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Neue Studien zur Früherkennung von Prostatakrebs

Am 18. März wurden in der Fachzeitschrift "New England Journal of Medicine" zwei lang erwartete Beiträge veröffentlicht: Europäische und U.S.-amerikanische Forschergruppen stellen die Ergebnisse ihrer Studien zum Nutzen der Früherkennung von Prostatakrebs vor.
Die europäischen Wissenschaftler sehen zwar eine leichte Senkung der Sterblichkeitsrate bei regelmäßiger Bestimmung des PSA-Spiegels, warnen aber vor dem hohen Risiko von Überdiagnosen und unnötiger Therapien. Die U.S.-amerikanischen Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass die regelmäßige Testung auf das prostataspezifische Antigen PSA und die Tastuntersuchung durch den Enddarm den untersuchten Männern statistisch gesehen gar keinen Nutzen bringt.

In der europäischen Studie, der "European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC)"  wurden seit den frühen 90er Jahren 182.000 Männer im Alter zwischen 50 und 74 Jahren beobachtet. Die Daten von 162.00 Teilnehmern zwischen 55 und 69 aus sieben verschiedenen Ländern standen zur Auswertung zur Verfügung. Der einen Hälfte der Männer bot man einen regelmäßigen PSA-Test (mehr zu diesem Test hier) an, die  andere Hälfte  diente als Kontrollgruppe.
Nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von knapp neun Jahren wurden erwartungsgemäß in der  PSA-Test-Gruppe  bei mehr Männern Prostatakarzinome entdeckt als in der Kontrollgruppe. Bei den meisten Betroffenen führte dies zu einer mehr oder weniger belastenden Therapie mit langfristigen Folgen für die Lebensqualität, von der psychischen Belastung einer Krebsdiagnose ganz abgesehen.
Die Autoren der ERSPC-Publikation machen zur Erläuterung des Aufwandes im Vergleich zum Nutzen folgende Rechnung auf:  Man müsste 1.410 Männer regelmäßigen Kontrollen unterziehen, um einen Todesfall durch Prostatakrebs zu verhindern. Zwar würden innerhalb von zehn Jahren 48 Prostatakrebserkrankungen mehr entdeckt als ohne regelmäßige Untersuchung. Bei  47 Männern verlegt die Teilnahme an der Früherkennung nur den Diagnosezeitpunkt vor - und so auch die Belastung einer Krebsdiagnose und -therapie. Ein Teil von ihnen würde voraussichtlich unabhängig von der Erkrankung an anderen Ursachen versterben und hätte ohne den PSA-Test nie von der Karzinomerkrankung erfahren.

Die amerikanische Studie,  "Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian Cancer Screening Trial (PLCO), erfasste zwischen 1993 und 2001 rund 76.000 Männer, die entweder einmal jährlich eine "Krebsvorsorge"-Untersuchung erhielten oder der Kontrollgruppe ohne regelmäßige Gesundheitstests zugeordnet wurden. Als Diagnoseverfahren nutzten die beteiligten Kliniken sechs Jahre den PSA-Test und vier Jahre die digital-rektale Untersuchung.
Auch hier führten die regelmäßigen Tests schnell zu einem Anstieg der Prostatakrebs-Diagnosezahlen in der  untersuchten Gruppe. Nach einer sieben- bis zehnjährigen Nachbeobachtungszeit konnten die U.S.-Wissenschaftler aber keine Unterschiede in den Sterberaten beider Gruppen an Prostatakrebs feststellen.

Die verbliebenen Teilnehmer sollen in beiden Studien weiter beobachtet werden.

Diskussion nicht abgeschlossen

Welche Konsequenzen die beiden Studienveröffentlichungen für die nationalen Krebsfrüherkennungsprogramme in Europa oder den USA haben werden, ist zurzeit noch nicht absehbar.
In Deutschland gehört zwar die Tastuntersuchung der Prostata zur gesetzlichen "Krebsvorsorge", nicht aber der Test auf das Prostata-spezifische Antigen PSA.
Der PSA-Test ist deshalb im Rahmen der Früherkennung auch keine Kassenleistung, mehr dazu hier. Seine Einführung hatten in den letzten Jahren aber verschiedene Patientengruppen wie Ärztevertreter gefordert. Viele Ärzte bieten den Test Männern als kostenpflichtige  so genannte Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) an.
Für die USA liegen Zahlen vor, nach denen dort die meisten Männer im Alter über 50 die PSA-Untersuchung in Anspruch nehmen. Unter den amerikanischen Urologen haben 95 Prozent bereits selbst einmal den Test durchführen lassen, obwohl bisher große Studien zum Nutzen der Maßnahme fehlten. Dass die neuen Daten an dieser großen Akzeptanz der Tests etwas ändern werden, bezweifelt auch der Autor des Vorwortes zu den beiden aktuellen Veröffentlichungen.



Herausgeber: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) │ Autoren/Autorinnen: Internet-Redaktion des Krebsinformationsdienstes. Lesen Sie mehr über die Verantwortlichkeiten in der Redaktion.

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