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Das Immunsystem: Hat es bei Krebspatienten versagt?
Warum schlüpfen Krebszellen durch die Maschen der Immunabwehr? Hat das
Immunsystem bei Krebspatienten tatsächlich versagt? Krebsforscher
wissen heute, dass die Vorgänge in der körpereigenen Abwehr viel zu
komplex sind, als dass eine "Immunstärkung" einen nachweisbaren
Einfluss auf eine Erkrankung hätte. Erst das verbesserte Verständnis
des Immunsystems ermöglichte in den vergangenen Jahren die Entwicklung
neuer Therapieansätze.
Aufgaben: Was leistet das Immunsystem?
Das menschliche Immunsystem hat sich über Jahrmillionen auf die Abwehr von Krankheitserregern eingestellt. Tumorzellen sind jedoch niemals so fremd wie Bakterien, Viren oder Pilze: Sie tragen im Vergleich zu diesen Eindringlingen immer noch sehr viele Merkmale des Gewebes, aus dem sie ursprünglich stammen. Andere Mechanismen gehen dagegen bei vielen Krebszellen verloren, die für die Signalkette "kranke Zelle – Erkennung und Immunreaktion – Absterben der kranken Zelle" wichtig sind: die Zellen werden unsterblich. Krebszellen können sich sogar "tarnen", indem sie Eigenschaften anderer Gewebe annehmen.
Die Erkennung und Vernichtung von Krebszellen sind dem Immunsystem trotzdem möglich und geschehen vermutlich auch bei Gesunden sehr häufig, ohne dass man etwas davon spürt. Die Vorgänge dabei sind jedoch sehr komplex, da eine zu starke Reaktion auf körpereigene Zellen dazu führen könnte, dass das Immunsystem nicht nur Tumorzellen, sondern auch gesundes Gewebe angreift und zerstört, eine Situation, wie sie bei den so genannten Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Multipler Sklerose vermutet wird.
Krebsforscher sprechen daher heute nur ungern davon, dass das Immunsystem "versagt habe", wenn Krebs entsteht. Auch verfügt man nicht über zuverlässige Tests, die eine derartige Aussage belegen könnten. Man weiß heute auch, dass es nicht reicht, einfach nur das Immunsystem unspezifisch "zu stimulieren", um Krebs zu bekämpfen. Mit wachsender Kenntnis der körpereigenen Abwehrmechanismen sind jedoch zunehmend mehr Strategien denkbar, gezielter in die biologischen Mechanismen der Tumorzellbekämpfung einzugreifen. Einen Ersatz für Operation, Bestrahlung, Chemotherapie oder Hormontherapie stellen immuntherapeutische Verfahren bisher jedoch nur im Ausnahmefall und bei sehr wenigen seltenen Tumorarten dar.
Wie arbeitet die Immunabwehr bei der Bekämpfung von Viren oder Bakterien?
Dringt ein Krankheitserreger in den Körper ein, können schon relativ
primitive Tiere sich schützen: Weiße Blutkörperchen, die Lymphozyten,
wandern durch ihre Körperflüssigkeiten, Gewebe und Organe und
unterscheiden "fremd" von "selbst"; die Organismen können Antikörper
produzieren, die die Krankheitserreger markieren, und sie haben
spezialisierte Abwehrzellen entwickelt, die in einem hochkomplexen
Zusammenspiel nicht nur den jeweiligen Eindringling bekämpfen, sondern
auch oft dafür sorgen, dass bei weiteren Infektionen eine Immunantwort
mittels einer Art Gedächtnis sofort loslaufen kann.
Bei Säugetieren sind die Bestandteile und Funktionen des
Immunsystems wie beim Menschen ausgeprägt, was darauf hindeutet, dass
alle diese Mechanismen entwicklungsgeschichtlich schon sehr alt sind. Dabei spielen spezialisierte Zellen eine Rolle, ebenso aber auch
Stoffe, die von ihnen oder anderen Geweben produziert werden, und die
im Blut oder in anderen Körperflüssigkeiten gelöst sind. Mit wenigen
Ausnahmen greifen alle Bestandteile des Immunsystems bei der Abwehr
ineinander, teilen die Aufgaben auf, arbeiten gemeinsam, stimulieren
sich, regulieren und dosieren die Immunantwort, und sie beenden sie
auch wieder.
Welche Bestandteile benötigt eine Immunantwort?
Ein eigentliches Organ für das Immunsystem gibt es nicht, die Abwehr muss im ganzen Körper funktionieren.
- Wichtige "Zentralen", in denen viele Schritte der Immunabwehr ablaufen und sich Zellen der Immunabwehr bilden oder sammeln, sind aber das Knochenmark, der Thymus, die Milz, Lymphknoten und Lymphbahnen, die Mandeln und der Blinddarm. Da alle diese "Zentralen" über das Blut, die Lymphbahnen und direkt das Gewebe und die das Gewebe umgebende Flüssigkeit miteinander in Verbindung stehen, ist eine Immunreaktion nur bedingt eine lokal begrenzte Angelegenheit.
- Die Zellen des Immunsystems entstehen aus so genannten Stammzellen im Knochenmark. Sie können noch alles, sie sind "pluripotent". Teilen sie sich weiter, erhalten ihre Tochterzellen ihre unterschiedlichen Aufgaben, darunter die der Bildung der meisten nicht zellulären Bestandteile des Immunsystems, zum Beispiel der Antikörper. Zu diesen Zellen gehören:
- Weiße Blutkörperchen, ursprünglich so nach ihrem Aussehen unter dem Mikroskop benannt, bestehen aus Untergruppen mit besonderen Funktionen. Dazu gehören die B-Lymphozyten, die Antikörper bilden; T-Lymphozyten mit unterschiedlichen Aufgaben, darunter die Auslösung einer gezielten Immunantwort oder die Bildung von regulierenden Zellhormonen, den so genannten Zytokinen. Dazugerechnet werden auch die Phagozyten, die als Fresszellen aktiv sind und als Hilfszellen für andere Funktionen eine Rolle spielen; Granulozyten mit Untergruppen, die zum Beispiel auf Parasiten spezialisiert sind, oder viele Stoffe produzieren, die bei einer Entzündungsreaktion für die Signalübertragung im Körper wichtig sind.
- Noch gar nicht lange bekannt ist die Funktion anderer Zellen des Immunsystems, die im Blutbild zwar schon lange gesehen wurden, sich erst mit der Einführung molekularbiologischer Methoden aber ihr Geheimnis entlocken ließen. Dazu gehören zum Beispiel die dendritischen Zellen, die dafür sorgen, dass ein Fremdkörper, ein so genanntes Antigen, auch wirklich als solcher erkannt und im Immunsystem regelrecht "herumgezeigt" wird.
- In ihrer Funktion nach ihrer Bildung nicht mehr an Zellen gebunden sind die Antikörper, die sich gezielt und hochspezifisch an Fremdstoffe anheften und sie so neutralisieren. Das Komplementsystem dagegen besteht aus verschiedenen Eiweißen und reagiert relativ unspezifisch auf Mikroorganismen.

Entwicklung von Blut- und Immunzellen aus Stammzellen im Knochenmark
Wirkt das Immunsystem in allen Teilen des Körpers?
Während die meisten Bakterien sich überwiegend in den Körperflüssigkeiten (etwa im Blut oder in Gewebsflüssigkeit) aufhalten und vermehren, ziehen sich Viren zur Vermehrung ins Innere von Körperzellen zurück. Aus diesem Grund hat das Immunsystem zwei verschiedene Abwehrstrategien parat: eine zur Bekämpfung von Krankheitserregern in Körperflüssigkeiten und eine zur Vernichtung von infizierten Körperzellen.
Den Teil des Immunsystems, der sich mit der Bekämpfung von Krankheitserregern in Körperflüssigkeit befasst, nennt man "humorale Abwehr" (Humor, lat.: Körperflüssigkeit), dazu gehören zum Beispiel Antikörper und das Komplementsystem. Der Teil, der auf die Vernichtung infizierter Körperzellen ausgerichtet ist, heißt "zelluläre Abwehr"; er dient auch zur Zerstörung von Krebszellen, die erkannt werden konnten.
Muss das Immunsystem trainiert werden?
"Fitmachen" des Immunsystems
Infektionen, Kontakte mit körperfremden Stoffen oder Krankheitserregern und Schutzimpfungen
trainieren die Abwehr des Körpers.
Ein Teil der Immunantwort ist angeboren; sie hat sich aus dem Jahrmillionen alten Kampf der Wirbeltiere gegen Viren und Bakterien entwickelt. Die Funktion des Komplementsystems richtet sich zum Beispiel gegen Bestandteile der Zellwand von Krankheitserregern, die sich im Lauf der Evolution praktisch nicht verändert haben und heute im Großen und Ganzen noch so aussehen wie zu den Zeiten der Dinosaurier. Fresszellen reicht deshalb das Signal "fremd", um aktiv zu werden. Eine schnelle Reaktion innerhalb von Minuten bis Stunden soll Viren und Bakterien schon beim ersten Eindringen in den Körper abwehren und an der Vermehrung hindern, und dieser Teil der Immunabwehr ist ständig und sofort einsatzbereit. Fehlen die sehr typischen und weit verbreiteten Merkmale, gegen die die angeborene Immunabwehr reagiert - weil ein Krankheitserreger zum ersten Mal auftritt, durch Veränderungen nicht mehr dem typischen Schema entspricht, weil eine Krebszelle auf eine ganz neue Weise mutiert ist - muss der Körper eine Immunantwort "maßschneidern". Die dabei aktiv werdenden Abwehrmechanismen nennt man im Gegensatz zur angeborenen erworbene oder adaptive Immunantwort. Wichtige Bestandteile sind die B- und T-Lymphozyten. Ihre Reaktion ist spezifisch und zielgerichtet.
Als Training für diese Abwehrmechanismen dient jede Infektion, jeder Kontakt mit körperfremden Stoffen und Krankheitserregern, aber auch jede Schutzimpfung. Das Immunsystem ist auch abhängig vom Allgemeinzustand, von körperlicher Bewegung und von der Ernährung, zum Beispiel von der Eiweißversorgung des Körpers. In seltenen Fällen sind Immundefekte angeboren; betroffene Menschen sind meist schon in der Kindheit schwer krank und ständig von Infekten bedroht. Erworbene Immundefekte entstehen bei AIDS und einigen anderen Virusinfektionen. Das Immunsystem bricht auch nach schwersten Verletzungen - so genannten Polytraumen – zusammen.
Schließlich stören manche Medikamente, darunter leider auch einige Krebsmedikamente, vorübergehend die Immunabwehr. Krebspatienten können jedoch auf keinen Fall automatisch davon ausgehen, dass bei ihnen ein solcher Immundefekt besteht, auch wenn vor allem Anbieter unkonventioneller Verfahren dies gern suggerieren, um Mittel zur "Immunstärkung" zu bewerben.
Welche Mechanismen spielen bei der Erkennung von Tumorzellen eine Rolle?
Verräterische Merkmale
Anhand der sogenannten tumorassoziierten Antigene (TAA) unterscheidet das Immunsystem Krebszellen von gesunden Zellen.
Die zelluläre Abwehr kümmert sich im Prinzip auch um Körperzellen, die typische Veränderungen auf dem Weg zur Krebsentstehung hin durchgemacht haben.
Um vom Immunsystem erkannt zu werden, müssen Krebszellen entweder deutlich beschädigt sein (wonach sie für das Tumorwachstum in der Regel sowieso nicht mehr von Bedeutung wären), oder sie müssen an ihrer Zelloberfläche Merkmale tragen, die sie von gesunden Zellen unterscheiden. Diese Merkmale nennen Immunologen tumorassoziierte Antigene (TAA). Produziert werden sie aufgrund der in der Krebsentstehung veränderten Bauanleitung in den Genen der Tumorzellen.
Dabei müssen solche Antigene nicht immer nur fremd oder unnormal sein. So kann es zum Beispiel passieren, dass in Krebszellen Programme aus der Embryonalentwicklung wieder angeworfen werden, die in "erwachsenen" Zellen völlig fehl am Platz sind. Oder ein Merkmal wird durch die Vervielfachung seines Bauplans in der Erbsubstanz viel zu oft produziert, was ebenfalls einen fassbaren Unterschied zu gesunden Zellen darstellt. Die letzten beiden Unterschiede sind aber wiederum nicht körperfremd, so dass das Immunsystem nicht automatisch reagiert.
Warum entgehen Krebszellen dem Immunsystem?
Ein grundsätzliches Problem in der Erkennung von Tumorzellen durch das körpereigene Immunsystem besteht darin, dass Tumoren im Gegensatz zu den meisten Mikroorganismen keine Entzündungsreaktion auslösen. Damit fehlt dem Immunsystem das Signal zum Start der Immunreaktion. Sind keine tumorassoziiierten Antigene ausgebildet, behandelt das Immunsystem die Tumorzelle wie gesundes Gewebe. So konnte vor einiger Zeit beispielsweise gezeigt werden, dass sich Krebszellen aus der Brust oder der Prostata regelrecht "tarnen" können und dann wie Knochenzellen aussehen. Das Immunsystem reagiert dementsprechend nicht, und so ist es auch kein Wunder, dass Tumorarten wie Brustkrebs und Prostatakrebs zu Metastasen in den Knochen führen können.
Hinzu kommt das Fehlen von Hilfsstrukturen auf vielen Krebszellen, die die erste Immunreaktion und das "Gedächtnis" des Immunsystems für weitere Tumorzellen überhaupt erst ermöglichen würden.
Welche Ansätze verfolgt die Immunologie bei der Entwicklung von Behandlungsverfahren?
- Gegen tumorspezifische Merkmale richten sich Antikörper, die bereits für einige Krebsarten zugelassen sind. Sie sollen überwiegend helfen, einen Rückfall zu verhindern oder eine fortgeschrittene Erkrankungssituation beherrschen zu können.
- Ein bisschen zurückgenommen haben die Krebsforscher die Hoffnungen, die sie auf die Botenstoffe des Immunsystems als Medikament gesetzt hatten: Interferone und die Interleukine sind keine Allheilmittel, können in einigen klar begrenzten Krankheitssituationen jedoch von großem Nutzen sein.
- Unter "Impfen gegen Krebs" verstehen Ärzte heute nicht mehr nur den Schutz vor krebsauslösenden Viren. Mit Vakzinen, die zur Aktivierung von Immunzellen gezielt gegen Krebszellen dienen sollen, sind erste Erfolge in Studien erzielt worden. Zu den Standardmethoden gehören sie noch nicht.
- Im weitesten Sinn rechnen heute auch die Transplantation von Knochenmark- oder Blutstammzellen zu den Immuntherapien: Früher wurden sie nur eingesetzt, um die Nebenwirkung einer Hochdosischemo- oder Strahlentherapie aufzufangen. Heute weiß man, dass transplantierte Spenderstammzellen, aus denen sich alle Zellen des Immunsystems bilden, zum Beispiel bei Leukämiepatienten verbliebene Krebszellen direkt bekämpfen können.
Was müssen Krebspatienten wegen ihrer Immunabwehr beachten?
Patienten während und kurz nach einer Chemotherapie sind anfälliger gegenüber Infektionen durch Krankheitserreger;
wie gefährdet sie gegenüber Viren, Bakterien oder Pilzen sind, lässt
sich aber problemlos aus der Zahl ihrer weißen Blutkörperchen ablesen.
Normalerweise wird niemand aus dem Krankenhaus entlassen, wenn das
Blutbild nicht soweit in Ordnung ist, dass eine unmittelbare Gefahr
nicht besteht. Anders sieht es lediglich bei Patienten mit Leukämien und Lymphomen
aus, vor allem dann, wenn eine Hochdosistherapie das Immunsystem
komplett zerstört hat und erst wieder neu aufgebaut werden muss. Diese
Gruppe erhält von ihren Ärzten und Pflegern jedoch besondere Hinweise
zum Schutz vor Infektionen.
Ist eine Krebserkrankung überstanden und die Behandlung beendet,
müssen die meisten Krebspatienten sich keine Sorgen um ihr Immunsystem
machen: Gegen Krankheitserreger wie Viren, Bakterien oder Pilze schützt
es sie meist wie vor und während der Erkrankung auch. Schutzimpfungen
oder das Auffrischen bereits vorhandener Impfungen helfen darüber
hinaus, vor Infektionen so sicher wie möglich zu sein.