
Gerne stehen die Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes Ihnen für weitere Auskünfte zur Verfügung – rufen Sie uns an: 0800 – 4 20 30 40, täglich von 8.00 bis 20.00 Uhr. Ihr Anruf ist für Sie kostenlos. Oder schreiben Sie eine E-Mail an krebsinformationsdienst@dkfz.deStress: Das kennt jeder. Verstehen aber alle, die "Stress haben", das Gleiche darunter? Stimmt die alltägliche Wahrnehmung des Begriffs mit der wissenschaftlichen Definition überein? Dies ist meistens nicht der Fall. Selbst Mediziner, Biologen, Psychologen oder Soziologen haben unterschiedliche Modellvorstellungen zum Phänomen Stress entwickelt.
Auf den ersten Blick scheint es so einfach: Dem Alltagsverständnis nach kann man Stress mit "zu viel zu tun" oder "keine Zeit" gleichsetzen - im Beruf oder im Privatleben. Aber wie kann es sein, dass unter Umständen die gleiche Situation - beispielsweise im Beruf - von Menschen ganz unterschiedlich wahrgenommen wird?
Für Gesunde wie Krebspatienten steht häufig die Frage im Raum, ob sich Stress und stressbedingte Belastungen auf die Tumorentstehung auswirken.
Der Krebsinformationsdienst hat im Folgenden zusammengestellt, was Fachleute unter Stress verstehen. Darauf aufbauend bietet dieser Text Informationen zum Thema Stress und Krebsrisiko: Was ist dazu bekannt, wo gibt es noch offene Fragen? Eine Auswahl weiterführender Links und Hinweise auf die genutzten Quellen findet sich am Ende dieser Seite.
Biologisch gesehen ist Stress die Reaktion des Körpers auf Belastungen. Die entsprechenden Anforderungen können von außen oder von innen kommen. Stress kann deshalb auch verstanden werden als die Antwort des Organismus auf plötzliche Gefahrensituationen oder länger andauernde Beanspruchungen.
Ausführliche Informationen insbesondere zur Biochemie von Stress hat der Krebsinformationsdienst am Ende dieses Textes zusammengestellt. Dort wird auch auf die Frage eingegangen, warum ein Ursache-Wirkungs-Gefüge zwischen Stress und Krebs oft nur schwer nachzuweisen ist und welche Abläufe im Körper Stress tatsächlich beeinflusst.
Wie kommt es, dass Menschen unter ähnlichen Belastungen ganz unterschiedlich reagieren? Psychologen erklären dies so: Die persönliche Bewertung einer Situation und die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten zu ihrer Bewältigung haben einen großen Einfluss. In welchem Ausmaß beispielsweise eine Prüfung Stress verursacht, hängt auch davon ab, wie schwierig der Prüfling den Stoff findet und welches Vertrauen er in seine Lernleistung hat. Im Alltag muss es für Stress jedoch nicht immer einen so eindeutigen Auslöser geben. Oft wird die Belastung gar nicht oder nur unterschwellig wahrgenommen. Das sind zum Beispiel unerledigte Aufgaben bei der Arbeit, die auch noch nach Feierabend zum Grübeln veranlassen, zu viele Termine in der Freizeit oder Konflikte mit Freunden oder Familie.
Fachleute unterscheiden bei der Stress-Entstehung in der Regel zwischen Stressoren, Stressreaktionen und Stressverstärkern. Was ist damit gemeint?
Stressforscher gehen davon aus, dass diese Abläufe nicht starr aufeinanderfolgen. Die einzelnen Schritte beeinflussen sich gegenseitig: Eine "erfolgreiche" Reaktion führt dazu, dass der ursprüngliche Stressor nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen wird.
Menschen, die beruflich oder privat stark beansprucht werden und bei denen sich infolgedessen das hormonelle Gleichgewicht über längere Zeit verändert, haben ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen. Stress verändert zudem den Schlaf, führt zu Verspannungen und fördert Depressionen.
Kann Stress auch Krebs auslösen? Manche Wissenschaftler vermuten: ja. Sie gehen davon aus, dass ein erhöhter Spiegel von Stresshormonen wie zum Beispiel Cortisol biochemische Veränderungen in Zellen auslöst und somit zur Tumorentstehung beitragen könnte. Eine andere Theorie besagt, dass die bei Stressreaktionen beteiligten hormonellen Veränderungen das Immunsystem schwächen und auch chronische Stoffwechselentgleisungen begünstigen, die als Krebsrisiko diskutiert werden.
Andere Fachleute halten dagegen: Das Immunsystem werde bei Stress nicht übermäßig geschwächt, teilweise gebe es auch förderliche Wirkungen. Darüber hinaus sind die Zusammenhänge zwischen Immunsystem und Krebsentstehung so komplex, dass eine eindeutige Beziehung trotz langjähriger Forschung bis heute schwer nachzuweisen ist.
Wissenschaftlich gesicherte Belege gibt es für beide Standpunkte bisher nicht. Die meisten Fachleute stützen ihre Theorien vielmehr auf Indizien: Einerseits nutzen sie Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung, bei der unter experimentellen Bedingungen die Wirkung von stressrelevanten Botenstoffen auf Zellkulturen untersucht wird. Auch Tierversuche werden zur Erforschung biologischer Veränderungen eingesetzt. Auf der anderen Seite werten die Wissenschaftler Daten aus beobachtenden epidemiologischen Untersuchungen in der Bevölkerung aus. Dabei wird über einen längeren Zeitraum, meist per Befragung, die Stressbelastung der Studienteilnehmer erhoben. Ob die Krebsrate unter besonders Betroffenen höher ist als unter eher entspannt lebenden Menschen, kann oft erst Jahre später erfasst werden.
Biologische Forschung zum Thema Stress und Krebs hat das Problem, nur Antworten auf eine eng begrenzte Fragestellung liefern zu können. Beobachtungen zu kurzfristigen Veränderungen auf Zellebene lassen sich nicht ohne Weiteres auf komplexe Vorgänge im menschlichen Organismus übertragen, wo Veränderungen - wie bei der Tumorentstehung - über Jahrzehnte stattfinden. Auch Tierversuche sind nur von bedingter Aussagekraft.
Epidemiologische Studien haben oft andere methodische Probleme:
Bislang liegen nur wenige Studien nach modernen wissenschaftlichen Kriterien zum Thema Stress und Krebsrisiko vor. Ihre Ergebnisse lassen sich auch nicht für alle Tumorarten verallgemeinern. Die im Folgenden vorgestellten Arbeiten zeichnen sich zum Beispiel dadurch aus, dass sie als mögliche Stressoren sowohl objektiv feststellbare Stressereignisse berücksichtigen, wie Todesfälle im engsten Familienkreis, als auch die persönliche Belastung der Betroffenen erfragen. Allerdings fehlen auch in diesen Studien weitgehend Angaben zu messbaren körperlichen Veränderungen bei den Teilnehmern, wie etwa der Konzentration von Stresshormonen.
Die Studienverantwortlichen nutzten verschiedene Ansätze, mit denen das theoretische Konzept Stress in eine praktisch messbare Form überführt werden konnte. Als Indizien für Stress verwendeten sie in ihren Untersuchungen beispielsweise:
In einer Übersichtsarbeit fassten dänische Wissenschaftler Studien zum Zusammenhang von Brustkrebs und belastenden Lebensereignissen, Arbeitsstress und subjektivem Stresserleben im Alltag zusammen und bewerteten das vorliegende Wissen neu. Die Forscher konzentrierten sich dabei auf Studien, die zu wiederholten Zeitpunkten die Belastung der Teilnehmer erhoben hatten. Die angegebenen Untersuchungszeiträume lagen zwischen acht und 25 Jahren. Sie kamen zu folgenden Schlüssen:
Ein Beispiel für eine neuere Studie ist eine englische Arbeit, die im Jahr 2010 veröffentlich wurde. Auch hier gingen die Forscher auf einen möglichen Zusammenhang von Stress und Brustkrebs ein.
Die Forscher befragten knapp 11.500 Frauen im Alter von 41 und 80 Jahren, die noch nie an Brustkrebs erkrankt waren. Sie untersuchten, welche belastenden Ereignisse die Frauen erlebt hatten. Zudem sollten die Frauen bewerten, wie sehr sie dadurch aus der Bahn geworfen wurden. Nach dieser Eingangsbefragung wurden die Frauen durchschnittlich neun Jahre nachbeobachtet.
Zwar kann in aktuellen Studien kein direkter Zusammenhang zwischen Stress und Krebs nachgewiesen werden. Trotzdem gibt es eine Vorstellung dazu, wie Stress indirekt zur Entstehung einer Krebserkrankung beitragen könnte.
In Belastungssituationen verhalten sich viele Menschen gesundheitsschädigend: Sie rauchen mehr, ernähren sich ungesund, trinken mehr Alkohol. Ähnliche Verhaltensweisen haben Wissenschaftler auch im Zusammenhang mit depressiven Symptomen beobachtet. Damit setzen sie sich bekannten Risikofaktoren für eine Krebserkrankung aus.
Auch bei Krebspatienten lassen sich solche indirekten Wirkungen von Stress auf die Krankheitsverarbeitung und den Umgang mit der Behandlung und ihren Folgen nachvollziehen: Krebspatienten, die lange mit hohen Belastungen gelebt haben und weiter leben, verfügen unter Umständen über weniger Energie zur aktiven Krankheitsbewältigung, und ihre Lebensqualität kann dadurch zusätzlich beeinträchtigt sein. Unter Umständen führen schwierige Lebensumstände auch dazu, dass eine Behandlung weniger intensiv verfolgt und von den Betroffenen weniger aktiv mitgetragen wird.
Für Gesunde: Programme zum Stressabbau gibt es heute in sehr vielfältiger Form und zugeschnitten auf die verschiedensten Lebenssituationen. Die meisten setzen sowohl auf das Erkennen und Abbauen von Stressoren wie auch auf schützende und gesundheitsfördernde Lebensweisen, wenn Stress ein unvermeidlicher Teil des Lebens ist. Der Hausarzt ist ein Ansprechpartner, auch die Krankenkassen bieten umfangreiches Informationsmaterial und oft Kurse zur Stressbewältigung an.
Für Krebspatienten: Anleitungen zum Stressabbau und weitere Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung sind ein wichtiges Thema in der Nachsorge und Teil der Rehabilitation nach einer Tumorerkrankung. Ob eine stationäre oder ambulante Rehabilitation infrage kommt, können Patienten meist schon während der ersten Behandlung in der Klinik oder der Arztpraxis klären. Für Betroffene, die befürchten, dass sie zu viel Stress auf Dauer nicht alleine bewältigen können, sind die regionalen Krebsberatungsstellen erste Anlaufstellen; sie verweisen außerdem auf weitere geeignete Angebote. Eine Liste nach Städtenamen geordnet hat der Krebsinformationsdienst unter dem Stichwort "Krebsberatungsstellen" zusammengestellt.
Stress ist ein komplexes Phänomen. Im Folgenden hat der Krebsinformationsdienst zusammengestellt, welche Vorgänge bei Stress im Körper ablaufen - ein weiterer Hinweis darauf, warum ein Zusammenhang mit der Krebsentstehung so schwer nachzuweisen ist.
Wie geht der Körper mit Schreck oder plötzlicher Bedrohung um? Eine wesentliche Rolle spielen hier unbewusst ablaufende Prozesse im vegetativen Nervensystem, der Schaltzentrale des Körpers. Weiter beteiligt an der Steuerung sind hormonproduzierende Drüsen, vor allem die Nebennieren, aber auch weitere.
Wenn der Körper nicht nur kurzfristig, sondern über einen längeren Zeitraum mit Belastungen fertig werden muss, übernehmen zusätzlich zum kurzzeitig wirkenden Adrenalin weitere Hormone wichtige Signalfunktionen. Insbesondere Cortisol aus der Nebennierenrinde spielt eine bedeutende Rolle.
Die Cortisol-Ausschüttung aus der Nebennierenrinde ist, anders als die "Fight or Flight"-Reaktion, zum Teil von der individuellen Wahrnehmung eines Reizes abhängig. Wie eine Person eine Situation versteht, einschätzt, bewertet oder deutet, all das beeinflusst die Menge an Cortisol. Die Ausschüttung von Adrenalin als Folge plötzlicher Belastungen oder von Erschrecken ist dagegen weit weniger beeinflussbar durch solche psychische Faktoren.
Die Forschung zu den langfristigen Auswirkungen von Stress ist nicht zuletzt deshalb so schwierig, weil eine Stressreaktion zumindest indirekt praktisch alle Gewebe und Organe sowie alle Vorgänge im Körper beeinflusst. Auch sind die Auswirkungen von Person zu Person verschieden, und sie bleiben auch bei ein und demselben Menschen nicht immer gleich.
Wichtige Erkenntnisse haben Wissenschaftler zum Beispiel durch Studien an Fallschirmspringern erhalten. Sie konnten zeigen, dass die Konzentration von Stresshormonen im Körper zwar nach dem ersten Sprung hoch ist, sich aber in der Regel bei den folgenden Versuchen normalisiert: Die Fallschirmspringer wissen dann, was sie erwartet und schätzen die Situation nicht mehr als gefährlich ein.
Im Alltag lässt sich Stress, anders als bei einem Fallschirmsprung, nur selten auf eine einzige Ursache zurückführen. Tatsächlich sind es viele verschiedene Stressauslöser, die gleichzeitig auf einen Menschen einwirken und sich mit der Zeit verändern können. Welche Rolle Gewöhnung spielt, wie weit man sich anpassen kann und wann körperliche Grenzen überschritten werden, ist von Mensch zu Mensch verschieden - ebenso wie das, was als entlastend oder entspannend empfunden wird.
Genauere Antworten soll in Zukunft beispielsweise die sogenannte Helmholtz-Kohorte geben. Diese Bevölkerungsstudie mit mehr als 200.000 Teilnehmern soll über einen langen Zeitraum neue Erkenntnisse zu häufigen Erkrankungen liefern. Per Fragebogen werden Informationen unter anderem zu Stress erhoben, darüber hinaus finden regelmäßige medizinische Untersuchungen statt. Mehr zum Thema bietet die Helmholtz-Gemeinschaft unter www.helmholtz.de, Rubrik "Forschung", Stichwort "Gesundheit", Stichwort "Aktuelle Einblicke", Stichwort "Archiv der Einblicke", Text "Wer bleibt gesund?".