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Prostatakrebs, Foto: STEVE GSCHMEISSNER/Getty Images © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

Prostatakrebs: Risikofaktoren und Vorbeugung

Wenige Auslöser bekannt

Obwohl so viele Männer an Prostatakrebs erkranken, ist über die Ursachen dieser Tumorform vergleichsweise wenig bekannt. Hinzu kommt: Die bekannten Auslöser lassen sich wenig beeinflussen. Das Risiko steigt mit dem Alter an, und das männliche Geschlechtshormon Testosteron spielt eine wesentliche Rolle. Bei einigen Betroffenen gibt es Hinweise auf vererbbare Risikogene. Wie gesund ein Mann lebt, scheint dagegen nur einen geringen Einfluss auf das langfristige Risiko zu haben.
Wie können Männer trotzdem vorbeugen? Der folgende Text bietet einen Überblick. Für Fragen steht der Krebsinformationsdienst auch am Telefon oder per E-Mail zur Verfügung. Informationen aus dem Internet, einer E-Mail oder einem Telefongespräch können eine persönliche ärztliche Beratung zur Krebsvorbeugung jedoch nicht ersetzen.

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Zuletzt überprüft: 06.08.2015

Quellen und Links

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Alter: Prostatakrebs bei jungen Männern so gut wie unbekannt

Auf die gesamte Lebenszeit berechnet muss einer unter acht Männern mit Prostatakrebs rechnen. 

Als Haupt"risiko" gilt bisher das Alter. Vor dem 50. Lebensjahr tritt Prostatakrebs so gut wie nie auf. Die Krebsregister in Deutschland haben zur Bedeutung des Alters folgende Schätzung erstellt:

  • Im Alter von 35 Jahren muss ein Mann unter 3.900 damit rechnen, innerhalb der nächsten zehn Jahre zu erkranken.
  • Mit 45 gilt dies innerhalb der nächsten zehn Jahre für einen von 220 Männern.
  • Zwischen 55 und 64 Jahren wird es einen Mann unter 39 treffen.
  • Innerhalb der nächsten zehn Jahre bis zum Alter von 74 ist es dagegen ein Mann von 17, die gleiche Wahrscheinlichkeit gilt für Männer nach dem 75. Geburtstag.

Diese und weitere Daten werden vom Zentrum für Krebsregisterdaten am Robert-Koch-Institut und den epidemiologischen Krebsregistern auch im Internet sowie als Broschüre zur Verfügung gestellt, mehr unter www.krebsdaten.de und www.gekid.de.

Hormone: Testosteron als Risiko?

Auf jeden Fall sind männliche Hormone an der Entstehung von Prostatakrebs beteiligt: Ohne Testosteron scheinen sich Karzinome nicht entwickeln zu können. Es wurde noch nie ein Karzinom bei Männern beobachtet, die vor der Pubertät ihre Hoden verloren hatten und nicht mit Testosteron gegen Hormonmangel behandelt wurden. 

Wie erklärt man sich dies biologisch?
Die Krebszellen tragen wie das gesunde Gewebe sogenannte Rezeptoren für das Geschlechtshormon Testosteron. Blockiert man die Testosteronwirkung, bremst dies das Wachstum. Deshalb spielt  der Testosteronentzug auch eine große Rolle in der Behandlung bereits entstandener Tumoren. 

Sollte man die Testosteronwirkung auch zur Vorbeugung von Prostatakrebs stoppen?
In klinischen Studien überprüfen Forscher diese Möglichkeit, Prostatakrebs mit Medikamenten vorzubeugen. Sie testeten bei den Studienteilnehmern Stoffe, die hemmend in den Hormonstoffwechsel eingreifen. Normalerweise werden diese Mittel nur gegen ausgeprägte gutartige Prostatavergrößerungen eingesetzt. 
Der bisher am besten untersuchte Wirkstoff ist Finasterid. Diese Substanz blockiert ein Enzym, die 5-alpha-Reduktase. Damit wird der Umbau des männlichen Geschlechtshormons Testosteron zum eigentlich wirksamen Dihydrotestosteron gebremst, das für das Gewebewachstum verantwortlich ist.

Der Ansatz zeigte Wirkung: Unter den Teilnehmern solcher Studien traten tatsächlich seltener bösartige Tumoren der Prostata auf. Entsprechende Daten wurden ab 2003 zum Beispiel aus der amerikanischen "Finasteride Prostate Cancer Prevention Trials" veröffentlicht, so der englischsprachige Titel der wichtigsten Studie.
Doch die Nebenwirkungen waren gravierend: Viele Probanden klagten über Probleme mit der Erektionsfähigkeit, über insgesamt nachlassendes Interesse an Sexualität und über Brustdrüsenwachstum. Auch andere Nebenwirkungen traten auf.

Mehr Nebenwirkungen als Nutzen?

Das bisherige Fazit: Männer, die eine gutartige Prostatahyperplasie haben, können solche unangenehmen Begleiterscheinungen der Alphareduktasehemmer zeitweilig in Kauf nehmen. Hier dauert die Behandlung aber nur so lange, bis eine Besserung erzielt ist, dann kann man die Mittel wieder absetzen. 

Zur Krebsvorbeugung sähe dies anders aus: Gesunde Männer müssten die Medikamente lebenslang einnehmen - mit den entsprechenden Folgen. Zur Krebsvorbeugung sind die Mittel in Deutschland bisher deshalb nicht zugelassen.

Die wissenschaftliche Suche nach Mitteln zur wirksamen Vorbeugung von Prostatakrebs geht weiter.

  • Eine Zulassung als Arzneimittel oder gar eine Empfehlung zur Einnahme hat jedoch bisher keine der geprüften Substanzen erhalten.
  • Auch Nahrungsergänzungsmittel wie etwa Mineralstoffe oder Vitamine eignen sich nicht – sie können sogar schädlich sein.

Testosteron-Therapie und "Wechseljahre" des Mannes

Seit einigen Jahren berichten die Medien viel über sogenannte "Wechseljahre" des Mannes, und nicht selten wird Testosteron zur Therapie beworben. Fachleute sehen dies eher kritisch: Zwar lässt auch bei Männern mit steigendem Alter die natürliche Hormonproduktion oft nach. Doch auf keinen Fall ist dies mit den Wechseljahren bei Frauen zu vergleichen, nach denen die Eierstöcke ihre Funktion praktisch ganz einstellen.

Neuere Studien zeigen dementsprechend auch, dass die erhofften Vorteile von einer Testosteron-Behandlung für ältere Männer nicht wirklich gut belegbar sind. Dagegen steigt bei Studienteilnehmer der PSA-Wert an - ein Hinweis darauf, dass auch das Risiko eines Prostatakarzinoms steigen könnte.

Wie sieht es bei Männern mit dem Risiko aus, die wegen starken Testosteronmangels eine Hormonersatztherapie erhalten? Dies trifft unter anderem auf Männer zu, die wegen einer Erkrankung oder eines Unfalls ihre Hoden verloren haben. Da die Ärzte bei dieser Behandlung eher versuchen, einen natürlichen Testosteronspiegel zu erzielen, geht man heute davon aus, dass auch das Risiko für Prostatakrebs im normalen Bereich bleibt.

Nahrungsergänzungsmittel: Risiken nicht ausgeschlossen

Alle Versuche, Prostatakrebs durch Vitamine, Mineralstoffe oder andere Nahrungsergänzungsmittel zu verhindern, sind bisher gescheitert. Anders als es die Werbung suggeriert, gilt sogar: Risiken sind nicht auszuschließen.

In den USA wurde beispielsweise bereits 2008 die "SELECT"-Studie abgebrochen. In dieser Untersuchung sollte geprüft werden, ob Vitamin E und Selen Prostatakrebs vorbeugen oder zumindest hinauszögern können.

  • Eine Auswertung von 2011 zeigte: Die beiden Stoffe nützen nicht nur nichts. Bei Männern, die regelmäßig Vitamin E einnahmen, stieg das Krebsrisiko sogar.
  • 2014 wurde eine weitere Auswertung publiziert, die zeigt: Auch Selen kann schädlich sein und das Erkrankungsrisiko steigern, statt es zu senken.

Warum Männer nicht auf solche Produkte setzen sollten, um sich vor Prostatakrebs zu schützen, erläutert der Krebsinformationsdienst in diesem Text: "Vitamine, Spurenelemente und Krebs: (K)ein Plus für die Gesundheit?".

Ernährung: Zusammenhang bisher nicht geklärt, Übergewicht im Fokus

Schon seit längerem wird der Einfluss der Ernährung auf die Entstehung von Prostatatumoren in Studien untersucht. Bisher konnten Forscher allerdings keine einzelnen Ernährungsfaktoren identifizieren, die in der Vorbeugung nützlich wären. Weder scheint es der Fettanteil in der Nahrung zu sein, noch spielen einzelne Inhaltsstoffe eine nachweisbare Rolle. Daraus lässt sich zurzeit ableiten:

  • Eine Diät gegen Prostatakrebs – die gibt es bisher nicht.

Neuere Studien lassen allerdings erkennen, dass Übergewicht möglicherweise das Krankheitsrisiko steigert, zumindest das für eine fortgeschrittene, schwere Erkrankung. Die aktuelle Empfehlung der Weltkrebsforschungsstiftung (World Cancer Research Fund, WCRF): Man(n) sollte auf ein normales Gewicht und ausreichende Bewegung achten.

Warum die Verbindung von Ernährung und Bewegung? Übergewicht wird  nicht nur durch das bestimmt, was man isst, sondern auch davon, wie viel Energie man verbraucht. Auch dies ist ein Hinweis darauf, dass einzelne Ernährungsbestandteile keine große Rolle spielen, sondern eher die gesamte Ernährungssituation eine Rolle spielt.

So lässt sich auch eine weitere Beobachtung erklären: Viel Obst und Gemüse sind zwar gut für den Allgemeinzustand. Eine spezifische Schutzwirkung gegen Prostatakrebs konnte aber zum Beispiel in der europäischen Ernährungsstudie EPIC nicht nachgewiesen werden.

Was ist ist dem Einfluss sogenannter Phytohormone? Gibt es Zusammenhänge mit einzelnen Inhaltsstoffen von Obst oder Gemüse, die in der Werbung oft als "Krebsschutz" bezeichnet werden?

  • Ein Nutzen sogenannter Phytohormone aus Soja lässt sich nicht belegen. Auch sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe sind nach bisherigem Forschungsstand nicht wirksam, zumindest nicht, wenn sie nicht über normale Lebensmittel, sondern isoliert verwendet werden. 

Nicht wirksam sind vor allem in der Werbung häufig genannte Beispiele, etwa Lycopin aus Tomaten oder Extrakte aus Granatapfelsaft.

Energiebilanz und metabolisches Syndrom: Essen und bewegen

Auf welchem Weg könnte Übergewicht die Krebsentstehung fördern? Ein Modell setzt auf Zusammenhänge mit chronischen Stoffwechselstörungen. 

Dazu gehört beispielsweise das metabolische Syndrom, das viele Krebsforscher heute mit der Krebsentstehung in Verbindung bringen: Das metabolischen Syndrom tritt vor allem bei Menschen mit höherem Übergewicht auf. Bei ihnen gerät der Stoffwechsel sozusagen "in Schieflage": Blutzucker und Blutfettwerte sind chronisch erhöht, was sich auf viele Gewebe im Körper wie ein andauernder Entzündungsreiz auswirkt. Betroffene neigen zu Diabetes und Bluthochdruck. Und es mehren sich die Hinweise, dass auch einige Tumorarten bei Menschen mit metabolischem Syndrom häufiger zu finden sind.

Noch offen ist allerdings eine weitere Frage: Können auch bereits erkrankte Männer ihr Rückfalllrisiko senken, wenn sie sich ausgewogen ernähren und sich viel bewegen?   
Experten raten heute trotzdem wegen der allgemeinen Gesunderhaltung, auf eine ausgeglichene Energiebilanz zu achten, möglichst schon von der Kindheit an und lebenslang. 

Lebensstil: Rauchen, Alkohol, Sex, Familienplanung, Infektionen - viele Fragen offen

Immer wieder werden beim Thema Prostatakrebs auch Risikofaktoren diskutiert, die sich unter anderem auf den vermeintlich ungesunden Lebenswandel betroffener Patienten beziehen. Viele dieser Annahmen konnten allerdings zweifelsfrei widerlegt werden. Für andere wurde in Studien noch kein zweifelsfrei abschließender Beweis gefunden, oder wichtige Untersuchungen dauern noch an.

Ein Zusammenhang zwischen Prostatakrebs und Tabakkonsum galt lange als wenig wahrscheinlich. Doch inzwischen gibt es Studien, die zumindest einen schwachen Zusammenhang andeuten: das Risiko steigt, nicht nur bei Gesunden, sondern auch bei bereits Erkrankten, die trotz Therapie weiterrauchen. Hier ist weitere Forschung notwendig.

Prostatakrebs und Alkoholkonsum sind ebenfalls offensichtlich miteinander verknüpft, auch wenn ein Einfluss möglicherweise erst bei regelmäßigem und hohem Alkoholkonsum statistisch zum Tragen kommt. Forscher stellen einen Zusammenhang über die Hormone her: Alkohol beeinflusst hormonelle Regelkreise, zumindest bei starken Trinkern.

Noch nicht völlig geklärt ist der Einfluss chronischer Prostataentzündungen. Auch das Risiko durch sexuell übertragbare Erkrankungen ist unklar. Ein messbar gesteigertes Risiko scheint von chronischen Entzündungen allerdings nicht auszugehen. Forscher diskutieren diese Frage unter anderem auch deshalb, weil die Beschneidung, die Entfernung der Vorhaut, das Risiko von Infektionen senken könnte, und sich deshalb auch auf das Krebsrisiko auswirken würde. Noch fehlen dazu aussagekräftige Daten.

Empfängnisverhütung und Prostatakrebs?

Bei einer Vasektomie lassen sich Männer die Samenleiter durchtrennen, zur Empfängnisverhütung oder "Sterilisation". Die sexuellen Funktionen bleiben davon unbeeinträchtigt. Lange umstritten war, ob eine Vasektomie das Risiko für Prostatakrebs steigern könnte. Ganz sicher ausschließen kann man ein Risiko bis heute nicht. Doch wenn es überhaupt vorhanden sein sollte, so ist es zumindest sehr gering.

Was sagen die Studien zu diesem Thema? Die bisherigen Aussagen sind widersprüchlich. Hier zwei Beispiele:
Eine große Studie ging dieser Frage anhand des Schicksals von knapp 50.000 U.S.-Amerikanern nach, über einen Zeitraum von rund 24 Jahren. Die Ergebnisse deuteten an, dass insbesondere sehr aggressive Tumoren möglicherweise bei Männern nach Vasektomie leicht häufiger auftreten. Statistisch nicht beeinflusst wurde dagegen das Risiko für wenig aggressive Prostatatumoren, die bei den Patienten innerhalb des Beobachtungszeitraums auf das Organ selbst begrenzt blieben. 
Eine weitere, sehr umfassende Neuauswertung bereits veröffentlichter Studien kam zu dem Ergebnis: Es gibt zwar einen Trend, aber statistisch belastbar ist er nicht - eine Risikosteigerung ist wenig wahrscheinlich, wenn auch nach wie vor nicht völlig ausgeschlossen.

Ein Beweis für ein ursächliches Risiko können alle diese Studien nicht bieten: Sie bauen auf Beobachtung auf, nicht auf Labortests oder ähnlichen direkten Nachweisen. Fachleute diskutieren insbesondere, ob sich Männer, die sich sterilisieren lassen, auch in anderen Punkten von Männern unterscheiden, die dies nicht tun: Eine Möglichkeit wären häufigere Arztbesuche, so dass Prostatakrebs bei ihnen eher diagnostiziert wird. Eine andere wären Unterschiede im Lebensstil.
Unklar bleibt bis heute, was biologisch genau nach einer Sterilisation im Prostatagewebe passieren könnte, das sich dann auf das Risiko auswirken würde.

Diese Risiken sind widerlegt

Zu den Faktoren, die das Risiko laut aktuellem Forschungsstand n i c h t steigern, gehören

  • keine, geringe oder auch besonders ausgeprägte sexuelle Aktivität
  • Ausgeschlossen ist auch die Infektion mit humanen Papillomviren als Ursache für Prostatakrebs.

Wie sieht es mit der gutartigen Vergrößerung der Prostata aus, die bei vielen Männern ab dem mittleren Lebensalter zu finden ist?
Dazu sind noch Fragen offen, allerdings gilt: Die vorliegenden Daten sprechen eher dagegen, allein deshalb schon, weil die sogenannte benigne Hyperplasie so häufig vorkommt. Wäre sie ein starker Risikofaktor, würden noch weit mehr Männer als Prostatakrebs erkranken, als es der Fall ist. Allenfalls kann eine gemeinsame Ursache im anhaltenden Einfluss des männlichen Geschlechtshormons Testosteron gefunden werden.

Vererbung: Krebs in der Familie?

Etwa 90 bis 95 von 100 Patienten mit Prostatakrebs sind vermutlich "spontan" erkrankt: Wissenschaftler und Ärzte gehen davon aus, dass bei ihnen keine vererbbaren Risikogene beteiligt sind. Veränderungen am Erbmaterial, die zur Tumorentstehung beitragen, finden sich bei ihnen nur in den Prostatatumorzellen, nicht aber in anderen Geweben und auch nicht in den Samenzellen. Daher können sie auch nicht an die Kinder der Patienten weitergegeben werden.

Lange nahm man sogar an, dass Vererbung bei dieser Tumorart gar keine Rolle spielt. Allerdings zeigten vergleichende Studien vor allem aus den USA, dass Prostatakrebs bei Männern mit asiatischer Herkunft seltener und bei Männern mit genetisch betrachtet afrikanischen Wurzeln häufiger ist als bei Männern europäischer Abstammung. Hier blieb jedoch unklar, ob dafür wirklich genetische Faktoren verantwortlich sind, oder nicht doch der Lebensstil oder soziale Faktoren.

In den letzten Jahren haben sich jedoch die Hinweise verdichtet, dass auch bei Prostatakrebs genetische Faktoren beteiligt sein könnten, die innerhalb einer Familie weitergegeben werden. Dies zeigte sich an der Untersuchung von Familien, in denen Prostatakrebs auffallend häufig war.

Fachleute gehen heute davon aus, dass vor allem bei Männern, die vergleichsweise jung erkranken und deren Tumor rasch wächst, entsprechende Gene eine Rolle spielen könnten. Diese Erbanlagen führen nach bisherigem Kenntnisstand allerdings nicht zwangsläufig zu Prostatakrebs: Nicht jeder Betroffene erkrankt tatsächlich. Auch steht für die Praxis noch nicht für alle Gene ein Test zur Verfügung, mit dem sich mögliche Risikosteigerungen erkennen ließen.

Gentests und weitere Untersuchungen: Gemeinsamer Lebensstil oder gemeinsame Gene?

Wie schwierig die Forschung zu möglichen genetischen Ursachen einer Krebserkrankung sein kann, belegt das Beispiel der Familienanalyse bei Prostatakrebs ebenfalls:
In einer Auswertung des schwedischen Familienkrebsregisters stellten Wissenschaftler zwar fest, dass Prostatakrebs in manchen Familien tatsächlich häufiger vorkam als zu erwarten gewesen wäre. Die Häufung schien zunächst jedoch auf eine ganz andere Ursache zurückzuführen zu sein: Brüder, Söhne oder Cousins von Patienten ließen aufgrund der Erkrankung ihrer Verwandten überdurchschnittlich häufig ebenfalls einen PSA-Test und weitere Früherkennungsmaßnahmen durchführen.
So fiel ihre Erkrankung nur überdurchschnittlich häufig auf, während Männer aus nicht betroffenen Familien oft nie oder sehr viel später von ihrer Erkrankung erfahren.

Im Jahr 2010 zeigte eine erneute, detaillierte Auswertung: Diese gesteigerte Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen erklärte die Krankheitsrate in manchen Familien nicht ausreichend: Dazu hatten die Forscher insgesamt Daten von mehr als 26.500 Prostatakrebspatienten im schwedischen Krebsregister ausgewertet. Mehr als 5.600 von ihnen stammten aus Familien, in denen die Erkrankung bereits ein- oder mehrmals aufgetreten war.

Das Ergebnis: Je mehr direkte Angehörige, also Brüder und Vater, betroffen sind, desto höher ist tatsächlich das persönliche Risiko eines Mannes, ebenfalls an Prostatakrebs zu erkranken. Auch das Alter spielt eine Rolle: Je jünger die erkrankten Angehörigen bei der Diagnosestellung waren, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass vererbbare Gene an der Erkrankung beteiligt sind.

Noch viel Forschung notwendig

Einige "Kandidaten" für solche Risikogene sind schon länger bekannt. Ein internationales Forscherkonsortium, an dem insgesamt 48 Organisationen beteiligt sind, konnte im Sommer 2011 Details vorstellen:
Die beteiligten Wissenschaftler verglichen das Erbmaterial Gesunder mit dem von Prostatakrebspatienten. Auf sieben weiteren Genabschnitten fanden sie auffallende Unterschiede. Jede dieser Varianten trägt allein anscheinend nur wenig zum Risiko bei.

Es gibt jedoch Männer, die mehr als eine Veränderung aufweisen, und entsprechend stärker steigt auch für sie die Wahrscheinlichkeit zu erkranken. 

Für zwei Genveränderungen gilt der Zusammenhang allerdings als belegt: Es handelt sich um Erbanlagen, von denen man bereits weiß, dass sie das Risiko für Brustkrebs und Eierstockkrebs stark steigern. Sie werden als "Breast Cancer Genes" bezeichnet und mit BRCA1 und 2 abgekürzt.

Anhand dieser Ergebnisse suchen Forscher nun weltweit gezielt nach weiteren Hinweisen auf vererbbare Faktoren, die zu Prostatakrebs beitragen. Obwohl es noch viele offene Fragen gibt - klar ist: Es muss Gene und Genabschnitte geben, die das Risiko beeinflussen können.

Was tun, wenn Krebs in der Familie zu liegen scheint?
Für Männer mit mehreren an Prostatakrebs erkrankten Verwandten oder mit auffallend jung Betroffenen in der Familie steht bisher kein Gentest zur Verfügung, der das gesamte bisher bekannte Risikospektrum abdecken würde. Ansprechpartner für eine Beratung und eventuell gezielte Früherkennungsmaßnahmen ist der Hausarzt oder der behandelnde Urologe. Er kann gegebenenfalls auch zu einer spezialisierten genetischen Beratungsstelle überweisen. Diese finden sich etwa an Universitätskliniken mit Instituten für Humangenetik, es gibt aber auch Spezialisten in kleineren Kliniken oder in eigener Praxis.
Eine Liste solcher Zentren bietet beispielsweise die Deutsche Krebshilfe unter www.krebshilfe.de/familiaerer-krebs.html.

Weitere Informationen, Literaturhinweise, Quellen (Stand: 5/2016, Auswahl)

Fragen zum Thema beantwortet der Krebsinformationsdienst täglich von 8.00 bis 20.00 Uhr am Telefon unter der kostenlosen Nummer 0800 – 420 30 40, oder per E-Mail an krebsinformationsdienst@dkfz.de (mit einem Klick öffnet sich ein datensicheres Kontaktformular).