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Metastasierter Darmkrebs: Neue antiangiogenetische Therapieoption

Antikörper Ramucirumab für palliative Zweitlinientherapie zugelassen

Auch wenn metastasierter Darmkrebs in aller Regel nicht mehr heilbar ist, steht für Betroffene eine Reihe von Medikamenten zur Verfügung, die das Leben verlängern, Symptome lindern und die Lebensqualität verbessern. In den letzten Jahren sind insbesondere zielgerichtete Wirkstoffe als neue Therapieoptionen hinzugekommen. Mit dem Antikörper Ramucirumab gibt es seit Anfang 2016 eine neue Therapiemöglichkeit nach der Erstbehandlung. Neben Bevacizumab und Aflibercept steht nun ein weiterer, vergleichbar wirksamer Angiogenese-Hemmer zur Verfügung, der mit einer Zweitlinien-Chemotherapie kombiniert werden kann. Welchen Nutzen hat Ramucirumab? Und wie ist der unter dem Handelsnamen Cyramza® zugelassene Antikörper im Vergleich zu bestehenden Therapien einzuordnen? Der krebsinformationsdienst.med fasst die wichtigsten Fakten zusammen.

Optionen für die Zweitlinientherapie bei metastasiertem Darmkrebs

FOLFIRI-Schema

Darmkrebspatienten erhalten beim FOLFIRI-Schema eine Chemotherapie mit 5-Fluorouracil (5-FU), Leucovorin und Irinotecan. Die Infusion dieser drei Medikamente dauert etwa zwei Tage.

Schreitet metastasierter Darmkrebs während oder nach einer ersten Therapie fort, gibt es für Patienten verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. In der Regel kombinieren Ärzte in der Zweitlinientherapie verschiedene Chemotherapeutika mit einem zielgerichteten Wirkstoff. Für die Kombinations-Chemotherapie kommt beispielsweise das FOLFIRI-Schema infrage. Zielgerichtete Wirkstoffe, die in dieser Situation eingesetzt werden, haben zwei unterschiedliche Ansatzpunkte: Zum einen gibt es Substanzen, die die Ausbildung von Blutgefäßen zur Versorgung des Tumors hemmen, die Angiogenese-Hemmer. Andere Wirkstoffe unterdrücken Wachstumssignale, indem sie den Wachstumsfaktor-Rezeptor EGFR, englisch "Epidermal Growth Factor Receptor", hemmen.
Weitere Details zu zielgerichteten Therapien finden Interessierte unter "Behandlung bei Darmkrebs: Zielgerichtete Medikamente". Außerdem bietet der Text "Darmkrebs: Behandlung bei fortgeschrittener Erkrankung" weitere Informationen zu den einzelnen Behandlungsmöglichkeiten.

Ärzten und ihren Patienten stellt sich die Frage, für welchen Wirkstoff sie sich entscheiden sollen, wenn eine antiangiogenetische Zweitlinientherapie durchgeführt werden soll. Die bisher vorliegenden Wirksamkeitsdaten geben hier keine Entscheidungshilfe: In der Studie RAISE lebten Patienten mit kolorektalem Karzinom etwas länger, wenn sie den Wirkstoff Ramucirumab zusätzlich zur Standardchemotherapie erhielten. Patienten der Vergleichsgruppe bekamen ein Placebo zusammen mit der Chemotherapie. Die in der RAISE-Studie mit Ramucirumab erzielte Lebensverlängerung ist vergleichbar mit den Ergebnissen entsprechender Untersuchungen zu den ebenfalls zugelassenen Angiogenese-Hemmern Bevacizumab und Aflibercept. Direkte Vergleichsstudien mit diesen Medikamenten könnten bei der Therapieentscheidung helfen – es gibt sie bislang aber nicht.

Die Entscheidung für oder gegen eine Therapie ist daher individuell zu treffen: Eine wichtige Rolle dabei spielen die jeweilige Krankheitssituation, mögliche Nebenwirkungen und der Wunsch des Patienten.

Fakten zu Ramucirumab aus der Zulassungsstudie

Schematische Darstellung eines Darms © Fotolia, Sebastian Kaulitzki
Auch bei fortgeschrittenem Darmkrebs gib es Behandlungsmöglichkeiten. (© Fotolia, Sebastian Kaulitzki)

Zugelassen wurde Ramucirumab aufgrund der Ergebnisse der international durchgeführten Phase-III-Studie RAISE. In dieser Studie waren 1.072 Patienten mit metastasiertem Darmkrebs untersucht worden. Es zeigte sich: Patienten, die zusätzlich zum FOLFIRI-Schema Ramucirumab erhielten, lebten im Mittel 1,6 Monate länger als Patienten der Kontrollgruppe, die das FOLFIRI-Schema und ein Placebo bekamen, nämlich 13,3 Monate im Vergleich zu 11,7 Monaten. Die Ergebnisse wurden 2015 in der Fachzeitschrift Lancet Oncology veröffentlicht.

Kam Ramucirumab zur Chemotherapie hinzu, erhöhte sich die Rate an schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen, also Grad 3 bis 5 nach der Einteilung des National Cancer Institute der USA (NCI). 11 Prozent der Patienten (n = 53) in der Ramucirumab-Gruppe, aber nur 4 Prozent der Patienten in der Placebo-Gruppe (n = 23) brachen die Behandlung aufgrund von Nebenwirkungen wie Neutropenie, Thrombozytopenie, Diarrhö, Stomatitis und Proteinurie ab. Auch Hypertonie und Fatigue traten unter der Therapie mit Ramucirumab häufiger auf. Gastrointestinale Perforationen waren eine weitere gefürchtete Komplikation. Mit Dosisanpassungen und supportiven Maßnahmen blieben die meisten der oben genannten unerwünschten Ereignisse beherrschbar. Zu berücksichtigen ist, dass in die Studie nur Patienten mit sehr gutem bis gutem Allgemeinzustand aufgenommen wurden, entsprechend der Leistungsskala der Weltgesundheitsorganisation ECOG-Status 0-1. Ob Ramucirumab bei Patienten mit weniger gutem Allgemeinzustand genauso wirksam und verträglich ist, ist daher unklar.

Ganz allgemein stellt sich immer wieder die Frage, ob sich Ergebnisse aus klinischen Studien auch auf die Routineversorgung übertragen lassen – zum Beispiel, wenn an einer Studie Patienten mit prognostisch ungünstigen Merkmalen wie schnellem Tumorwachstum nicht teilnehmen dürfen. In der RAISE-Studie entsprach die Auswahl der Teilnehmer zu einem großen Teil den Kriterien, die auch im klinischen Alltag für eine Zweitlinientherapie mit Angiogenese-Hemmern gelten. Die Autoren gehen also davon aus, dass sich die Studienergebnisse auf eine große Patientengruppe im Alltag übertragen lassen.