
Gerne stehen die Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes Ihnen für weitere Auskünfte zur Verfügung – rufen Sie uns an: 0800 – 4 20 30 40, täglich von 8.00 bis 20.00 Uhr. Ihr Anruf ist für Sie kostenlos. Oder schreiben Sie eine E-Mail an krebsinformationsdienst@dkfz.deEine Tablette, die vor Krebs schützt - ein Wunschtraum nicht nur für Forscher. Lange setzte man vor allem auf Vitamine zur so genannten Chemoprävention. Heute gehen die meisten Experten davon aus, dass dieses Konzept nicht aufgegangen ist, jedenfalls nicht, wenn es um Vitamine in Tabletten statt in Lebensmitteln geht. Isolierte Einzelstoffe schaden möglicherweise mehr als sie nutzen. Die Forschung zur Chemoprävention läuft trotzdem weiter auf Hochtouren: Sowohl Naturstoffe wie auch Medikamente werden getestet. Praktische Anwendungen gibt es bisher allerdings kaum - viele Wissenschaftler warnen vor verfrühten Hoffnungen und vermeintlichen Patentrezepten. Den Stand des Wissens hat der Krebsinformationsdienst hier zusammengefasst.
Fortschritte in der molekularbiologischen Forschung haben
zu einem immer besseren Verständnis der Mechanismen geführt, die auf
Zellebene zur Krebsentstehung führen können. Umso näher rückt der
Gedanke, die als Risiko geltenden Stoffwechselvorgänge zu bremsen oder
anderweitig so zu beeinflussen, um die Bildung von Tumorzellen zu
stoppen. In den letzten Jahren diskutierten Krebsforscher vor allem Ansätze,
die eine Senkung der Erkrankungsrate von zwei der häufigsten Tumorarten
bedeuten könnten:
Trotz vieler Studien ist aus diesen Überlegungen noch keine eindeutige und auf alle Situationen übertragbare Empfehlung abgeleitet worden. Untersucht wurden sowohl Gesunde und Menschen mit erhöhten Krebsrisiko, die vorbeugend entsprechende Medikamente einnahmen, wie auch bereits erkrankte Patienten und Patientinnen, deren Rückfallrisiko nach einer Behandlung weiter gesenkt werden sollte.
Die diversen Möglichkeiten der Hormonblockade zur Verhinderung von Brustkrebs haben alle Nebenwirkungen, die gesunde Frauen in den bisherigen Studien nur bedingt oder gar nicht in Kauf zu nehmen bereit waren. Dazu gehört vor allem die Auslösung vorzeitiger Wechseljahre durch den Hormonentzug. Einige Antiöstrogene können außerdem das Risiko für Blutgerinnsel in den Venen erhöhen, so genannte Thrombosen; andere unerwünschte Behandlungsfolgen sind ebenfalls bekannt. Die Risiko-Nutzen-Abwägung sieht anders aus bei Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko, vor allem dann, wenn sie die Wechseljahre schon hinter sich haben. In dieser Situation senken einige der in Frage kommenden Medikamente möglicherweise nicht nur das Brustkrebsrisiko. Sie haben auch positive Auswirkungen auf die Knochengesundheit und verringern die Gefahr einer so genannten Osteoporose.
Bisher ist in Deutschland jedoch kein Antihormon-Medikament mit der reinen Indikation "Krebsvorbeugung" zugelassen; entsprechende Studien laufen noch. Die Deutsche Gesellschaft für Senologie, die Deutsche Krebsgesellschaft und weitere beteiligte Fachgesellschaften gehen in einer Leitlinie davon aus, dass die Chemoprävention von Brustkrebs hinsichtlich ihrer tatsächlichen Auswirkungen deshalb noch nicht abschließend beurteilbar ist. Von den Ansätzen, die derzeit erprobt würden, sei in einem überschaubaren Zeitraum auch keine Lösung des Problems zu erwarten.
Zum Thema Acetylsalicylsäure (ASS), ihrer chemischen Verwandten und Darmkrebs sind ebenfalls sehr viele Studien durchgeführt worden. Die Gruppe der so genannten nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR), zu denen diese Stoffe gehören, beeinflusst Stoffwechselvorgänge bei Entzündungsprozessen. NSAR können auf diesem Weg vielleicht auch die Bildung von Schleimhautveränderungen und Polypen bremsen, die als Krebsvorstufen gelten.
Die bisherige Datenlage zur Chemoprävention von Darmkrebs zeigt, dass eine Senkung des Krebsrisikos allerdings möglicherweise mit einer Häufung von gefährlichen Blutungen erkauft wird. Auch Herzinfarkte und Schlaganfälle traten in einigen Studien vermehrt auf. Die in Deutschland laufenden Studien wurden zu diesem Zeitpunkt überwiegend gestoppt; auch eine Untersuchung zur Verhinderung von Rückfällen bei Brustkrebs wurde unterbrochen. Noch ist die Forschung mit NSAR, also den "Aspirin"-ähnlichen Substanzen, aber längst nicht abgeschlossen. Weitere Studien werden folgen, unter strenger Beachtung möglicher Nebenwirkungen in Abwägung zum medizinischen Nutzen und individueller Situation. Auch wer befürchtet, ein hohes Darmkrebsrisiko zu haben, sollte nicht auf eigene Faust zu "Aspirin" oder entsprechenden Medikamenten greifen, so eine Warnung der Arzneimittelbehörden:
Auf synthetisch hergestellte Vitamine und Mineralstoffe wurden in den letzten Jahrzehnten die größten Hoffnungen gesetzt. Ihre Eignung für die Chemoprävention von Krebs konnte bisher jedoch nicht belegt werden. Im Gegenteil: In so genannten Interventionsstudien führten einige Vitamintabletten sogar zu einer Steigerung der Krebsrate, zum Beispiel bei Rauchern, die Beta-Karotine zur Gesundherhaltung bekommen hatten. Nur noch wenige Wissenschaftler erwarten anhand der aktuellen Datenlage eine Krebs vorbeugende oder gar heilende Wirkung. Den aktuellen Kenntnisstand zum Thema Vitamine hat der Krebsinformationsdienst in dem Text "Vitamine und Spurenelemente" zusammengefasst.
Auch Nahrungsergänzungsmittel, die aus Obst oder Gemüse hergestellt
werden und natürliche Vitamine und andere Stoffe enthalten, werden von
Experten bisher nicht empfohlen: Die Werbung für diese Produkte
verspricht laut einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für
Ernährung (DGE) mehr, als sie halten kann:
Die Stellungnahme finden Sie in einem DGE-special aus dem Jahre 2002, unter www.dge.de, Stichwort "Presse", Stichwort "Pressearchiv", weiter zu "2002" und zu "Rotweintabletten, Artischockendragees, Apfelessigkapseln und Co. - halten Sie was sie versprechen?". Die DGE rät hier zum Beispiel von Rotweintabletten, Artischockendragees,
Apfelessigkapseln oder anderen angeblich vor Krebs schützenden Mitteln
ab.
In Obst, Gemüse, Pilzen, Kräutern oder Tees sind tatsächlich viele
Stoffe enthalten, die theoretisch das Potential zur Chemoprävention
besitzen. Wie groß die Hoffnungen auf eine einfache, aber wirksame
Krebsvorbeugung ist, wird daran deutlich, dass die Medien
entsprechende Forschungsnachrichten immer wieder aufgreifen – selbst
wenn es sich nur um frühe Laborergebnisse handelt. Auch die Bewerbung
entsprechender Produkte lässt bei der Beschreibung der angeblich
gesundheitsfördernden Wirkung kein wissenschaftliches Detail aus.
Doch was genau die vielen bisher untersuchten Einzelstoffe in der
Krebsprävention wirklich leisten können und was nicht, steht noch
längst nicht fest. Diskutiert werden Flavonoide, die in Pflanzen als Farbstoffe
enthalten sind, Resveratrol aus Trauben (und Rotwein!), Katechine, die
sich zum Beispiel in Tees finden, Genistein aus Soja, Indolverbindungen
aus den verschiedenen Kohlsorten, Lektine aus Pilzen, Lycopen aus
Tomaten – die Liste der bereits wissenschaftlich untersuchten Stoffe
könnte noch lange fortgesetzt werden, ohne dass daraus konkrete
Empfehlungen ableitbar sind.
Besonders interessiert die Wissenschaftler die Fähigkeit vieler
dieser Stoffe, Zellen vor so genanntem oxidativem Stress zu schützen.
Einen solchen chronischen Entzündungsreiz, ausgelöst durch chemische
Reaktionen auf Zellebene unter Beteiligung von Sauerstoff, halten
Experten heute für eine gemeinsame Wurzel vieler schwerer Erkrankungen,
darunter auch Krebs. Zu diesem Ergebnis kamen auch die
Chemopräventionsspezialisten, die sich Ende 2005 zu einer Konferenz im
Deutschen Krebsforschungszentrum trafen (COSCANCER 2005: Chronic
Oxidative Stress and Cancer, veröffentlicht in der Fachzeitschrift
Biological Chemistry im April 2006).
Was in Obst oder Gemüse unbestritten die Gesundheit fördert, zeigt sich
isoliert und zu Tabletten gepresst dann allerdings meist enttäuschend
wirkungslos. Unklar ist zum Beispiel, ob der gefährliche „oxidative
Stress“ und die auch in der Werbung aggressiv klingenden „freien
Radikale“ im Stoffwechsel nicht sogar für die Selbstregulation des
Körpers wichtig sind, oder sogar an der Vernichtung kranker Zellen
beteiligt werden müssen. Jeder Versuch, dieses Gleichgewicht zu
beeinflussen, kann also auch negative Folgen haben.
Sorgen macht den Chemopräventionsforschern auch deshalb eine
Palette von Nebenwirkungen, die von nicht industriell aufbereitetem
Produkten nicht bekannt sind. Dass sich isolierte Einzelstoffe anders
verhalten als sie dies im Zusammenspiel mit vielen anderen
Inhaltsstoffen in Obst, Gemüse oder anderen normalen Lebensmitteln tun,
musste man bereits in der Vitaminforschung feststellen. Die meisten Produkte, die heute zur Chemoprävention zum Kauf
angeboten werden, sind zudem gar keine Medikamente, sondern so genannte
Nahrungsergänzungsmittel. Warum von solchen ungeprüften Angeboten keine wirklich
gesundheitsfördernde Wirkung zu erwarten ist, hat der
Krebsinformationsdienst hier zusammengestellt.