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Thema des Monats: Ist die "Pille" ein Risikofaktor für Veränderungen am Gebärmutterhals?

Die "Pille" gilt als eines der sichersten Mittel zur Empfängnisverhütung. Allerdings zeigen Studien, dass die langjährige Einnahme hormoneller Kontrazeptiva das Risiko für Brustkrebs und Zervixkarzinome geringfügig steigern kann. Dem entgegen steht die Beobachtung aus großen Studien, dass die Erkrankungsraten an Darmkrebs, Gebärmutterkörperkrebs und Eierstockkrebs bei Frauen, die die "Pille" einnehmen, sogar niedriger liegen,  mehr dazu im Text  "Medikamente und Krebsrisiko".

Für viele Frauen ist es wegen dieser widersprüchlichen Daten nicht einfach, eine persönliche Nutzen-Risiko-Abwägung zu treffen. Anhand einer aktuellen Anfrage erläutert der Krebsinformationsdienst, welche Informationen im Detail zur Verfügung stehen und wie man bei der Klärung vorgehen kann.



Vielen Dank für Ihre Anfrage an den Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums. Sie erkundigen sich, ob Sie die "Pille" zur Empfängnisverhütung absetzen sollen, nachdem bei Ihnen ein Pap-Test als auffällig (Pap III) beurteilt wurde. Im Hintergrund steht Ihre Sorge, die Hormone könnten Gebärmutterhalskrebs fördern, ein so genanntes Zervixkarzinom.
Gerne stellen wir für Sie Hintergründe zusammen und nennen Links zu Internetseiten, auf denen Sie weitere Informationen finden.
Wir möchten Sie jedoch bitten, mit Ihrer Frauenärztin über Ihre Frage nach dem Risiko der "Pille" zu sprechen: Informationen aus dem Internet oder per E-Mail können die persönliche Beratung durch Ihre Ärztin nicht ersetzen. Sie kennt Ihre aktuellen Befunde und weiß, welche Gründe bei Ihnen für eine hormonelle Empfängnisverhütung und welche eventuell dagegen sprechen.

Bedeutung des Pap-Befundes

Zum Weiterlesen

Sie schreiben, dass bei Ihnen die Krebsfrüherkennung ein auffälliges Ergebnis erbrachte. Beim so genannten Pap-Test werden mit einem kleinen Spatel oder Bürstchen Zellabstriche vom Muttermund und aus dem Gebärmutterhalskanal gewonnen. Nach einer Färbung lässt sich das Material unter dem Mikroskop auf Veränderungen hin begutachten.
Die Befunde werden nach dem Arzt G. N.  Papanicolaou als Pap I bis V bezeichnet. Der bei Ihnen festgestellte "Pap III" steht für einen zunächst unklaren Befund, bei dem die entnommenen Zellen entzündlich oder anderweitig verändert sein können.
Ein Pap III bedeutet jedoch keineswegs den Nachweis einer Krebserkrankung. Er ist zunächst lediglich ein Hinweis darauf, dass sich entnommene Zellen von normalem Gewebe deutlich unterscheiden. Der Befund kann auch bedeuten, dass das Abstrichmaterial schlecht erhalten im Labor ankam. Eine Zellveränderung, die als Krebsvorstufe gilt, kann jedoch auch nicht ausgeschlossen werden.
Beim Ergebnis Pap III wird man daher auf jeden Fall die Untersuchung wiederholen, wie es auch Ihre Ärztin bei Ihnen veranlasst hat. Mehr zur Bedeutung der einzelnen Pap-Befunde lesen Sie auf unseren Internetseiten unter "Früherkennung und Behandlung von Krebsvorstufen".

Welche Rolle spielt die "Pille"?

Sie haben gehört, dass Hormone das Risiko steigern, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Zumindest von seiner Entstehung her scheint das Zervixkarzinom nicht hormonabhängig zu sein: Es gilt heute als wissenschaftlich gesichert, dass humane Papillomviren (HPV) die Hauptauslöser sind, mehr dazu unter "HPV als Krebsauslöser".
Damit unterscheidet sich diese Tumorart zum Beispiel deutlich von den meisten Formen  von Brustkrebs (Mammakarzinom) oder auch vom Prostatakarzinom des Mannes  - in diesen Krebszellen lösen natürliche wie als Medikament eingenomme Hormone durch das "Andocken" an so genannten Rezeptoren Wachstumssignale aus. Beim Zervixkarzinom ist ein solcher Mechanismus als direkter Krebsauslöser nicht nachgewiesen.

Man weiß aber aus großen Beobachtungsstudien, dass Hormone möglicherweise doch eine Rolle spielen: Bei Frauen, die über mehrere Jahre mit kombinierten Östrogen-Gestagen-"Pillen" verhüten, ist die Rate an Zervixkarzinomen geringfügig höher, als bei Frauen, die andere Methoden der Geburtenkontrolle anwenden oder gar nicht verhüten. Je länger die Hormone genommen werden, desto größer ist das Risiko - messbare Risikosteigerungen finden sich aber erst bei Frauen, die fünf Jahre und länger die "Pille" verwenden. Die Risikosteigerung bleibt insgesamt gering, nach dem Absetzen normalisiert sich das Risiko zudem innerhalb von etwa zehn Jahren wieder.
Reine Gestagen-Medikamente ("Minipille") scheinen keinen Einfluss auf die Entwicklung von Zervixkarzinomen zu haben, sind aber auch weniger gut untersucht und bieten nicht die gleiche Sicherheit in der Empfängnisverhütung.

Aus solchen Studien, die oft Tausende von Frauen mit einschließen, lässt sich allerdings nicht erkennen, welcher Mechanismus im Detail für einen Zusammenhang verantwortlich ist: Ob die Hormone etwas in den Zellen des Gebärmutterhalses auslösen, was Krebs fördert, oder ob in den Studien die Einnahme der "Pille" für ein anderes Sexualverhalten und damit auch ein höheres Risiko wiederholter und anhaltender HPV-Infektionen steht, ist unklar. Nicht auszuschließen ist auch, dass die Kontrazeptiva die Zellen des Gebärmutterhalses so verändern, dass sie weniger gut mit einer HPV-Infektion fertig werden als ohne diesen Hormoneinfluss.

Studienlage

2007 veröffentlichte die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC, www.iarc.fr), eine der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zugehörige Einrichtung, eine Bewertung hormoneller Medikamente. Dazu gehörte auch die "Pille", genauer: die bis heute meist genutzten Kombinationen von Östrogenen und Gestagenen zur Unterdrückung eines Eisprungs.

Die beteiligten Experten kamen auf der Basis von insgesamt 21 vorliegenden Studien zu dem Schluss, dass sich bei Frauen, die längere Zeit die "Pille" verwenden, eine Risikosteigerung nachweisen lässt.
Je nach Studie zeigte sich ein messbar höheres Risiko nach etwa fünf bis zehn Jahren Einnahme, bei Frauen, die die "Pille" kürzer anwenden, lagen die Raten so genannter in-situ-Karzinome und invasiver, ins Gewebe  einwachsender Karzinome noch im gleichen Bereich wie bei den Frauen der Kontrollgruppe.
Um welchen Faktor die Krebswahrscheinlichkeit jeweils anstieg, wurde ebenfalls unterschiedlich angegeben. In einigen Publikationen war das Risiko auch bei Frauen, die länger als zehn Jahre mit Hormonen verhüteten, kaum höher als normal; in einer Studie hatte sich das Risiko nach mehr als zehn Jahren "Pille" jedoch verdreifacht.

Die Wissenschaftler diskutieren verschiedene Faktoren, die anstelle der "Pille" für die Steigerung  der Krebsrate verantwortlich sein und die Ergebnisse "verfälschen" könnten, kamen jedoch zu keinem abschließenden Ergebnis. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse ist in englischer Sprache unter http://monographs.iarc.fr/ENG/Monographs/vol91/mono91-6E.pdf abrufbar, sie richtet sich jedoch vorwiegend an Fachleute.

Auch seitdem veröffentlichte Studien haben die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Pilleneinnahme und Zervixkarzinom nicht deutlicher beantworten können. Sie zeigen jedoch wie die IARC-Bewertung auf, dass dem Risiko unter dem Strich auch ein Nutzen gegenübersteht, nämlich die Senkung der Rate an anderen Krebserkrankungen. Britische Wissenschaftler berechneten im September 2007 das Risiko auf der Basis der Daten von mehreren hunderttausend Frauen. Sie kamen zu dem Schluss, dass insgesamt die Krebsrate - für alle Tumorarten betrachtet - unter Nutzerinnen sogar geringer ausfällt als in der Gruppe von Frauen, die nie  hormonelle Empfängnisverhütungsmittel verwendet hatten. Sie fanden, berechnet für jeweils 100.000 Frauen, bei den Studienteilnehmerinnen, die irgendwann in ihrem Leben die Pille einnahmen, insgesamt zehn Krebsfälle weniger als in der Kontrollgruppe.

Bitte bedenken Sie, dass diese Angaben zur Risikosteigerung für sicher diagnostizierte Krebserkrankungen des Gebärmutterhalses erhoben wurden, nicht für die viel häufigeren sonstigen Zellveränderungen im Sinn einer Krebsvorstufe, die eventuell bei Ihnen vorliegen.

In der wissenschaftlichen Literatur finden sich praktisch keine Angaben, ob sich durch das Absetzen der "Pille" bereits bestehende Krebsvorstufen oder entzündliche Veränderungen am Gebärmutterhals kurzfristig zurückbilden können.
Wie sieht es mit der Rückfallrate nach einer Behandlung von Veränderungen aus? In einer 2008 veröffentlichten Studie untersuchten italienische Wissenschaftler bei 1.320 Frauen mit (behandelten) höhergradigen Krebsvorstufen und Frühformen von Zervixkarzinom, ob sich eine weitere Pilleneinnahme auf die Rückfallrate auswirkte. 650 der Frauen nahmen weiter hormonelle Verhütungsmittel, 670 Frauen fungierten als Kontrollgruppe. Nach mindestens fünfjähriger Nachbeobachtungszeit fanden die Studienleiter zwischen den beiden Gruppen keine Unterschiede in der Rate, mit der weitere ernst zu nehmende Zellveränderungen auftraten.

Was können Frauen mit Veränderungen am Gebärmutterhals tun?

Den vorausgegangen Informationen können Sie entnehmen, in welchem Ausmaß das Risiko, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, langfristig durch die "Pille" beeinflusst wird.
Ob das Absetzen des Medikaments bei Ihnen aber auch einen kurzfristigen Effekt auf Ihren Pap-Befund hätte, lässt sich anhand der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur nicht beurteilen.

Sollte sich anhand der zweiten bei Ihnen durchgeführten Untersuchung zeigen, dass bei Ihnen tatsächlich ein behandlungsbedürftiger Befund vorliegt, können Sie sich auf unseren Internetseiten über das heute anerkannte Vorgehen informieren. Ihre Ärztin wird Ihnen die verschiedenen Möglichkeiten ebenfalls erläutern.
Wie Sie langfristig mit dem Thema Empfängnisverhütung umgehen, hängt aber nicht nur von Ihrem Pap-Befund ab, sondern auch von einer Reihe anderer Faktoren, zum Beispiel von Ihren Ansprüchen an die Sicherheit einer Verhütungsmethode: Die meisten wissenschaftlichen Bewertungen der "Pille" enthalten den Rat, sich bei einer Entscheidung nicht allein auf das Krebsrisiko zu konzentrieren, sondern möglichst alle Aspekte zu berücksichtigen, die für die Wahl einer Verhütungsmethode wichtig sind.
Wir möchten Sie auch deshalb noch einmal bitten, diese Fragen mit Ihrer Ärztin in einem persönlichen Gespräch zu klären und bei der langfristigen Planung auch den noch ausstehenden neuen Befund des Pap-Abstrichs abzuwarten. Wir würden uns freuen, wenn die Informationen, die wir für Sie zusammen gestellt haben, Ihnen trotz der Einschränkungen etwas mehr Hintergrundwissen verschaffen konnten. 



Herausgeber: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) │ Autoren/Autorinnen: Internet-Redaktion des Krebsinformationsdienstes. Lesen Sie mehr über die Verantwortlichkeiten in der Redaktion.

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