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Obst und Vitamintabletten © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

Chemoprävention: Krebsvorbeugung durch Tabletten?

Gibt es Substanzen, die Tumoren verhindern?

Eine Tablette, die Gesunde vor Krebs schützt – die Chemoprävention ist ein Wunschtraum, nicht nur von Wissenschaftlern und Ärzten. In der Krebsforschung setzte man lange zum Beispiel auf Vitamine oder pflanzliche Extrakte. Auch Arzneistoffe wurden auf ihre krebsverhütende Wirkung hin überprüft, darunter so altbekannte Substanzen wie die Acetylsalicylsäure, das "Aspirin".
Bisher ist der Plan nicht aufgegangen. Erste Studien zeigen: Manche Stoffe schaden mehr, als sie nutzen, wenn man sie konzentriert als Tablette verwendet. Andere zeigen zwar eine vorbeugende Wirkung. Sie haben aber so schwere Nebenwirkungen, dass sie Gesunden kaum über längere Zeit zuzumuten sind. Etwas besser fällt die Nutzen-Risiko-Abwägung nur für Menschen mit sehr hohem Krebsrisiko aus, etwa bei erblicher Veranlagung. Die Forschung zur Chemoprävention läuft weiter auf Hochtouren.
Der Krebsinformationsdienst geht im folgenden Text auf Fragen zum Thema ein und bietet eine Übersicht über aktuelle Entwicklungen. Beigefügt sind außerdem Linktipps zum Weiterlesen. 

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Zuletzt überprüft: 17.04.2016

Genutzte Quellen und Links

Eine Auswahl der genutzten Quellen hat der Krebsinformationsdienst für Interessierte und Fachkreise am Ende dieses Textes zusammengestellt.

Chemoprävention – ein Überblick: Was steht hinter diesem Konzept?

Wie Krebs entsteht, verstehen Forscher immer besser: Ausgangspunkt sind genetische Veränderungen in einer einzelnen Zelle. Sie machen das Erbmaterial zunehmend instabiler. Einer neu entstandenen Tumorzelle  fehlen viele Kontrollprogramme: Sie altert nicht mehr und teilt sich immer weiter.
Hat das so gebildete Tumorgewebe eine gewisse Größe erreicht, setzen weitere komplexe Prozesse ein: Neue Blutgefäße entstehen und versorgen den wachsenden Tumor mit Sauerstoff und Nährstoffen. Das Tumorgewebe verdrängt und zerstört gesundes Gewebe. Eventuell lösen sich Zellen ab und führen an anderen Stellen im Körper zu Metastasen.

Kann man diese Abläufe stoppen?

Das Konzept der Chemoprävention setzt darauf, mit Medikamenten gezielt einen oder mehrere dieser Schritte zu blockieren – und dies am besten bei Menschen, die sich noch völlig gesund fühlen.

Welche Substanzen könnten sich zur Chemoprävention eignen? Das haben Wissenschaftler und Ärzte in den vergangenen Jahren vor allem aus Beobachtungsstudien abgeleitet: Dazu zählen Studien an Menschen mit unterschiedlichsten Krankheiten, die deshalb über längere Zeit Medikamente erhalten. Beispiele sind etwa Schmerzmittel, Mittel gegen Diabetes oder gegen Fettstoffwechselstörungen.

Interessant wird es immer dann, wenn die Forscher Veränderungen beim Krebsrisiko dieser Gruppen beobachten. Steigt die Zahl der Krebserkrankungen? Dann ist dies ein Hinweis auf eine womöglich gefährliche Nebenwirkung des jeweiligen Medikaments.
Wenn die Tumorrate aber sinkt - schützt das Medikament dann sozusagen nebenbei vor Krebs?

In anderen Studien beobachten Krebsforscher Zusammenhänge zwischen Krebsrate, Ernährung und Lebensstil: Wenn Menschen, die besonders viel von bestimmten Nahrungsmitteln essen, seltener Krebs bekommen – lassen sich aus diesen Lebensmitteln einzelne Wirkstoffe isolieren, die für den Effekt verantwortlich sind? Kann man diese natürlichen Substanzen dann reinigen und konzentrieren? So, dass sie als Tablette noch die gleiche Wirkung haben?

Hier drei Beispiele:

  • Dickdarmkrebs entsteht aus Veränderungen der Darmschleimhaut. Als Krebsvorstufe gelten gutartige Polypen. In Studien entwickelten manche Menschen, die regelmäßig "Aspirin" oder ähnliche Arzneimittel einnahmen, seltener Darmpolypen als andere, die dies nicht taten. Auch ihre Darmkrebsrate schien niedriger zu sein.
    Lässt sich daraus schließen, dass man zur Vorbeugung nur jeden Tag "Aspirin" schlucken muss?
    Die Antwort zurzeit lautet: noch nicht. Für die allermeisten Menschen würden die getesteten Arzneimittel auf Dauer auch viele Nebenwirkungen mit sich bringen: Sie behindern unter anderem die Blutgerinnung. Wer sie lebenslang einnehmen würde, müsste mit der ständigen Gefahr kleinerer und größerer Blutungen rechnen, und im Verdauungstrakt kann es zu Schmerzen und Schleimhautentzündungen kommen.
    Und man weiß inzwischen auch: "Aspirin" wirkt nicht bei allen Menschen gleich, verantwortlich sind genetische Unterschiede.
    Es gibt jedoch Menschen mit angeborenem, extrem hohem Darmkrebsrisiko, für die eine solche Chemoprävention vielleicht derzeit schon infrage kommt, mehr dazu hier.
  • Brustkrebs ist bei Frauen in Asien deutlich seltener als bei Frauen in westlichen Ländern. Könnte dies mit der Ernährung zusammenhängen? Asiatinnen essen viel Soja. Könnte die eiweißreiche Hülsenfrucht Stoffe enthalten, die das Brustkrebsrisiko senken?
    Für Forscher war schnell klar, wie sich ein solcher Zusammenhang erklären ließe: Brustkrebs wächst bei viele Frauen hormonabhängig. Und Sojabohnen enthalten sogenannte Phytoöstrogene – wirken sie als natürliche Gegenspieler der weiblichen Geschlechtshormone? Nach und nach entdeckte man, dass sich solche hormonell aktiven Stoffe auch aus einigen anderen Pflanzen isolieren ließen.
    Als isolierte Substanz, zu Tabletten gepresst, hat bisher jedoch keines dieser "Phytohormone" einen sicheren Nutzen erbracht, auch wenn die Forschung dazu noch nicht abgeschlossen ist. Es gibt jedoch auch Hinweise, dass pflanzlichen Hormone keineswegs "sanft und sicher" sind: Unerwünschte Nebenwirkungen sind nicht auszuschließen. Sogar eine Steigerung des Krebsrisikos ist durch die zusätzlichen Hormone zumindest theoretisch denkbar. Die meisten Experten wie auch die deutschen Behörden raten zurzeit von der Einnahme ab, mehr dazu hier
  • Lungenkrebs tritt besonders häufig bei Rauchern auf. Wer dagegen viel Obst und Gemüse isst, erkrankt seltener. Könnte dies etwas mit dem Vitamingehalt pflanzlicher Lebensmittel zu tun haben?
    Vor 30 Jahren war dies eine häufig geäußerte Vermutung. Und so führten Krebsforscher eine ganze Reihe von Studien durch, in denen sie Rauchern Vitamintabletten gaben, zum Schutz vor Krebs. Doch die Hoffnungen der Forscher wie der Studienteilnehmer wurden enttäuscht. Ein Beispiel ist die CARET-Studie, in der die Vitamin-A-Vorstufe Beta-Karotin verwendet worden war: Die Lungenkrebsrate unter den Teilnehmern stieg, anstatt zu sinken, und die Untersuchung musste abgebrochen werden. 

Ähnlich enttäuschend, oder zumindest nicht ermutigend, verliefen bisher viele weitere Studien zur Chemoprävention: mit Vitaminen, mit Spurenelementen und mit vielen anderen isolierten Stoffen aus Obst oder Gemüse, mit Substanzen aus traditionellen Heilpflanzen und aus vielen weiteren Quellen.

Selbstmedikation zur Krebsvorbeugung? Besser nicht!

Bisher ist in Deutschland deshalb auch kein Medikament mit dem Ziel "Krebsvorbeugung" zugelassen. Das bedeutet: Täglich ein "Aspirin" auf eigene Faust ist kein guter Weg zur Krebsvorbeugung.
Die meisten Fachleute raten auch davon ab, isolierte Vitamine, Spurenelemente, Extrakte aus Pflanzen oder sonstige Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen, zumindest nicht, ohne mit dem Arzt darüber gesprochen zu haben - obwohl die Werbung anderes suggeriert. Zwar gibt es bereits viele veröffentlichte Studien dazu. Die Ergebnisse sind jedoch widersprüchlich.

  • Bisher lässt sich nicht daraus ableiten, dass Nahrungsergänzungsmittel vor Krebs schützen.

Für einige gibt es deutliche Hinweise, dass sie schaden können, darunter vor allem Vitamine und Kombinationen von Vitaminen zum Beispiel mit Selen. Vor allem gilt:

  • Ein ungesunder Lebensstil lässt sich durch Tabletten nicht ausgleichen.

Für Menschen mit sehr hohem Krebsrisiko diskutieren Experten einige Ausnahmen - ohne bisher international oder auch innerhalb Deutschlands zu einer eindeutigen Meinung gelangt zu sein, wann für wen welches Mittel vielleicht doch geeignet ist.

Anstatt auf Chemoprävention setzen die Fachgesellschaften zurzeit vor allem auf einen allgemein gesunden Lebensstil und auf Früherkennung. Was diese beiden Faktoren bewirken, ist durch Studien relativ gut belegt. Aber sie haben auch ihre Grenzen: Es gibt eine ganze Reihe von Tumorarten, für die man derzeit weder Möglichkeiten der Vorbeugung noch der Früherkennung kennt.

Vitamine, Spurenelemente, sekundäre Pflanzenstoffe, andere natürliche Substanzen: Bisher enttäuschende Ergebnisse

Auf synthetisch hergestellte Vitamine und Mineralstoffe wurden in den letzten Jahrzehnten die größten Hoffnungen gesetzt. Ihre Eignung für die Chemoprävention von Krebs konnte bisher jedoch nicht belegt werden. Im Gegenteil: In sogenannten Interventionsstudien führten einige dieser Supplemente sogar zu einer Steigerung der Krebsrate.
Ein Beispiel ist die bereits erwähnte CARET-Studie, in der bei mit Beta-Karotin versorgten Rauchern die Lungenkrebsrate stieg, anstatt wie erwartet zu sinken. Eine weitere ist die SELECT-Studie: Hier hatten Männer Vitamin E und Selen erhalten, um Prostatakrebs zu verhindern oder zumindest die Erkrankung zu verlangsamen. Eine Schutzwirkung ließ sich nicht erzielen. Für Aufsehen sorgte 2007 eine Analyse von insgesamt 68 Studien mit Menschen, die regelmäßig sogenannte Antioxidantien einnahmen, darunter die Vitamine A, C und E sowie Selen.

  • Die Auswertung ergab: Wer solche Mittel verwendete, lebte kürzer.

Nur noch wenige Wissenschaftler erwarten anhand der aktuellen Datenlage von isolierten Vitamine und Mineralstoffen eine Krebs vorbeugende oder gar heilende Wirkung.

  • Weitere Fakten und Quellen zum aktuellen Kenntnisstand zum Thema hat der Krebsinformationsdienst in dem Text "Vitamine und Spurenelemente" zusammengefasst.

Gesunde Ernährung nicht ersetzbar

Der Markt ist voll davon, die Werbung vielversprechend: Extrakte aus Obst, Gemüse oder anderen Pflanzen, seltener auch aus tierischen Lebensmitteln. Viele enthalten isolierte Einzelstoffe, andere eine bunte Mischung aus angeblich hochkonzentrierten, aber trotzdem noch "natürlichen" Substanzen. Was ist davon zu halten? Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) meint zurzeit: Erwiesen ist gar nichts, und Nahrungsergänzungsmittel seien auch nicht dazu geeignet, Ernährungssünden auszugleichen.

In Obst, Gemüse, Pilzen, Kräutern, Tees oder auch Fisch sind zwar tatsächlich viele Stoffe enthalten, die theoretisch das Potenzial zur Chemoprävention besitzen. Doch was genau die vielen bisher untersuchten Einzelstoffe in der Krebsprävention wirklich leisten können und was nicht, steht noch längst nicht fest. Hier nur einige Beispiele für Stoffe, die in der Diskussion sind:
Flavonoide, die in Pflanzen als Farbstoffe enthalten sind, Resveratrol aus Trauben (und Rotwein), Katechine, die sich zum Beispiel in Tees finden, Genistein und weitere Substanzen aus Soja, Indolverbindungen aus den verschiedenen Kohlsorten, Lektine aus Pilzen, Lycopen aus Tomaten und ungesättigte Fettsäuren, die zum Beispiel in Fischöl enthalten sind.

Diese Stoffe sind für die Forschung zwar hochinteressant. Doch die Versuche, ihre Wirkung isoliert und zur Tablette gepresst zu erhalten, verliefen bisher eher enttäuschend. Keine dieser Substanzen hat daher bisher in Deutschland eine Arzneimittelzulassung. Die Vermarktung erfolgt als sogenanntes Nahrungsergänzungsmittel.

Forscher warnen auch hier vor möglichen Risiken: Von manchen sekundären Pflanzenstoffen sind Nebenwirkungen bekannt, die man bei natürlichen Lebensmitteln so nicht erlebt - ähnlich wie bei isolierten und konzentrierten Vitaminen. Dazu gehören zum Beispiel Unverträglichkeiten und Allergien.
Ebenso sind bisher noch weitgehend unerforschte Wechselwirkungen mit regulären Arzneimitteln denkbar. Und bei sehr vielen Stoffen ist noch gar nicht geklärt, was genau sie im Körper bewirken können, wenn sie in konzentrierter Form eingenommen werden. Ein Beispiel sind Isoflavone aus Soja, Rotklee und einigen anderen Pflanzen, die eine hormonähnliche Wirkung entfalten können: Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt daher schon lange davor, von solchen Phytoöstrogenen könne ein Brustkrebsrisiko ausgehen.

Tumorprotektive Arzneimittel: Noch keine Zulassungen in Deutschland

Studien zur Chemoprävention gibt es sehr viele. Ein Teil davon konzentriert sich eher auf Substanzen und prüft das Risiko für mehrere Krebsarten. Viele beziehen sich jedoch auf die Effekte, die sich bei einzelnen Tumorarten erzielen lassen.

  • Die folgenden Beispiele stellen daher zwangsläufig nur eine Auswahl dar.
  • Fragen zum Thema Chemoprävention, auch bei anderen Krebsformen oder mit hier nicht aufgeführten Stoffen, beantwortet der Krebsinformationsdienst auch am Telefon oder per E-Mail.

Beispiel Darmkrebs

In großen Beobachtungsstudien ergab sich ein auffallender Zusammenhang zwischen dem Darmkrebsrisiko und der Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS, "Aspirin"). Durchgeführt wurden diese Studien nicht nur mit Menschen, die ASS und verwandte Stoffe lange Zeit gegen Schmerzen erhielten. Eine weitere Gruppe von Probanden sind Patienten, die diese Arzneimittel wegen ihrer gerinnungshemmenden Wirkung erhalten.

Über welchen Mechanismus die Schutzwirkung zustande kommen könnte, dazu gibt es viele Anhaltspunkte: ASS und ähnliche Medikamente wirken nicht nur gegen Schmerzen und Entzündungen. Alle Wirkstoffe aus dieser Gruppe der so genannten nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) beeinflussen auch Stoffwechselvorgänge bei Entzündungsprozessen. Von diesen weiß man heute, dass sie an der Krebsentstehung beteiligt sein können.
Zum Thema ASS, chemischen Verwandten und Krebs sind deshalb sehr viele Studien durchgeführt worden, nicht nur am Beispiel Darmkrebs. 

2012 erschien eine Auswertung von mehr als fünfzig Studien, in denen ASS zur Verhinderung von Blutgerinnseln eingesetzt wurde. Sie ergab, dass Patienten, die täglich über mehrere Jahre hinweg ASS einnahmen, ein allgemein geringeres Erkrankungsrisiko für Krebs hatten. Auch wer trotzdem erkrankte, konnte noch auf einen Schutzeffekt rechnen: das Sterberisiko schien geringer.
Eine Ursache dafür könnte sein, so die Forscher: Eventuell nimmt unter täglicher Einnahme von ASS die Häufigkeit von Fernmetastasen ab: Absiedlungen des Tumors im Körper treten seltener auf.

Auch in einer Analyse von 2014 kommen die Autoren zu dem Schluss, dass Aspirin das Krebsrisiko senken könnte, und dieser Effekt mögliche Nachteile vielleicht überwiegt. Trotzdem raten auch sie davon ab, bereits zur Tablettenschachtel zu greifen, noch sind auch aus ihrer Sicht Fragen offen.

Eine Studie von 2015 zeigt: Möglicherweise gibt es auch genetisch bedingte Unterschiede in der Reaktion auf die Medikamente - nicht alle Menschen scheinen gleichermaßen davon zu profitieren. Einigen kann ASS nützen, bei anderen bewirkt es nicht, und selbst ein Schaden ist nicht ganz auszuschließen.

  • Ganz wichtig ist aber vor allem eines:
    Keines der Medikamente mit Acetylsalicylsäure ist derzeit zur Krebsprävention zugelassen - wer trotzdem auf die regelmäßige Tabletteneinnahme setzt, tut dies auf eigenes Risiko, und entgegen der aktuellen Expertenempfehlung.

2016 erschien eine weitere Studie, die erneut den möglichen Nutzen von niedrig dosiertem ASS vor allem als Schutz vor Krebs des Verdauungstraktes belegt: Die Forscher hatten rund die Daten von 88.000 Frauen und fast 48.000 Männer in den USA zusammengefasst und erneut ausgewertet, die über Jahrzehnte an zwei großen Studien teilgenommen hatten.

In einer besonderen Situation sind Menschen mit einem sehr hohen angeborenen Darmkrebsrisiko. Ein Beispiel ist die familiäre adenomatöse Polyposis (FAP). Bei Betroffenen bilden sich schon sehr früh im Leben sehr viele zunächst gutartige Schleimhautwucherungen, sogenannte Polypen oder Adenome. Sie entarten bald und führen zu Darmkrebs. 

Studien zeigen: Eine Langzeiteinnahme von ASS-verwandten Substanzen könnte die Entstehung solcher Polypen bremsen und somit das Darmkrebsrisiko bei Betroffenen senken. Auch bei Patienten mit anderen erblichen Formen dieser kolorektalen Karzinome wurden die Möglichkeiten der Chemoprävention entsprechend untersucht. Für diese Gruppe werden entsprechende Medikamente vermutlich zuerst empfohlen werden - noch gibt es auch hier aber keine allgemeine Empfehlung.

Eine Übersicht über die aktuellen Empfehlungen zur Darmkrebsvorbeugung bietet eine Leitlinie: Dieser Text wurde von Fachgesellschaften auf Basis der vorliegenden Studiendaten zusammengestellt. Hier einige Auszüge aus der "S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom":

  • Gesunde ohne besonderes Darmkrebsrisiko sollten derzeit keine Supplemente oder Mikronährstoffe zur Vorbeugung von Tumoren im Dick- und Enddarm verwenden. Dies gilt insbesondere für die Vitamine A (oder Beta-Karotin), C, D und E, Folsäure, Kalzium, Magnesium und Selen.
  • Auch Menschen mit  hohem Darmkrebsrisiko empfehlen die Experten zumindest zurzeit keine vorbeugende Einnahme von Medikamenten. Das heißt: Auch Verwandte von Darmkrebspatienten oder von Patienten, bei denen gutartige Adenome entdeckt wurden, sollten nicht auf Chemoprävention setzen, sondern eher für sie geeignete Früherkennungsuntersuchungen durchführen lassen.
  • Die Autoren der Leitlinie benennen nur eine Ausnahme: Patienten mit familiärer adenomatöser Polyposis (FAP), können sich mit ihrem Arzt besprechen, ob bei ihnen nicht doch Arzneimittel zur Vorbeugung weiterer Polypen und Karzinome sinnvoll wären.

Bei FAP-Betroffenen ist normale Acetylsalicylsäure allerdings nicht geeignet, sie wirkt nicht ausreichend. Infrage kommen die verwandten Substanzen Sulindac und Celecoxib. Beide sind jedoch zur Chemoprävention von Darmkrebs in Deutschland nicht zugelassen, Sulindac ist in Deutschland gar nicht offiziell auf dem Markt. Beide haben zudem erhebliche Nebenwirkungen.

Ob sich der Einsatz zur Krebsvorbeugung wirklich lohnt, müssen daher selbst FAP-Patienten mit ihrem besonders hohen Krebsrisiko ganz individuell und gemeinsam mit ihren Ärzten entscheiden. Geklärt werden sollte auch, wer die Kosten für die vorbeugenden Arzneimittel trägt.

Beispiel Brustkrebs

Brustkrebs ist bei vielen Frauen hormonabhängig. Das heißt, das Wachstum der Tumoren wird durch die Geschlechtshormone Östrogen und Gestagen mitbestimmt. Dies führte zu der Frage: Lassen sich Medikamente, die man zur Hormonblockade in der Brustkrebstherapie einsetzt, auch zur Chemoprävention nutzen? Dass diese Überlegung nicht nur theoretisch richtig ist, konnte inzwischen in mehreren Studien gezeigt werden.

Doch diese Medikamente haben starke Nebenwirkungen: Dazu gehört bei fast allen Frauen ein vorzeitiger Eintritt in die Wechseljahre durch den Hormonentzug, mit den typischen Symptomen, etwa Hitzewallungen. Weitere unerwünschte Behandlungsfolgen, wie etwa ein erhöhtes Risiko für Gebärmutterkörperkrebs, sind von einzelnen dieser Substanzen ebenfalls bekannt. Für Frauen ohne besondere Risiken für Brustkrebs kommen solche Medikamente daher normalerweise nicht infrage.

Wie sieht die Risiko-Nutzen-Abwägung bei Frauen mit  stark erhöhtem Brustkrebsrisiko aus? Wie ist es mit Frauen, die die Wechseljahre schon hinter sich haben und deren Risiko altersbedingt ansteigt?

In Studien wurden bisher hauptsächlich die Substanzen Raloxifen und Tamoxifen untersucht. Tatsächlich lässt sich das Risiko für hormonabhängigen Brustkrebs messbar senken, auch wenn die Höhe des Effekts nicht unumstritten ist. Unklar ist auch, ob die Erkrankung nicht nur "nach hinten", ins höhere Alter verschoben wird, oder ob sich langfristig wirklich auch die Sterblichkeitsrate an Brustkrebs senken lässt.

Vor allem zeigte sich: Ein großer Teil der an sich gesunden Frauen war nach einiger Zeit nicht mehr bereit, die Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen. Sehr viele brachen die Einnahme der Medikamente ab.

In den USA sind Raloxifen und Tamoxifen trotzdem zur Brustkrebsvorbeugung zugelassen. Die Bewertung der Substanz Exemestan steht noch aus. In Deutschland ist bisher kein Antihormon-Medikament nur zur "Krebsvorbeugung" erhältlich. Die Bewertungen der verschiedenen deutschen Fachgesellschaften fallen unterschiedlich aus:

  • Ein Teil der Expertengeht davon aus, dass eine Risikoreduktion zurzeit noch nicht ausreichend sicher nachgewiesen ist und Entscheidungen nur nach individueller Abwägung möglich sind
  • Eine Fachgesellschaft, die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO), sieht Anhaltspunkte, dass Tamoxifen bei jüngeren Frauen oder Raloxifen bei Frauen nach den Wechseljahren sinnvoll sein könnten - wenn eindeutig ein hohes Brustkrebsrisiko nachgewiesen ist. Auch die AGO fordert jedoch eine individuelle und umfassende Risiko-Nutzen-Abwägung, bevor eine Frau mit sehr hohem Risiko diese Medikamente zur Brustkrebsvorbeugung einsetzt.

Entsprechende Studien werden weiter durchgeführt.

Beispiel Prostatakrebs

Für das Prostatakarzinom setzt die Chemoprävention daran an, den Einfluss des Hormons Testosteron zu mindern: Dazu nutzt man ähnliche Substanzen, wie sie auch in der Behandlung bereits erkrankter Männer verwendet werden.

Finasterid hemmt die Produktion von Testosteron. Die Substanz wurde bereits 1993 in einer großangelegten Studie mit 20.000 Männern auf ihre krebsvorbeugende Wirkung hin untersucht. Tatsächlich ließ sich die Krebsrate senken. Zu dieser Studie liegen allerdings inzwischen Langzeitergebnisse vor: Zwar senkt Finasterid die Erkrankungsrate, jedoch nicht so stark, wie zunächst angenommen. Erkrankten Männer trotz des Medikaments, deuteten die Gewebebefunde allerdings auf ein vergleichsweise aggressiveres Tumorwachstum hin.  Möglicherweise verschiebt das Arzneimittel die Tumorbildung nur in ein höheres Lebensalter, so eine Vermutung. Oder es verhindert vor allem wenig aggressive Tumoren, die den betroffenen Männern von vornherein wenig oder gar keine Beschwerden gemacht hätten. Ein weiterer Effekt gilt als relativ gesichert: Finasterid "maskiert" das Prostata-spezifische Antigen PSA, das als Marker für die Erkrankung gilt. Dies könnte dazu beigetragen haben, dass selbst größere Karzinome häufig nicht erkannt wurden. 
Ähnlich sehen die bisherigen Studiendaten für die Substanz Dutasterid aus.

Beide Substanzen haben zudem Nebenwirkungen, die viele an sich gesunde Männer nicht über längere Zeit tolerieren: Sie können die Fähigkeit zur Erektion vermindern und senken insgesamt das Interesse an Sexualität.  Auch weitere Nebenwirkungen sind möglich, darunter etwa vergrößerte Brustdrüsen.

Arzneimittel wie Finasterid oder Dutasterid sind daher bisher in Deutschland nicht zur Chemoprävention zugelassen.

Indirekt vorbeugen – Risikokrankheiten behandeln, Krebsrate senken?

Es gibt noch einen weiteren Ansatz, der auch als Chemoprävention verstanden werden kann. Eine Reihe von Erkrankungen fördert das Krebsrisiko, wenn sie nicht oder nur unzureichend behandelt werden. Gelingt es dagegen, sie mit Medikamenten unter Kontrolle zu bringen oder gar zu heilen, so kann auch dies im weitesten Sinn als Chemoprävention gewertet werden.

Beispiele bieten Erkrankungen, die mit chronischen Entzündungen oder chronischen Stoffwechselverschiebungen verknüpft sind, die ihrerseits eine Art Entzündung im Gewebe auslösen. Hier einige Beispiele:

Übergewicht kann eine dauerhafte Stoffwechselschieflage fördern, das sogenannte metabolische Syndrom. Viele Anzeichen im Körper ähneln dann einer Art chronischer Entzündung. Heute weiß man, dass das metabolische Syndrom nicht nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes fördert, sondern auch das Risiko für einige Krebsarten steigert. Abnehmen und mehr Bewegung helfen. Neueste Studien deutend darauf hin, dass auch ein schon lange erhältliches Diabetes-Medikament das Risiko senken könnte, das Metformin. Inzwischen gibt es dazu nicht nur Beobachtungen bei sowieso mit Metformin behandelten Menschen. In ersten Studien haben Patienten gezielt Metformin zur Vorbeugung erhalten, etwa nach der Entfernung von Polypen im Darm, also von Krebsvorstufen. Noch ist weitere Forschung notwendig, bevor zur Rolle von Metformin mehr gesagt werden kann.

Ständiges Sodbrennen und saures Aufstoßen können zu Veränderungen der Schleimhaut in der Speiseröhre führen. Diese gelten als Krebsrisiko, auch wenn längst nicht jeder Mensch mit häufigem Sodbrennen an Speiseröhrenkrebs erkrankt.  Ob sich auch dieses Risiko senken lässt, wenn Sodbrennen ausreichend und dauerhaft behandelt wird, ist zurzeit ein Thema von Studien.

Mehr weiß man bereits über die Rolle, die eine lang anhaltende Magenschleimhautentzündung und Magengeschwüre als Krebsauslöser spielen können. Auslöser ist sehr häufig die Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori - man weiß, dass dieser Keim das Magenkrebsrisiko verdoppelt oder sogar verdreifacht. Wird die Entzündung behandelt, sinkt das Risiko wieder. 

Ein weiteres Beispiel bieten Erkrankungen, bei denen die Regulationsmechanismen des Körpers nicht (mehr) ausreichend greifen. Dazu gehören beispielsweise die Zuckerkrankheit Diabetes, und auch chronische Fettstoffwechselstörungen. Sie führen im Gewebe zu einer Art Daueralarm, einer chronischen Entzündung, die heute auch als Krebsrisikofaktor gewertet wird. Das Stichwort lautet metabolisches Syndrom, mehr dazu hier.

So ist es kein Wunder, dass immer mehr Studien belegen: Medikamente, die regulierend in den Stoffwechsel eingreifen, scheinen auch das Krebsrisiko zu senken. Daten liegen zum Beispiel zur Insulintherapie und zur Therapie mit dem Wirkstoff Metformin gegen Diabetes vor, auch zu Statinen bei Fettstoffwechselstörungen. Noch sind zu diesem Thema allerdings viele Fragen offen.

Mehr wissen über Chemoprävention: Linktipps, Fachinformation, wissenschaftliche Publikationen (Auswahl, Stand 4/2016)

Fragen zum Thema beantwortet der Krebsinformationsdienst am Telefon, täglich von 8 bis 20 Uhr unter der Telefonnummer 0800 - 420 30 40, oder per E-Mail (hier ein datensicheres Formular).