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Faktencheck HPV-Impfung

Was Anfrager beim Krebsinformationsdienst zur Impfung gegen humane Papillomviren bewegt

Auch fast 10 Jahre nach ihrer Einführung gibt die HPV-Impfung immer noch Anlass zu Fragen. Lohnt es sich, Jungen und Männer vorbeugend gegen HPV zu impfen? Schützt die prophylaktische HPV-Impfung wirklich vor Krebs? Gibt es bereits Impfstoffe, mit denen man eine HPV-Infektion oder HPV-bedingte Krebserkrankungen spezifisch behandeln kann (therapeutische HPV-Impfung)?

Der Krebsinformationsdienst hat beispielhaft Fragen und Antworten aus diesen drei Themenbereichen aufgegriffen.

HPV-Impfung: Für Jungen und Männer?

Öffentliche Impfempfehlungen

Die aktuelle STIKO-Empfehlung zur HPV-Impfung (Stand: 05/2018) gilt für Mädchen zwischen 9 und maximal 17 Jahren. Näheres unter: www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Impfkalender/Impfkalender_node.html

Für Jungen gilt sie demnächst: www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/STIKO/Empfehlungen/Vorabinformation_HPV_Jungen.html?nn=2375548

Zulassungen
Die beiden derzeit in Deutschland verfügbaren Impfstoffe Gardasil® 9 und Cervarix® sind unabhängig vom Geschlecht für Personen ab 9 Jahren ohne eine obere Altersgrenze zugelassen. In den Fachinformationen wird allerdings ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Impfstoffe entsprechend der offiziellen Impfempfehlungen angewendet werden sollen.

Öffentliche Impfempfehlungen
Anfang Juni 2018 hat die ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts (RKI) den Beschluss gefasst, die Impfung auch für Jungen zu empfehlen. Die STIKO-Empfehlung für die Jungenimpfung gilt allerdings erst, wenn das Epidemiologische Bulletin 34/2018 des RKI veröffentlicht ist.

Empfehlungen von Fachgesellschaften
In der deutschen S3-Leitlinie zur Impfprävention HPV-assoziierter Neoplasien (12/2013) wird eine Impfung aller Jungen ab dem 9. Lebensjahr empfohlen. Nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) und des Berufsverbandes der Deutschen Urologen e.V. (BDU) sollten Jungen generell gegen HPV geimpft werden: Zu ihrem eigenen Schutz vor HPV-bedingten Erkrankungen und zum Schutz der künftigen Partnerinnen oder Partner.

Rechtliche Situation
Auf Grundlage der STIKO-Empfehlung werden bestimmte Impfungen von den obersten Gesundheitsbehörden der Länder "öffentlich empfohlen" (§ 20 Abs. 3 des Infektionsschutzgesetzes, IfSG).

Erleiden Personen durch öffentlich empfohlene Impfungen einen Impfschaden, können sie Entschädigungs-Leistungen nach den Regelungen des sozialen Entschädigungsrechts erhalten (Bundesversorgungsgesetz, BVG). Die Versorgung bei Impfschäden wird in diesen Fällen durch die Bundesländer sichergestellt. Zuständiger Ansprechpartner ist das Versorgungsamt vor Ort.

Dies gilt nicht für Impfungen, die nicht Bestandteil der STIKO-Empfehlung sind, wie derzeit die HPV-Impfung von Personen über 26 Jahren. Hier käme gegebenenfalls die Haftpflichtversicherung des Arztes ins Spiel.

Möglicher Nutzen der HPV-Impfung für Jungen und Männer

Eigenschutz vor Infektion
Bereits Untersuchungen aus dem Jahre 2010 zeigten: Der Vierfachimpfstoff Gardasil® schützt auch Jungen und Männer vor Infektionen mit den HPV-Typen 6, 11, 16 und 18. Dadurch kam es zu weniger HPV-assoziierten Folgeerkrankungen, wie Genitalwarzen und Vorstufen von Analkrebs (anale intraepitheliale Neoplasien, AIN). Vergleichbare Studien für Cervarix® gibt es nicht. Es ist aber ebenso wie Gardasil® und Gardasil® 9 zur Vorbeugung von analen intraepithelialen Neoplasien und Analkarzinomen zugelassen. Aufgrund von Immunogenitätsstudien, in denen sogar höhere Antikörpertiter für HPV 16 und 18 erzielt wurden als mit Gardasil®, geht man von einer vergleichbaren klinischen Wirksamkeit gegen anale HPV-Infektionen aus.

Partner-Impfung
Ob auch Männer außerhalb des offiziell empfohlenen Impfalters geimpft werden sollen, wenn deren Partner oder Partnerinnen eine HPV-Infektion haben, ist nicht geklärt. Möglicherweise könnte eine solche Impfung die Partner davor schützen, sich mit denjenigen HPV-Impftypen gegenseitig anzustecken, mit denen das Paar bereits infiziert ist. Experten vermuten, dass infolge der Impfung gebildete neutralisierende Antikörper HP-Viren abfangen und so die wiederholte Übertragung zwischen den Partnern weniger wahrscheinlich machen könnten. Studienergebnisse, die dies belegen, gibt es allerdings nicht. Wie erwachsene Frauen sollten auch Männer zusammen mit ihren Ärzten individuell die Vor- und Nachteile einer HPV-Impfung abwägen und entsprechend entscheiden.

Herdenimmunität
Durch eine Impfung von Jungen und jungen Männern gegen humane Papillomviren könnte schneller eine Herdenimmunität erreicht werden. Es würden also nicht nur geimpfte Personen profitieren, sondern auch die Gemeinschaft und damit beide Geschlechter gleichermaßen.

HPV-Impfung: Schutz vor Krebs?

Impfung ©scharryfoto/Fotolia
Impfung kann Krebs vorbeugen. ©sharryfoto/Fotolia

Erste Hinweise aus klinischen Studien
Studien haben in der Vergangenheit bereits belegt, dass die HPV-Impfung Krebsvorstufen wirksam verhindern kann. Mittlerweile weisen die Ergebnisse einer Veröffentlichung erstmals auf einen tatsächlichen Schutz vor HPV-assoziierten Tumoren hin: Anhand finnischer Krebsregisterdaten wurden bei 9.529 Teilnehmerinnen der großen Impfstoff-Zulassungsstudien sowie einer Phase-IV-Impfstudie mit Cervarix® die jeweiligen Krebs-Inzidenzen bestimmt. Diese verglich man mit einer altersgleichen Kohorte von 15.665 nicht gegen HPV geimpfter Frauen. Unter den geimpften Frauen war kein HPV-assoziierter Tumor aufgetreten, während in der Vergleichskohorte 10 durch HPV ausgelöste Karzinome zu verzeichnen waren.

Bereits beweisend?
Die Beobachtungszeit ist allerdings noch relativ kurz und es könnte andere Ursachen für die ungleichen Neuerkrankungsraten geben. Denn auch andere Krebserkrankungen wie etwa Brustkrebs traten in der Vergleichsgruppe häufiger auf. Zuverlässige Ergebnisse werden von der weiteren Nachbeobachtung der Impfstudien-Kollektive erwartet.

Schutz vor verschiedenen Tumorarten möglich

Grundsätzlich geht man davon aus, dass derzeit der überwiegende Teil HPV-assoziierter Tumoren durch eine rechtzeitige HPV-Impfung vermeidbar wären. In Deutschland werden 1,6 % aller Krebserkrankungen in Verbindung mit Hochrisiko-HPV-Typen gebracht. Laut Robert Koch-Institut (RKI) entspricht dies 7.600 Krebspatientinnen und -patienten.

Die größte Gruppe unter den HPV-bedingten Tumoren bildet mit 58 % der Gebärmutterhalskrebs. Das Zervixkarzinom ist zu über 99 % HPV-assoziiert. Laut Literaturangaben lassen sich 90 % der Analkarzinome auf HPV zurückführen, bei Karzinomen der Vagina sind es 80 %, des Penis 32 %, der Vulva 18 % und des Oropharynx 16 %.

Bei Männern
Im Jahr 2013 erkrankten laut RKI 1.360 Männer an einer Krebsart, die durch HPV ausgelöst ist. Am häufigsten wurden Oropharynxtumoren (47 %) registriert, gefolgt von Analkarzinomen (36 %) und Peniskarzinomen (17 %).

Bei Frauen
Unter den 6.240 Frauen, die 2013 von einer durch HPV ausgelösten Krebserkrankung betroffen waren, kamen bei 70,9 % der Frauen Zervixkarzinome, bei 14,9 % Analkarzinome vor, gefolgt von Vulva-, Vaginal- und Oropharynxtumoren (jeweils bei 7,5 %, 3,5 % und 3,2 % der Frauen).

Krebstherapie: Behandlung mit HPV-Impfstoffen?

Dass die empfohlene Schutzimpfung einer HPV-Infektion vorbeugt, ist unbestritten. Sie kann durch die Bildung neutralisierender Antikörper die Infektion mit den HPV-Impftypen verhindern, die sie abdeckt. Welche Rolle die zelluläre Abwehr bei der Vorbeugung einer HPV-Infektion oder der Verhinderung einer lang andauernden (persistierenden) Infektion spielt, ist noch nicht abschließend geklärt. Vor diesem Hintergrund wurde diskutiert, ob die HPV-Schutzimpfung teilweise therapeutisch wirken könne, insbesondere bei bereits vorhandenen Gewebeveränderungen. Eine solche therapeutische Wirkung ist jedoch bisher nicht belegt.

Wirkweise der therapeutischen HPV-Impfung
Therapeutische HPV-Impfungen sollen zytotoxische T-Zellen dazu anregen, Krebszellen, ihre Vorstufen oder bereits chronisch HPV-infizierte Epithelzellen zu erkennen und abzutöten. Als Angriffspunkt dienen meist die HPV-Onkogene E6 und E7. Sie werden in den von HPV befallenen Zellen im Rahmen einer transformierenden Infektion gebildet. Zum Einsatz kommen beispielsweise gentechnisch veränderte, für den Körper unschädliche Viren. Sie bringen DNA, RNA, Proteine oder Peptide der HP-Viren in den Körper und bewirkten so eine erneute Immunreaktion. Die Idee: Die körpereigene Immunabwehr kann dann die infizierten Zellen eliminieren.

Stand der Forschung
Therapeutische HPV-Impfungen werden derzeit fast ausschließlich für Hochrisiko-HPV-Typen erforscht, die zu bösartigen Veränderungen führen können.

Im Tiermodell wurde bereits ein vollständiger Rückgang von Tumoren erreicht, die durch HPV-ausgelöst werden. Derzeit werden therapeutische Impfungen zur Behandlung von Krebs und Krebsvorstufen in frühen klinischen Studien am Menschen untersucht. Bei Vorstufen des Vulvakarzinoms, teilweise auch bei Vorstufen des Zervixkarzinoms oder in der metastasierten Situation zeigten sich erste Erfolge.

Kombinationsbehandlungen mit anderen Therapieansätzen sollen die Wirkung der therapeutischen Impfungen verstärken. Grundsätzlich sind diese Therapieansätze noch als experimentell zu betrachten. Es gibt bisher noch keine kommerziell verfügbaren therapeutischen Impfstoffe.





Herausgeber: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) │ Autoren/Autorinnen: Fachkreise-Redaktion des Krebsinformationsdienstes. Lesen Sie mehr über die Verantwortlichkeiten in der Redaktion.

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