudie1 gingen nun US-amerikanische Forscher neben der Frage nach der Prävalenz der KAM-Nutzung weiteren wichtigen Fragen nach: Wie hoch ist der Anteil der Krebspatienten, die ihre KAM-Therapie nicht den Ärzten preisgeben und was sind die Gründe dafür?

Genutzt wurden Daten des US-amerikanischen National Health Interview Survey's (NHIS): Dies ist eine kontinuierliche, über das Jahr stattfindende Erhebung des National Center for Health Statistics. In persönlichen Interviews wird eine große national repräsentative Stichprobe der US-amerikanischen Bevölkerung zu Gesundheitsthemen befragt. In den Jahren 2002, 2007 und 2012 wurden zusätzlich Spezialtrenderhebungen zu KAM durchgeführt3.

Ergebnisse

In die Auswertung sind Daten von 3.118 Krebspatienten eingeflossen (1.230 Männer und 1.888 Frauen). Knapp ein Drittel (1.023) nutzten KAM, darunter am häufigsten pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel (n = 336, 35,8 %). Von den 1.023 KAM-Nutzern hatten etwa ein Drittel (n = 288, 29,3 %) ihrem behandelnden Arzt nicht davon berichtet. Die häufigsten Gründe dafür waren:

  • Der Arzt hat nicht danach gefragt (57 %).
  • Betroffenen war nicht bekannt, dass Ärzte das wissen sollten (47 %).
  • Patientinnen und Patienten nahmen an, dass Ärzte über die Methode nicht Bescheid wissen (9 %).
  • Die Zeit dafür hat gefehlt (6 %).
  • Betroffene befürchteten eine ablehnende Haltung (4 %) oder ein Abraten des Arztes (4 %).

Einschränkung der Studie: Da es sich bei der Erhebung um US-amerikanische Daten handelt, kann man die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf deutsche Patientinnen und Patienten übertragen. Allerdings haben vergleichbare Erhebungen in Deutschland ein ähnliches Bild gezeichnet: Der Anteil an Betroffenen, die ihre KAM-Therapien den behandelnden Ärzten verschweigen, ist nicht zu vernachlässigen.

Fazit für die Praxis: Sprechen Sie mit Ihren Patienten

Die Ergebnisse der Studie unterstreichen einmal mehr, dass es sich für Ärzte empfiehlt, das Thema komplementäre und alternative Medizin (KAM) von sich aus bei ihren Krebspatienten anzusprechen.

Leitlinien untermauern die Empfehlung: Tatsächlich raten inzwischen fast alle aktuellen S3-Leitlinien im Leitlinienprogramm Onkologie dazu. Der Brustkrebsleitlinie zufolge sollen beispielsweise "alle Patientinnen befragt werden, ob sie komplementäre und/oder alternative Therapien in Anspruch nehmen". In der Lungenkrebsleitlinie werden Ärzte aufgefordert, Krebspatienten aktiv "nach der Inanspruchnahme komplementärmedizinischer Medikamente und Verfahren zu befragen". Und die Leitlinie kolorektales Karzinom sieht die Beratung zu KAM "in der Hand onkologisch erfahrener Ärzte".

Was auch immer die Ursache für die Diskrepanz zwischen der in Studien erhobenen Versorgungsrealität und den Leitlinien-Empfehlungen ist: Die Studienergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, dass Ärztinnen und Ärzte mit ihren Patientinnen und Patienten aktiv in einen Dialog über KAM treten. Betroffene schätzen den Austausch mit ihren behandelnden Ärzten sehr. Sich ernst- und wahrgenommen zu fühlen, kann zudem einen nicht zu unterschätzenden positiven Einfluss auf die Psyche kranker Menschen haben.

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