Deutsches Krebsforschungszentrum - Krebsinformationsdienst


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Psychische Unterstützung: Was dazu gehört, wann sie sinnvoll ist, wem sie hilft

Gefühle wie Hilflosigkeit, Trauer und Angst empfinden viele Krebspatienten. Wie stark Betroffene belastet sind, ändert sich mit der Zeit. Die meisten Menschen durchleben unterschiedliche Phasen während einer Tumorerkrankung.

Manche Patienten können an einen Punkt kommen, an dem sie nicht mehr weiterwissen. Für Außenstehende ist es oft schwer zu erkennen, ob Patienten "nur" niedergeschlagen sind und einfach Zeit für sich brauchen, oder ob sie professionelle Unterstützung benötigen. Symptome für starke psychische Belastung können -neben einer Beeinträchtigung der Stimmungslage - zum Beispiel über längere Zeit anhaltende Schlaflosigkeit, mangelnder Appetit oder fortwährendes Grübeln sein. Betroffenen kann ein Gespräch mit Menschen helfen, die eine professionelle Ausbildung zur psychosozialen Unterstützung von Krebspatienten haben. Auch wer vergleichsweise gut zurechtkommt, kann von einigen Hilfsangeboten profitieren.

In diesem Text hat der Krebsinformationsdienst einen Überblick zur psychischen Unterstützung für Krebspatienten und ihre Angehörige zusammengestellt. Betroffene sollten beachten: Informationen aus dem Internet können das Gespräch mit psychoonkologischen Fachleuten und Ärzten nicht ersetzen. Für Interessierte sind die genutzten Quellen angegeben und, wenn möglich, direkt verlinkt. Der Text ist Teil umfassender Informationen zur Krankheitsverarbeitung.

Auf dieser Seite

Krebs: Welchen Belastungen sind Patienten ausgesetzt?  
Häufigkeit: Wie viele Krebspatienten benötigen professionelle Unterstützung?   
Diagnose: Wie hilfebedürftige Patienten erkannt werden  
Einfache Hilfen: Was Betroffene selbst tun können   
Professionelle Unterstützung: Von Beratung bis Therapie    
Psychotherapie gegen Krebs: Gibt es das?   
Kosten: Wer zahlt die psychoonkologische Unterstützung?   

Krebs: Welchen Belastungen sind Patienten ausgesetzt?

Zum Weiterlesen

Zeit heilt nicht alle Wunden, aber manche: Langfristig kommen viele Krebspatienten mit den seelischen Auswirkungen ihrer Erkrankung zurecht. Gefühle wie Hilflosigkeit, Trauer und Angst verschwinden zwar meist nicht vollständig. Oft erscheinen sie für Betroffene nach einer Weile aber erträglicher und weniger drängend. Auch der Umgang mit Belastungen durch Krankheit und Therapie ändert sich. Trotzdem benötigen manche Patienten Unterstützung bei der Bewältigung  ihrer Situation. Sich helfen zu lassen ist kein Zeichen von Schwäche.

Fachleute fassen die Belastungen von Betroffenen als "psychosozialen Distress" zusammen. Dieser Ausdruck ist besonders im englischsprachigen Raum gebräuchlich ("psycho-social distress"). Er umfasst:

  • emotionale Aspekte: Gemeint sind Gefühle wie Sorgen, Ängste oder Traurigkeit. Symptome einer hohen Belastung in diesem Bereich können zum Beispiel Konzentrationsprobleme und Antriebsverlust sein.
  • praktische Themen: Dazu zählen Fachleute zum Beispiel Beeinträchtigungen der Arbeitsfähigkeit. Wer nicht arbeiten kann, dem fehlt die Möglichkeit, im Beruf Zufriedenheit und Bestätigung zu finden. Auswirkungen auf die finanzielle Lage können zusätzlich auftreten. Auch krankheitsbedingte Umstellungen von gewohnten Alltagsaktivitäten oder Schwierigkeiten bei der Betreuung jüngerer Kinder können Belastungen darstellen.
  • familiäre Zusammenhänge: Wie funktioniert das Zusammenleben mit Partnern oder Kindern - gelingt es, miteinander zu sprechen
  • spirituelle oder religiöse Belange: Die persönliche Lebenseinstellung hängt vom persönlichen Weltbild ab, sie ist bei vielen Menschen von Religion und Glaube mit geprägt. Diese Faktoren können Kraft geben. Die eigene Sicht kann aber auch zu zusätzlicher Belastung führen - zum Beispiel wenn die Krankheit als Strafe oder als eigenes Versagen empfunden wird.
  • körperliche Probleme: Hierzu gehören Aspekte wie Schlaflosigkeit, Schmerzen, Übelkeit, Erschöpfung, aber auch Veränderungen des Aussehens, etwa durch Haarausfall oder Hautausschlag. Nicht zuletzt können auch Operationen zu deutlichen Veränderungen des äußeren Erscheinungsbildes führen.

Ausmaß: Betroffene sind unterschiedlich stark belastet

Welche Reaktionen Betroffene bei Belastungen durch Krebs zeigen, lässt sich nicht vorhersagen. Menschen reagieren auf vergleichbare Umstände sehr unterschiedlich. Dazu tragen zum Beispiel Erfahrungen bei, die jemand in der Vergangenheit mit der Bewältigung von Krisen gemacht hat. Fachleute gehen aber davon aus, dass unabhängig von individuellen Gegebenheiten die Tumorart und die Schwere der Erkrankung das Risiko für seelische Probleme bei Krebspatienten beeinflussen. Die psychische Situation wird zudem von Krankheitsfolgen und Therapienebenwirkungen mitbestimmt, also von körperlichen Problemen wie etwa Schmerzen, Übelkeit oder Erschöpfung. Welche Nebenwirkungen im Einzelfall auftreten, hängt von der jeweiligen Krebserkrankung und der individuellen Therapie ab.

Manche Krankheitsphasen sind schwerer zu bewältigen als andere. Untersuchungen haben gezeigt, dass die seelische Belastung vergleichsweise hoch ist, wenn die Erkrankung fortgeschritten ist, also ein Tumor trotz Behandlung zurückgekommen ist oder Metastasen festgestellt werden.
Nicht selten sind auch die ersten Tage und Wochen nach der Diagnose Krebs besonders belastend. Manche Betroffenen empfinden auch die Zeit nach Abschluss der Behandlung als schwierig. Dies kann zum Beispiel daran liegen, dass die Sorge vor einem Rückfall weiterhin präsent ist oder der Wiedereinstieg in den Alltag schwerer fällt, als erwartet.

Häufigkeit: Wie viele Krebspatienten benötigen professionelle Unterstützung?

Zahlen und Daten
Wie viele Krebspatienten benötigen psychische Hilfen? Gesicherte Zahlen liegen noch nicht vor.

Nicht jeder spricht gerne über seine emotionale Befindlichkeit. Manchen Menschen sind ihre Gefühle peinlich, andere möchten sie sich nicht einmal selbst eingestehen. Für Außenstehende ist es oft schwer zu erkennen, ob Patienten "nur" niedergeschlagen sind und einfach Zeit für sich brauchen, oder ob sie professionelle Unterstützung benötigen. Diese Unsicherheit betrifft sowohl Angehörige und Freunde wie auch behandelnde Ärzte. Stark belastete Patienten können durch zielgerichtete Hilfsangebote aber neue Lebensqualität gewinnen.

Verlässliche Angaben dazu, wie viele Krebspatienten in Deutschland so stark belastet sind, dass sie Hilfe benötigen, gibt es bislang nicht. Zwar existieren einzelne Untersuchungen, diese sind aber kaum miteinander vergleichbar. Die untersuchten Patienten hatten unterschiedliche Krebserkrankungen und wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten während ihrer Erkrankung befragt. Entsprechend groß ist die Bandbreite der veröffentlichten Zahlen.

Deutsche Experten haben ihr Fachwissen zwischen 2009 und 2011 in den Nationalen Krebsplan eingebracht. Demnach benötigen 25 bis 30 von 100 Krebspatienten im Verlauf ihrer Erkrankung psychoonkologische Unterstützung. Diese Schätzungen sollen helfen, eine angemessene und bedarfsgerechte psychoonkologische Versorgung sicherzustellen.

Ein Schlaglicht auf das Thema wirft eine 2011 im Fachblatt "Lancet Oncology" veröffentlichte Arbeit. Die Autoren trugen hochwertige Studien aus mehreren Ländern zusammen und werteten sie neu aus. Dieses Vorgehen erhöht die Aussagekraft gegenüber Einzelstudien. Grundlage der Analyse waren Untersuchungen, die zwischen 1978 und 2010 veröffentlicht wurden.

Das Ergebnis: Einer von vier Krebspatienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung litt an einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Depression. Doch auch für einen von fünf Betroffenen mit einem Tumor in frühem oder mittlerem Stadium traf die Diagnose Depression zu. Die Wissenschaftler schlossen Patienten aus, die bereits vor ihrer Erkrankung von psychischen Problemen berichtet hatten. Der Grund: Menschen, die schon vor einer Krebserkrankung an Depressionen oder starken Ängsten litten, tragen ein höheres Risiko, dass dies während einer Tumorerkrankung erneut der Fall sein wird.

Diagnose: Wie Patienten die Hilfe bekommen, die sie benötigen

Es ist normal, dass Patienten angesichts ihrer schweren und oft lebensbedrohlichen Krankheit zeitweise niedergeschlagen oder ängstlich sind. Manchmal ist die seelische Belastung aber so hoch, dass sie die Lebensqualität dauerhaft beeinträchtigt. Symptome können Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und Antriebsverlust sein, ebenso wie ständiges Grübeln, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Ob eher seelische Ursachen oder eher körperliche Probleme und Nebenwirkungen von Krebserkrankung und -therapie dafür verantwortlich sind, muss im Einzelfall abgeklärt werden. Durch passende Hilfsangebote können Betroffene aber neue Lebensqualität gewinnen, mehr dazu im Textabschnitt "Professionelle Unterstützung: Von Beratung bis Therapie".

In vielen Akut- und Rehakliniken, psychoszialen Krebsberatungsstellen und psychotherapeutischen Praxen mit psychoonkologischem Schwerpunkt kann die Belastung im Rahmen eines Gesprächs mit Fachleuten eingeschätzt werden. Zum Teil werden auch Fragebögen eingesetzt, um die Situation von Patienten zu erfassen. So lässt sich in schnell das Ausmaß ihrer Belastung abschätzen. Kurze Tests können in zwei bis drei Minuten ausgefüllt werden, andere benötigen etwas mehr Zeit. Eine Übersicht über entsprechende Verfahren bietet die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie (PSO) auf www.krebsgesellschaft.de/download/pso_broschuere.pdf. Die Broschüre richtet sich an Fachleute.

Einfache Hilfen: Was Betroffene selbst tun können

Es ist vollkommen normal, dass man sich als Krebspatient phasenweise schlecht fühlt, traurig ist oder Wut verspürt. Was können Betroffene im Alltag tun, damit es ihnen besser geht? Der Krebsinformationsdienst hat einige Hinweise zusammengetragen. Wie wirksam solche einfachen Maßnahmen sind und ob sie jedem Patienten helfen, wurde allerdings nicht in hochwertigen Studien untersucht.

  • Die Stimmung lässt sich oft schon durch kleine Freuden aufhellen: Die Lieblingsmusik zu hören oder sich geschätzten Fernseh- oder Radioprogrammen zu widmen, sorgt für Ablenkung. Wer ins Theater, Konzert oder Kino geht, kann so die Alltagsroutine auflockern. Wer gerne unter Menschen ist, kann durch Beibehalten wenigstens eines Teils der gewohnten Aktivitäten der Tendenz zum Rückzug vorbeugen. Erlaubt ist, was Spaß macht und gesundheitlich möglich ist. Manchmal hilft es, Termine für schöne Dinge im Kalender zu notieren. So hat man etwas, auf das man sich im Voraus freuen kann.
  • Sofern aus gesundheitlicher Sicht nichts dagegen spricht, kann Sport oder körperliche Bewegung helfen, sich besser zu fühlen. Schon ein Spaziergang tut gut.
  • Über Krankheit und Gefühle zu sprechen, kann für manche Betroffene erleichternd wirken. Ansprechpartner können Partner, Verwandte oder Freunde sein. Wer auf der Suche nach Menschen ist, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, findet diese über Selbsthilfeorganisationen.
  • Manche Patienten sind gezwungen, sich über einen längeren Zeitraum in einem Raum aufzuhalten, zum Beispiel wegen eines andauernden Krankenhausaufenthaltes oder eingeschränkter Beweglichkeit. Es kann Patienten helfen, das Zimmer so zu gestalten, dass sie sich dort wohlfühlen. Beispielsweise verleihen Fotos oder gemalte Bilder von Kindern, Enkelkindern oder Freunden eine persönliche Note. Sind Betroffene zu Hause, können sie ihrem Gestaltungswillen freien Lauf lassen. Im Krankenhaus sollten sie mit dem Pflegepersonal abklären, was möglich ist.
  • Wen die eigenen Emotionen beunruhigen, dem kann es helfen, Informationen einzuholen. Manchmal ist es gut zu wissen, dass das eigene Erleben "normal" ist. Ansprechpartner können zum Beispiel Pflegefachkräfte, Ärzte oder psychoonkologisch qualifizierte Fachleute sein.

Wenn Patienten oder ihre Angehörigen den Eindruck haben, dass Niedergeschlagenheit oder andere psychische Beeinträchtigungen trotz aller eigener Aktivitäten gar nicht mehr verschwinden, ist es sinnvoll, professionelle Hilfe zu suchen .

Entspannungstechniken: Gängige Verfahren und wo sie angeboten werden

Entspannungsverfahren
Übungen, die Menschen helfen, zur Ruhe zu kommen.

In Zeiten innerer Unruhe und äußerer Belastung kann es schwerfallen, zur Ruhe zu kommen. Hier können Entspannungsverfahren helfen. Oft sind diese Techniken Teil von therapeutischen Angeboten für Krebspatienten. Diese finden beispielsweise in Krankenhäusern oder Rehakliniken statt. Interessierte können die Grundlagen auch unabhängig davon erlernen. Kurse finden beispielsweise in Krebsberatungsstellen, Volkshochschulen, Fitnessstudios oder Sportvereinen statt. Erste Fragen beantworten Ärzte, Pflegekräfte oder Psychoonkologen. Viele gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten für Kurse anderer Anbieter, auch außerhalb von Krankenhäusern und Rehakliniken. Wer sich unsicher ist, sollte aber wegen der Kostenübernahme Rücksprache mit seiner Krankenversicherung halten. Bei privaten Versicherungen hängt es vom Tarif ab, welche Leistungen übernommen werden.

Welche Verfahren sind gängig? Die folgenden Methoden werden in der Fachliteratur häufig aufgeführt:

  • Autogenes Training: Mit formelhaften Worten nimmt man Einfluss auf Körperfunktionen, um sich zu entspannen, zum Beispiel "mein Arm wird ganz schwer". Fachleute sprechen von "Autosuggestion".
  • Progressive Muskelentspannung nach Jacobson: In einfachen Übungen werden die Muskeln systematisch angespannt und wieder entspannt. Ziel sind unter anderem innere Ruhe und Gelassenheit, verbesserte Schlaf- und Erholungsfähigkeiten sowie verbesserte Stress- und Angstbewältigung.
  • Imaginationstechniken: Hierunter werden verschiedene Techniken zusammengefasst, die mit inneren Vorstellungsbildern arbeiten. Mithilfe dieser Verfahren soll es Patienten möglich werden, emotionale Belastungen gezielt und kontrolliert zu bearbeiten.

Untersuchungen haben allgemein gezeigt, dass Entspannungstechniken bei größeren Belastungen wie Depressionen helfen können. Wirksamer als Entspannungstechniken alleine sind aber umfassendere psychotherapeutische Verfahren wie etwa die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei können auch Techniken aus Entspannungsverfahren zum Einsatz kommen können.

Patienten, denen solche Verfahren eher schwerfallen, weil sie die "Ruhigstellung" nicht ertragen, fühlen sich meist wohler mit Ansätzen, die Entspannung durch körperliche Aktivität erreichen, etwa Bewegungsübungen oder Gymnastik unter Anleitung.

Kreativer Ausdruck: Kunst- und Musiktherapie und weitere Ansätze

Reha-Kliniken und manche Krebsberatungsstellen bieten oft Kunst- und Gestaltungstherapie, Schreib-Therapie, Tanztherapie, Musiktherapie, körperorientierte Ansätze wie Yoga oder ähnliche Verfahren an. Zusammenfassend sprechen manche Fachleute von Mind-Body-Interventionen. Sie sollen Patienten insbesondere beim Umgang mit belastenden Gefühlen und allgemein bei der Krankheitsverarbeitung unterstützen. Auch wenn sie häufig angewendet werden, ist die wissenschaftliche Erforschung ihrer Wirksamkeit noch in ihren Anfängen.

Die Musiktherapie ist bisher am besten untersucht worden. Im Jahr 2011 haben Wissenschaftler der Cochrane Collaboration bisher vorliegenden Studien neu ausgewertet. Nach Einschätzung der Fachleute enthalten diese Arbeiten möglicherweise verzerrte Ergebnisse. Insgesamt zeigen die ausgewerteten Studien, dass Musiktherapie einen positiven Einfluss auf Angst, Schmerzen, Stimmung und Lebensqualität haben kann. Die Cochrane Collaboration ist ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten, mehr dazu hier.

Die Cochrane-Wissenschaftler haben zudem einige Arbeiten zur Tanz- und Bewegungstherapie ausgewertet. Ob entsprechende Angebote helfen, mit den seelischen und körperlichen Folgen einer Krebserkrankung zurechtzukommen, bleibt offen. Denn, so die Cochrane-Autoren: Bislang liegen einfach zu wenige wissenschaftliche Arbeiten zu dieser Fragestellung vor. 

Professionelle Unterstützung: Von Beratung bis Therapie

Psychoonkologen

Es gibt Situationen, in denen Betroffene von professioneller Hilfe profitieren. Dabei geht es nicht immer um Psychotherapie. So unterschiedlich Patienten und ihre Belastungen sind, so unterschiedlich ist auch die Hilfe, die sie benötigen. Das gilt auch für die Dauer: Handelt es sich um eine kurzfristige Hilfe in einer akuten Krisensituation - eine Krisenintervention - oder eine langfristige Unterstützung?

Ziel ist, das Leben mit oder nach einer Krebserkrankung besser zu bewältigen. Psychoonkologen unterstützen Patienten dabei, neue oder alte Lebensprobleme zu lösen. Für erste Kontakte eigenen sich psychoonkologische Beratungsangebote in Krankenhäusern und Krebsberatungsstellen. Diese vermitteln auch weiterführende Hilfen.

"Erste Hilfe": Psychoonkologische Beratungsangebote

Experten unterscheiden grob zwischen "Beratung" und psychotherapeutischer Behandlung. Beratungsangebote bieten eine "erste Hilfe" im Umgang mit der Erkrankungssituation. Dabei kann es um Informationen zur Krankheit, Hilfe bei sozialrechtlichen Fragen oder auch die Vermittlung von weiteren Anlaufstellen gehen.

Wichtig
Wissen hilft gegen Angst.

Was ist mit sozialrechtlichen Fragen gemeint? Wenn Patienten beispielsweise unsicher sind, welche Versicherungs- oder andere Sozialleistungen ihnen zustehen, wenn sie Angst vor Armut, Sorge um die berufliche Situation oder Fragen zur Rehabilitation haben - dann hilft es oft, zusammen mit entsprechenden Fachleuten konkrete Lösungen zu erarbeiten. Dies ist häufig das Spezialgebiet von Sozialarbeitern oder Sozialpädagogen, aber auch psychoonkologisch weitergebildete Berater mit anderen Grundberufen können erste Hilfestellungen geben. Im Idealfall setzen sich die Mitarbeiter einer Krebsberatungsstelle aus unterschiedlichen Berufsgruppen zusammen, mehr dazu im Text "Psychoonkologie als Fachgebiet".

Wenn sich Betroffene vor starken Schmerzen fürchten oder andere konkrete Ängste haben, kann die Beratung auch auf das Vermitteln von Informationen zur Wahrscheinlichkeit solcher Probleme und ihrer Behandlung abzielen. Oft sind Fakten weniger bedrohlich als die eigene Fantasie.

Psychotherapie: Was ist das, wann wird sie angewendet?

Über den Schatten springen
Wer nach einer Krebserkrankung Hilfe bei Psychotherapeuten sucht, muss keine Angst davor haben, "verrückt" zu sein.

Bei Krebspatienten ist der Übergang zwischen einfacheren Hilfestellungen und psychotherapeutischer Behandlung oft fließend. Was ist der Grund dafür? Viele Betroffene sind so belastet, dass sie Unterstützung benötigen. Nicht immer handelt es sich aber um eine ausgeprägte psychische Störung wie eine Depression. Im Verdachtsfall sollte Hilfe von Fachleuten eingeholt werden.

Eine Psychotherapie geht über reine "Beratung" hinaus. Psychotherapeutische Verfahren können helfen, wenn seelische Probleme zu lösen sind. Die Unterstützung ist in der Regel längerfristig angelegt. Sie erfolgt auf Grundlage regelmäßiger Gespräche.

Patienten und Angehörige, die einer solchen professionellen Unterstützung skeptisch gegenüberstehen, sollten bedenken: In Phasen, die von großer Niedergeschlagenheit oder starken Ängsten geprägt sind, können sich Betroffene nicht "einfach mal zusammenreißen". Manche Patienten befürchten vielleicht, für "verrückt" gehalten zu werden. Aber: Eine Krebserkrankung stellt eine Ausnahmesituation dar. Sie stellt Betroffene vor große Anforderungen. Wer feststellt, dass er Unterstützung braucht, ist nicht "verrückt", sondern handelt sich selbst gegenüber verantwortungsvoll. Ziel der Unterstützung ist vor allem der längerfristige Gewinn an Lebensqualität.

Entsprechende Hilfen erhalten Betroffene vor allem bei niedergelassenen Psychotherapeuten, die in eigener Praxis tätig sind. Manche Behandlungsansätze werden in Gruppen angeboten. Dabei können sich Patienten auch untereinander kennenlernen. Überwiegend finden Psychotherapien jedoch in Form von Einzelgesprächen statt.

Allgemein werden unter dem Begriff Psychotherapie verschiedene Verfahren zusammengefasst, die bei seelischem Leid helfen können. Wie lange die Behandlung dauert, lässt sich nicht vorab sagen; dies hängt vom gewählten Therapieverfahren und dem Anlass der Therapie ab. Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Therapeut und Patient ist wesentliche Voraussetzung einer erfolgreichen Behandlung. Konkret unterscheiden sich die Ansätze deutlich. Eine Übersicht bietet das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) unter www.gesundheitsinformation.de/merkblatt-wegweiser-psychotherapie.204.de.html.

Psychische Hilfe: Für wen?
Spätestens, wenn die Anforderungen des Alltags über Wochen hinweg nicht bewältigt werden können.

Angezeigt ist eine Psychotherapie beispielsweise bei Patienten, bei denen schon vor der Krebserkrankung seelische Erkrankungen bestanden. In diesen Fällen wird ihre bisherige Behandlung an die veränderten Umstände angepasst. Auch posttraumatische Belastungsreaktionen nach sehr intensiven Krebstherapien oder besonders kritischen Situationen im Verlauf der Erkrankung sind Anlass für eine Behandlung durch Fachleute. Grundsätzlich gilt: Hilfe von Psychologen oder Psychiatern sollte spätestens dann eingeholt werden, wenn die Anforderungen des Alltags aufgrund der seelischen Belastung über mehrere Wochen hinweg nicht mehr bewältigt werden können. Relevante seelische Erkrankungen sind:

  • Anpassungsstörung: Zustand emotionaler Beeinträchtigung ("Lebenskrise") als Folge eines belastenden Ereignisses, das die bisherige Ordnung durcheinanderbringt.
  • Depression: Eine Depression ist etwas anderes als "normale" Niedergeschlagenheit. Kennzeichen sind eine dauerhaft gedrückte Stimmung, Antriebs- oder Freudlosigkeit und allgemeines Desinteresse.
  • Angst-Störung: allgemein eine unkontrollierbare, den Alltag störende Ängstlichkeit. Bei Tumorpatienten kann sich die Furcht auf sehr reale Gefahren beziehen.
  • Posttraumatische Belastungsstörung: Typisch sind Gedanken und Erinnerungen an eine traumatische Erfahrung, etwa in Form von Bildern, Albträumen, wiederholtes Durchleben von Situationen oder auch Erinnerungslücken.

Medikamentöse Behandlung: Was sind Psychopharmaka?

Bei schwerwiegenden seelischen Erkrankungen werden Betroffene mit Medikamenten behandelt. Sie können nur von Ärzten verschrieben werden. Ärzte, die sich auf die Behandlung psychischer Probleme spezialisiert haben, sind vor allem Psychiater. Daneben gibt es weitere Mediziner, die Patienten mit seelischen Problemen betreuen, beispielsweise Fachärzte für psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Die entsprechenden Medikamente werden als Psychopharmaka bezeichnet. Sie beeinflussen die Konzentration bestimmter Botenstoffe im Gehirn, meist von Serotonin und Noradrenalin. Patienten werden durch die Behandlung nicht automatisch von allen Sorgen befreit. Verläuft die Therapie erfolgreich, lässt aber zum Beispiel das ständige Grübeln nach, ist die Angst weniger überwältigend, verbessert sich das Konzentrationsvermögen. Bis sich eine Wirkung auf die Stimmungslage zeigt, dauert es oft etwa zwei Wochen. Manchmal müssen Ärzte auch mehrere Medikamente ausprobieren, bis sich ein passendes findet. Wie die meisten Arzneimittel haben auch Psychopharmaka Nebenwirkungen. Beeinträchtigen diese die Lebensqualität, muss möglicherweise die Behandlung angepasst werden. Um Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auszuschließen, sollten Betroffene immer allen behandelnden Ärzten mitteilen, was sie einnehmen.

Psychotherapie gegen Krebs: Gibt es das?

Nicht bewiesen
Überzeugende Nachweise, dass eine Behandlung der Psyche gegen Krebs hilft, gibt es bislang nicht.

Seriöse Therapeuten wollen Krebspatienten helfen, mit psychischen und sozialen Problemen zurechtzukommen. Einen Einfluss auf das Tumorleiden versprechen sie nicht. Aus gutem Grund: Ein direkter Zusammenhang zwischen Psychotherapie einerseits sowie Krankheitsverlauf und Überlebenszeit andererseits konnte bisher nicht überzeugend nachgewiesen werden. Ansätze wie die von OC Simonton ("Wieder gesund werden") zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte oder Lawrence LeShan ("Psychotherapie gegen Krebs") haben die Forschung zwar intensiv beschäftigt und zum Teil auch wichtige Anregungen erbracht. Falls es bei manchen Krebsarten einen solchen Einfluss gibt, so ist er nach derzeitigem Kenntnisstand zumindest gering.

Umstrittener sind andere, zum Teil auch weltanschaulich oder religiös geprägte Ansätze: Viele dieser Theorien gehen davon aus, dass Krebs auf seelische Ursachen zurückgeht. Um die körperliche Krankheit in den Griff zu bekommen, müsse demnach eine psychische Therapie eingesetzt werden. Damit ist in der Regel allerdings keine der anerkannten, wissenschaftlich untersuchten Psychotherapieverfahren gemeint. Kritiker merken zu vielen solchen Programmen an, dass ein (positiver) Einfluss auf den Krankheitsverlauf nicht nachgewiesen ist. Darüber hinaus machen einige Angebote indirekt die Patienten für die Erkrankung und den Krankheitsverlauf verantwortlich. Dies kann bei Betroffenen zu Schuldgefühlen führen und der Vorstellung, sie hätten etwas "falsch" gemacht und so ihre Erkrankung selbst ausgelöst oder verschlimmert. Bei nicht wenigen Angeboten entstehen Patienten oder ihren Angehörigen zudem hohe Kosten, weil diese nicht von gesetzlichen oder privaten Krankenversicherungen übernommen werden.

Kosten: Wer zahlt die psychoonkologische Unterstützung?

Psychologische Hilfen im Rahmen eines stationären Krankenhausaufenthaltes oder der stationären Rehabilitation und Anschlussheilbehandlung sind durch die Kostenübernahme der Krankenversicherung mit abgedeckt. Das gilt auch für eventuell verschriebene Medikamente wie Psychopharmaka.

Die mehr oder weniger kurzfristige Beratung und Betreuung in den regionalen Krebsberatungsstellen ist derzeit meist kostenlos, abhängig vom Träger des jeweiligen Angebots. Ob weitere Angebote der Krebsberatungsstellen, zum Beispiel Entspannungskurse, kostenpflichtig sind, muss im Einzelfall erfragt werden. Die Beratungsstellen helfen dann aber auch mit Informationen weiter, ob die gesetzlichen Krankenversicherungen einen Zuschuss geben.

Für Patienten, die eine Betreuung und Behandlung außerhalb des Krankenhausaufenthalts wünschen, sind ambulant zugängliche Psychoonkologen wichtige Ansprechpartner. Eine Übersicht findet sich in der Rubrik Wegweiser unter "Ambulante Psychoonkologie: Psychotherapeutisch arbeitende Psychoonkologen mit anerkannter Weiterbildung". Grundsätzlich übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für Psychotherapie, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind: Es muss sich um ein von den Kassen anerkanntes Verfahren handeln (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder analytische Psychotherapie), und der Therapeut muss über eine sogenannte Kassenzulassung verfügen. Bei privaten Krankenversicherungen kommt es auf den abgeschlossenen Tarif an.

Weitere Informationen für Interessierte und Fachkreise

Deutschsprachige Einführung: Schwarz R, Singer S (2008). Einführung Psychosoziale Onkologie.

Im Internet zugängliches Fachbuch: Heußner P, Besseler M, Dietzelfelbinger H, Fegg M, Lang K, Mehl U, Pouget-Schors D, Riedner C, Sellschopp A (Hrsg.) (2009). Manual Psychoonkologie. Frei zugänglich auf www.tumorzentrum-muenchen.de unter der Rubrik "Manuale", Stichwort "Psychoonkologie".

Fachbuch der Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation und Sozialmedizin der Deutschen Krebsgesellschaft: Link H, Bokemeyer C, Feyer P (Hrsg.) (2006). Supportivtherapie bei malignen Erkrankungen. Zugänglich auf www.onkosupport.de unter der Rubrik "Supportivtherapie". Kapitel 19 befasst sich mit psychoonkologischen Themen.

Englischsprachiges Fachbuch: Holland JC, Breitbart WS, Jacobsen PB, Lederberg MS, Loscalzo MJ, McCorkle R (2010). Psycho-Oncology. Second Edition.

US-Leitlinie: National Comprehensive Cancer Network (2010). Distress Management. V.I.2010. Für registrierte Nutzer unter www.nccn.org kostenlos einsehbar.

Das Bundesgesundheitsblatt widmet sich in Ausgabe 1/2011 intensiv dem Thema "chronische körperliche Erkrankungen und psychische Komorbidität". Für diesen Text wurden folgende Arbeiten berücksichtigt:
Koch U, Mehnert A, Härter M (2011). Chronische körperliche Erkrankungen und psychische Komorbidität. Bundesgesundheitsblatt 54: 1-3. doi: 10.1007/s00103-010-1196-7.
Weis J, Boehncke A (2011). Psychische Komorbidität bei Krebserkrankungen. Bundesgesundheitsblatt 54: 46-51. doi: 10.1007/s00103-010-1184-y.

Deutschsprachiger Fachartikel zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen: Singer S, Bringmann H, Hauss J, Kortmann RD, Köhler U, Krauß O, Schwarz R (2007). Häufigkeit psychischer Begleiterkrankungen und der Wunsch nach psychosozialer Unterstützung bei Tumorpatienten im Akutkrankenhaus. Deutsche Medizinische Wochenschrift 132: 2071-2076. doi: 10.1055/s-2007-985643

Metaanalyse zur Prävalenz psychischer Probleme bei Krebspatienten: Mitchell AJ, Chan M, Bhatti H, Halton M, Grassi L, Johansen C, Meader N (2011). Prevalence of depression, anxiety, and adjustment disorder in oncological, haematological, and palliative-care settings: a meta-analysis of 94 interview based studies. Lancet Oncology 12: 160-74. doi: 10.1016/S1470-2045(11)70002-X.

Übersicht zu Screeningverfahren in der Psychoonkologie: Herschbach P, Weis J (2008). Testinstrumente zur Identifikation betreuungsbedürftiger Krebspatienten. Eine Empfehlung der PSO für die psychoonkologische Behandlungspraxis. Im Internet frei zugänglich unter www.krebsgesellschaft.de/download/pso_broschuere.pdf.

Übersichtsartikel zur Wirksamkeit psychosozialer Unterstützung: Faller H (2011). Evidenzbasierung psychoonkologischer Maßnahmen. Der Onkologe, online. doi: 10.1007/s00761-011-2144-3.

Psychische Unterstützung und ihr Einfluss auf den Krankheitsverlauf: Edwards AGK, Hulbert-Williams N, Neal RD. Psychological interventions for women with metastatic breast cancer. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 3. doi: 10.1002/14651858.CD004253.pub3.

Entspannungsverfahren bei Depression: Jorm AF, Morgan AJ, Hetrick SE (2008). Relaxation for depression. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 4. doi: 10.1002/14651858.CD007142.pub2.

Musiktherapie bei Krebs: Bradt J, Dileo C, Grocke D, Magill L (2011). Music interventions for improving psychological and physical outcomes in cancer patients. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 8. doi: 10.1002/14651858.CD006911.pub2. Zusammenfassung: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD006911.pub2/abstract

Tanztherapie für Krebspatienten: Bradt J, Goodill SW, Dileo C (2011). Dance/movement therapy for improving psychological and physical outcomes in cancer patients. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 10. doi: 10.1002/14651858.CD007103.pub2. Zusammenfassung: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD007103.pub2/abstract



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