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Literaturtipp: Schützt Selen vor Krebs?

Neues Update der Cochrane Collaboration fasst Datenlage zusammen

Welche Rolle spielt die Ernährung bei der Krebsentstehung? Können Menschen durch ihre Ernährung Krebs verhindern? Seit Jahrzehnten werden zu diesen Fragen einzelne Nahrungsbestandteile und Nahrungsergänzungsmittel wissenschaftlich untersucht. So versuchen Forscher beispielsweise herauszufinden, ob die Einnahme von Selen Krebs verhindern kann. Der Anfang 2018 erschienene dritte systematische Review der Cochrane Collaboration "Selenium for preventing cancer"1 wertet die vorliegenden Daten zu Selen in der Krebsprävention aus. krebsinformationsdienst.med fasst für Sie die wichtigen Aussagen zusammen.

Selen ist lebensnotwendig, aber wirkt es krebsvorbeugend?

Originalpublikationen © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum
© Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

Selen ist ein essentielles Spurenelement, das im Körper an einer Vielzahl biologischer Reaktionen beteiligt ist. In höheren Konzentrationen wirkt Selen allerdings toxisch. Dabei ist nicht genau festgelegt, in welchen Mengen die Selen-Aufnahme sicher ist: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt einen Schätzwert für eine angemessene Zufuhr von Selen an, den Selen-Referenzwert. Dieser liegt bei 60 Mikrogramm pro Tag (µg/d) für Frauen beziehungsweise bei 70 µg/d für Männer2. Als tägliche Aufnahmehöchstmenge (Tolerable Upper Intake Level, kurz UL-Wert) legt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 300 µg/d Selen fest3. In den USA empfiehlt das Ernährungsgremium der Akademie der Wissenschaften, das Food and Nutrition Board, Institute of Medicine, National Academies of Sciences, als Referenzwert 55 µg/d Selen und als tägliche Aufnahmehöchstmenge für Selen 400 µg/d4.

Beobachtungsstudien Ende der 1960er Jahre deuteten darauf hin, dass die Aufnahme hoher Selen-Mengen mit der Nahrung oder hohe Selen-Konzentrationen im Körper möglicherweise vor Krebs schützen könnten. Einige Laborstudien hatten zudem gezeigt, dass Selen das Wachstum von Krebszellen hemmen kann. Eine Vielzahl weiterer Beobachtungsstudien und randomisiert-kontrollierter Studien (RCT) folgte5. Die Datenlage bis Januar 2017 fasst ein Cochrane-Review nun zusammen. Dabei werten die Autoren Beobachtungsstudien und RCT gesondert aus.

Wie ist die Studienlage zu Selen?

Selen – Präparate und Bestimmungsmethoden

In Nahrungsergänzungsmitteln liegt Selen sowohl anorganisch gebunden, z. B. als Selenit, oder organisch gebunden, z. B. als Selenmethionin, vor. In Studien wurden verschiedene Selen-Verbindungen oder mit Selen behandelte Hefekulturen eingesetzt.

Zur Messung von Selen-Aufnahme und -Status werden verschiedene Biomarker herangezogen. Das erschwert die Vergleichbarkeit der Ergebnisse. Gängig ist die Bestimmung etwa aus Plasma, Serum oder Zehennägeln.

70 Beobachtungsstudien mit über 2 Millionen Teilnehmern

Insgesamt zeigten die Beobachtungsstudien widersprüchliche Ergebnisse in Bezug auf Selen und den Einfluss auf das Krebsrisiko. Die Metaanalyse von 16 prospektiven Beobachtungsstudien, in der der Einfluss der höchsten Selen-Gabe mit der der niedrigsten Selen-Gabe verglichen wurde, zeigte bei hoher Selen-Gabe eine geringere Krebsinzidenz und eine geringere Krebsmortalität.

Die Krebs-spezifische Auswertung ergab ein verringertes Risiko für Krebs des Magen-Darm-Traktes, der Lunge, Harnblase und Prostata. Wurden Faktoren wie der Selen-Ausgangsstatus der Probanden vor Selen-Gabe mitbetrachtet, ergab sich jedoch keine systematische Dosis-Wirkungs-Beziehung.

Nach Angaben der Cochrane-Autoren weisen die Beobachtungsstudien erhebliche Schwächen auf, beispielsweise im Studiendesign und aufgrund von nicht berücksichtigten Lebensstil- und Ernährungsfaktoren. Daher kommt die Übersichtsarbeit zu dem Schluss, dass es keine Evidenz für einen Dosis-abhängigen Zusammenhang zwischen dem Selen-Status und dem Krebsrisiko gibt. Insgesamt wird die Aussagekraft der meisten Beobachtungsstudien als sehr niedrig eingestuft.

10 randomisiert-kontrollierte Studien mit über 27.000 Teilnehmern

Wurden lediglich die randomisiert-kontrollierten klinischen Studien (RCT) mit niedrigem Verzerrungsrisiko ausgewertet, zeigte sich durch die Gabe von Selen-Supplementen kein Effekt auf das Krebsrisiko im Vergleich zur Placebo-Gabe. Betrachtet wurde bei diesen qualitativ hochwertigen Studien sowohl das Gesamtkrebsrisiko als auch das Risiko für bestimmte Krebsarten. Unerwartet erhöhte sich in einigen Studien das Risiko für andere Erkrankungen: beispielsweise für Diabetes Typ 2 und für dermatologische Nebenwirkungen. Es gab insgesamt keinen klaren Hinweis dafür, dass der Ausgangswert (Basis) des Selen-Status der Teilnehmer das Studienergebnis beeinflusste. In vielen dieser Studien wurde täglich 200 µg Selen als Supplement eingesetzt.

Fazit der Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration:

Insgesamt gibt es keine Evidenz, dass eine erhöhte Selen-Aufnahme das Krebsrisiko verringert.

Welche offenen Fragen gibt es zu Selen?

Zu klären bleibt, ob Selen das Krebsrisiko bei Personen mit bestimmten genetischen Faktoren beeinflussen kann. Auch die Untersuchung von weiteren Selen-Verbindungen könnte in Zukunft Gegenstand der Forschung sein.

Was empfehlen die S3-Leitlinien?

Keine der aktuellen Leitlinien des Leitlinienprogramms Onkologie empfiehlt Selen zur Krebsvorbeugung; in den meisten Leitlinien wird Selen nicht erwähnt (Stand: April 2018). Die Autoren der Leitlinien Prostatakarzinom6, Kolorektales Karzinom7, Ösophaguskarzinom8 und Prävention von Hautkrebs9 sprechen sich – zum Teil in den Empfehlungen, zum Teil in den Hintergrundinformationen – gegen eine Einnahme von Selen zur Primärprävention aus.





Herausgeber: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) │ Autoren/Autorinnen: Fachkreise-Redaktion des Krebsinformationsdienstes. Lesen Sie mehr über die Verantwortlichkeiten in der Redaktion.

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