Deutsches Krebsforschungszentrum - Krebsinformationsdienst


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Stellenwert: Was bringt die Zytostatika-Behandlung bei Krebs?

Die Chemotherapie hat die Behandlungsmöglichkeiten bei Krebs in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert: Betroffene, die früher als weitgehend unheilbar galten, können heute oft hoffnungsvoll in die Zukunft schauen, etwa junge Männer mit Hodenkrebs oder Kinder mit Leukämien. Zytostatika spielen als adjuvante oder ergänzende Therapie bei vielen Krebsarten eine wachsende Rolle, um  Rückfälle zu vermeiden. Neoadjuvant, also vor einem chirurgischen Eingriff, kann eine Chemotherapie manch großen Tumor überhaupt erst operierbar machen.

Trotzdem ist  die Chemotherapie in der öffentlichen Diskussion, in Zeitungen und Zeitschriften gelegentlich in Misskredit geraten. Diese Kritik galt jedoch längst nicht pauschal jeder Form der Anwendung und Experten betonten den nachgewiesenen Nutzen für viele Krebspatienten. Werden Zytostatika jedoch als vermeintlich letztes Mittel eingesetzt, ohne Abwägung von Wirkung, Nebenwirkung, Nutzen und Schaden, muss die Entscheidung für eine "Chemotherapie um jeden Preis" vor allem bei Schwerstkranken aber durchaus hinterfragt werden.

Wie Krebsmediziner heute gemeinsam mit Patienten eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung treffen können, hat der Krebsinformationsdienst im folgenden Text zusammengestellt. Eine Übersicht zum Stellenwert der Chemotherapie bei speziellen Tumoren finden Betroffene und Interessierte in der Rubrik "Krebsarten".

Ziele definieren: Wie klärt man Nutzen und Risiken ab?

Chemotherapie
Zytostatika werden meist "systemisch" eingesetzt: Sie sollen im ganzen Körper gegen Tumorzellen wirken.

Auch wenn die Chemotherapie als Inbegriff der Krebstherapie schlechthin gilt, so ist sie doch nicht für alle Krebspatienten notwendig oder gar das erste Verfahren gleich nach der Diagnose.

Als wichtigste Behandlungsform gelten Zytostatika vor allem bei den Leukämien und Lymphomen: Hierrichtet sich die Therapie gegen auf im Blut- und Lymphsystem verstreute Zellen. Jede Form der Chemotherapie, die wie in diesem Beispiel auf den ganzen Körper zielt, wird als "systemisch" bezeichnet. Dies ist die häufigste Form der Anwendung. Im Gegensatz dazu stünde eine "regionale" oder "lokale" Behandlung, wie es etwa die gezielte Bestrahlung nur eines Organs oder einer Körperregion wäre.
Eine systemische Chemotherapie macht auch bei soliden geschwulstbildenden Tumoren oft Sinn: zum Beispiel adjuvant, also als Ergänzung einer Operation oder Bestrahlung, wenn die Gefahr einer nicht nachweisbaren Zellstreuung über die eigentliche Tumorregion hinaus besteht. Ziel einer neoadjuvanten oder primär systemischen Therapie ist es, einen Tumor vor einem chirurgischen Eingriff so zu verkleinern, dass die Ärzte eine Operation möglichst schonend durchführen können.
Hat ein solider Tumor schon gestreut und sind Krebszellen im Körper verbreitet, würden lokale Maßnahmen zu kurz greifen. Auch hier hat die systemische Chemotherapie ihre Berechtigung: Sie kann das Wachstum bremsen und Beschwerden lindern.

Therapiewahl: Wissen entscheidet

Nicht jedes Zytostatikum wirkt bei jeder Krebsart gleich gut: Hinter dem Begriff "Krebs" verbergen sich in Wirklichkeit mehr als hundert durchaus verschiedene Krankheitsbilder.

In Studien muss daher nachgewiesen sein, dass die jeweilige Tumorform voraussichtlich auf die Medikamente ansprechen wird. Geprüft wird, bei wie vielen Patienten die Chemotherapie zu einem messbaren Tumorrückgang führt und bei wie vielen nicht. Neue Zytostatika müssen sich zudem im Vergleich zu anderen, bereits etablierten Therapieformen als besser erweisen: Nur wenn sie Patienten mehr Vorteile als die bisher übliche Behandlung bieten, macht ihre Verwendung Sinn.
Bei der Prüfung spielen die zu erwartenden Nebenwirkungen eine Rolle: Sie dürfen den Nutzen nicht übersteigen. Solche Studien gehen der Zulassung neuer Zytostatika zwingend voraus.

Persönliche Faktoren werden bei der Therapieplanung ebenfalls berücksichtigt: Anhand von Biopsieproben oder bei einer Operation entnommenem Gewebe untersuchen Spezialisten, wie sich der individuelle Tumor eines Patienten biologisch verhält (mehr dazu im vorigen Text). Schließlich spielt der Allgemeinzustand bei der Therapieplanung eine Rolle. Vorerkrankungen zum Beispiel des Herzens, Nierenschäden  oder andere Leiden müssen einbezogen werden, um eventuelle Risiken besser abschätzen zu können.

Ziele festlegen

Liegen nach der Diagnosestellung die wichtigsten Informationen vor, stellt sich bei der Behandlungswahl die Frage, welche Ziele mit einer Chemotherapie realistisch zu erreichen sind.
Für Patienten wie Ärzte bedeutet dies, die Vorteile gegenüber den zu erwartenden Nebenwirkungen und möglichen Langzeitfolgen sorgfältig abzuwägen. Statistische Daten aus der Krebsforschung, Ergebnisse klinischer Studien und ärztliche Fachempfehlungen, so genannte Leitlinien zur Tumortherapie, bieten einen Rahmen für mögliche Entscheidungen.
Auch persönliche Aspekte und Kriterien spielen eine Rolle – letztlich muss jeder Patient gemeinsam mit dem Arzt die Behandlungsziele festlegen und entscheiden, welche Risiken er hierfür in Kauf zu nehmen bereit ist. Folgende Begriffe werden im Zusammenhang mit einer Chemotherapie wie auch mit anderen Therapieverfahren verwendet:

  • Kurativ: Die Behandlung hat die Heilung zum Ziel. Sind die Chancen für eine Heilung vergleichsweise hoch, raten Krebsmediziner ihren Patienten unter Umständen auch zu aggressiven Therapien, selbst wenn diese kurzfristig viele Nebenwirkungen haben oder Langzeitfolgen zu erwarten sind – sie gehen davon aus, dass der Nutzen der Belastung überwiegt.
  • Palliativ: Die Behandlung kann die Krankheit stoppen oder zumindest verlangsamen, aber nicht alle Tumorzellen abtöten. Eine palliative Chemotherapie sollte so gewählt werden, dass ihre Nebenwirkungen längerfristig nicht belastender sind als es die der unbehandelten Erkrankung wären. Oder der Zugewinn an Lebenszeit muss so deutlich ausfallen, dass er vorübergehende Nebenwirkungen rechtfertigt. Auch wenn sich eine Heilung nicht erzielen lässt, ist eine Chemotherapie sinnvoll, wenn dadurch Beschwerden eingedämmt werden.
  • Adjuvant: Die Therapie begleitet eine eigentlich kurative Behandlung (siehe oben) oder schließt sich an sie an. Eine Chemotherapie nach einer Operation, bei der alles sichtbare Tumorgewebe entfernt wurde, kann beispielsweise das Risiko eines Rückfalls senken. Sie wirkt gegen einzelne Krebszellen, die, unsichtbar für den Chirurgen, bereits ins Gewebe gewandert oder über Blut- oder Lymphbahnen verschleppt waren. Hier geht es bei der Risiko-Nutzen-Abwägung also um die Abwägung zwischen einer bereits guten und einer sozusagen perfekten Behandlung oder auch, einfach ausgedrückt, zwischen "sicher" und "sehr sicher". Wie hoch der zu erwartende Vorteil durch die Chemotherapie jeweils ist, muss anhand von Studiendaten abgeschätzt und individuell entschieden werden.
  • Neoadjuvant: Die Therapie geht einer eigentlich kurativen Behandlung (siehe oben) voraus. Mit einer neoadjuvanten Chemotherapie versuchen Krebsmediziner beispielsweise, einen großen Tumor vor einer Operation zu verkleinern. Manche Patienten können überhaupt nur dank einer vorgeschalteten "Chemo" operiert werden.

Ältere Patienten: Wem kann eine Chemotherapie zugemutet werden?

Ältere Patienten und vor allem ihre Angehörigen sprechen bei der Therapieplanung häufig ihre Angst an, dass ein Mensch in fortgeschrittenem Alter durch eine Chemotherapie über Gebühr belastet würde. Tatsächlich leiden viele ältere Menschen unter Erkrankungen, die eine Behandlung mit Zytostatika deutlich erschweren, oder sie sind bereits vor der Diagnose einer Krebserkrankung in schlechtem Allgemeinzustand.

Trotzdem gelten bei der Therapiewahl eigentlich keine anderen Kriterien als bei jüngeren Menschen auch – entscheidend ist, ob der Patient oder die Patientin von der Chemotherapie einen Nutzen erwarten kann, der die Nebenwirkungen überwiegt, oder nicht.

Mit der wachsenden Lebenserwartung wird das Thema Krebsbehandlung von älteren Patienten eine immer größere Bedeutung bekommen. Eines der Fachgremien, das sich in Deutschland mit ihrer besonderen Situation befasst, ist der Arbeitskreis Geriatrische Onkologie in der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie e.V., online unter http://www.dgho.de/cms.php?id=82.

  • Eine obere Altersgrenze, ab der Menschen grundsätzlich nicht mehr mit Chemotherapie behandelbar wären, gibt es nicht.

Fragen an den Arzt: Welche Informationen sind wichtig?

Um über eine Behandlung mit Zytostatika aktiv mit entscheiden zu können, brauchen Patienten eine Vielzahl von Auskünften von ihren Ärzten – Informationen aus dem Internet können ein persönliches Gespräch nicht ersetzen, da sie ein Thema zwangsläufig immer nur im Überblick darstellen. Der Krebsinformationsdienst hat deshalb ein Informationsblatt zum Laden und Ausdrucken erstellt, das dabei helfen soll, wichtige Fragen an den Arzt zu formulieren.



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Seite drucken   Zuletzt aktualisiert: 04.04.2008