
Gerne stehen die Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes Ihnen für weitere Auskünfte zur Verfügung – rufen Sie uns an: 0800 – 4 20 30 40, täglich von 8.00 bis 20.00 Uhr. Ihr Anruf ist für Sie kostenlos. Oder schreiben Sie eine E-Mail an krebsinformationsdienst@dkfz.deDie wachsende Kenntnis über die Rolle des Immunsystems bei Krebs hat zu neuen Ansätzen für die Behandlung geführt. Mit "Krebsimpfungen" lässt sich das körpereigene Abwehrsystem vielleicht schon bald gezielt gegen Tumorzellen ausrichten. Noch ist jedoch viel Forschung nötig, bis der Stellenwert solcher Therapieverfahren feststeht, und diese Forschung braucht Zeit. Trotzdem gibt es alternative Anbieter, die ihren Patienten bereits jetzt außerhalb von klinischen Studien entsprechende Immuntherapien offerieren. Fachleute sehen dieses Umgehen sorgfältiger Prüfungen eher kritisch und vermuten Nachteile, Kosten und möglicherweise Gefahren für Patienten.
Leider wird der Begriff "Impfung" im Zusammenhang mit Krebs für Ansätze der Forschung verwendet, die eigentlich nichts mit einander zu tun haben: Es gibt tatsächlich "echte", also Schutzimpfungen, doch diese wirken nicht gegen Krebs direkt, sondern gegen Viren, die das Risiko für bestimmte Tumorarten erhöhen.
Häufig sind mit "Impfen gegen Krebs" jedoch nicht diese Schutzimpfungen, sondern Immuntherapien gemeint, und dann meist die zellulären Immuntherapien. Welche Rolle das Immunsystem nach heutigem Kenntnisstand in der Krebsentstehung spielt, welche Zellen dazu gehören und welche Aufgabe sie haben, lesen Sie in dem Text "Das Immunsystem: Ein Überblick".
Was insgesamt alles unter "Impfen gegen Krebs" (miss-)verstanden werden kann, lesen Sie hier. Über die eigentlichen zellulären Immuntherapien in der Krebsbehandlung, die auf das moderne Wissen über das Immunsystem aufbauen, informiert Sie dieser folgende Text.
Der schwarze Hautkrebs, das maligne Melanom, und das Nierenzellkarzinom sind einer Immuntherapie besonders zugänglich. Viele grundlegende Erkenntnisse zum Zusammenhang Krebs und Immunsystem konnten Forscher aus Studien mit Zellen dieser Tumoren gewinnen, und viele Immuntherapie-Studien werden zuerst Patienten mit Melanomen oder Nierenzellkarzinomen angeboten. Beim Melanom fand man beispielsweise erstmals Merkmale, die Tumorzellen von normalen Körperzellen unterscheiden. Sie werden heute als Tumor spezifische Antigene (die Abkürzung TAA stammt von der englischen Bezeichnung tumor associated antigens) bezeichnet und sind meist die Voraussetzung dafür, dass das Immunsystem Krebszellen überhaupt erkennen kann. Welche weiteren Eigenschaften dieser beiden Tumorarten dazu führen, dass sie einer immuntherapeutischen Behandlung besser zugänglich sind als andere Krebsformen, ist allerdings noch offen. Daher lassen sich Erkenntnisse aus der Behandlung von Patienten mit Nierenzellkarzinomen oder Melanomen nicht automatisch auf von anderen Krebsarten Betroffene übertragen.
Der Begriff "zelluläre Immuntherapie" fasst alle Formen von Immuntherapien zusammen, bei denen im Rahmen einer Krebsbehandlung Immunzellen gegen Tumorzellen aktiviert werden, um diese abzutöten. Im engeren Sinne verstehen Fachleute darunter die Aktivierung von so genannten zytotoxische T-Zellen, auch "Killerzellen" genannt. Sie können Tumorzellen, die ausreichend veränderte Merkmale tragen, von gesunden Körperzellen unterscheiden. Diese tumorspezifischen Antigene als Merkmale sind die Voraussetzung für viele Formen einer spezifischen Immuntherapie. Es gibt jedoch auch Ansätze, die auf andere Zellarten setzen oder zelluläre Verfahren mit Antikörpern kombinieren.
Die zellulären Immuntherapien gehören noch nicht zu den Standardverfahren, sondern werden in Studien geprüft. Welche Fortschritte sich Betroffene langfristig erwarten dürfen und bei welchen Tumorarten der Nutzen besonders groß sein wird, ist unter Fachleuten noch in der Diskussion. Die großen Erwartungen in diese neuen "Krebsimpfungen" haben leider auch dazu geführt, dass Betroffenen nicht selten Therapieangebote außerhalb von Studien gemacht werden. Eine solche Behandlung wäre aufgrund ihrer rechtlichen Rahmenbedingungen jedoch nicht als experimentelles Verfahren, sondern eher als alternative oder unkonventionelle Methode anzusehen. Dementsprechend übernehmen die wenigsten Krankenversicherungen die Kosten für eine solche ungeprüfte Behandlung außerhalb von Studien.
Obwohl sie meist ganz anders eingeschätzt wird, ist eigentlich auch die Transplantation von Stammzellen aus Knochenmark oder Blut eine zelluläre Immuntherapie. Ursprünglich wurde die Stammzelltransplantation eingeführt, um das durch eine Hochdosis-Behandlung
mit Chemotherapie oder Bestrahlung zerstörte Knochenmark von
Leukämiepatienten zu erneuern. Heute weiß man, dass die von einem
fremden Spender übertragenen Zellen auch eine direkte Wirkung gegen die
Krebszellen ausüben, gerade weil sie praktisch nie hundertprozentig in
ihren Gewebemerkmalen mit denen des Empfängers übereinstimmen. Das aus
den Spenderzellen gebildete neue Immunsystem des Patienten erkennt
verbliebene Leukämiezellen nun als "fremd" und bekämpft sie.
Diesem sogenannten Transplantat-gegen-Erkrankung-Effekt, häufiger
auf englisch als Graft-versus-Disease (GvD) bezeichnet, wird heute eine
so wichtige Rolle zugeschrieben, dass erste Therapiestrategien bei
Patienten in besonders kritischen Situationen auf die voraus gehende
Hochdosis-Behandlung verzichten und nur auf die Wirkung der gespendeten
Immunzellen vertrauen. In der so genannten Minitransplantation erhalten
ältere Patienten oder Patienten mit einem Rückfall ihrer Leukämie nach
einer ersten Transplantation Spenderzellen als alleinige Therapie. Auch
bei Virus bedingten Lymphomen kommt diese Vorgehensweise in Frage.
Während früher viele Ansätze von einer mehr oder weniger ungezielten
Immunstimulation ausgingen, sind moderne Ansätze meist hochspezifisch
auf die Merkmale des individuellen Tumors eines Patienten ausgerichtet.
Das "Immunsystem stärken", die "Abwehr stimulieren", all diese
Vorstellungen hören sich zwar sehr attraktiv an, und immer noch gibt es
viele Mittel und Methoden, die Krebspatienten dadurch Heilung oder
Linderung suggerieren. Bewährt hat sich ein solcher Ansatz, der
vielleicht gegen Schnupfen hilft – auch das ist nicht sicher bewiesen –
gegen Krebs jedoch nicht. Ein grundsätzliches Problem in der Erkennung
eines Tumors durch das körpereigene Immunsystem besteht darin, dass
Tumoren im Gegensatz zu den meisten Mikroorganismen keine
Entzündungsreaktion auslösen. Damit fehlt dem Immunsystem das Signal
zum Start der Immunreaktion. Weiterhin sind viele Tumoren in der Lage
die Immunreaktion aktiv zu unterdrücken.
Das Ziel der zellulären Immuntherapie besteht darin, eventuelle
Blockaden durch den Tumor aufzuheben und das Immunsystem, in diesem
Falle die zytotoxischen T-Zellen, spezifisch gegen den Tumor zu
aktivieren. Diese Aktivierung ist zudem ein stark regulierter Prozess,
denn er kostet den Körper viel Energie und ist mit dem Risiko einer
Autoimmunreaktion verbunden. Ungezielte Eingriffe in solche Vorgänge
ohne ausreichende klinische Prüfung könnten also durchaus auch
Nachteile und Nebenwirkungen für Patienten haben. Umso mehr betonen
Immunologen, dass eine Immunstimulation nur unter kontrollierten
Bedingungen erfolgen sollte.
Die ersten Versuche einer gezielten zellulären Therapie gehen bis auf die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Zu ihnen zählte unter anderem die "Aktiv-Spezifischen Immuntherapien", kurz ASI. Meist handelte es sich dabei um Ansätze, bei denen Patienten eigene Tumorzellen entnommen und nach einer inaktivierenden Behandlung als Impfstoff wieder zurückgegeben wurden. Um die immunstimulierende Wirkung der Zellen auszulösen, versuchte man auch, sie zusammen mit aktivierenden Substanzen, so genannten Adjuvantien, zu verabreichen.
Die verschiedenen ASI-Entwicklungen sollten vor allem gegen nach einer Operation oder anderen Standardbehandlung im Körper noch vorhandene Tumorzellen vorgehen und diese vernichten. Wegen der Vielfalt der unter dem Namen ASI angebotenen Therapien und der unklaren Datenlage lässt sich bis heute allerdings nur wenig zum Stellenwert dieser Therapieform sagen. Während sich einige Konzepte als unwirksam erwiesen haben, beginnen mit anderen Ansätze immer wieder klinische Studien zur Prüfung, fast immer als Versuch der Ergänzung einer Standardtherapie. Als sicher gilt jedoch heute: Auf keinem Fall hilft eine Aktiv-Spezifische Immuntherapie alleine gegen Krebs, sie stellt also keine Alternative zu einer Operation, Chemo- oder Strahlentherapie dar.
Ansätze wie die ASI versuchten im Körper des Patienten eine Immunreaktion gegen den Tumor zu erzeugen. Da die Aktivität des Immunsystems bei Krebspatienten gegen große Tumoren nicht ausreicht und sich Krebszellen auf vielfältige Weise seinem Zugriff entziehen können, zielten spätere Ansätze darauf, Immunzellen bereits außerhalb des Körpers zu aktivieren.
Dabei wurden zunächst Immunzellen aus Blut oder Knochenmark isoliert, außerhalb des Körpers im Reagenzglas vermehrt und dann wieder zurückgegeben. Solche Verfahren bezeichnen Fachleute als "Adoptiven Immuntransfer". Verwendet werden können Zellen des eigenen Körpers (autologe Zellen) oder Zellen eines fremden Spenders (allogene Zellen). Je verschiedener die Zellen von Spender und Empfänger sind, desto höher ist theoretisch die Wahrscheinlichkeit, dass die übertragenen Zellen die Tumorzellen erkennen können. Leider zeigte sich in Studien, dass, wie bei der Transplantation von Knochenmark, auch gleichzeitig das Risiko anstieg, dass auch gesunde Körperzellen angegriffen werden.
Ein Grund für den bisher ausgebliebenen Durchbruch bei diesem Therapieansatz könnte in der geringen Anzahl der tumorspezifischen T-Zellen liegen. Immunzellen lassen sich zwar im Reagenzglas vermehren, allerdings entsteht dabei eine Vielzahl unterschiedlicher "Spezialisten". Findet unter diesen verschiedenen Zelltypen keine weitere Auswahl statt, ist dem entsprechend auch nur eine sehr geringer Anteil für den jeweiligen Tumor spezifisch. Neuere Verfahren zielen deshalb darauf ab, vor die Vermehrung im Reagenzglas eine Selektion der tumorspezifischen T-Zellen zu schalten, um ihren Anteil an der Gesamtmenge zu erhöhen.
Eine weitere Form der zellulären Immuntherapie stellt die Verabreichung
von so genannten dendritischen Zellen dar. Dendritische Zellen nehmen
eine Schlüsselfunktion bei der Aktivierung der Immunantwort ein. Sie
präsentieren auffällige Merkmale, die Tumorzellen von anderen Geweben
unterscheiden, dem Immunsystem so, dass überhaupt eine ausgeprägte
Reaktion erfolgen kann und auch zahlenmäßig über einzelne Zellen
hinausgeht. Die Theorie hinter der Verwendung von dendritischen Zellen
zur Immuntherapie geht von einer gezielten Verstärkung dieser Reaktion
aus.
Die meist vom Patienten selbst stammenden, in der Zellkultur
herangezogenen dendritischen Zellen werden mit Tumorzellen oder Teilen
davon zusammengebracht und dann dem Patienten zurückgegeben. Im Körper
sollen die so beladenen Dendritischen Zellen dann Tumorzellbruchstücke
regelrecht "herumzeigen" und so eine Immunreaktion gegen den Tumor
auslösen.
Zelluläre Immuntherapien gehören noch nicht zu den Standardverfahren in
der Krebsbehandlung. Noch sind viele Fragen offen, zum Beispiel kennt
man noch längst nicht bei allen Tumorarten die winzigen Unterschiede,
die die Krebszellen von gesunden unterscheiden.
Auch zum Wie und Wann muss noch viel Forschung betrieben werden.
Wie oft Patienten wohin geimpft werden müssen, um eine optimale
Reaktion zu erreichen, ist zum Beispiel bei den Ansätzen mit
dendritischen Zellen derzeit in der Prüfung. So kann es durchaus
Unterschiede machen, ob unter die Haut, in Lymphknoten nahe Regionen
oder anders vakziniert wird.
Ob Patienten, bei denen andere Verfahren ausgeschöpft sind, an einer
Studie zur spezifischen Beeinflussung ihres Immunsystems teilnehmen
können, lässt sich über die behandelnden Ärzte zum Beispiel mit dem
nächstgelegenen Tumorzentrum oder über das Studienregister der
Deutschen Krebsgesellschaft abklären.