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Was ist dran: Tamoxifen am Abend einnehmen?

Häufige Anfrage von Brustkrebs-Patientinnen unter Antihormontherapie

Brustkrebs-Patientinnen unter Antihormontherapie, verkürzt auch als "Hormontherapie" bezeichnet, diskutieren in Internet-Foren und fragen ihre behandelnden Ärzte: Ist es von Vorteil, Tamoxifen-Tabletten am Abend einzunehmen? Wirken sie dann besser als bei einer Einnahme am Morgen? Oder hat das Medikament so vielleicht weniger Nebenwirkungen? Zur Unterstützung Ihrer Beratungsgespräche hat krebsinformationsdienst.med für Sie die Hintergründe recherchiert.

Fachinformationen: Tageszeit relevant?

Tablettenspender mit Tamoxifen-Blister, © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum
Tamoxifen morgens oder abends einnehmen? © Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

Tamoxifen ist sowohl zur adjuvanten Therapie in der Primärbehandlung von Brustkrebs als auch für Patientinnen oder Patienten mit metastasierendem Brustkrebs zugelassen.
Laut Fachinformationen liegt die empfohlene Dosis bei 20 bis 40 mg Tamoxifen einmal täglich. Die Tabletten sollen unzerkaut mit ausreichend Flüssigkeit, beispielsweise mit einem Glas Wasser, zu einer Mahlzeit eingenommen werden.

Tamoxifen: Einmal täglich

Lautet die Empfehlung "einmal täglich", ist ein Abstand von etwa 24 Stunden zwischen den Einnahmen einzuhalten. Demzufolge sollten die Tamoxifen-Tabletten immer zur selben Tageszeit eingenommen werden. Eine spezielle Tageszeit (morgens oder abends) wird von den Herstellern nicht empfohlen.

Einflussgröße "Zirkadiane Rhythmik"

Viele physiologische Prozesse im Körper folgen einem Tag-Nacht-Rhythmus. Dieser Rhythmus wird von einem körpereigenen Taktgeber - der zirkadianen Uhr - gesteuert. Zirkadiane Schwankungen bei gastrointestinalen Funktionen, wie zum Beispiel der Aktivität von Leber- und Verdauungsenzymen, sowie in der Organdurchblutung können die Aufnahme, Verteilung, Metabolisierung und Elimination von Arzneistoffen beeinflussen. Hängt also die Plasmakonzentration des aktiven Metaboliten Endoxifen vom Einnahmezeitpunkt ab? Das wiederum könnte Auswirkungen auf die Wirksamkeit und Nebenwirkungsrate von Tamoxifen haben.

Studienlage: Tamoxifen und der Einfluss des Einnahmezeitpunkts

Forscher untersuchten die Pharmakokinetik von Tamoxifen abhängig vom Einnahmezeitpunkt bei Mäusen und in einer kleinen klinischen Studie mit Brustkrebs-Patientinnen (n = 27):

Im Mausmodell hatte sich gezeigt, dass die Substanzmenge von Tamoxifen im Blut (ausgedrückt durch die area under the curve; AUC) am höchsten war, wenn Tamoxifen um Mitternacht verabreicht wurde. Allerdings waren die beobachteten Unterschiede statistisch nicht signifikant.

Bei den Brustkrebs-Patientinnen unterschieden sich die pharmakokinetischen Parameter nach morgendlicher und abendlicher Gabe nur geringfügig: So waren beispielsweise der Spitzenplasmaspiegel (cmax) und die AUC von Tamoxifen nach morgendlicher Einnahme etwas höher als nach Einnahme am Abend. Obwohl dies auch für die aktiven Metaboliten zutraf, waren die stoffwechselbedingten Unterschiede klinisch nicht relevant.

Klinisch nicht relevant

Die Autoren schlussfolgerten, dass der Einnahmezeitpunkt von Tamoxifen (morgens oder abends) die Pharmakokinetik vermutlich nur geringfügig beeinflusst und daher als nicht klinisch relevant beurteilt werden sollte. Die Ergebnisse lassen keine unmittelbaren Schlüsse zu Auswirkungen auf die klinische Wirksamkeit und das Nebenwirkungsspektrum von Tamoxifen zu. Nach Meinung der Forscher ist der zirkadiane Rhythmus wahrscheinlich nur eine von zahlreichen Einflussgrößen auf die inter- und intraindividuellen Unterschiede in der Pharmakokinetik von Tamoxifen. Um die tatsächliche Bedeutung der "inneren Uhr" bemessen zu können, sind weitere Studien notwendig.

Einflussgröße "Melatonin"

Vor ein paar Jahren wurde unter Forschern außerdem ein möglicher Einfluss des "Schlafhormons" Melatonin auf die Wirksamkeit von Tamoxifen diskutiert. Licht hemmt die Bildung von Melatonin in der Zirbeldrüse. Der Melatoninspiegel steigt bei Dunkelheit im Laufe der Nacht an. Eine 2014 veröffentlichte Studie an Ratten legte nahe, dass Melatonin die Wirkung der Antihormontherapie beeinflussen könnte: Es könnte zum einen das Wachstum von Krebszellen hemmen. Zum anderen könnte es die Sensitivität von Brustkrebszellen gegenüber Tamoxifen erhöhen und mögliche Ausweichmechanismen der Zellen, also deren intrinsische Tamoxifen-Resistenz, aushebeln. Kann man daraus nun ableiten, dass es von Vorteil ist Tamoxifen am Abend einzunehmen?

Studienlage: Tamoxifen unter dem Einfluss von Dunkelheit und "Schlummerlicht"

In der Studie wurden Ratten menschliche, Östrogenrezeptor-positive Mammakarzinome transplantiert. Ein Teil der Ratten erhielt ein Placebo, ein anderer Teil einen aktiven Metaboliten von Tamoxifen: 4-Hydroxytamoxifen (abgekürzt: 4OH-Tamoxifen). Innerhalb dieser Gruppen lebte die eine Hälfte der Ratten 12 Stunden in normaler Helligkeit und 12 Stunden in vollkommener Dunkelheit. Die andere Hälfte lebte ebenfalls 12 Stunden in normaler Helligkeit, verbrachte dann aber 12 Stunden in leichtem Dämmerlicht.

Studien-Ergebnisse

"Schlummerlicht" verhinderte bei den Ratten die Bildung von Melatonin. Die Tumoren dieser Ratten wuchsen schneller und eine Therapie mit 4OH-Tamoxifen wirkte nicht. Erhielten die Ratten aus der Dämmerlicht-Gruppe Melatonin, wuchsen ihre Tumoren langsamer und sprachen wieder auf 4OH-Tamoxifen an. Das kann ein Hinweis darauf sein, dass Melatonin notwendig ist, um eine maximale Wirksamkeit der Tamoxifen-Therapie zu erreichen. Den Ergebnissen der Studie zufolge wäre es aber möglich, dass bereits eine sehr schwache Lichtquelle während der Nacht den positiven Effekt von Melatonin auf die Tamoxifen-Therapie einschränkt. Dies könnte etwa eine LED-Leuchte oder das Display eines Mobiltelefons oder Tablets sein.

Ergebnisse auf den Menschen nicht übertragbar

Ergebnisse aus der Grundlagenforschung können nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen werden. Bei Brustkrebspatientinnen ist ein Einfluss von genau bemessenen Lichtmengen und der Dauer von Hell-Dunkel-Perioden auf die Wirkung von Tamoxifen bisher nicht gezeigt. Daher kann wissenschaftlich nicht sicher beantwortet werden, wie sich eine schwache Lichtquelle nachts auf die Wirksamkeit einer Tamoxifen-Therapie auswirken könnte. Nach Ansicht des Studien-Autors weisen die Ergebnisse indirekt darauf hin, dass es von Vorteil sein könnte, Tamoxifen am Abend einzunehmen und die Nacht in Dunkelheit zu verbringen. Seiner Meinung nach müssen aber gute klinische Studien noch zeigen, ob die vermuteten Zusammenhänge bezüglich Dunkelheit und Einnahmezeitpunkt wirklich bestehen.

Fazit: Für eine gute Compliance individuell entscheiden

Während einer Antihormontherapie über viele Jahre ist vor allem die Compliance entscheidend. Bisher gibt es keine aussagekräftigen klinischen Daten, die dafür sprechen, Tamoxifen zu einer bestimmten Tageszeit einzunehmen. Bei der Entscheidung über eine Einnahme am Morgen oder Abend sollten also andere Faktoren eine Rolle spielen: Zum einen sollte die Tageszeit gewählt werden, in der es unwahrscheinlicher ist, die Einnahme zu vergessen. Zum anderen zeigen Erfahrungsberichte, dass sich die Verträglichkeit von Tamoxifen zwischen der Morgen- und Abend-Einnahme unterscheiden kann. Ärzte können gemeinsam mit ihren Patientinnen und Patienten verschiedene Einnahmezeiten für Tamoxifen ausprobieren, um so den individuell besten Zeitpunkt zu finden.