
Gerne stehen die Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes Ihnen für weitere Auskünfte zur Verfügung – rufen Sie uns an: 0800 – 4 20 30 40, täglich von 8.00 bis 20.00 Uhr. Ihr Anruf ist für Sie kostenlos. Oder schreiben Sie eine E-Mail an krebsinformationsdienst@dkfz.deStress wird als charakteristisches Phänomen unserer Zeit angesehen und für viele Übel verantwortlich gemacht. Aber ist Stress tatsächlich auch eine Krebsursache? Kann Stress bei Krebspatienten die Krankheit verschlimmern? Der Krebsinformationsdienst stellt aktuelle Hintergründe zusammen.
Notwendig war Stress, biologisch betrachtet, um angesichts von Gefahren Energie für Kampf oder Flucht bereitzustellen. Diese Reaktion des Organismus ermöglicht es uns auch heute noch, schnell auf wechselnde Lebensumstände zu reagieren. Wie stark und wie oft Körper und Psyche aktiviert werden, wie lange der Zustand gespannter Energie anhält und ob die Begleitumstände positiv oder negativ erlebt werden, entscheidet langfristig über die gesundheitlichen Folgen. Eine mittlere Aktivierung wird meist als angenehme Anspannung erlebt und ist die Voraussetzung für optimale Leistungen – zu "langweilig" darf es auch nicht werden, zum Beispiel im Berufsalltag. Ein bisschen Stress kann also durchaus positiv erlebt und als motivierender Antrieb verstanden werden. Darüber hinausgehende Aktivierung sowie lang anhaltende (chronische) Phasen starker Anspannung ohne regelmäßige Erholung führen dagegen zu "Überforderung". Umgangssprachlich wird erst eine solche Situation als "Stress" bezeichnet.
Was Menschen individuell als Stress erleben und was nicht, unterscheidet sich teils erheblich: Was den einen Menschen belastet, wird vom anderen möglicherweise als anregend empfunden. Es sind also nicht die von außen kommenden Reize alleine (sie werden "Stressoren" genannt). Das Empfinden von Stress wird stark von den Reaktionen des Einzelnen auf Stress auslösende Reize oder Situationen bestimmt.
Die Stärke der Reaktion wiederum hängt wesentlich davon ab, welche
Bedeutung die jeweilige Situation für den betroffenen Menschen hat,
ebenso davon, als wie gut oder schlecht er die eigenen
Bewältigungsmöglichkeiten einschätzt. Dazu gehört auch, welche Hilfs-
und Entlastungsmöglichkeiten jeweils zur Verfügung stehen.
Bei Krebspatienten kann dies beispielsweise Verständnis und Unterstützung durch Angehörige und Freunde sein.
Für die Entstehung von Krebs konnten dagegen eindeutige Zusammenhänge nicht gefunden werden. In den letzten Jahren wurden mehrere Untersuchungen an großen Bevölkerungsgruppen nach langen Beobachtungszeiträumen abgeschlossen: Weder nach anhaltendem Alltagsstress noch nach einmaligem außergewöhnlichem Stress wie etwa dem Tod eines Kindes waren Krebserkrankungen häufiger aufgetreten.
Viele dieser Ergebnisse stammen aus Studien, die in Skandinavien durchgeführt wurden. Dort sind aufgrund der hohen Erfassungsrate von Patienten in den nationalen Krebsregistern Untersuchungen mit vielen tausend Probandenzahlen möglich.
In einigen dieser Studien befragten die beteiligten Wissenschaftler Krebspatienten über frühere Ereignisse in ihren Leben, die sie als besonders belastend erlebt hatten, aber auch zum ganz normalen Stress im Alltag. In den von Fachleuten als besonders aussagekräftig betrachteten Studien wurden diese Fragen jedoch großen, willkürlich ausgewählten gesunden Menschen gestellt, deren Schicksal dann über teilweise mehr als 20 Jahre nachbeobachtet wurde.
2005 und 2007 wurden beispielsweise Studienauswertungen veröffentlicht, die einen Einfluss von Stress auf die Brustkrebsentstehung oder das Risiko von Endometriumkarzinomen verneinten. Die Studienkoordinatoren aus Dänemark fanden bei Frauen, die von besonders belastenden Alltagssituationen und viel Stress berichteten, sogar eine niedrigere Krebsrate. Sie erklären sich dieses auf den ersten Blick paradox anmutende Ergebnis der "Kopenhagen-Studie" damit, dass bei Frauen unter Stress oft auch gestörte Monatszyklen beobachtet werden: Niedrige Östrogenspiegel oder das zeitweilige Ausbleiben eines Eisprungs vermindern das Risiko, an hormonabhängigen Tumorarten wie Brustkrebs zu erkranken.
Es gibt allerdings eine Vorstellung darüber, wie Stress indirekt zur Entstehung einer Krebserkrankung beitragen könnte.
Auch bei der Verarbeitung einer bereits aufgetreten Erkrankung lassen sich solche indirekten Wirkungen nachvollziehen: Krebspatienten, die lange unter als unangenehm erlebtem Stress leben, haben weniger Energie zur aktiven Krankheitsbewältigung zur Verfügung, und ihre Lebensqualität kann beeinträchtigt sein.