Deutsches Krebsforschungszentrum - Krebsinformationsdienst


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Chemoprävention: Krebsvorbeugung durch Tabletten?

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Eine Tablette, die vor Krebs schützt - ein Wunschtraum nicht nur für Forscher. Lange setzte man vor allem auf Vitamine zur so genannten Chemoprävention. Heute gehen die meisten Experten davon aus, dass dieses Konzept nicht aufgegangen ist, jedenfalls nicht, wenn es um Vitamine in Tabletten statt in Lebensmitteln geht. Isolierte Einzelstoffe schaden möglicherweise mehr als sie nutzen. Die Forschung zur Chemoprävention läuft trotzdem weiter auf Hochtouren: Sowohl Naturstoffe wie auch Medikamente werden getestet. Praktische Anwendungen gibt es bisher allerdings kaum - viele Wissenschaftler warnen vor verfrühten Hoffnungen und vermeintlichen Patentrezepten. Den Stand des Wissens hat der Krebsinformationsdienst hier zusammengefasst.

Gibt es Medikamente, die vor Krebs schützen?

Fortschritte in der molekularbiologischen Forschung haben zu einem immer besseren Verständnis der Mechanismen geführt, die auf Zellebene zur Krebsentstehung führen können. Umso  näher rückt der Gedanke, die als Risiko geltenden Stoffwechselvorgänge zu bremsen oder anderweitig so zu beeinflussen, um die Bildung von Tumorzellen zu stoppen. In den letzten Jahren diskutierten Krebsforscher vor allem Ansätze, die eine Senkung der Erkrankungsrate von zwei der häufigsten Tumorarten bedeuten könnten:

  • Brustkrebs wächst bei der Mehrzahl der betroffenen Patientinnen unter dem Einfluss weiblicher Geschlechtshormone. In der Behandlung spielen Medikamente eine große Rolle, die die Hormonwirkung blockieren. Lassen sich diese Mittel möglicherweise auch zur Vorbeugung bei gesunden Frauen einsetzen? Schützen sie zumindest die bekannten Risikogruppen vor Brustkrebs?
  • Dick- und Enddarmkrebs entsteht aus Veränderungen der Schleimhaut. Als Zwischenstufe gelten gutartige Polypen. Aus großen Beobachtungsstudien ergab sich ein auffallender Zusammenhang mit der Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS, "Aspirin"): Menschen, die regelmäßig ASS einnahmen, hatten seltener Darmpolypen, auch ihre Darmkrebsrate schien niedriger zu sein. Macht es deshalb Sinn, zur Darmkrebsvorbeugung "Aspirin" zu schlucken? Helfen Aspirin oder vergleichbare Substanzen auch Menschen mit einer vererbten Veranlagung zu Darmkrebs?

Keine Empfehlung für Gesunde ableitbar

Trotz vieler Studien ist aus diesen Überlegungen noch keine eindeutige und auf alle Situationen übertragbare Empfehlung abgeleitet worden. Untersucht wurden sowohl Gesunde und Menschen mit erhöhten Krebsrisiko, die vorbeugend entsprechende Medikamente einnahmen, wie auch bereits erkrankte Patienten und Patientinnen, deren Rückfallrisiko nach einer Behandlung weiter gesenkt werden sollte.

Brustkrebs

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Die diversen Möglichkeiten der Hormonblockade zur Verhinderung von Brustkrebs haben alle Nebenwirkungen, die gesunde Frauen in den bisherigen Studien nur bedingt oder gar nicht in Kauf zu nehmen bereit waren. Dazu gehört vor allem die Auslösung vorzeitiger Wechseljahre durch den Hormonentzug. Einige Antiöstrogene können außerdem das Risiko für Blutgerinnsel in den Venen erhöhen, so genannte Thrombosen; andere unerwünschte Behandlungsfolgen sind ebenfalls bekannt. Die Risiko-Nutzen-Abwägung sieht anders aus bei Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko, vor allem dann, wenn sie die Wechseljahre schon hinter sich haben. In dieser Situation senken einige der in Frage kommenden Medikamente möglicherweise nicht nur das Brustkrebsrisiko. Sie haben auch positive Auswirkungen auf die Knochengesundheit und verringern die Gefahr einer so genannten Osteoporose.

Bisher ist in Deutschland jedoch kein Antihormon-Medikament mit der reinen Indikation "Krebsvorbeugung"  zugelassen; entsprechende Studien laufen noch. Die Deutsche Gesellschaft für Senologie, die Deutsche Krebsgesellschaft und weitere beteiligte Fachgesellschaften gehen in einer Leitlinie davon aus, dass die Chemoprävention von Brustkrebs hinsichtlich ihrer tatsächlichen Auswirkungen deshalb noch nicht abschließend beurteilbar ist. Von den Ansätzen, die derzeit erprobt würden, sei in einem überschaubaren Zeitraum auch keine Lösung des Problems zu erwarten.

Darmkrebs

Zum Thema Acetylsalicylsäure (ASS), ihrer chemischen Verwandten und Darmkrebs sind ebenfalls sehr viele Studien durchgeführt worden. Die Gruppe der so genannten nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR), zu denen diese Stoffe gehören, beeinflusst Stoffwechselvorgänge bei Entzündungsprozessen. NSAR können auf diesem Weg vielleicht auch die Bildung von Schleimhautveränderungen und Polypen bremsen, die als Krebsvorstufen gelten.

Die bisherige Datenlage zur Chemoprävention von Darmkrebs zeigt, dass eine Senkung des Krebsrisikos allerdings möglicherweise mit einer Häufung von gefährlichen Blutungen erkauft wird. Auch Herzinfarkte und Schlaganfälle traten in einigen Studien vermehrt auf. Die in Deutschland laufenden Studien wurden zu diesem Zeitpunkt überwiegend gestoppt; auch eine Untersuchung zur Verhinderung von Rückfällen bei Brustkrebs wurde unterbrochen. Noch ist die Forschung mit NSAR, also den "Aspirin"-ähnlichen Substanzen, aber längst nicht abgeschlossen. Weitere Studien werden folgen, unter strenger Beachtung möglicher Nebenwirkungen in Abwägung zum medizinischen Nutzen und individueller Situation. Auch wer befürchtet, ein hohes Darmkrebsrisiko zu haben, sollte nicht auf eigene Faust zu "Aspirin" oder entsprechenden Medikamenten greifen, so eine Warnung der Arzneimittelbehörden:

Helfen Vitamine oder Extrakte aus natürlichen Stoffen?

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Auf synthetisch hergestellte Vitamine und Mineralstoffe wurden in den letzten Jahrzehnten die größten Hoffnungen gesetzt. Ihre Eignung für die Chemoprävention von Krebs konnte bisher jedoch nicht belegt werden. Im Gegenteil: In so genannten Interventionsstudien führten einige Vitamintabletten sogar zu einer Steigerung der Krebsrate, zum Beispiel bei Rauchern, die Beta-Karotine zur Gesundherhaltung bekommen hatten. Nur noch wenige Wissenschaftler erwarten anhand der aktuellen Datenlage eine Krebs vorbeugende oder gar heilende Wirkung. Den aktuellen Kenntnisstand zum Thema Vitamine hat der Krebsinformationsdienst in dem Text "Vitamine und Spurenelemente" zusammengefasst.

Obst und Gemüse nicht ersetzbar

Noch ungeklärt
Was die vielen bisher untersuchten Einzelstoffe in der Krebsvorbeugung wirklich bewirken können und was nicht, ist bislang nicht geklärt.

Auch Nahrungsergänzungsmittel, die aus Obst oder Gemüse hergestellt werden und natürliche Vitamine und andere Stoffe enthalten, werden von Experten bisher nicht empfohlen: Die Werbung für diese Produkte verspricht laut einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) mehr, als sie halten kann:
Die Stellungnahme finden Sie in einem DGE-special aus dem Jahre 2002, unter www.dge.de, Stichwort "Presse", Stichwort "Pressearchiv", weiter zu "2002" und zu "Rotweintabletten, Artischockendragees, Apfelessigkapseln und Co. - halten Sie was sie versprechen?". Die DGE rät hier zum Beispiel von Rotweintabletten, Artischockendragees, Apfelessigkapseln oder anderen angeblich vor Krebs schützenden Mitteln ab.

In Obst, Gemüse, Pilzen, Kräutern oder Tees sind tatsächlich viele Stoffe enthalten, die theoretisch das Potential zur Chemoprävention besitzen. Wie groß die Hoffnungen auf eine einfache, aber wirksame Krebsvorbeugung ist, wird daran deutlich, dass  die Medien entsprechende  Forschungsnachrichten immer wieder aufgreifen – selbst wenn es sich nur um frühe Laborergebnisse handelt. Auch die Bewerbung entsprechender Produkte lässt bei der Beschreibung der angeblich gesundheitsfördernden Wirkung kein wissenschaftliches Detail aus.

Doch was genau die vielen bisher untersuchten Einzelstoffe in der Krebsprävention wirklich leisten können und was nicht, steht noch längst nicht fest. Diskutiert werden Flavonoide, die in Pflanzen als Farbstoffe enthalten sind, Resveratrol aus Trauben (und Rotwein!), Katechine, die sich zum Beispiel in Tees finden, Genistein aus Soja, Indolverbindungen aus den verschiedenen Kohlsorten, Lektine aus Pilzen, Lycopen aus Tomaten – die Liste der bereits wissenschaftlich untersuchten Stoffe könnte noch lange fortgesetzt werden, ohne dass daraus konkrete Empfehlungen ableitbar sind.

Besonders interessiert die Wissenschaftler die Fähigkeit vieler dieser Stoffe, Zellen vor so genanntem oxidativem Stress zu schützen. Einen solchen chronischen Entzündungsreiz, ausgelöst durch chemische Reaktionen auf Zellebene unter Beteiligung von Sauerstoff, halten Experten heute für eine gemeinsame Wurzel vieler schwerer Erkrankungen, darunter auch Krebs. Zu diesem Ergebnis kamen auch die Chemopräventionsspezialisten, die sich Ende 2005 zu einer Konferenz im Deutschen Krebsforschungszentrum trafen (COSCANCER 2005: Chronic Oxidative Stress and Cancer, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Biological Chemistry im April 2006).

Nebenwirkungen noch weitgehend unbekannt

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Was in Obst oder Gemüse unbestritten die Gesundheit fördert, zeigt sich isoliert und zu Tabletten gepresst dann allerdings meist enttäuschend wirkungslos. Unklar ist zum Beispiel, ob der gefährliche „oxidative Stress“ und die auch in der Werbung aggressiv klingenden „freien Radikale“ im Stoffwechsel nicht sogar für die Selbstregulation des Körpers wichtig sind, oder sogar an der Vernichtung kranker Zellen beteiligt werden müssen. Jeder Versuch, dieses Gleichgewicht zu beeinflussen, kann also auch negative Folgen haben.

Sorgen macht den Chemopräventionsforschern auch deshalb eine Palette von Nebenwirkungen, die von nicht industriell aufbereitetem Produkten nicht bekannt sind. Dass sich isolierte Einzelstoffe anders verhalten als sie dies im Zusammenspiel mit vielen anderen Inhaltsstoffen in Obst, Gemüse oder anderen normalen Lebensmitteln tun, musste  man bereits in der Vitaminforschung feststellen. Die meisten Produkte, die heute zur Chemoprävention zum Kauf angeboten werden, sind zudem gar keine Medikamente, sondern so genannte Nahrungsergänzungsmittel. Warum von solchen ungeprüften Angeboten keine wirklich gesundheitsfördernde Wirkung zu erwarten ist, hat der Krebsinformationsdienst hier zusammengestellt.

Wo gibt es weitere Informationen zum Thema?

Über falsche "Gesundheitsversprechen" haben die Behörden in Europa länger beraten. 2007 trat ein Gesetz in Kraft, das – allerdings mit längeren Übergangsfristen – nicht belegte Aussagen in der Werbung verbietet. Wer in Zukunft mit der vor Krebs schützenden Wirkung seiner Mittel werben will, muss dann die Wirkung auch belegen können. Über Hintergründe informieren das Bundesinstitut für Risikobewertung unter dem englischen Stichwort "Health Claims" (www.bfr.bund.de/cd/9142) sowie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (www.bvl.bund.de).

Die Arbeitsgruppe Chemoprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum hat in den vergangenen Jahren tausende von natürlichen Stoffen auf ihr Potenzial für die Krebsvorbeugung hin untersucht. Obwohl sich viel interessante "Kandidaten" fanden, darunter sogar Stoffe aus Bier oder anderen "Genussmitteln", kommen die Wissenschaftler bisher nur zu dieser Empfehlung: Wer sich mit ausreichend Obst und Gemüse ernährt, macht nach dem momentanen Kenntnisstand schon vieles richtig. Tabletten mit Einzelsubstanzen sind kein Ersatz für einen ausgewogenen Speiseplan. Weitere Informationen der Forscher finden sich zum Beispiel unter www.dkfz.de/en/tox/cancer_chemoprevention.html,
im Moment allerdings nur in englischer Sprache.

In englischer und spanischer Sprache informiert das US-amerikanische Nationale Krebsforschunginstitut (NCI) zum Thema unter www.cancer.gov/cancertopics/prevention-genetics-causes/prevention, unterteilt in die Kapitel "Überblick", "einzelne Krebsarten", aber auch "Lebensmittel" oder "Tabak".


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Seite drucken   Zuletzt aktualisiert: 17.04.2007