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Aktuelles

Prostatakrebs feststellen: Fusionsbiopsie bei Diagnose (k)ein Ersatz für die Ultraschallbiopsie

Sachverständige bewerten Nutzen und Schwächen der Fusionsbiopsie

Prostatakrebs-Verdacht: Die Bildgebung vor einer Fusionsbiopsie kann unnötige Gewebeentnahmen vermeiden. Warum sie die übliche Ultraschallbiopsie noch nicht ersetzen kann, erklären Experten im vorläufigen HTA-Bericht.

Für eine sichere Diagnose ist bei Patienten mit Verdacht auf Prostatakrebs eine Gewebeentnahme (Biopsie) notwendig. Bei der Erstdiagnose von Prostatakrebs ist eine Biopsie unter Ultraschallkontrolle über den Enddarm Standard. Mediziner bezeichnen diese Ultraschalluntersuchung als transrektalen Ultraschall (TRUS). Inzwischen führen Ärzte im klinischen Alltag immer häufiger ein neueres Verfahren durch, für das sie eine spezielle Magnetresonanztomographie (MRT) einsetzen.

Nach einer Bürgeranfrage hat ein erfahrenes Wissenschaftlerteam bewertet, ob Betroffene zusätzlich zum Ultraschall von Bildern einer MRT profitieren. Zeigen die MRT-Aufnahmen tumorverdächtige Bereiche, können Ärzte dort gezielt Gewebeproben entnehmen. In der Fachsprache heißt das "Fusionsbiopsie". Zeigen die Aufnahmen keine verdächtigen Strukturen, erhalten die Patienten keine Fusionsbiopsie. Zudem könnte Betroffenen eine eingreifende Untersuchung erspart bleiben, wenn der Arzt eine systematische Biopsie ebenfalls für nicht notwendig hält.

Die Sachverständigen haben die Methode anhand wissenschaftlicher Veröffentlichungen bewertet. Im Auftrag des Instituts für Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ist daraus ein vorläufiger Ergebnisbericht entstanden, der vom IQWiG veröffentlicht wurde.

 

Viele Männer mit Prostatakrebs-Verdacht fragen sich: Sollten Prostata-Gewebeproben (Biopsien) nicht besser zusätzlich “gezielt“ mit MRT als nur “blind“ unter Ultraschall-Kontrolle entnommen werden? © Ruslan Guzov, Fotolia.com

Fusionsbiopsie und Ultraschallbiopsie: Was genau ist der Unterschied?

Zum Weiterlesen

Sie möchten mehr zum Thema Biopsie wissen? Informationen wie beispielsweise zu den verschiedenen Verfahren oder Risiken und Nebenwirkungen finden Sie unter Biopsie: So werden Gewebeproben entnommen.

Ultraschallbiopsie: Ein Betroffener bekommt eine Ultraschallsonde über den Enddarm eingeführt. Erreicht die Sonde den zu untersuchenden Bereich der Prostata, werden Biopsienadeln ausgelöst. Nach einem vorgegebenen Schema entnimmt eine Urologin oder ein Urologe 10-12 Gewebeproben aus den verschiedenen Bereichen der Prostata (systematische Biopsie). Prostatabiopsien sind auch über den Damm möglich. Also durch die Haut zwischen After und Penis.

Fusionsbiopsie: Die Untersuchung beginnt mit einer bildgebenden Darstellung der Prostata, der sogenannten multiparametrischen Magnetresonanztomographie (mpMRT). Das ist eine Magnetresonanztomographie (MRT) oder auch Kernspintomographie genannt, die verschiedene MRT-Techniken verbindet.
Ein Radiologe und ein Urologe bewerten die MRT-Aufnahmen und kennzeichnen gegebenenfalls tumorverdächtige Bereiche der Prostata. Die gekennzeichneten MRT-Bilder und die Bilder aus dem Echtzeit-Ultraschall werden übereinandergelegt (fusioniert).

  • Macht das die Urologin oder der Urologe ohne Hilfsmittel, also rein visuell, sprechen Fachleute von einer kognitiven Biopsie.
  • Wird dafür ein Computerprogramm eingesetzt, handelt es sich um eine Software-gestützte Fusionsbiopsie.

In beiden Fällen kann die Urologin oder der Urologe an den markierten Stellen Gewebeproben entnehmen (gezielte Biopsie).

Was ist das Ergebnis des vorläufigen Berichts?

Lexikon

HTA steht für die englische Abkürzung "Health Technology Assessment": Sachverständige bewerten Nutzen und Schaden medizinischer Verfahren und Technologien für die Versorgung von Patienten.

Evidenzbasierte Medizin: Die Versorgung von Patienten stützt sich auf die besten verfügbaren wissenschaftlichen Daten. Mehr erfahren Sie unter Evidenzbasierte Medizin und Leitlinien.

In ihrem vorläufigen HTA-Bericht kamen die Sachverständigen zu dem Schluss: Die Fusionsbiopsie nutzt oder schadet Betroffenen nicht mehr als die üblicherweise eingesetzte Ultraschall-gesteuerte Biopsie.

Dafür nennen die Sachverständigen verschiedene Gründe, beispielsweise:

  • Die Datenlage ist noch nicht ausreichend: Die Fusionsbiopsie ist ein immer noch recht neues Verfahren. Im Vergleich zum bisherigen Standardverfahren gibt es weniger wissenschaftliche Daten. Für eine aussagekräftigere Beurteilung sind größere, hochwertige Studien mit längeren Nachbeobachtungszeiträumen nötig (Stichwort Evidenz).
  • Der Vorteil der vermiedenen Biopsien ist noch nicht abschätzbar: Laut dem HTA-Bericht ist die Anzahl an vermiedenen Biopsien ein Vorteil der Fusionsbiopsie. Ein Nutzen besteht jedoch nur, wenn Ärzte dadurch nachweislich kein behandlungsbedürftiges Prostatakarzinom übersehen (falsch negativer Befund). Um dies abzuschätzen, sind weitere hochwertige Studien notwendig.
  • Es müssen mehr patientenrelevante Kriterien berücksichtigt werden: Die für den HTA-Bericht berücksichtigten Studien haben in erster Linie die diagnostische Genauigkeit der Verfahren untersucht. Andere patientenrelevante Folgen wie der Einfluss auf das Gesamtüberleben oder Nebenwirkungen der Untersuchung sollten ebenfalls in Studien untersucht werden.

Was empfehlen Experten in der aktuellen S3-Leitlinie?

Was sind Leitlinien?

In Leitlinien sammeln Experten (auf Grundlage des besten verfügbaren Wissens) Empfehlungen für Ärzte zur Behandlung einer bestimmten Erkrankung.

Keine Routineuntersuchung bei der Erstbiopsie: Um einen Krebsverdacht abzuklären, sollen Ärzte systematisch Gewebeproben aus der Prostata entnehmen. Trotzdem kann auch hier zusätzlich eine Fusionsbiopsie infrage kommen: Nämlich dann, wenn vor dieser Erstbiopsie eine Aufnahme der Prostata mittels multiparametrischer Magnetresonanztomographie (mpMRT) gemacht wurde.

Sind bei dieser bildgebenden Untersuchung tumorverdächtige Bereiche in der Prostata aufgefallen, empfehlen die Experten der Leitlinien-Kommission: eine gezielte Gewebeentnahme in Kombination mit der systematischen Ultraschall-gestützten Biopsie. Die systematische Biopsie bleibt notwendig, um die feingeweblichen Eigenschaften der Gesamtdrüse zu beurteilen.

Bereits Standard ist die Fusionsbiopsie hingegen, wenn eine Zweitbiopsie notwendig wird: Diese kommt dann infrage, wenn mit der ersten Biopsie kein Krebs nachgewiesen wurde, aber weiterhin ein Krebsverdacht besteht. Etwa weil der Wert des Prostata-spezifischen Antigens (PSA) bei Betroffenen verdächtig hoch ist oder auffällig stark ansteigt. Die Datenlage zum Nutzen der Fusionsbiopsie ist für diese Situation deutlich besser als für die Erstbiopsie.

Kritische Stimmen zum HTA-Bericht

Die Fachgesellschaft Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) äußert sich kritisch zur Bewertung der Fusionsbiopsie.

Für die DGU besteht für die Fusionsbiopsie bei Verdacht auf Prostatakrebs ein klarer Nutzen. Dafür führt die Fachgesellschaft verschiedene Gründe an, etwa:

  • Genauere Diagnostik: Im Vergleich zu Ultraschallbiopsie werden bei der Fusionsbiopsie weniger klinisch behandlungsbedürftige (signifikante) Prostatakarzinome übersehen.
  • Vermiedene Biopsien: Zeigen die Aufnahmen der multiparametrischen Magnetresonanztomographie (mpMRT) keine verdächtigen Strukturen, erhalten Betroffene keine Fusionsbiopsie. Betroffenen könnte man dadurch eine eingreifende Untersuchung ersparen, wenn der Arzt eine systematische Biopsie für nicht notwendig hält.
  • Weniger Überbehandlung: Mit der Fusionsbiopsie verringert sich die Zahl der Diagnosen von klinisch nicht behandlungsbedürftigen (nicht signifikanten) Tumoren. Das erspart Betroffenen psychische Belastung sowie eine (eigentlich) unnötige Behandlung mit möglichen Therapiefolgen wie beispielsweise Inkontinenz oder Impotenz.




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