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Medikamente © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

Medikamente und Krebsrisiko (1): Gefahr auf Rezept?

Krebsrisiko durch verschreibungspflichte Arzneimittel

Deutschland gehört zu den Industrieländern, die beim Arzneimittelverbrauch mit an der Spitze stehen. Dazu gehören nicht nur rezeptpflichtige Mittel. Auch bei der Selbstmedikation, also beim Verkauf von rezeptfreien Medikamenten und sogenannten Nahrungsergänzungsmitteln, sind die Deutschen eifrige Nutzer. Kein Wunder, dass Berichte über möglicherweise krebserregende Arzneimittel auf viel Aufmerksamkeit stoßen.

Was ist wirklich dran an "Krebs auf Rezept" oder "Krebs aus der Apotheke"? In den folgenden Texten hat der Krebsinformationsdienst wichtige Fakten und Quellen zum Weiterlesen zusammengestellt. Wichtig: Informationen aus dem Internet können das Gespräch mit den behandelnden Ärzten nicht ersetzen. Auf keinen Fall sollte man wichtige Medikamente auf eigene Faust absetzen, ohne sich vorher mit ihnen abzusprechen.

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Quellen

Die für die folgenden Texte genutzten Quellen sind nach Möglichkeit im Text genannt und verlinkt, unter Angabe des Datums. Die Auflistung stellt eine Auswahl dar. Für weitere Literatur sowie aktuelle Fragen zu neuen Warnhinweisen oder Studiendaten steht der Krebsinformationsdienst am Telefon und per E-Mail zur Verfügung.

Einführung: Kann das überhaupt sein, ein Krebsrisiko durch Arzneimittel?

Von in der EU und Deutschland zugelassenen Medikamenten geht normalerweise kein Risiko aus, das nicht in Studien vor der Zulassung gründlich untersucht worden wäre. Doch tatsächlich gibt es einige Mittel, für die solche Studien gezeigt haben: Sie können das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen.

Warum sind diese Arzneimittel trotzdem auf dem Markt?
Meist handelt es sich um Wirkstoffe, auf die man nicht verzichten kann: Die Erkrankungen, gegen die sie helfen sollen, ist anders nicht behandelbar. Das heißt: Keine Therapie wäre für betroffene Patienten weit gefährlicher als die Therapie mit einem Krebsrisiko, das sich nur vielleicht und erst Jahre oder Jahrzehnte später auswirkt.

Doch manchmal stellt sich auch erst nach einigen Jahren heraus, dass es weitere - meist geringfügige - Krebsrisiken durch Medikamente geben könnte. Sie fallen erst aufgrund der großen Zahl behandelter Patienten und der längeren Anwendungsdauer statistisch auf. Trotzdem heißt das nicht, dass die Krebsgefahr dann sofort als bewiesen gelten kann. Die Ursachenforschung ist umso schwieriger, je kleiner das Risiko ist:
Zunächst müssen die Wissenschaftler klären, ob es mögliche weitere Risiken gibt, die bisher übersehen wurden. Ebenfalls möglich:Unter Umständen ist es gar nicht das Arzneimittel, sondern die behandelte Krankheit selbst, die das Krebsrisiko steigert.

Das Geschäft mit der Angst gibt es ebenfalls:
Was im Internet, in Chats und Diskussionsforen an Gerüchten über eine angebliche Krebsgefahr gelegentlich verbreitet wird, gehört nicht selten in die Kategorie Panikmache. Schaut man genauer hin, dienen solche Berichte dann oft dazu, ein eigenes, angeblich "nebenwirkungsfreies" Mittel als "Ersatz" für das eigentliche Medikament zu verkaufen.

Chemotherapie, Bestrahlung: Wie hoch ist das Risiko eines Zweitkarzinoms?

Ausgerechnet die wichtigsten Medikamente, mit denen Krebs geheilt werden soll, können als Langzeitfolge eine Zweiterkrankung nach sich ziehen, ein sogenanntes Zweitkarzinom. Auch eine Bestrahlung birgt ein gewisses, wenn auch kleines Risiko:

Fast alle Chemotherapeutika, mit denen Krebszellen am Wachstum und an der Teilung gehindert werden sollen, greifen selbst an der Erbsubstanz an: Sie bieten zum Beispiel falsche "Bausteine" für die Vervielfältigung dieser genetischen Information an, sie stoppen den Zellzyklus durch Eingriffe in den Stoffwechsel der Teilung. Auch die Bestrahlung soll Krebszellen "im Kern" treffen.

Warum schädigt diese Therapie gesunde Zellen nicht von vornherein sehr stark? Tumorzellen sind viel stärker betroffen als gesunde, weil sie sich häufiger teilen.

Bei Bestrahlungen versuchen die Ärzte heute, die Strahlendosis so gezielt wie möglich nur auf das Tumorgewebe zu richten. Das schont gesundes Gewebe.

Bei der Chemotherapie gelingt dies nicht: Sie wirkt im ganzen Körper, bis auf sehr wenige Ausnahmen. Pauschale Angaben wie hoch das Zweitkrebs-Risiko tatsächlich ist, sind kaum möglich:

  • Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Krebserkrankung hängt stark von den verwendeten Substanzen ab, von der Höhe der Dosis und der Anzahl der Therapiezyklen. 
  • Auch das Alter der Patienten spielt eine Rolle.
  • Im Vergleich zur Wahrscheinlichkeit, an der unbehandelten primären Krebserkrankung zu sterben, ist die Gefährdung insgesamt sehr gering.

Auf jeden Fall müssen Patienten ihre persönliche Gefährdung mit ihren Ärzten abklären: Informationen aus dem Internet können hier allenfalls einen Rahmen für Fragen in einem solchen Gespräch vorgeben und sollten nicht pauschal Anlass zur Beunruhigung sein.

Das Risiko einer unbehandelten Krebserkrankung ist auf jeden Fall wesentlich höher als das, eine Zweitkrebserkrankung zu erleiden. Diese Prüfung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses ist Voraussetzung für die Zulassung auch bei Krebsmedikamenten.

Ausführliche Hintergrundinformationen sowie Quellen finden Patienten und Interessierte beim Thema Chemotherapie und bei den Texten zur "Bestrahlung".

Antihormonelle Medikamente: Hormonentzug mit Folgen?

In der Therapie von Brustkrebs werden nach erfolgreicher Operation und auch in einigen anderen Situationen so genannte Antiöstrogene angewendet. Sie bieten einen wichtigen Schutz, wenn der Tumor der Patientin auf Hormone mit Wachstum reagiert hatte.

Allerdings bewirkt die sehr häufig verwendete Substanz Tamoxifen verstärktes Wachstum von Zellen der Gebärmutterschleimhaut. Daraus kann sich - selten - ein Tumor entwickeln, ein so genanntes Endometriumkarzinom. Patientinnen, die nach Brustkrebs Tamoxifen erhalten, werden über dieses Risiko aufgeklärt; sie sollten unbedingt regelmäßig untersucht werden. So lassen sich Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut frühzeitig feststellen und behandeln. Da ungewöhnliche Blutungen ein erster Hinweis auf Zellveränderungen sein können, sind sie ein Anlass, auch außerhalb der vereinbarten Kontrolltermine zum Arzt zu gehen.

Das Antiöstrogen Toremifen wirkt vermutlich ähnlich, so die Fachinformationen der Anbieter. Hier gelten die gleichen Empfehlungen zur regelmäßigen Kontrolle. Für die relative neue Substanz Faslodex liegen noch keine ausreichenden Daten vor, nach bisherigem Kenntnisstand scheint sie die Gebärmutterschleimhaut nicht ungünstig zu beeinflussen.

Von den anderen zur Brustkrebstherapie eingesetzten Mitteln, die sich auf den Hormonspiegel auswirken, geht nach bisherigem Kenntnisstand kein Krebsrisiko aus.

Wie sieht es mit der antihormonellen Therapie bei Männern aus?
Von den Antihormon-Medikamenten, die bei Männern gegen Prostatakrebs eingesetzt werden, ist nach bisheriger Datenlage nicht bekannt, dass sie weitere Tumorformen fördern könnten.

Mittel gegen Viren: Wachstumsstopp auch für gesunde Zellen?

In die Diskussion gerieten auch Mittel, die gegen Viren eingesetzt werden. Von einigen stellte die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC, www.iarc.fr) nach Prüfung aller Daten im Jahr 2000 fest, dass das Krebsrisiko nicht belegt ist, andere haben dagegen bei längerer Anwendung im Tierversuch eine Krebs fördernde Wirkung.

Unter den im Jahr 2000 weitgehend "freigesprochenen" Mitteln gegen Viren ist zum Beispiel die Substanz Acyclovir (Aciclovir), die gegen Herpes wirkt und etwa in Salben gegen Lippenbläschen enthalten ist. Sie scheint nicht gefährlich zu sein, selbst wenn sie geschluckt oder als Infusion gegeben wird.

Rein theoretisch geht von solchen Mitteln ein gewisses Krebsrisiko aus, die am Stoffwechsel der Erbsubstanz ansetzen. Hierzu zählen vor allem Medikamente gegen HIV und AIDS. Doch die Daten aus Tierversuchen hierzu sind nicht endgültig einschätzbar; ob sie auf den Menschen übertragbar sind, bleibt derzeit offen. Wie bei anderen schweren Erkrankungen müssen Ärzte mit ihren Patienten hier die Risiken gegen den nachgewiesenen Nutzen abwägen.

Mittel gegen Diabetes und Bluthochdruck

Diabetes, die Zuckerkrankheit, ist weit verbreitet. Daher ist eine auch noch so geringe Steigerung des Krebsrisikos durch Medikamente  sehr bedeutsam, weil viele Menschen betroffen sind.

Studien weisen darauf hin, dass sich für Diabetes-Patienten das Risiko für Harnblasenkrebs leicht erhöht, wenn sie über einen längeren Zeitraum Pioglitazon einnehmen. Pioglitazon ist das einzige in Deutschland zugelassene Medikament vom Typ der Glitazone ("Insulin-Sensitizer"). Glitazone verringern den Insulinbedarf von Typ-2-Diabetikern, indem sie zu einer besseren Zuckeraufnahme in die Gewebe führen. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA, www.ema.europa.eu) und das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM, www.bfarm.de) empfehlen seit 2011:

  • Patienten mit Harnblasenkrebs sollten Pioglitazon nicht einnehmen. Dieser Hinweis gilt auch für Menschen, die in der Vergangenheit daran erkrankt waren.
  • Bei Diabetikern mit einem erhöhten Blasenkrebsrisiko müssen Nutzen und Risiken sorgfältig abgewogen werden.
  • Patienten, die pioglitazonhaltige Medikamente einnehmen, sollten diese keinesfalls eigenmächtig absetzen, sondern Rücksprache mit ihren Ärzten halten. Ein unkontrollierter Anstieg des Blutzuckerspiegels kann andernfalls zu Risiken für die Gesundheit führen.
  • Bei Patienten, deren Blutzuckerspiegel sich anders nicht gut einstellen lässt, kann der Nutzen von Pioglitazon die Risiken überwiegen.

Diskutiert wird außerdem ein Risiko durch "künstliche" Insuline (sogenannte Insulinanaloga), die Patienten mit Zuckerkrankheit erhalten. Auch einige weitere Mittel gegen Diabetes Typ II sind Gegenstand der Risikoforschung, bisher jedoch ohne wirklich belastbare Hinweise. Ein Beispiel ist Exenatid, eine Substanz, die ähnlich wie das körpereigene Stoffwechselhormon Glukagon wirkt. Diskutiert wird das Risiko von Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und auch von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA sieht für ein Krebsrisiko bisher keine Belege. Die EMA weist allerdings auch darauf hin, dass es bisher nur vergleichsweise wenige Daten dazu gibt (www.ema.europa.eu/ema/index.jsp?curl=pages/news_and_events/news/2013/07/news_detail_001856.jsp&mid=
WC0b01ac058004d5c1
).

Gemeinsamer Risikofaktor metabolisches Syndrom?

Für die eine Zeitlang kritisch betrachteten Sartane, Mittel gegen hohen Blutdruck, wurde hingegen von den europäischen wie auch den U.S.-Arzneimittelbehörden Entwarnung gegeben.

Schwierig ist die Forschung in diesem Bereich, weil bei betroffenen Patienten mehrere Risikofaktoren zusammen kommen können, die sich in Studiendaten sozusagen "überlagern". Patienten mit Bluthochdruck oder Diabetes Typ II (fälschlich auch als "Alterszucker" bezeichnet) sind zum Beispiel häufig übergewichtig und bewegen sich wenig. Dies fördert nicht nur die Zuckerkrankheit und Bluthochdruck, sondern auch manche Krebsarten.
Als gemeinsame Ursache sehen Wissenschaftler heute eine generelle "Schieflage" des Stoffwechsels an an, mehr dazu in einem "Aktuellen Thema" des Krebsinformationsdienstes, Stichwort "metabolisches Syndrom".

Hormone gegen Wechseljahresbeschwerden: Risiko unterschätzt?

Lange unterschätzt wurden die Risiken einer Hormonersatztherapie gegen Wechseljahresbeschwerden: Sie wirkt sich deutlich auf das Brustkrebsrisiko aus. Auch wenn das Risiko möglicherweise geringer ist als eine Zeitlang befürchtet: Eine Hormonersatztherapie in den Wechseljahren und sollte nur noch angewendet werden, wenn sich Beschwerden wie etwa Hitzewallungen nicht anders lindern lassen und sehr belastend sind. Dies betrifft Mittel, die die Hormone Östrogen und Gestagen kombinieren.
Östrogen allein erhöht außerdem das Risiko für Krebs der Gebärmutterschleimhaut und sollte überhaupt nur bei Frauen eingesetzt werden, die keine Gebärmutter mehr haben.

Mehr zu den Vor- und Nachteilen einer Hormonersatztherapie sowie einen Überblick über wichtige Quellen hat der Krebsinformationsdienst in eigenen Texten zusammengestellt.

Die "Pille": Gesamtnutzen überwiegt das Risiko

Die "Pille" ist das sicherste Mittel, um eine Schwangerschaft zu verhüten, auch unter gesundheitlichen Aspekten. Die meisten Präparate unterdrücken durch die Gabe von Hormonen den Eisprung. Die so genannten Mini- oder Mikropillen wirken dagegen eher über die Blockade des Aufbaus von Gebärmutterschleimhaut, in die sich ein befruchtetes Ei einnisten könnte.
Heute werden für die so genannten oralen Kontrazeptiva überwiegend Hormone verwendet, die den körpereigenen Botenstoffen Östrogen und Gestagen chemisch ähnlich, aber nicht völlig gleich sind.

  • "Pillen" mit Östrogenen und Gestagenen schützen vor Krebs der Gebärmutter (Endometriumkarzinom) und Eierstockkrebs: Sie senken das Risiko, an diesen Tumorformen zu erkranken.

Im Juli 2005 veröffentlichte die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) eine Analyse vorliegender Daten, nach denen diesem Nutzen unter anderem ein geringfügig erhöhtes Brustkrebsrisiko entgegen steht. Die Erhöhung des Brustkrebsrisikos hat sich allerdings spätestens zehn Jahre nach Ende der Einnahme in den Statistiken wieder verloren. Abhängig von der Einnahmedauer wird auch das Risiko für Zervixkarzinome und Lebertumoren geringfügig gesteigert. 

Ob der Gesamtnutzen der "Pille" insgesamt auf lange Sicht nicht sogar im Vergleich zum Brustkrebsrisiko überwiegt, konnten die Experten angesichts fehlender Daten 2005 noch nicht sagen: Die IARC forderte weitere Forschungen zum Thema.

Diese sind inzwischen durchgeführt worden. Alle Studien, auch eine zuletzt 2017 veröffentlichte Untersuchung, kommen zu dem Schluss: Der gesundheitliche Schutz durch die "Pille" überwiegt unter dem Strich ihre Risiken.