
Gerne stehen die Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes Ihnen für weitere Auskünfte zur Verfügung – rufen Sie uns an: 0800 – 4 20 30 40, täglich von 8.00 bis 20.00 Uhr. Ihr Anruf ist für Sie kostenlos. Oder schreiben Sie eine E-Mail an krebsinformationsdienst@dkfz.deModerne Medikamente können heute Abhilfe schaffen, wenn die Beseitigung der eigentlichen Ursache nicht möglich oder beispielsweise die Unterbrechung einer Chemotherapie nicht vertretbar ist. Sie greifen in mehrere verschiedene Mechanismen ein, über die Unwohlsein, Appetitlosigkeit, Völlegefühl, echte Übelkeit und Erbrechen ausgelöst werden. Auch einige unterstützende Maßnahmen lindern die Beschwerden. Für die Auswahl der passenden Behandlung ist daher eine genaue Diagnosestellung notwendig: Wann tritt die Übelkeit auf, wie lange hält sie an, steht sie in zeitlichem Zusammenhang mit einer Therapie oder scheint sie eher durch die Krankheit selbst ausgelöst zu werden, das sind Beispiele für entsprechende Fragen.
Nach Ausprägung und Zeitpunkt des Auftretens unterscheiden Fachleute dann verschiedene Formen von Übelkeit und Erbrechen:
Akute, also plötzlich einsetzende, kurzzeitige Übelkeit mit Erbrechen tritt bei Krebspatienten vor allem im Zusammenhang mit der Anwendung von Zytostatika auf. Als Zeitraum gelten dabei bis zu 24 Stunden nach der eigentlichen Chemotherapiegabe.
Die Übelkeit entsteht als Folge von Signalen, die nach der Aufnahme der Zytostatika durch bestimmte Zellen des Magen-Darm-Traktes ausgelöst werden und, weitergeleitet über das Gewebshormon Serotonin, schließlich beim Brechzentrum im Zentralnervensystem ankommen. Diese Reaktion ist eigentlich eine Schutzreaktion des Körpers vor Vergiftungen, der sich durch Erbrechen von giftigen und schädlichen Stoffen zu befreien versucht. Ganz verstanden sind die Abläufe der Signalweitergabe jedoch nicht; mehrere Wege und Auslöser scheinen eine Rolle zu spielen.
Jüngere Frauen sind besonders häufig betroffen. Hohe Dosen und kurze Abstände zwischen den Gaben steigern die Wahrscheinlichkeit von Übelkeit und Erbrechen ebenfalls. Die Schwere der Symptome ist hauptsächlich aber von der Substanz oder Substanzkombination abhängig. So ist Cisplatin ein Beispiel für ein Zytostatikum, bei dessen Gabe ohne wirksamen Schutz Übelkeit bei neun von zehn Patienten auftritt; bei Vincristin leidet auch ohne Vorbeugung höchstens einer von zehn Betroffenen darunter.
Leider lassen sich Chemotherapie-Substanzen oder –kombinationen wegen ihrer unterschiedlichen Wirkung auf einzelne Tumorarten nicht beliebig gegeneinander austauschen.
Auch nach einer Strahlentherapie kann akute Übelkeit einsetzen. Man vermutet, dass hier die gleichen Signalketten eine Rolle spielen.
Erbricht ein Patient später als 24 Stunden nach einer Behandlung, so spricht man von verzögerter Übelkeit und Erbrechen. Cisplatin, Cyclophosphamid, Doxorubicin und Ifosfamid gehören zu den Substanzen, bei denen verzögertes Erbrechen besonders häufig ist, vor allem bei Gabe von hohen Dosen in kurzen Abständen. In erhöhtem Maße betroffen sind Patienten, die auf die Substanz schon mit akutem Erbrechen reagiert haben. Daher begünstigen auch alle dort genannten Faktoren das verzögerte Erbrechen. Je besser dem akuten Erbrechen vorgebeugt wird, desto geringer ist die Gefahr, dass verzögerte Übelkeit auftritt.
Akute wie verzögerte Übelkeit im Zusammenhang mit einer Chemotherapie oder Bestrahlung können einen Mechanismus in Gang setzen, der für Betroffene besonders belastend ist: Nach einigen Chemotherapie-Gaben oder Bestrahlungen "lernt" das Brechzentrum im Gehirn den Zusammenhang mit Gerüchen, Örtlichkeiten und Begleitumständen der Übelkeit erzeugenden Therapie – es wird "konditioniert".
So kann später schon der Geruch eines Krankenhausflurs oder der weiße Kittel eines vorbeigehenden Arztes Übelkeit auslösen; unter Umständen erbricht ein Patient schon, bevor er ein Zytostatikum erhält. Ein bis drei von zehn Patienten reagieren mit dieser sogenannten antizipatorischen Übelkeit, die durch Angst noch verstärkt wird. Eine sinnvolle Reaktion des Körpers, die dem Schutz vor erneuter Vergiftung dient, kehrt sich hier gegen den Patienten, lässt sich aber behandeln.
Verschiedene Risikofaktoren steigern die Wahrscheinlichkeit für antizipatorisches Erbrechen:
Auch die Krebserkrankung selbst kann zu Unwohlsein, Appetitverlust, Übelkeit und sogar zu Erbrechen führen. Betroffen sind davon eher Patienten, deren Krebserkrankung fortgeschritten ist. Übelkeit darf jedoch nicht automatisch als Anzeichen dafür gewertet werden, dass sich die Krankheit verschlimmert hätte, immer kommen andere Auslöser ebenso in Frage. Wenn die Symptome eindeutig nicht durch eine Chemotherapie oder Bestrahlung verursacht werden, müssen Patienten und Ärzte daher sorgfältig nach möglichen Ursachen suchen.
Dazu gehört zunächst die Überprüfung aller Medikamente durch den Arzt, die ein Betroffener einnimmt.
Flüssigkeitsmangel und Austrocknung (Dehydratation), stoffwechselbedingte Verschiebungen im Salzhaushalt und Nierenfunktionsstörungen verstärken unter Umständen sowohl tumorbedingte wie auch durch Medikamente ausgelöste Übelkeit.
Auch Infektionen können Unwohlsein auslösen: Ursachen sind zum Beispiel Pilzbefall in Mund und Speiseröhre, eine mögliche Komplikation bei Chemo- oder Strahlentherapie. Bei Patienten, die bestrahlt werden oder Chemotherapeutika erhalten, kann es zu schweren Entzündungen der Schleimhäute (Mukositis) kommen, die häufig Schluckstörungen und Übelkeit verursachen. Die bei Mukositis unangenehme und vielleicht auch schmerzhafte Mundhygiene macht es Betroffenen ebenfalls nicht leichter.
Tumoren lösen – nur teilweise abhängig von ihrer Größe oder ihrer Bösartigkeit - Stoffwechselstörungen aus, die zu Appetitlosigkeit, der sogenannten Anorexie und einem auch die Muskeln betreffenden Gewichtsverlust führt, der Kachexie. Anorexie und Kachexie sind bei verschiedenen Tumorarten sehr unterschiedlich ausgeprägt und betreffen längst nicht alle Tumorpatienten. Warum sich Krebszellen so auswirken, ist nicht vollständig verstanden: Es handelt sich um Prozesse, bei denen zwar der Ablauf bekannt ist, nicht vollständig aber das komplizierte Wechselspiel zwischen Ernährung, Tumor und Stoffwechsel. So beobachten Ärzte bei der Kachexie nicht nur einfach einen Verlust an Körpergewicht durch Fettabbau, beeinträchtigt sind auch die Muskeln, und einfach mehr essen reicht für die Patienten meist nicht aus, da Stoffwechselabläufe gestört sind, die Magen-Darm-Passage beeinträchtigt sein kann und häufig Geschmack und Geruch von Essen verändert wahrgenommen werden. Alle diese Faktoren können zu Übelkeit und Erbrechen führen.