Deutsches Krebsforschungszentrum - Krebsinformationsdienst


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Hyperthermie: Tumoren durch Überwärmen behandeln?

Die Möglichkeit der Überwärmung zur Behandlung bösartiger Tumoren wurde erstmals 1910 beschrieben. Lange Zeit ließ sich dabei die Körpertemperatur der Patienten aber nicht ausreichend kontrollieren; die Gefahr von inakzeptablen Nebenwirkungen war zu groß. Seit Beginn der 70er Jahre wird die Hyperthermie wissenschaftlich im Labor untersucht, seit den 80er Jahren findet ein klinischer Einsatz unter immer besseren technischen Voraussetzungen statt. Zu den Standardverfahren gehört die Hyperthermie jedoch nicht. Auch übernehmen die gesetzlichen Krankenversicherungen keine Behandlungskosten.

Was versteht man unter Hyperthermie?

Hyperthermie bedeutet Überwärmung des ganzen Körpers oder einzelner Körperareale. Erprobt wird in der Krebstherapie eine künstliche Temperaturenerhöhung auf Werte zwischen 40 und 44 Grad Celsius, je nach angewandter Methode. Die Temperaturerhöhung wird dabei zum Beispiel durch Ultraschall, elektromagnetische Wellen wie Radiowellen oder Mikrowellen oder durch Infusion einer erwärmten Flüssigkeit erreicht. Das primäre Ziel ist nicht das direkte Abtöten von Krebszellen durch die Überwärmung: Die dazu notwendigen Temperaturen würden auch gesundes Gewebe schädigen oder den Patienten gefährden. Tumorzellen sollen vielmehr sensibler für natürliche Abbauprozesse oder auch Strahlen- oder Chemotherapie werden.

Fiebertherapie kaum noch angewendet

Eine andere Methode zur Erhöhung der Körpertemperatur, die so genannte Fiebertherapie, findet heute kaum noch Anwendung. Die Körpertemperatur wird hierbei durch fiebererzeugende Stoffe (pyrogene Stoffe) erhöht. Wie gegen Krankheitserreger sollte das künstliche Fieber gegen Krebszellen wirken. Pyrogene Stoffe sind jedoch schlecht steuerbar, und die Therapie ist im Vergleich zu modernen Methoden zu risikoreich.

Forschung notwendig

Erprobt wird die Hyperthermie hauptsächlich bei soliden Tumoren, nicht aber bei Blutkrebserkrankungen. Welche Tumore in welchem Stadium für eine Hyperthermie in Frage kommen, soll derzeit im Rahmen von Studien geklärt werden – eine Standardauskunft zu den Möglichkeiten der Anwendung ist daher nicht machbar. Viele Studien überprüfen, ob eine fortgeschrittene Erkrankungssituation, die allein auf Chemotherapie oder Bestrahlung nicht gut ansprechen würde, durch Hyperthermie beherrscht werden kann. Bei anderen steht die Verkleinerung großer Tumoren im Vordergrund, um hierdurch zum Beispiel die Amputation eines Beines oder Armes zu verhindern.

Welche Arten der Hyperthermie gibt es und wie erfolgt die Behandlung?

Gemeinsamer Bundesausschuss

Viele Aspekte der Überwärmungstherapie bedürfen noch der genaueren wissenschaftlichen Klärung. Eine entsprechende Bewertung hatte der Gemeinsame Bundesausschuss 2005 veröffentlicht und auf offene Fragen zur Wirksamkeit und Sicherheit der Hyperthermie hingewiesen (www.g-ba.de/downloads/40-268-236/2005-06-15-BUB-Hyperthermie.pdf). Patienten sollten daher nur in klinischen Studien behandelt werden.

Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Ärzten und Zentren, die die Hyperthermie trotzdem einfach so anbieten, meist im Rahmen eines so genannten alternativen Behandlungskonzepts. Für eine Behandlung außerhalb kontrollierter Studien übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen keine Kosten, so ein Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschuss vom Januar 2005 (www.g-ba.de/informationen/beschluesse/199/).

Patienten müssen damit rechnen, dass sie die teilweise erheblichen Kosten selbst tragen müssen, wenn sie sich für eine Hyperthermie außerhalb einer klinischen Studie entscheiden. Auch mögliche Risiken fallen in weit größerem Umfang in ihren eigenen Verantwortungsbereich, als dies im Rahmen von Studien der Fall ist.

Ein Überblick: Behandlungsvarianten

  • Lokale Hyperthermie: Der betroffene Bereich wird von außen mit Ultraschall, Radio- oder Mikrowellen bestrahlt. Die lokale Hyperthermie kann bei oberflächlichen, dicht unter der Haut liegenden Tumoren oder Metastasen zum Einsatz kommen.
  • Regionale Hyperthermie: Es werden größere Körperregionen, wie zum Beispiel der Beckenbereich oder die Beine, durch elektromagnetische Wellen erwärmt. Der Patient liegt hierbei auf einer Liege in einer Art Ring, der die eigentlichen Strahler trägt, einem sogenannten Ringapplikator. In diesem Applikator sind Antennen, die die elektromagnetischen Wellen abstrahlen, ringförmig angeordnet. Sie erzeugen durch geeignete Steuerung eine - in Grenzen - kontrollierbare Erwärmung. Überhitzungen im Normalgewebe lassen sich weitgehend vermeiden, die hohe Temperatur bleibt auf den Tumor beschränkt.
  • Ganzkörperhyperthermie: Der gesamte Körper wird erwärmt. Früher nutzten Ärzte dazu heißes Wasser oder spezielle flüssigkeitsgefüllte Polster oder Decken und ähnliche Verfahren. Heute kommt auch die Überwärmung mit elektromagnetischen Wellen und Infrarot in Frage. Diese Methoden sind jedoch wegen Unverträglichkeit kaum noch gebräuchlich – wie die anderen Hyperthermieverfahren sollten sie nur in kontrollierten klinischen Studien eingesetzt werden.
  • Interstitielle Hyperthermie: In den Tumor werden "Antennen" oder Sonden eingebracht, die eine Erwärmung direkt im Inneren der Geschwulst ermöglichen.
  • Hypertherme Perfusion: Der Patient erhält eine erwärmte Flüssigkeit (zum Beispiel eine Chemotherapie-Lösung) durch die zuführenden Adern des mit Krebs betroffenen Körperteils.

Einzelheiten regelt das Studienprotokoll

Wie die jeweilige Anwendung genau abläuft, wie oft sie wiederholt wird und für welche Tumorarten sie überhaupt in Frage kommt, hängt vom jeweiligen Studienprotokoll ab.

Einige Hyperthermieformen eignen sich prinzipiell für die ambulante Anwendung. Trotzdem müssen Patienten wegen der notwendigen sorgfältigen Überwachung meist mit einer relativ zeitaufwändigen Behandlung rechnen. Um Komplikationen, zum Beispiel schwere Kreislaufprobleme, zu vermeiden, muss der allgemeine Gesundheitszustand  in Ordnung sein.

Eine ausgedehnte regionale Hyperthermie und eine Ganzkörperhyperthermie sind meist nur durchführbar, wenn der Patient stationär in eine Klinik aufgenommen wird. Um Nebenwirkungen kontrollierbar zu machen, sehen viele Konzepte eine Überwachung unter intensivmedizinischen Bedingungen vor. Auch eine leichte Narkose oder zumindest ein beruhigendes Medikament wenden viele Hyperthermie-Experten an. Die interstitiellen Hyperthermie-Formen und die Perfusionsanwendungen sehen unter Umständen sogar kleinere oder größere operative Eingriffe vor.

Kritik bei Anwendung außerhalb klinischer Studien

Bei der Anwendung außerhalb klinischer Studien, im Rahmen einer alternativen Therapie, berichteten Patienten immer wieder von Zwischenfällen, da die qualitative Durchführung der Hyperthermie und die sorgfältige Überwachung bei einigen Anbietern nicht unbedingt gesichert zu sein scheint.

Welche Rolle spielt die Hyperthermie in der Krebsbehandlung?

Derzeit besitzt die Hyperthermie in der Krebstherapie nicht den Stellenwert von Operation, Bestrahlung oder Chemotherapie. Die größte Erfahrung hat man mit der gemeinsamen Anwendung von Strahlentherapie und Hyperthermie. Auch die Kombination mit Chemotherapie wird derzeit in Studien geprüft.

Eine geprüfte Standardbehandlung ist die Hyperthermie nach heutigem Kenntnisstand also noch nicht, auch wenn dies von Anbietern in Werbebroschüren oder auf Internet-Seiten suggeriert wird: Bei der Anwendung außerhalb klinischer Studien handelt es sich dann eher um "Alternativmedizin" und weniger um eine Alternative zu gängigen Verfahren.

Über die "echten" klinischen Studien zur Hyperthermie, die unter kontrollierten Bedingungen ablaufen, informieren die nächstgelegenen Tumorzentren und onkologischen Schwerpunkte oder auch die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Hyperthermie (IAH) als Unterorganisation der Deutschen Krebsgesellschaft (www.krebsgesellschaft.de). Die IAH bietet auf ihrer Internet-Seite www.hyperthermie.org zudem viele Informationen rund um das Thema an (beim Klick auf den Link öffnet sich ein neues Bildschirmfenster).

Wer übernimmt die Kosten der Behandlung?

Im Rahmen von Studien entstehen den Betroffenen in der Regel keine Kosten für die Hyperthermie; über Abweichungen informieren die behandelnden Ärzte bei der Aufklärung über die Studienteilnahme.

Außerhalb von Studien, als so genannter individueller Heilversuch angewandt, fielen die Kosten für die Überwärmung auf die gesetzlichen Kassen beziehungsweise die private Versicherung eines Betroffenen zurück. Nach einer Entscheidung des für Kostenfragen verantwortlichen Gemeinsamen Bundessausschusses vom Januar 2005 ist es den gesetzlichen Krankenversicherungen jedoch nicht möglich, die Kosten zu übernehmen (www.g-ba.de/downloads/39-261-199/2005-01-18-BUB-Hyperthermie.pdf).

Wie wirkt die Hyperthermie in den Zellen des Tumors?

Eine Temperaturerhöhung im Tumorgewebe auf deutlich mehr als 42°C  wirkt direkt zellschädigend, wie eine Verbrennung oder Verbrühung: Nachdem entsprechende biologische Prozesse in Gang gesetzt wurden, sterben die Zellen aufgrund der Wärmeeinwirkung innerhalb einer gewissen Zeitspanne ab, wenn sie nicht schon rein mechanisch zerstört wurden.

Stress macht Zellen empfindlich

Auch etwas niedrigere Temperaturen wirken. Bei lang andauernder und/oder wiederholter Hyperthermiebehandlung bilden Zellen in Temperaturbereichen von etwa 41 bis 43 °C so genannte Hitzeschockproteine (HSP), auch Stresseiweiße genannt. Diese Proteine sind Signale für die körpereigenen Killerzellen des Immunsystems, die "angeschlagenen" Zellen zu zerstören. Dieser Temperaturbereich birgt für Patienten jedoch immer noch erhebliche Risiken.

Auch die Kombination von Hyperthermie mit Bestrahlung oder Chemotherapie zeigt Wirkung: Bei Temperaturen von etwa 40 bis 41 °C tritt ein so genannter strahlensensibilisierender Effekt auf. Die zelleigene Reparaturrate der Strahlenschäden, die durch eine Strahlentherapie im Tumorgewebe erzeugt wurden, sinkt. Die Zellen sind also nicht mehr oder nur in geringerem Maß in der Lage, die Schäden zu reparieren, und sterben ab.

Blutgefäße erweitern sich

Durch die erhöhten Temperaturen weiten sich die Blutgefäße, was bei einer Chemotherapie zu einer stärkeren Durchblutung des Tumorgewebes und zu einer besseren Anschwemmung von Zytostatika im Tumor führt. Dadurch gelangen auch in ursprünglich schlecht durchblutete Tumorbezirke, zum Beispiel ins Innere sehr großer Tumoren, höhere Zytostatika-Mengen. Die erhöhte Durchblutung führt ebenfalls zu einer besseren Sauerstoffversorgung im Tumor, was andererseits auch den Strahleneffekt einer Strahlentherapie verstärkt.

Wo gibt es weiterführende Informationen im Internet?

Mehr über Studien und viele Hintergründe zur Hyperthermie als solche bietet die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Hyperthermie (IAH) in der Deutschen Krebsgesellschaft (www.hyperthermie.org, beim Klick auf den Link öffnet sich ein neues Bildschirmfenster).

Die Entscheidung des Gemeinsamen Bundessausschusses zur Kostenübernahme einer Hyperthermiebehandlung durch die gesetzliche Krankenversicherung und die Begründungen: www.g-ba.de/downloads/40-268-236/2005-06-15-BUB-Hyperthermie.pdf.


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Seite drucken   Zuletzt aktualisiert: 14.06.2005