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Brustkrebszelle, Foto: Duncan Smith/Getty Images © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

Risiko Brustkrebs: Veranlagung, Vererbung, Genetik

Wie viele Frauen tragen ein ererbtes Risiko?

Experten gehen heute davon aus, dass höchstens fünf bis zehn von hundert Brustkrebspatientinnen ein vererbtes oder vererbbares Risiko aufweisen.
Erkranken Männer an Brustkrebs, was sehr selten vorkommt, aber nicht völlig ausgeschlossen ist, findet sich bei ihnen und in ihren Familien dagegen sehr viel häufiger eine typische Genveränderung.
Der folgende Text bietet einen Überblick über die wichtigsten Fakten, die heute zur Vererbung eines erhöhten Brustkrebsrisikos bekannt sind.

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Quellen und Links (Stand: 8/2015)

Der folgende Text enthält Linktipps, die zu weiterführenden Informationen und genutzten Quellen führen. Weitere Quellen sind zudem im Text "Mehr wissen über Brustkrebs" aufgelistet.

Genveränderungen: Welche führen zu einem höhreren Krebsrisiko?

Typische "Fehler" im genetischen Bauplan der Zellen spielen zwar bei allen Tumoren eine Rolle. Um vererbbar zu sein, muss eine genetische Veränderung aber nicht nur in den Tumorzellen geschehen sein, sondern in allen Zellen des Körpers: Erst wenn auch Ei- oder Samenzellen betroffen sind, gibt sie ein Mensch an seine Kinder weiter.
Solche seltenen vererbbaren Fehler des Erbmaterials werden als Keimbahnmutationen bezeichnet.

Die bekanntesten dieser Veränderungen betreffen bei Brustkrebspatientinnen die Erbinformationen "BRCA1" und "BRCA2". Die Abkürzung steht für englisch "Breast Cancer Gene" gleich "Brustkrebsgen".
Wie stark sich das Risiko bei Genträgerinnen auswirkt, wurde in Studien untersucht. Von 100 Frauen mit BRCA1 erkranken je nach Studie zwischen 65 und 75 vor dem Alter von 70 an Brustkrebs. Bei Frauen mit einer BRCA2-Veränderung ist das Risiko etwas niedriger: Von 100 Frauen werden statistisch 45 bis 65 vor dem Alter von 70 betroffen sein.
Damit liegt das Risiko von Trägerinnen dieser Gene um bis zu zehnmal höher als das anderer Frauen. Sie erkranken auch meist früher: Das Durchschnittsalter bei Diagnosestellung liegt bei etwa 40 statt bei etwa 60 Jahren. Und sie tragen ein gesteigertes Risiko für weitere Erkrankungen: Knapp die Hälfte der Frauen mit BRCA1 und zwischen einem Zehntel und einem Fünftel mit BRCA2 erkrankt auch oder nur an Eierstockkrebs, einem Ovarialkarzinom.

Bei Männern wirkt sich ein mutiertes BRCA-Gen ebenfalls aus: Unter Trägern von BRCA1 erkranken zwei von hundert vor dem 70. Lebensjahr an Brustkrebs, bei Männern mit BRCA2 sind es sogar sieben von hundert. Für Männer, die sonst eher selten an Brustkrebs erkranken, ist das ein vergleichsweise hohes Risiko.

BRCA und Co.: Gibt es noch weitere Risikogene?

Große Studien an "Brustkrebsfamilien" sprechen dafür, dass es weitere beteiligte Gene gibt. So gelten beispielsweise auch Veränderungen im Gen "RAD51C" inzwischen als Auslöser von Brustkrebs; entsprechende Mutationen scheinen jedoch wesentlich seltener vorzukommen als die "BRCA-Gene".
Ein weiterer Kandidat ist zum Beispiel PALB2, und insgesamt kennt man heute eine ganze Reihe potenziell risikosteigernder Genveränderungen. Sie alle sind an Reparaturvorgängen beteiligt, mit denen sich die Zelle normalerweise vor Schäden schützt.

Und noch weitere an der Brustkrebsentstehung beteiligte Erbinformationen sind Gegenstand der Forschung. Ihre eigentliche Rolle und ihre Auswirkung auf das Risiko sind noch nicht im Detail abschätzbar. Möglicherweise wirken sie sich nur aus, wenn weitere ungünstige Faktoren hinzu kommen - noch sind viele Fragen zu diesen Genen offen.

Kriterien zur Abschätzung: Welche Anzeichen deuten auf eine familiäre Belastung hin?

Das Deutsche Konsortium für Familiären Brust- und Eierstockkrebs hat eine Liste zusammengestellt, die wichtige Hinweise auf ein hohes Risiko zusammenfasst.
Diese Kriterien werden immer wieder aktuell anhand neuer Forschungsergebnisse diskutiert. Im Einzelfall können beratende Ärzte bei der Risikoeinschätzung davon abweichen.

  • In der Familie sind drei Frauen an Brustkrebs erkrankt.
  • In der Familie sind zwei Frauen an Brustkrebs erkrankt, eine davon war zum Zeitpunkt der Diagnose nicht älter als 50 Jahre.
  • In der Familie gibt es eine Frau, die an Brustkrebs erkrankt ist, eine weitere ist an Eierstockkrebs (Ovarialkarzinom) erkrankt.
  • Eine Frau in der Familie ist sowohl an Brustkrebs wie auch an Eierstockkrebs erkrankt.
  • In der Familie sind zwei Verwandte an Eierstockkrebs erkrankt.
  • Eine Frau in der Familie ist an Mammakarzinom in beiden Brüsten erkrankt, bevor sie älter als 50 war.
  • In der Familie ist eine Frau an einem Mammakarzinom erkrankt, bevor sie älter als 35 war.
  • In der Familie gibt es einen an Brustkrebs erkrankten Mann, und es ist eine weitere Person mit Brust- oder Eierstockkrebs bekannt.

Brustkrebs bei Männern ist sehr selten. Reicht es als Hinweis auf ein hohes vererbbares Risiko in einer Familie nicht schon aus, wenn „nur“ ein Mann erkrankt ist, aber keine weiteren Angehörigen?

Diese Frage diskutieren Fachleute derzeit. Bisher geht man davon aus: Eine BRCA2-Mutation wird in weniger als zehn von hundert Familien gefunden, in denen allein ein einzelner männlicher Patient betroffen ist; BRCA1-Veränderungen kommen so gut wie nie vor. Aktuell bieten die Beratungsstellen innerhalb des Deutschen Konsortiums betroffenen Männern und ihren Familien in einer Studie trotzdem einen Gentest an.  Kosten dafür fallen nicht an, so die Auskunft des Konsortiums.

Wer gilt als "verwandt", wenn es in der Familie um ein ererbtes Krebsrisiko geht?

  • Als besonders wichtig gelten Erkrankungen bei Verwandten ersten Grades, also bei Eltern, Kindern oder Geschwistern.
  • Aber auch Familienangehörige zweiten und dritten Grades teilen noch einen großen Teil ihrer Gene. Daher können auch ihre Erkrankungen an Brustkrebs oder Eierstockkrebs Hinweise auf ein möglicherweise vorhandenes höheres Risiko geben.
  • Gerechnet wird dabei für jeweils eine Familienseite allein. Die Angaben gelten also als risikosteigernd, wenn alle Erkrankten von der Seite der Mutter her oder alle von der Seite des Vaters her verwandt sind.

Gentests: Sollte man sich testen lassen oder nicht?

Hundertprozentige Sicherheit bieten die bisher bekannten Anhaltspunkte nicht. Keine Frau sollte allein aufgrund der Tatsache, dass sie erkrankte Familienmitglieder hat, von einer erblichen Belastung ausgehen, ohne sich dazu beraten zu lassen. Denn:  
Nur bei etwa einem Viertel der Familien, die eines oder sogar mehrere Kriterien erfüllen, werden tatsächlich veränderte BRCA1- oder BRCA2-Gene gefunden. Die weiteren, "neueren" Brustkrebsgene finden sich noch wesentlich seltener. 

  • Vielleicht ist bei den Betroffenen in diesen Familien die Krankheit doch "zufällig" entstanden, und es handelt sich nur um eine zufällige Häufung, ohne dass ein vererbbares Risiko vorliegt. Möglich ist aber auch, dass Gene beteiligt sind, die man noch nicht kennt.
  • Es gilt aber auch: In kleinen Familien mit wenigen Verwandten kann der Verdacht auf eine erbliche Belastung schon entstehen, wenn nicht alle Kriterien erfüllt sind. Hat eine Frau überwiegend männliche Verwandte, würde es rein statistisch weniger "auffallen", wenn Brustkrebsgene in der Familie weitergegeben werden.

Daher ist eine Beratung durch geschulte Fachleute so wichtig, wenn man befürchtet, ein erbliches Risiko in der Familie zu haben.

Zur Betreuung von Frauen und Familien, die ein genetisch bedingtes Brustkrebsrisiko befürchten, gibt es heute spezialisierte Sprechstunden, in die der Haus- oder Frauenarzt überweisen kann. Eine Übersicht bietet die Deutsche Krebshilfe, die entsprechende Zentren gefördert hat, unter www.krebshilfe.de/wir-helfen/adressen/familiaerer-krebs/brustkrebszentren.html.

  • Vorrang vor jeder Testung hat eine umfangreiche Beratung, damit sich betroffene Frauen über die möglichen Konsequenzen einer  Untersuchung im Klaren sind. So sollen negative Folgen eines Gentests für betroffene Familien und auch die Gefahr eines Missbrauchs entsprechender Daten minimiert werden.
  • Gentests erfolgen zudem grundsätzlich auf freiwilliger Basis, das Recht auf Nichtwissen ist ausdrücklich garantiert. Man muss sich nicht testen lassen, wenn man nicht möchte.

Die Gendiagnostik ist in Deutschland streng reguliert, um Missbrauch möglichst zu verhindern: Im April 2009 beschloss der Bundestag ein Gesetz zur Gendiagnostik, der Bundesrat billigte dies im Mai 2009 (www.gesetze-im-internet.de/gendg/index.html). Die gleichzeitig einberufene Gendiagnostik-Kommission hat die Umsetzung in Richtlinien gefasst: Einen Überblick über die aktuell verfügbaren Dokumente bietet die Seite www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/GendiagnostikKommission/Richtlinien/Richtlinien_inhalt.html.

Seriöse Tests sind aufwändig

Die derzeit für die Routine verfügbaren Gentests können zwar anhand einer einfachen Blutprobe durchgeführt werden. Sie sind jedoch relativ aufwändig und werden nur bei deutlichen Hinweisen auf ein familiäres Risiko veranlasst.
Aussagekräftiger wird ein Gentest dann, wenn sich ein bereits erkranktes Familienmitglied untersuchen lässt. Die Gensequenzen der "Index"-Patientin oder des Patienten mit Brustkrebs werden dann zum Vergleich mit denen der anderen Familienmitglieder herangezogen.
Bis ein Ergebnis vorliegt, können trotzdem mehrere Wochen und manchmal sogar Monate vergehen.

  • Vor vermeintlich "schnelleren" oder "einfacheren" Tests aus dem Internet warnt der Deutsche Ethikrat: Gentests sollten nie ohne vorherige ausführliche Beratung durchgeführt werden.
    Einfach eine Speichelprobe zur Untersuchung ins Ausland schicken - solche Angebote im Internet sind äußerst fragwürdig, mehr dazu im Text "Krebsmarker, Gentests, Tumormarker".

Früherkennung, Vorbeugung: Was tun bei höherem Risiko?

In den Leitlinien empfehlen Fachleute Frauen, bei denen eine risikosteigernde Genveränderung nachgewiesen wurde, regelmäßige Untersuchungen. Wie die Früherkennung genau ablaufen kann, klären die spezialisierten Zentren für familiären Brust- und Eierstockkrebs mit betroffenen Frauen allerdings individuell ab.
Daher sind Abweichungen vom hier geschilderten Vorgehen immer möglich, je nach persönlichem Risikoprofil: 

  • eine halbjährliche Brustabtastung und eine Ultraschalluntersuchung ebenfalls alle sechs Monate für Frauen ab dem Alter von 25 Jahren
  • eine Mammographie ab dem Alter von 30, bei sehr dichtem Brustgewebe auch erst ab dem Alter von 35. Die Untersuchung kann jährlich, eventuell auch nur alle zwei Jahre durchgeführt werden.
    Aktuell diskutieren Fachleute in den spezialisierten Zentren, ob eine Mammographie erst ab dem Alter von 40 sinnvoll ist, auch bei hohem Risiko.
  • Bei Frauen mit sehr hohem Risiko kann im Alter von 25 bis 55 Jahren auch eine jährliche Kernspintomographie der Brust sinnvoll sein.
    Diese Untersuchung bietet auch bei jüngeren Frauen mit unklaren Ultraschallergebnisse bei dichter Brust ergänzende Informationen.

Vorbeugen durch Hormonentzug?

Weitere Untersuchungen tragen dem gesteigerten Risiko auch für andere Tumorarten Rechnung.

Was die  bestmögliche Vorbeugung einer Brustkrebserkrankung für Frauen mit einer Genmutation darstellt, ist keine leicht zu beantwortende Frage. Zwar gibt es inzwischen relativ sichere Daten dazu, dass bei Frauen die Entfernung beider Brüste das Brustkrebsrisiko und vor allem die Sterblichkeitsrate senkt, so die AGO und die Deutsche Gesellschaft für Senologie in ihren Leitlinien. Auch die Entfernung der Eierstöcke wirkt sich entsprechend aus, sie senkt zudem die Rate an Todesfällen durch das vererbbare Ovarialkarzinom.
Beide Eingriffe haben jedoch tief greifende Folgen für das Körperbild und die Lebensqualität einer betroffenen Frau. Die Entfernung der Eierstöcke beendet die Möglichkeit einer Schwangerschaft und versetzt eine Frau vorzeitig in die Wechseljahre, auch wenn sich gegen die Symptome etwas tun lässt, bis hin zur zeitweiligen Hormonersatztherapie. Vor eine Entscheidung setzen Fachgesellschaft daher zunächst eine individuelle und ausführliche Information und Beratung betroffener Frauen.

Für Männer, die das seltene BRCA2-Gen tragen, gibt es noch weniger verlässliche Daten, was wirklich zur Vorbeugung beiträgt. Ob bei ihnen die operative Entfernung der Brustdrüsen infrage kommt, können sie nur individuell mit ihren beratenden Ansprechpartnern klären. 

Wie sieht es mit dem Schutz durch Medikamente aus? Für Frauen gibt es dazu Studiendaten. Bei Trägerinnen einer Genmutation wurde beispielsweise im Alter über 30, in anderen Studien über 35 die Substanz Tamoxifen eingesetzt. Voraussetzung war außerdem eine abgeschlossene Familienplanung. Auch die ähnliche Substanz Raloxifen wurde getestet. Beide hemmen die Wirkung des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen. Tamoxifen spielt deshalb auch schon lange eine wichtige Rolle in der Brustkrebstherapie.  In neueren Studien kamen zudem Aromatasehemmer zum Einsatz, die ebenfalls die wachstumsfördernde Hormonwirkung blockieren und für bereits erkrankte Frauen zur Behandlung eingesetzt werden.

Alle Medikamente sind gut untersucht und vergleichsweise sicher. In klinischen Prüfungen wurde aber auch deutlich: Viele an sich gesunde Frauen sind selbst bei hohem Brustkrebsrisiko nach einiger Zeit nicht mehr bereit, die Nebenwirkungen der Hormonblockade zu tolerieren, und brechen die Behandlung ab.
Die Entscheidung zu einer antihormonellen Therapie können Frauen mit genetisch hohem Brustkrebsrisio daher nur individuell gemeinsam mit ihren behandelnden Ärzten treffen.

Zum Weiterlesen: Linktipps, Fachinformationen, Quellen (Stand: 8/2015)

Der Krebsinformationsdienst bietet eine Zusammenfassung der wichtigsten Fakten zum Thema als Informationsblatt "Familiärer Brust- und Eierstockkrebs", zum Laden und Ausdrucken als PDF.

Das Deutsche Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs bietet sowohl betroffenen Frauen und ihren Familien wichtige Informationen, unter www.konsortium-familiaerer-brustkrebs.de/patienteninformationen/komme-ich-aus-einer-krebsfamilie/.

Eine wichtige Anlaufstelle für betroffene Frauen und ihre Familien ist der Verein "BRCA Netzwerk e.V. - Hilfe bei familiärem Brust- und Eierstockkrebs". Unter www.brca-netzwerk.de gibt es nicht nur Informationen und Hintergründe, sondern auch Hinweise auf aktuelle Veranstaltungen, Vorträge, wichtige Anlaufstellen und vor allem die Kontaktmöglichkeiten zum Austausch mit anderen.