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Forschen für den Menschen

So laufen klinische Studien ab

Was ist eine "randomisierte, kontrollierte Studie"? Wie laufen klinische Studien ab? Gibt es Medikamente, die gar nicht in Studien geprüft werden müssen? Diesen und weiteren Fragen geht der Krebsinformationsdienst auf dieser Seite nach.
Die Informationen richten sich an Krebspatienten, Angehörige sowie Interessierte, die sich über Grundlagen und Richtlinien klinischer Studien in der Krebsforschung informieren möchten. Interessierte und Fachkreise finden Hinweise auf weiterführende Informationen und genutzte Quellen.

Für Fragen, die über diesen allgemein gehaltenen Überblick hinausgehen, steht der Krebsinformationsdienst auch am Telefon oder per E-Mail zur Verfügung. Informationen aus dem Internet, einer E-Mail oder einem Telefongespräch können eine persönliche ärztliche Beratung zur Behandlung in einer klinischen Studie jedoch nicht ersetzen.

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Genutzte Quellen und Links

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Ein kurzer Überblick: So laufen klinische Studien ab

In klinischen Studien prüfen Mediziner, Wissenschaftler und zukünftige Anbieter oder Hersteller, ob ein neues Medikament oder Verfahren sicher, verträglich und wirksam ist. "Klinisch" bedeutet in diesem Zusammenhang nicht unbedingt, dass die Studie an einer Klinik stattfindet. Vielmehr sind, im Gegensatz zu vorklinischen oder Laborstudien, Prüfungen am Menschen gemeint. Die Teilnehmer an klinischen Studien bezeichnet man auch als Probanden.

Klinische Studien unterliegen strengen Richtlinien. Sie sind in verschiedene Phasen unterteilt: In Phase-I-Studien werden bei wenigen, sorgfältig ausgewählten Probanden vorläufige Daten zur Sicherheit und Verträglichkeit einer neuen Therapie erhoben. Mit Phase-II-Studien bestimmen Forscher die geeignete Dosierung eines neuen Mittels und erhalten erste Daten zur Wirksamkeit oder zu Nebenwirkungen. Groß angelegte Phase-III-Studien sind unmittelbare Voraussetzung für die Zulassung eines Arzneimittels: Sie dienen dazu, Wirksamkeit und Sicherheit einer neuen Substanz beziehungsweise eines neuen Verfahrens an einer relevanten Anzahl von Patienten nachzuweisen. Phase-IV-Studien beginnen erst nach der Zulassung. Sie sollen zum Beispiel helfen, seltene Nebenwirkungen nicht zu übersehen, die erst bei der Anwendung bei einer sehr großen Anzahl von Patienten unter Alltagsbedingungen auftreten.

Ein weiterer Studientyp sind sogenannte Therapieoptimierungsstudien: Damit wollen Mediziner schon etablierte Behandlungsstrategien durch Anpassungen und kleine Veränderungen verbessern. Die medizinischen Daten, die während der Studie erhoben werden, sowie die Daten aus der Krankenakte sind streng vertraulich und dürfen nur anonym ausgewertet werden. Dafür sorgen die gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz.

Nicht zu verwechseln sind klinische Studien mit den epidemiologischen Studien. Mit diesem Studientyp suchen Fachleute zum Beispiel nach Risikofaktoren. Sie beobachten oder befragen auch, aber sie greifen nicht ein und testen auch nichts aktiv.

Auch die sozialmedizinische Forschung oder Studien in der Psychologie arbeiten mit Befragungen und Beobachtungen.
Bei diesen Studien ist die Grenze zur klinischen Studie aber unscharf. Ein Beispiel: Teil einer solchen Studie kann die Befragung nach der Lebensqualität sein und die Prüfung, welchen Einfluss die persönlichen Lebensumstände haben. Ein Teil kann es aber auch sein, ein neues Entspannungsverfahren zu testen, oder zu prüfen, ob es einer Patientengruppe mit psychologischer Beratung besser geht als einer Gruppe, die nur Broschüren zur Krankheitsbewältigung erhält.

Randomisiert, placebokontrolliert, doppelblind: Begriffe kurz erläutert

Wer an einer klinischen Studie teilnehmen kann und wer nicht, definieren die vorab festgelegten Ein- und Ausschlusskriterien. Typische Kriterien sind zum Beispiel Geschlecht, Alter, Vorerkrankungen und Gesundheitszustand der Probanden. Diese Festlegungen sind wichtig, um die Studienbedingungen überschaubar zu halten und ein statistisch belastbares Ergebnis zu erzielen. Solche Überlegungen stehen auch hinter der Gestaltung der Studiendurchführung selbst.

Zu den wichtigsten Studientypen gehören "Randomisierte kontrollierte Studien" (RCT), die "offen", "blind" oder "doppelblind" durchgeführt werden können:

  • "Randomisiert" bedeutet: Die Studienteilnehmer werden per Zufallsverfahren auf die einzelnen Gruppen oder "Studienarme" verteilt.
  • "Kontrolliert" heißt, dass eine Teilnehmergruppe die neue Methode testet und eine Kontrollgruppe die bisher bewährte Behandlung oder ein Scheinmedikament ("Placebo") erhält. Placebokontrollierte Studien sind in der Krebsforschung aber eher selten. Eine Placebo-Verabreichung, also eine Nicht-Behandlung, wäre angesichts der Schwere der Erkrankung ethisch oft nicht zu vertreten.
  • In einer offenen Studie weiß der Studienteilnehmer nach der Verteilung, zu welcher Behandlungsgruppe er gehört.Ist eine Studie "verblindet", erfährt der Patient dies nicht.
  • "Doppelblind" heißt, dass weder Arzt noch Patient wissen, wer Placebo oder Wirksubstanz erhält.

An "multizentrischen Studien" sind mehrere Institutionen oder Kliniken beteiligt, und bei besonders wichtigen Themen oder auch bei sehr seltenen Krebsformen mit nur wenigen betroffenen Patienten gibt es auch multinationale Studien, an denen Zentren aus mehreren Ländern beteiligt sind.
Weniger verlässlich als die randomisierten kontrollierten und verblindeten Studien sind beispielsweise Studien, bei denen es keine Kontrollgruppe gibt oder die Studienteilnehmer nicht nach dem Zufallsprinzip aufgeteilt wurden. Die geringste Beweisstärke oder "Evidenz" für die Wirksamkeit einer neuen Therapie haben Berichte über einzelne, nicht im Rahmen einer Studie behandelte Patienten, sogenannte Fallbeschreibungen.

Was  in einer Studie genau geprüft werden soll und wie erfolgreich die neue Behandlung war, geben die sogenannten "Endpunkte" an. Wichtige Endpunkte betreffen die Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit der Behandlung. Sogenannte harte Endpunkte sind gut messbar und klar definiert. Beispiele sind die Zahlen für das sogenannte "Gesamtüberleben" von Patienten zu einem definierten Zeitpunkt, für die "Remission", also den kompletten, wenn auch oft vorübergehenden Rückgang aller Zeichen der Erkrankung, oder die Dauer des "progressionsfreien Überlebens", also der Zeitraum, über den sich durch das neue Verfahren das Fortschreiten der Krankheit aufhalten lässt. Andere Endpunkte wie Lebensqualität oder Schmerzen sind schwerer zu messen. Sie dienen der zusätzlichen Beurteilung der Behandlung. Gerade für Krebspatienten sind Endpunkte wie Lebensqualität und Allgemeinzustand aber wichtige Parameter, daher spielen sie für die Zulassung neuer Verfahren heute eine wichtige Rolle.

Studienergebnisse, die allen strengen Qualitätskriterien unterliegen, werden auch in anderen Ländern meist problemlos akzeptiert: Wenn etwa in den USA eine frühe Studie erfolgversprechend verläuft, können weitere Prüfungen in Europa gleich daran anschließen, ohne dass europäische Studienleiter die Grundlagen erneut erarbeiten müssen, und umgekehrt.

Phasen der Wirksamkeitsprüfung: Was kennzeichnet die einzelnen Studienphasen?

Vor dem Beginn eigentlicher klinischer Studien können einzelne freiwillige Patienten sogenannten individuellen Heilversuchen oder Pilotstudien zustimmen. Die eigentlichen klinischen Prüfungen erfolgen international weitgehen standardisiert in mehreren aufeinander folgenden Phasen.

In diesem Stadium setzt seit 2011 die gesetzlich vorgeschriebene unabhängige Nutzenbewertung für geprüfte Arzneimittel ein. Die Nutzenbewertung ist auch wichtig für die spätere Übernahme der Kosten neuer Medikamente durch die Krankenkassen. 

Soll die Zulassung eines Arzneimittels auf andere Anwendungsbereiche, auf neue "Indikationen" erweitert werden, sind neue klinische Studien nötig: So kann beispielsweise ein Arzneimittel, das für die Brustkrebsbehandlung geprüft wurde, nicht ohne weiteres auch für Magenkrebspatienten zugelassen werden. Wie es bei ihnen wirkt, ob es Unterschiede bei Nebenwirkungen oder Spätfolgen gibt, muss erneut getestet werden.

Wie Forschung organisiert und finanziert wird, hat der Krebsinformationsdienst im Abschnitt "Krebsforschung: Wer forscht, wer finanziert?" im Text "Krebsforschung: Ursachen aufklären, Diagnose und Behandlung weiterentwickeln" zusammengestellt. Was bei klinischen Studien auf  Krebspatienten zukommen kann, ist im Text "Häufige Fragen, wichtige Antworten" zusammengestellt.

Ausnahmen: Gibt es Verfahren und Mittel, die nicht in klinischen Studien geprüft werden müssen?

Medizinprodukte und medizinische Verfahren müssen nicht wie Arzneimittel zugelassen, sondern nur registriert werden. Für viele Produktgruppen ist seit 2010 jedoch in Deutschland die Prüfung in klinischen Studien vorgeschrieben. Weitere Informationen bietet das BfArM unter www.bfarm.de/DE/Medizinprodukte/rechtlicherRahmen/gesetze/mprecht-inhalt.html.

Pflanzliche, homöopathische, anthroposophische sowie traditionelle Arzneimittel haben in Deutschland einen Sonderstatus. Besondere Regelungen im Arzneimittelgesetz erlauben es, Medikamente auch ohne moderne Prüfung der Wirkung und der Nebenwirkungen zuzulassen, wenn sie zu diesen sogenannten "besonderen Therapierichtungen und traditionellen Arzneimitteln" gehören. Weitere Informationen bietet das BfArM unter www.bfarm.de, Stichworte "Arzneimittel", "Arzneimittelzulassung" und weiter zu "Besondere Therapierichtungen".

Aber auch viele andere Mittel zum Einnehmen werden nicht in Studien geprüft, da es sich bei ihnen nicht um "echte" Medikamente handelt. Nahrungsergänzungsmittel wie beispielsweise fast alle Vitaminpräparate sind "Lebensmittel", auch dann, wenn man sie in der Apotheke kaufen kann. Sie unterliegen keiner Zulassungspflicht, müssen aber beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) registriert werden. Eine therapeutische Wirkung dürfen sie nicht haben. Auch dürfen sie nicht mit einer angeblichen Heilwirkung beworben werden. Ausführliche Informationen zu Nahrungsergänzungsmitteln finden Interessierte im Text: "Nahrungsergänzungsmittel: Große Versprechen, k(l)eine Wirkung?".

Bei manchen Produkten zur äußerlichen Anwendung, etwa Salben oder Badezusätzen, ist für Verbraucher und Patienten ebenfalls nicht auf den ersten Blick zu erkennen, ob es sich um ein Arzneimittel oder ein kosmetisches Mittel handelt. Auch kosmetische Mittel sind nicht zulassungspflichtig, dürfen aber auch nicht mit einer Heilwirkung beworben werden. Die Hersteller müssen jedoch durch Sicherheitsbewertungen garantieren, dass ihre Produkte unbedenklich sind. Nur bestimmte Inhalts- und Zusatzstoffe sind laut Kosmetikverordnung zulassungspflichtig, darunter Konservierungsstoffe, Farbstoffe oder UV-Filter. Weitere Informationen finden sich auch auf den Internetseiten des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR, www.bfr.bund.de), unter Produktsicherheit, Stichwort "Kosmetische Mittel".

Können Patienten nicht zugelassene Medikamente auch außerhalb klinischer Studien erhalten?

Lässt sich eine schwerwiegende Erkrankung nicht mehr anders behandeln, können Patienten unter bestimmten Umständen auch außerhalb klinischer Studien ein noch nicht zugelassenes Arzneimittel erhalten. Das bezeichnet man auch als "Compassionate Use" (wörtliche Übersetzung: "Anwendung aus Mitgefühl"). Der Hersteller muss die Produkte kostenlos zur Verfügung stellen. Geht die Anwendung des Compassionate Use über den Einzelfall hinaus und sollen mehrere Patienten ein noch nicht zugelassenes Mittel erhalten, regelt in Deutschland die Arzneimittel-Härtefall-Verordnung die Rahmenbedingungen. Weiterführende Informationen und eine Auflistung bestätigter Arzneimittel-Härtefallprogramme bietet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) unter www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/zul/klinPr/compUse/compUse-home.html?nn=3496228.

Daneben gibt es die Möglichkeit, bereits zugelassene Arzneimittel außerhalb des bereits genehmigten Gebrauchs zu verordnen. Der Arzt kann also auf eigene Verantwortung und mit Zustimmung des Patienten Mittel anwenden, die für eine andere als die jeweils vorliegende Krebserkrankung zugelassen sind, er kann die Dosierung oder die Behandlungsdauer anpassen. Auch dieser sogenannte "Off-Label-Use" sollte auf den Einzelfall begrenzt bleiben: Erscheint es sinnvoll, die neue Anwendungsform genauer zu prüfen, um sie insgesamt mehr Patienten zukommen zu lassen, so sollten klinische Studien durchgeführt werden. In der Praxis führt die besondere Situation von Krebspatienten aber zu Abweichungen von dieser Vorgabe. Nach aktuellen Schätzungen erhalten nicht wenige Betroffene in Absprache mit ihrem Arzt Medikamente, die für ihre Situation (noch) nicht zugelassen sind. Interessierte finden weitere Informationen auf den Seiten des BfArM unter www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/zul/BereitsZugelAM/offLabel/_node.html.

Sowohl der Compassionate Use wie auch der Off-Label-Use gelten im rechtlichen Sinn auch als "individuelle Heilversuche", weil sie auf den Einzelfall begrenzt bleiben sollen. Ob die gesetzlichen Versicherungen oder private Krankenkassen die Kosten übernehmen, muss ebenfalls für jeden Patienten gesondert geklärt werden.

Richtlinien: Nach welchen Gesetzen und Verordnungen laufen klinische Studien ab?

Klinische Prüfungen von Arzneimitteln und Medizinprodukten unterliegen in Deutschland unter anderem dem Arzneimittelgesetz (AMG) und dem Medizinproduktegesetz (MPG). Für neue Arzneimittel sowie medizinische Instrumente und Geräte, die zur Anwendung beim Menschen bestimmt sind, ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zuständig. Das gilt auch für bereits zugelassene Arzneimittel oder Verfahren, deren Anwendungsbereich erweitert werden soll, oder zum Beispiel für Leistungsbewertungsprüfungen von Medizinprodukten. Die zuständige Bundesoberbehörde für Impfstoffe, Blutprodukte, Knochenmarkzubereitungen, Gentransfer-Arzneimittel, Zelltherapeutika und gentechnisch hergestellte Blutbestandteile ist das Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Schwerwiegende Nebenwirkungen oder Komplikationen während einer klinischen Prüfung müssen die Studienleiter den Behörden umgehend melden.

Immer mehr Medikamente werden nicht mehr national, sondern innerhalb der EU für alle Länder zugelassen. Europaweite Medikamentenzulassungen koordiniert die Europäische Arzneimittelagentur (EMA, European Medicines Agency).

Die EMA hat zudem die Aufgabe, regulierend einzugreifen, wenn einzelne Zielgruppen sonst bei der Arzneimittelforschung zu wenig berücksichtigt würden. Dazu gehören etwa Menschen mit sehr seltenen Krankheiten, Kinder und auch ältere Patienten.
Um Arzneimittelentwicklungen für diese Zielgruppen zu fördern, sieht das europäische Arzneimittelrecht Erleichterungen und Anreize für pharmazeutische Unternehmer vor, beispielsweise beschleunigte Verfahren, auflagengebundene Zulassungen oder eine Verlängerung des Patentschutzes. Die EU fördert die Forschung und den Austausch zu diesen Themen, auch über die europäischen Grenzen hinweg. Als sogenannte "Orphan designations" bezeichnet die EMA seltene Erkrankungen, als "orphan drugs" werden entsprechend Medikamente gegen seltene Erkrankungen geführt. Weitere Informationen sowie viele Links bietet die EMA in englischer Sprache unter www.ema.europa.eu, Stichwort "Special topics", sowie "Medicines for rare diseases".

Ethik-Kommission: Zustimmung nötig

Ohne Zustimmung einer Ethik-Kommission ist in Deutschland keine klinische Forschung am Menschen möglich. Die regional zuständige Ethik-Kommission prüft, ob eine Studie juristisch vertretbar ist und ob der Studienbetreiber gewährleisten kann, dass er den teilnehmenden Patienten nicht schadet. Auch ethische und soziale Gesichtspunkte spielen eine Rolle.
Zu jeder medizinischen Fakultät und Landesärztekammer gehört heute eine eigene Ethik-Kommission. Sie setzt sich aus Medizinern und Juristen zusammen, aber auch Theologen oder Sozialwissenschaftler sind vertreten. Die Mitglieder arbeiten ehrenamtlich und werden für jeweils vier Jahre gewählt. Die konkreten Aufgaben der jeweiligen Kommission werden vom Arzneimittelgesetz, aber auch zum Beispiel von Landesrecht sowie den Regelungen der regionalen Ärztekammern und Universitäten definiert.

Vor Beginn einer klinischen Prüfung muss der Studienverantwortliche alle Ergebnisse der vorklinischen Versuche zusammenfassen und begründen, warum er die Studie durchführen möchte. Außerdem muss er seine Patienteninformation vorlegen: Diese Informationen klären spätere Studienteilnehmer über den genauen Ablauf der geplanten Maßnahmen, eventuelle Nebenwirkungen sowie die Folgen eines möglichen Behandlungsabbruchs auf. Die Ethik-Kommission prüft, ob diese Patienteninformationen verständlich sind. Zudem kontrolliert sie, ob der Studienbetreiber ausreichende fachliche Erfahrung nachweisen kann. Sind Mängel ersichtlich, die Patienten gefährden könnten, kann die Ethik-Kommission eine Studie abbrechen oder von vornherein verhindern.

Dem Wohl der Patienten verpflichtet: Helsinki-Deklaration und "Gute klinische Praxis"

Die Einrichtung von Ethikkommissionen geht auf langjährige Anstrengungen zum Schutz von Patienten zurück. Nationale und internationale Ärzteorganisationen haben sich verpflichtet, bei jeglicher Forschung immer das Wohl, die Sicherheit und die Würde des Patienten in den Vordergrund zu stellen: Ethische Aspekte der Forschung an Menschen sind seit 1964 in der sogenannten Helsinki-Deklaration der World Medical Association (WMA) berücksichtigt (in englischer Sprache einzusehen unter www.wma.net/en/30publications/10policies/b3/index.html).
Unter dem Sammelbegriff "Gute klinische Praxis" (englisch "Good Clinical Practice", GCP), gibt es internationale Standards, die wesentliche Kriterien und Prinzipien zur Durchführung und Auswertung von Studien beinhalten. Auch für Studien in Deutschland sind diese Regeln allgemein anerkannt. Zum einen sichern sie den Patientenschutz sowie die Qualität der Studie und der gewonnenen Ergebnisse. Zum anderen erleichtern sie, dass Daten national und international vergleichbar und übertragbar sind.

Nebenwirkungen und unerwünschte Ereignisse: Wo ist der Unterschied?

Klinische Studien dienen dazu, die Wirkung von Arzneimitteln zu prüfen. Auch unbeabsichtigte Wirkungen können auftreten. Dabei ist besonders wichtig herauszufinden, ob eine gesundheitliche Beeinträchtigung der Studienteilnehmer auf das getestete Präparat zurückzuführen ist oder ob sie "zufällig" auftritt - ob also eine "Nebenwirkung" oder lediglich ein sogenanntes "unerwünschtes Ereignis" vorliegt.

  • Zeitlicher Zusammenhang: Alle gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Studienteilnehmer, die in zeitlichem Zusammenhang mit der Behandlung auftreten, werden zunächst als "unerwünschte Ereignisse" bezeichnet. Dabei ist zu diesem Zeitpunkt unerheblich und oft auch noch gar nicht klar, ob sie auf das getestete Präparat zurückzuführen sind oder nicht.
    Treten also beispielsweise bei einem Studienteilnehmer nach Einnahme des Medikaments Kopfschmerzen auf, sind Blutwerte verändert oder erkrankt er an einer Infektion, werden diese Vorkommnisse als unerwünschte Ereignisse notiert. Auch ein Herzinfarkt bei bekannter Herzerkrankung, ein Autounfall oder ein Knochenbruch nach einem Sturz sind "unerwünschte Ereignisse" (englisch: "adverse events"), wenn sie während der Testphase eines Arzneimittels auftreten.
  • Ursächlicher Zusammenhang: Als Nebenwirkungen im eigentlichen Sinn werden dagegen nur wahrscheinliche oder bewiesene Reaktionen auf die Einnahme des geprüften Präparats selbst bezeichnet. In den Studien spielt die Höhe der Dosierung dabei keine Rolle. Wichtig ist hier nur, dass der ursächliche Zusammenhang zwischen der unbeabsichtigten Wirkung und der Einnahme des Präparats im weiteren Verlauf der klinischen Prüfung eindeutig geklärt werden kann. Im Englischen werden Nebenwirkungen als "adverse reaction" oder "adverse drug reaction" bezeichnet, im Deutschen ist auch die Bezeichnung "unerwünschte Arzneimittelwirkung" (UAW) üblich.

Sowohl Nebenwirkungen als auch unerwünschte Ereignisse können als "schwerwiegend" eingestuft werden. In der europäischen Arzneimittelgesetzgebung spricht man im Englischen von "serious adverse reactions" beziehungsweise "serious adverse events". Schwerwiegend sind gesundheitliche Beeinträchtigungen, die

  • tödlich oder lebensbedrohlich sind,
  • eine stationäre Behandlung im Krankenhaus erforderlich machen oder einen Krankenhausaufenthalt verlängern,
  • zu bleibender oder schwerwiegender Behinderung oder Invalidität führen oder
  • einen Geburtsfehler oder eine angeborene Fehlbildung des Kindes zur Folge haben, wenn Mutter oder Vater das Mittel verwendet haben.

"Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse" müssen von den Studienärzten zeitnah an die Arzneimittelhersteller gemeldet werden. Besteht der Verdacht auf einen ursächlichen Zusammenhang mit dem Prüfpräparat, also auf eine "schwerwiegende Nebenwirkung", die aufgrund der vorherigen Tests nicht vorhersehbar war, werden auch die zuständige Ethikkommission und die betroffene Bundesoberbehörde eingeschaltet, bei internationalen Studien auch die jeweiligen Behörden der betroffenen Staaten, um die Sicherheit der Studienteilnehmer nicht zu gefährden.

Fachgesellschaften: Welche Rolle spielen sie?

Viele Studien, vor allem sogenannte Therapieoptimierungsstudien, werden in Deutschland unter der Koordination von Fachgesellschaften durchgeführt. Fachgesellschaften spielen auch eine wesentliche Rolle, wenn es um die Qualität von klinischen Studien geht. Die Kommission "Klinische Studien in der Onkologie" wird beispielsweise getragen von der Deutschen Krebsgesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie und weiteren Fachorganisationen. Eine weitere Möglichkeit zur Vernetzung in der Forschung wurde in Deutschland mit den sogenannten "Kompetenznetzen" in der Medizin geschaffen. Auf die Krebsforschung und die Verbesserung der Versorgung von Krebspatienten sind die Kompetenznetze "Lymphome" und "Leukämien bei Erwachsenen" sowie das "Kompetenznetz Pädiatrische Onkologie und Hämatologie" ausgerichtet, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung initiiert wurden.

Bei mehreren Fachgesellschaften, unter anderem auch bei der Deutschen Krebsgesellschaft, gibt es inzwischen auch Verzeichnisse, in denen zumindest ein Teil der laufenden Studien mit Krebspatienten dokumentiert ist. In Deutschland gibt es derzeit allerdings noch kein Gesetz, das ein öffentlich einsehbares Register aller klinischen Studien vorschreibt.  Weitere Informationen und Links zu nationalen und internationalen Studienregistern finden Interessierte im Abschnitt "Informationen zu Klinischen Studien: Studienregister" im Text "Klinische Studien für Krebspatienten - Häufige Fragen, wichtige Antworten".

Nach den klinischen Prüfungsabschnitten: Wie geht es weiter?

Die Daten aus einer Studie müssen sorgfältig protokolliert, dokumentiert und statistisch ausgewertet werden. Bei vielen Studien begutachten nicht nur die Verantwortlichen, sondern auch unbeteiligte Fachleute die Ergebnisse. Damit eine neue Therapie zugelassen werden kann, muss der Nutzen mögliche Risiken überwiegen. Als Nutzen wird bei Krebsmedikamenten nicht immer nur Heilung oder Verlängerung der rückfallfreien Zeit gewertet. Von Vorteil kann auch sein, dass eine Methode einfacher anzuwenden ist, zum Beispiel wenn Medikamente auch geschluckt werden können und nicht über eine Infusion gegeben werden müssen.

Nach erfolgreicher klinischer Prüfung reicht der Hersteller oder Auftraggeber der Studie die Studienergebnisse beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ein und beantragt eine Zulassung. Über den Antrag entscheidet eine Kommission, die das Bundesministerium für Gesundheit nach Vorschlägen von medizinischen Fachgesellschaften und Interessenvertretern von Patienten, Verbrauchern sowie der Pharmaindustrie zusammenstellt. In einem vergleichbaren Verfahren werden Antikörper, Impfstoffe und Seren vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zugelassen.

Neben dem nationalen Zulassungsverfahren gibt es auch die Möglichkeit, von vornherein eine Genehmigung zur europaweiten Vermarktung zu beantragen. Zuständig ist die Europäische Arzneimittelagentur (EMA).

Nach der Zulassung: Meldepflicht bei Nebenwirkungen, Anerkennung als Standard

Arzneimittel-Zulassungen sind zunächst zeitlich begrenzt, in Deutschland beispielsweise meist auf fünf Jahre. Erst nach einer erneuten Nutzen-Risiko-Bewertung kann die zuständige Behörde die Zulassung ohne zeitliche Begrenzung aussprechen. Treten nach der Zulassung unerwartet Neben- oder Wechselwirkungen auf, müssen die entsprechenden Behörden informiert werden, in Deutschland die Abteilung "Pharmakovigilanz" des BfArM. Dort bewerten Fachleute die Risiken und informieren anschließend Patienten, Ärzte und andere Interessierte. Arzneimittelhersteller sind zu den sogenannten "Rote-Hand-Briefen" verpflichtet, in denen sie über Risiken und Zwischenfälle schnellstmöglich berichten. Diese können beim BfArM abgerufen werden unter www.bfarm.de, "Arzneimittel", "Pharmakovigilanz", "Risikoinformationen" und weiter unter "Rote-Hand-Briefe und Informationsbriefe", oder beim Paul-Ehrlich-Institut unter www.pei.de, "Ärzte und Apotheker", "Pharmakovigilanz", "Rote-Hand-Briefe". Die Informationen richten sich bevorzugt an Fachleute.

Bis eine neue Methode zum anerkannten Standard in der Krebsmedizin wird, kann einige Zeit vergehen. Leitlinien können solche Standards fördern. Sie werden von Fachgesellschaften herausgegeben, eine Übersicht bietet die Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) unter www.awmf.org/leitlinien.html. Dort sind auch viele Fachempfehlungen für die Krebsmedizin abgelegt. Eine besondere Rolle spielt das Leitlinienprogramm Onkologie, das von AWMF, Deutscher Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe gemeinsam getragen wird (www.leitlinienprogramm-onkologie.de).
Ob eine neue Methode oder ein neues Arzneimittel allgemein Anerkennung findet, wird in Deutschland auch durch die Übernahme der Kosten durch die gesetzlichen Krankenkassen bestimmt: Mit den Geldern der Versicherten dürfen nur Verfahren und Arzneimittel finanziert werden, die einen nachgewiesenen Nutzen haben. Entsprechende Vorgaben erarbeitet der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA, www.g-ba.de).

Arzneimittelfrühbewertung: Das AMNOG

Das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) schreibt eine frühe Bewertung des Nutzens von Arzneimitteln vor. Kurz nach Markteinführung eines Medikaments muss der Gemeinsame Bundessausschuss (G-BA) prüfen lassen, ob ein Zusatznutzen gegenüber einer Vergleichstherapie vorliegt. Der Beschluss des G-BA zum Zusatznutzen bildet dann die Grundlage für die Preisregelung des Arzneimittels. Diese frühe Nutzenbewertung soll ermöglichen, dass Patienten und Ärzte kurz nach der Zulassung objektive Informationen erhalten, ob ein neues Arzneimittel tatsächlich besser ist als die bisher angewandten. Unter www.g-ba.de/informationen/nutzenbewertung/ finden Interessierte eine Übersicht der Arzneimittel mit neuen Wirkstoffen, für die der G-B) eine frühe Nutzenbewertung durchführt oder bereits abgeschlossen hat.

Wissen bewerten: Veröffentlichung von Studienergebnissen

Studienergebnisse werden in der Regel von den durchführenden Wissenschaftlern in Fachzeitschriften veröffentlicht und auf Kongressen zur Diskussion gestellt. Vor der Publikation in Fachzeitschriften begutachten zunächst Experten in einem sogenannten "Peer-Review-Verfahren" die eingereichten Arbeiten. Dieses Verfahren dient der Qualitätssicherung wissenschaftlicher Publikationen. Zu einer bestimmten Fragestellung liegen oft mehrere Studien vor. Und manchmal wird nur im direkten Vergleich erkennbar, ob zum Beispiel eine bestimmte Therapie Vorteile gegenüber einer anderen Therapie bietet. Vielen Ärzten, die sich für diese Fragestellung interessieren, fehlt im Alltag jedoch die Zeit, um selbst nach allen neuen Studien zu suchen und sie auszuwerten. Experten fassen daher bei wichtigen Themen die vorliegenden Studien zu einer sogenannten "systematischen Übersichtsarbeit" zusammen. Solche Übersichtsarbeiten zur Bewertung von neuen Erkenntnissen lässt zum Beispiel die Internationale Cochrane Collaboration erstellen (Deutsches Cochrane Zentrum unter www.cochrane.de). Solche methodisch sehr anspruchsvollen Bewertungen von Diagnose- und Therapieverfahren sind in Deutschland auch Aufgabe des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (www.iqwig.de), das im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und des Gemeinsamen Bundesausschusses arbeitet.
Die Nutzenbewertung neuer Verfahren und Arzneimittel, die in der Krebsforschung entwickelt werden, orientiert sich heute international an den Grundsätzen einer wissenschaftlich fundierten Medizin, mehr dazu im Text "Leitlinien und evidenzbasierte Medizin".

Zum Weiterlesen: Linktipps, Fachinformationen, Quellen