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Eine Infektion mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) beeinträchtigt das Immunsystem und kann zur Erkrankung AIDS führen. HIV-infizierte Patienten mit einer Abwehrschwäche haben nicht nur ein höheres Risiko für Infektionen als Gesunde. Auch ihr Krebsrisiko steigt, zumindest das für einige sonst eher seltene Tumorarten. Ursachen sind vermutlich Viruserkrankungen, die die Entstehung dieser Krebsformen fördern.
Wirken sich moderne AIDS-Medikamente auch auf dieses Risiko günstig aus? Senkt die heute in Deutschland übliche Behandlung Infizierter die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken? Und wenn bei HIV-Patienten doch Krebs festgestellt wird, müssen sie dann anders behandelt werden als andere Tumorpatienten?
Informationen aus dem Internet können eine persönliche Beratung durch behandelnde Ärzte nicht ersetzen. Der folgende Text soll Betroffenen und Interessierten jedoch erste Hintergrundinformationen bieten; Links führen zu vertiefenden Informationen und Ansprechpartnern.
In Deutschland haben sich laut Robert Koch-Institut im Jahr 2011 etwa 2.700 Menschen neu mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) infiziert. Insgesamt leben derzeit in Deutschland rund 73.000 Menschen mit einer HIV-Infektion; etwa 52.000 davon erhalten eine antiretrovirale Therapie (www.rki.de, "HIV/AIDS in Deutschland Eckdaten").
Bis erste Symptome einer Infektion mit dem HI-Virus auftreten, kann es einige Monate dauern, aber auch mehrere Jahre: Hauptmerkmal einer sich entwickelnden AIDS-Erkrankung ist eine Häufung von Infektionen, bedingt durch eine Schwächung der Abwehrkräfte (AIDS - Aquired Immune Deficiency Syndrom, erworbenes Immunschwäche-Syndrom).
Die HI-Viren befallen insbesondere die T-Helferzellen des Immunsystems, auch CD4-Zellen genannt: Diese Abwehrzellen spielen eine entscheidende Rolle bei der Immunabwehr, zum Beispiel bei der Bildung von Antikörpern. Um sich zu vermehren, baut das HI-Virus sein Erbmaterial in die T-Helferzelle ein. Als Folge der Virusproduktion wird die Abwehrzelle schließlich zerstört. Bei Betroffenen sinkt die Zahl der Abwehrzellen, ihr Schutz vor Infektionen ist beeinträchtigt.
Es ist noch nicht abschließend geklärt, warum Patienten mit einer HIV-Infektion anfälliger für manche Krebsarten sind als nicht infizierte Menschen. Ihre T-Helferzellen, die auch eine Rolle in der Krebsabwehr spielen, sind nur eingeschränkt funktionsfähig. Daneben gilt der mangelnde Schutz vor Infektionen mit krebsauslösenden Viren als Einflussfaktor. Die gestörte Immunfunktion könnte sich außerdem über veränderte körpereigene Wachstumssignale negativ auswirken: Im Vergleich zu Gesunden vermehrt gebildete Zellhormone, sogenannte Zytokine, tragen möglicherweise zur Entstehung von Tumoren wie dem Kaposi-Sarkom bei.
Ärzte können mit den heute möglichen Therapieverfahren die Symptome einer HIV-Infektion behandeln und zurückdrängen. Die Virenproduktion lässt sich mit einer Kombinationstherapie aus verschiedenen Wirkstoffen unterdrücken, aber nicht vollständig ausschalten. Der Fachbegriff lautet "hoch aktive antiretrovirale Therapie", abgekürzt HAART. In den westlichen Industrieländern ist es damit seit den 1990er Jahren gelungen, die Lebenserwartung von HIV-infizierten Patienten deutlich zu steigern. Weniger HIV-Infizierte erkranken seitdem am Vollbild von AIDS. Es hat sich inzwischen gezeigt, dass auch das Risiko für viele, wenn auch nicht alle Krebsarten sinken könnte, die bei HIV-Infizierten überdurchschnittlich häufig auftreten.
Beginnen HIV-infizierte Patienten frühzeitig mit der antiretroviralen Therapie, treten insbesondere Kaposi-Sarkome der Haut und manche Blutkrebsformen vom Typ der Non-Hodgkin-Lymphome seltener auf. Dazu zählen zum Beispiel aggressive Non-Hodgkin-Lymphome vom diffusen großzelligen B-Zell-Typ sowie primäre Lymphome des zentralen Nervensystems. Als Mitverursacher sowohl der Hauterkrankung wie der Lymphome gelten krebsfördernde Viren.
Nicht vollständig geklärt ist derzeit der Einfluss der HAART auf das Risiko für andere Tumorerkrankungen. Einerseits werden Analkarzinome, Hodgkin-Lymphome, hepatozelluläre Karzinome (Leberkrebs), Lungenkrebs, Tumore der Mundhöhle und das Melanom, der "schwarzer Hautkrebs" bei Infizierten häufiger beobachtet. Ursache dafür können zum einen lebensstilbezogene Faktoren sein, wie Rauchen, Alkoholkonsum oder etwa das Sexualverhalten.
Eine aktuelle Studie belegt allerdings, dass auch die HIV-Infektion an sich das Risiko steigert, an diesen Tumorarten zu erkranken. Die genauen Ursachen dafür sind noch nicht abschließend erforscht. Bei der Entstehung einiger dieser Krebserkrankungen scheint die geschwächte Immunabwehr HIV-Infizierter eine wichtige Rolle zu spielen. An der Entstehung des Analkarzinoms oder von Leberkrebs sind beispielsweise Infektionen mit Viren beteiligt.
Erste Daten weisen darauf hin, dass durch einen frühzeitigen Beginn einer antiretroviralen Therapie auch das Risiko für diese Krebserkrankungen gesenkt werden könnte.
Erschwert wird die Prüfung des Einflusses allerdings durch einen weiteren Faktor: Die insgesamt gestiegene Lebenserwartung HIV-Infizierter wirkt sich rein statistisch auf die Wahrscheinlichkeit aus, mit der sie - wie Gesunde - mit steigendem Alter auch mit einer Krebserkrankung rechnen müssen. Möglichkeiten der Krebsvorbeugung und der Krebsfrüherkennung sind daher für HIV-Positive ebenso sinnvoll wie für Nichtinfizierte.
Ob eine hoch aktive antiretrovirale Therapie im Einzelfall sinnvoll ist und wann damit begonnen werden sollte, erfahren Betroffene von ihrem Arzt. Die Behandlung erfordert viel Durchhaltevermögen, da die Medikamente meist auf Dauer eingenommen werden müssen und nicht ohne Nebenwirkungen sind.
HIV-infizierte Patientinnen haben ein erhöhtes Risiko, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Auch diese Tumorart wird heute mit Viren in Verbindung gebracht: Als Auslöser gelten einige Typen der Humanen Papillomviren (HPV). Seit der Einführung der antiretroviralen Therapie sank die Häufigkeit von Gebärmutterhalskrebs unter HIV-positiven Patientinnen jedoch nicht: Ob zur Vorbeugung von Gebärmutterhalskrebs eine Impfung gegen humane Papillomviren bei jungen HIV-Patientinnen in Frage kommt, sollten sie mit ihren Ärzten besprechen. Nach dem ersten Geschlechtsverkehr sinkt jedoch der Nutzen der Impfung grundsätzlich, auch bei nicht mit dem HI-Virus infizierten Frauen, mehr dazu im Text "HPV-Impfung". Auch ob die Krankenkasse die Kosten der Impfung übernimmt, muss abgeklärt werden.
Voraussetzung für eine Impfung und die erfolgreiche Bildung von Antikörpern gegen Papillom-Viren ist allerdings eine ausreichende Immunfunktion: Laut Fachinformationen zu den derzeit verfügbaren HPV-Impfstoffen ist es möglich, dass eine Impfung bei stark immungeschwächten Patientinnen nicht zu einer ausreichenden Immunantwort führt.
HIV-infizierte Patienten sollten mit ihrem Arzt bezüglich der für sie infrage kommenden Früherkennungsuntersuchungen auf Krebs Rücksprache halten.
Dazu gehören zum Beispiel regelmäßige Abstrichuntersuchungen des Gebärmutterhalses bei Frauen zum frühzeitigen Erkennen von Gebärmutterhalskrebs. In der Leitlinie "Prävention, Diagnostik und Therapie der HPV-Infektion und präinvasiver Läsionen des weiblichen Genitals" der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. von 2008 wird Frauen mit Immunsuppression empfohlen, alle sechs Monate zur Früherkennungsuntersuchung zu gehen, anstatt wie sonst üblich einmal im Jahr. In Studien wird geprüft, ob HIV-positive Männer, die Sex mit Männern haben, in regelmäßigen Abständen zur Untersuchung gehen sollten, um Analkarzinome frühzeitig zu erkennen.
Viele Fragen zum Krebsrisiko sowie zur Durchführung und zum Nutzen besonderer Früherkennungsmaßnahmen bei HIV-Infizierten sind noch offen. Daher fehlen offizielle Empfehlungen zu systematischen Screening-Verfahren. Grundsätzlich sollten Betroffene deshalb alle Möglichkeiten der momentan angebotenen gesetzlichen Früherkennungsuntersuchungen wahrnehmen und bei ungewöhnlichen Symptomen zur Abklärung ihren Arzt aufsuchen.
Was tun, wenn zu einer HIV-Infektion oder einer AIDS-Erkrankung die Diagnose Krebs hinzu kommt? Wie die Behandlung aussieht, hängt wie bei anderen Tumorpatienten nicht zuletzt vom Allgemeinzustand ab. Ärzte lehnen sich bei der Krebstherapie von HIV-Patienten an die Standardempfehlungen zur jeweiligen Behandlungen an, wie sie auch für HIV-negative Patienten gelten und in sogenannten Leitlinien zusammengefasst sind: Je nach Krebsart steht für die Patienten eine Operation und/oder eine Chemo- oder Strahlentherapie, eine zielgerichtete Krebstherapie oder eine Kombinationstherapie aus verschiedenen Verfahren zur Verfügung. Wie jedoch eine Tumorbehandlung konkret aussieht, entscheiden Ärzte und Patienten in jedem einzelnen Fall neu, anhand der individuellen Situation.
Eine antiretrovirale Therapie kann bei den meisten Patienten neben einer Krebstherapie weiter durchgeführt werden: Bei der Behandlung von Lymphomen wird in der Leitlinie "Maligne Lymphome" der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie von 2007 beispielsweise empfohlen, dass Patienten die HAART weiterführen sollten. Beim Kaposi-Sarkom im Frühstadium bleibt laut der Leitlinie "Angiosarkom und Kaposi-Sarkom" der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie von 2005 die hoch wirksame antiretrovirale Therapie zunächst sogar die einzige Tumorbehandlung. Erst wenn sich der Tumor bei schlechter Immunfunktion weiter entwickelt, ist für Patienten eine zusätzliche Chemotherapie sinnvoll.
So lässt sich auch das Risiko senken, dass es bei einer Krebsbehandlung mit Zytostatika und anderen Krebsmedikamenten zu unterwarteten Wechselwirkungen mit den Arzneimitteln der antiretroviralen Therapie kommt.
Ärzte berücksichtigen bei der Krebsbehandlung von HIV-infizierten Patienten immer das Stadium der HIV-Infektion und den Immunstatus, sie achten auf vorhandene Infektionen und den Allgemeinzustand des Patienten. Vermieden werden soll vor allem, dass Folgen einer Immunschwäche durch die Krebstherapie verschlimmert werden. Um zum Beispiel das Risiko für Infektionen zu senken, passen Ärzte möglicherweise die Dosis von Krebsmedikamenten an die individuelle Situation des Patienten an und weichen insbesondere bei Chemotherapien von Standardschemata ab.
Dank nebenwirkungsärmerer Arzneimittel, verbesserter unterstützender Therapiemaßnahmen sowie der Einführung der antiretroviralen Therapie werden viele Krebsbehandlungen aber zunehmend verträglicher. Eine besondere Abschwächung der Behandlung lässt sich bei nicht wenigen HIV-Infizierten daher heute vermeiden, und die Krebsbehandlung kann bei ihnen ebenso effektiv und wirksam sein wie bei nicht Infizierten.
Wissenschaftliche Studien zu den wirksamsten Therapien von Krebserkrankungen bei HIV-infizierten Patienten fehlen zum heutigen Zeitpunkt noch weitgehend. Auch mangelt es an Untersuchungen, die den Verlauf und den Einfluss der hoch aktiven antiretroviralen Therapie im Zusammenhang mit einer Krebstherapie verfolgt haben und mögliche Risiken beschreiben - lange war die Gruppe betroffener Patienten einfach zu klein, um aussagekräftige klinische Studien zu ermöglichen.
Entsprechend der steigenden Lebenserwartung vieler HIV-Infizierter gibt es seit einigen Jahren jedoch zunehmend vorklinische und klinische Forschung, um möglichst viel Wissen für eine optimale Behandlung Betroffener zu gewinnen.