Deutsches Krebsforschungszentrum - Krebsinformationsdienst


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Zelluläre Immuntherapie: Impfung gegen Krebs?

Die wachsende Kenntnis über die Rolle des Immunsystems bei Krebs hat zu neuen Ansätzen für die Behandlung geführt. Mit "Krebsimpfungen" lässt sich das körpereigene Abwehrsystem vielleicht schon bald gezielt gegen Tumorzellen ausrichten. Noch ist jedoch viel Forschung nötig, bis der Stellenwert solcher Therapieverfahren feststeht, und diese Forschung braucht Zeit. Trotzdem gibt es alternative Anbieter, die ihren Patienten bereits jetzt außerhalb von klinischen Studien entsprechende Immuntherapien offerieren. Fachleute sehen dieses Umgehen sorgfältiger Prüfungen eher kritisch und vermuten Nachteile, Kosten und möglicherweise Gefahren für Patienten.

Impfen gegen Krebs, geht das?

Leider wird der Begriff  "Impfung" im Zusammenhang mit Krebs für Ansätze der Forschung verwendet, die eigentlich nichts mit einander zu tun haben: Es gibt tatsächlich "echte", also Schutzimpfungen, doch diese wirken nicht gegen Krebs direkt, sondern gegen Viren, die das Risiko für bestimmte Tumorarten erhöhen.

Häufig sind mit "Impfen gegen Krebs" jedoch nicht diese Schutzimpfungen, sondern Immuntherapien gemeint, und dann meist die zellulären Immuntherapien. Welche Rolle das Immunsystem nach heutigem Kenntnisstand in der Krebsentstehung spielt, welche Zellen dazu gehören und welche Aufgabe sie haben, lesen Sie in dem Text "Das Immunsystem: Ein Überblick".

Was insgesamt alles unter "Impfen gegen Krebs" (miss-)verstanden werden kann, lesen Sie hier. Über die eigentlichen zellulären Immuntherapien in der Krebsbehandlung, die auf das moderne Wissen über das Immunsystem aufbauen, informiert Sie dieser folgende Text.

Gibt es Tumoren, die besonders gut auf Immuntherapien ansprechen?

Der schwarze Hautkrebs, das maligne Melanom, und das Nierenzellkarzinom sind einer Immuntherapie besonders zugänglich. Viele grundlegende Erkenntnisse zum Zusammenhang Krebs und Immunsystem konnten Forscher aus Studien mit Zellen dieser Tumoren gewinnen, und viele Immuntherapie-Studien werden zuerst Patienten mit Melanomen oder Nierenzellkarzinomen angeboten. Beim Melanom fand man beispielsweise erstmals Merkmale, die Tumorzellen von normalen Körperzellen unterscheiden. Sie werden heute als Tumor spezifische Antigene (die Abkürzung TAA stammt von der englischen Bezeichnung tumor associated antigens) bezeichnet und sind meist die Voraussetzung dafür, dass das Immunsystem Krebszellen überhaupt erkennen kann. Welche weiteren Eigenschaften dieser beiden Tumorarten dazu führen, dass sie einer immuntherapeutischen Behandlung besser zugänglich sind als andere Krebsformen, ist allerdings noch offen. Daher lassen sich Erkenntnisse aus der Behandlung von Patienten mit Nierenzellkarzinomen oder Melanomen nicht automatisch auf von anderen Krebsarten Betroffene übertragen.

Was versteht man unter einer zellulären Immuntherapie?

Der Begriff "zelluläre Immuntherapie" fasst alle Formen von Immuntherapien zusammen, bei denen im Rahmen einer Krebsbehandlung Immunzellen gegen Tumorzellen aktiviert werden, um diese abzutöten. Im engeren Sinne verstehen Fachleute darunter die Aktivierung von so genannten zytotoxische T-Zellen, auch "Killerzellen" genannt. Sie können Tumorzellen, die ausreichend veränderte Merkmale tragen, von gesunden Körperzellen unterscheiden. Diese tumorspezifischen Antigene als Merkmale sind die Voraussetzung für viele Formen einer spezifischen Immuntherapie. Es gibt jedoch auch Ansätze, die auf andere Zellarten setzen oder zelluläre Verfahren mit Antikörpern kombinieren.

Die zellulären Immuntherapien gehören noch nicht zu den Standardverfahren, sondern werden in Studien geprüft. Welche Fortschritte sich Betroffene langfristig erwarten dürfen und bei welchen Tumorarten der Nutzen besonders groß sein wird, ist unter Fachleuten noch in der Diskussion. Die großen Erwartungen in diese neuen "Krebsimpfungen" haben leider auch dazu geführt, dass Betroffenen nicht selten Therapieangebote außerhalb von Studien gemacht werden. Eine solche Behandlung wäre aufgrund ihrer rechtlichen Rahmenbedingungen jedoch nicht als experimentelles Verfahren, sondern eher als alternative oder unkonventionelle Methode anzusehen. Dementsprechend übernehmen die wenigsten Krankenversicherungen die Kosten für eine solche ungeprüfte Behandlung außerhalb von Studien.

Zählt die Stammzelltherapie ebenfalls zur Immunbehandlung?

Obwohl sie meist ganz anders eingeschätzt wird, ist eigentlich auch die Transplantation von Stammzellen aus Knochenmark oder Blut eine zelluläre Immuntherapie. Ursprünglich wurde die Stammzelltransplantation eingeführt, um das durch eine Hochdosis-Behandlung mit  Chemotherapie oder Bestrahlung zerstörte Knochenmark von Leukämiepatienten zu erneuern. Heute weiß man, dass die von einem fremden Spender übertragenen Zellen auch eine direkte Wirkung gegen die Krebszellen ausüben, gerade weil sie praktisch nie hundertprozentig in ihren Gewebemerkmalen mit denen des Empfängers übereinstimmen. Das aus den Spenderzellen gebildete neue Immunsystem des Patienten erkennt verbliebene Leukämiezellen nun als "fremd" und bekämpft sie.

Diesem sogenannten Transplantat-gegen-Erkrankung-Effekt, häufiger auf englisch als Graft-versus-Disease (GvD) bezeichnet, wird heute eine so wichtige Rolle zugeschrieben, dass erste Therapiestrategien bei Patienten in besonders kritischen Situationen auf die voraus gehende Hochdosis-Behandlung verzichten und nur auf die Wirkung der gespendeten Immunzellen vertrauen. In der so genannten Minitransplantation erhalten ältere Patienten oder Patienten mit einem Rückfall ihrer Leukämie nach einer ersten Transplantation Spenderzellen als alleinige Therapie. Auch bei Virus bedingten Lymphomen kommt diese Vorgehensweise in Frage.

Was ist das Besondere an den modernen zellulären Immuntherapien?

Während früher viele Ansätze von einer mehr oder weniger ungezielten Immunstimulation ausgingen, sind moderne Ansätze meist hochspezifisch auf die Merkmale des individuellen Tumors eines Patienten ausgerichtet.

Das "Immunsystem stärken", die "Abwehr stimulieren", all diese Vorstellungen hören sich zwar sehr attraktiv an, und immer noch gibt es viele Mittel und Methoden, die Krebspatienten dadurch Heilung oder Linderung suggerieren. Bewährt hat sich ein solcher Ansatz, der vielleicht gegen Schnupfen hilft – auch das ist nicht sicher bewiesen – gegen Krebs jedoch nicht. Ein grundsätzliches Problem in der Erkennung eines Tumors durch das körpereigene Immunsystem besteht darin, dass Tumoren im Gegensatz zu den meisten Mikroorganismen keine Entzündungsreaktion auslösen. Damit fehlt dem Immunsystem das Signal zum Start der Immunreaktion. Weiterhin sind viele Tumoren in der Lage die Immunreaktion aktiv zu unterdrücken.

Das Ziel der zellulären Immuntherapie besteht darin, eventuelle Blockaden durch den Tumor aufzuheben und das Immunsystem, in diesem Falle die zytotoxischen T-Zellen, spezifisch gegen den Tumor zu aktivieren. Diese Aktivierung ist zudem ein stark regulierter Prozess, denn er kostet den Körper viel Energie und ist mit dem Risiko einer Autoimmunreaktion verbunden. Ungezielte Eingriffe in solche Vorgänge ohne ausreichende klinische Prüfung könnten also durchaus auch Nachteile und Nebenwirkungen für Patienten haben. Umso mehr betonen Immunologen, dass eine Immunstimulation nur unter kontrollierten Bedingungen erfolgen sollte.

Sind die ersten Versuche, zum Beispiel die Aktiv-Spezifische Immuntherapie, heute noch aktuell?

Die ersten Versuche einer gezielten zellulären Therapie gehen bis auf die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Zu ihnen zählte unter anderem die "Aktiv-Spezifischen Immuntherapien", kurz ASI. Meist handelte es sich dabei um Ansätze, bei denen Patienten eigene Tumorzellen entnommen und nach einer inaktivierenden Behandlung als Impfstoff wieder zurückgegeben wurden. Um die immunstimulierende Wirkung der Zellen auszulösen, versuchte man auch, sie zusammen mit aktivierenden Substanzen, so genannten Adjuvantien, zu verabreichen.

Die verschiedenen ASI-Entwicklungen sollten vor allem gegen nach einer Operation oder anderen Standardbehandlung im Körper noch vorhandene Tumorzellen vorgehen und diese vernichten. Wegen der Vielfalt der unter dem Namen ASI angebotenen Therapien und der unklaren Datenlage lässt sich bis heute allerdings nur wenig zum Stellenwert dieser Therapieform sagen. Während sich einige Konzepte als unwirksam erwiesen haben, beginnen mit anderen Ansätze immer wieder klinische Studien zur Prüfung, fast immer als Versuch der Ergänzung einer Standardtherapie. Als sicher gilt jedoch heute: Auf keinem Fall hilft eine Aktiv-Spezifische Immuntherapie alleine gegen Krebs, sie stellt also keine Alternative zu einer Operation, Chemo- oder Strahlentherapie dar.

Ist der adoptive Immuntransfer eine Weiterentwicklung?

Ansätze wie die ASI versuchten im Körper des Patienten eine Immunreaktion gegen den Tumor zu erzeugen. Da die Aktivität des Immunsystems bei Krebspatienten gegen große Tumoren nicht ausreicht und sich Krebszellen auf vielfältige Weise seinem Zugriff entziehen können, zielten spätere Ansätze darauf, Immunzellen bereits außerhalb des Körpers zu aktivieren.

Dabei wurden zunächst Immunzellen aus Blut oder Knochenmark isoliert, außerhalb des Körpers im Reagenzglas vermehrt und dann wieder zurückgegeben. Solche Verfahren bezeichnen Fachleute als "Adoptiven Immuntransfer". Verwendet werden können Zellen des eigenen Körpers (autologe Zellen) oder Zellen eines fremden Spenders (allogene Zellen). Je verschiedener die Zellen von Spender und Empfänger sind, desto höher ist theoretisch die Wahrscheinlichkeit, dass die übertragenen Zellen die Tumorzellen erkennen können. Leider zeigte sich in Studien, dass, wie bei der Transplantation von Knochenmark, auch gleichzeitig das Risiko anstieg, dass auch gesunde Körperzellen angegriffen werden.

Ein Grund für den bisher ausgebliebenen Durchbruch bei diesem Therapieansatz könnte in der geringen Anzahl der tumorspezifischen T-Zellen liegen. Immunzellen lassen sich zwar im Reagenzglas vermehren, allerdings entsteht dabei eine Vielzahl unterschiedlicher "Spezialisten". Findet unter diesen verschiedenen Zelltypen keine weitere Auswahl statt, ist dem entsprechend auch nur eine sehr geringer Anteil für den jeweiligen Tumor spezifisch. Neuere Verfahren zielen deshalb darauf ab, vor die Vermehrung im Reagenzglas eine Selektion der tumorspezifischen T-Zellen zu schalten, um ihren Anteil an der Gesamtmenge zu erhöhen.

Wie funktioniert die Immuntherapie mit dendritischen Zellen?

Eine weitere Form der zellulären Immuntherapie stellt die Verabreichung von so genannten dendritischen Zellen dar. Dendritische Zellen nehmen eine Schlüsselfunktion bei der Aktivierung der Immunantwort ein. Sie präsentieren auffällige Merkmale, die Tumorzellen von anderen Geweben unterscheiden, dem Immunsystem so, dass überhaupt eine ausgeprägte Reaktion erfolgen kann und auch zahlenmäßig über einzelne Zellen hinausgeht. Die Theorie hinter der Verwendung von dendritischen Zellen zur Immuntherapie geht von einer gezielten Verstärkung dieser Reaktion aus.

Die meist vom Patienten selbst stammenden, in der Zellkultur herangezogenen dendritischen Zellen werden mit Tumorzellen oder Teilen davon zusammengebracht und dann dem Patienten zurückgegeben. Im Körper sollen die so beladenen Dendritischen Zellen dann Tumorzellbruchstücke regelrecht "herumzeigen" und so eine Immunreaktion gegen den Tumor auslösen.

Wie ist der heutige Stellenwert der zellulären Immuntherapie?

Zelluläre Immuntherapien gehören noch nicht zu den Standardverfahren in der Krebsbehandlung. Noch sind viele Fragen offen, zum Beispiel kennt man noch längst nicht bei allen Tumorarten die winzigen Unterschiede, die die Krebszellen von gesunden unterscheiden.

Auch zum Wie und Wann muss noch viel Forschung betrieben werden. Wie oft Patienten wohin geimpft werden müssen, um eine optimale Reaktion zu erreichen, ist zum Beispiel bei den Ansätzen mit dendritischen Zellen derzeit in der Prüfung. So kann es durchaus Unterschiede machen, ob unter die Haut, in Lymphknoten nahe Regionen oder anders vakziniert wird.

Ob Patienten, bei denen andere Verfahren ausgeschöpft sind, an einer Studie zur spezifischen Beeinflussung ihres Immunsystems teilnehmen können, lässt sich über die behandelnden Ärzte zum Beispiel mit dem nächstgelegenen Tumorzentrum oder über das Studienregister der Deutschen Krebsgesellschaft abklären.



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Seite drucken   Zuletzt aktualisiert: 18.08.2003