
Gerne stehen die Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes Ihnen für weitere Auskünfte zur Verfügung – rufen Sie uns an: 0800 – 4 20 30 40, täglich von 8.00 bis 20.00 Uhr. Ihr Anruf ist für Sie kostenlos. Oder schreiben Sie eine E-Mail an krebsinformationsdienst@dkfz.deAuf der Suche nach Ursachen für eine Krebserkrankung stellen viele Menschen spontan einen Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und Krebs her. In Studien konnte bisher kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Stress, Depression oder bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und der Krebsentstehung gefunden werden. Dieser Text geht näher auf mögliche Zusammenhänge ein. Die Informationen richten sich an Krebspatienten, Angehörige und Interessierte. Verwendete Quellen finden sich am Ende dieses Textes.
Die Vermutung, dass psychische Belastungen sich körperlich auswirken und damit die Gesundheit beeinflussen können, gibt es schon lange. Viele Menschen nehmen einen Zusammenhang als mehr oder weniger gesichert an. Dass die Psyche das Verhalten bestimmt, liegt auf der Hand: Wer Stress oder Ärger mit Zigaretten und Alkohol begegnet, hat auch ein höheres Krebsrisiko.
Doch eine häufige Vermutung verknüpft die Psyche noch enger mit der Krebsentstehung: über das Immunsystem, dem wiederum bei der Krebsentstehung eine große Rolle zugemessen wird. Schon im Stoffwechsel und bei körperlichen Funktionen, die sich nicht willentlich kontrollieren oder ändern lassen, soll dieser Zusammenhang entstehen. Was ist wirklich dran an dieser Vermutung? Pauschale Aussagen wie "Ein schwaches Immunsystem führt zu Krebs" sind nicht haltbar. Eine klare Ursache-Wirkungs-Kette von psychischen Einflüssen auf das Immunsystem bis hin zur Krebsentstehung ist bisher nicht nachgewiesen worden.
Zwar konnte gezeigt werden, dass sich einzelne Immunreaktionen infolge psychosozialer Belastungen messbar verändern. Die Funktionen des Immunsystems sind aber sehr komplex. Tumorzellen entkommen der Kontrolle des Immunsystems in der Regel nicht, weil das Immunsystem eines Menschen "geschwächt" ist oder sogar "versagt" hat: In Wirklichkeit sind Krebszellen für den Körper nicht fremd genug, um als "Feind" erkannt zu werden, mehr dazu im Text "Häufig gestellte Fragen zu Krebs und Immunsystem". Zusammenhänge mit einer deutlich ausgeprägten Immunschwäche kennt man allenfalls bei den Tumorarten, bei deren Entstehung Viren eine Rolle spielen.
Da bei der Entstehung einer Krebserkrankung immer mehrere, bisher nur teilweise bekannte Faktoren zusammenwirken, ist die Gewichtung möglicher psychischer Einflüsse insgesamt nicht leicht. In keinem Fall sind eingleisige Zuordnungen gerechtfertigt, etwa "wer viel Kummer oder Stress hat, bekommt leichter Krebs".
Die meisten Daten liegen derzeit aus sogenannten epidemiologischen Studien vor, in denen Wissenschaftler größere Bevölkerungsgruppen über ihr Leben und mögliche Krebsrisikofaktoren befragten. Solche Untersuchungen können prospektiv, also vorausschauend sein, oder retrospektiv, also Daten im Rückblick erfassen. Sie ergaben für Kummer, Depression oder belastende Lebensereignisse bisher kein sicheres Bild. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass Zusammenhänge - wenn sie vorhanden sein sollten - eher indirekt sind. Das heißt: Kummer, Depression oder andere psychische Belastungen haben vor allem eine Bedeutung, wenn sie zu gesteigertem Alkohol- und Tabakkonsum oder zu anderen Risikofaktoren führen.
Schon der griechische Arzt Hippokrates vermutete vor mehr als 2000 Jahren Zusammenhänge zwischen Unstimmigkeiten im seelischen Gleichgewicht und der Entstehung von Krebs. In abgewandelter Form wird über das Konzept einer "Krebspersönlichkeit" bis heute spekuliert. Beispielsweise diskutierten Fachleute, ob grundlegende Persönlichkeitseigenschaften wie Unterwürfigkeit, Angepasstheit, Unsicherheit und schwacher Ausdruck negativer Gefühle wie Ärger einen Einfluss auf die Krebsentstehung hätten.
Kritiker bringen verschiedene Argumente gegen eine solche Sichtweise vor. So gebe es kaum Menschen, auf die diese Beschreibung vollkommen und lebenslang zutrifft. Auch ein plausibler biologischer Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und der Entstehung von Tumorzellen fehlt. Rückblickende (retrospektive) Studien, auf die viele Befürworter des Konzepts der Krebspersönlichkeit ihre Aussagen aufbauen, seien verzerrt. Ein typischer Fehler: Im Nachhinein seien Krebspatienten eher bereit, ihre Persönlichkeit mit ihrer Erkrankung in Verbindung zu bringen, weil sie nach einer greifbaren Ursache für das biologische Geschehen suchen. Dafür ist, so die Kritiker, vor allem die nachvollziehbare Suche nach einer Antwort auf die Frage "Warum gerade ich?" verantwortlich.
In vielen Texten, die sich an Menschen ohne fachliche Ausbildung in der Medizin richten, werden Zusammenhänge von Persönlichkeitsmerkmalen und Tumorrisiko bis heute fälschlich als erwiesen dargestellt. Einige Experten sehen die Existenz einer Krebspersönlichkeit als widerlegt an. Andere verweisen darauf, dass die derzeitige Datenlage eine abschließende Bewertung weder zugunsten der einen noch der anderen Sichtweise unterstützt.
Aus dem derzeit noch sehr bruchstückhaften Wissen über seelische Einflüsse auf die Krebsentstehung lassen sich keine Rezepte für die Lebensführung ableiten. Außer dem Rat, bekannte krebsfördernde Risiken zu vermeiden, sich viel zu bewegen und gesund zu ernähren, gibt es keine Empfehlung für eine Lebensweise mit "Gesundheitsgarantie". Als gesundheitsfördernd im umfassenderen Sinn sollte man alles betrachten, was zum individuellen seelischen Wohlbefinden beiträgt.
Auch für Krebspatienten gilt: Viele der immer wieder als besonders wichtig angepriesenen Formen der Krankheitsbewältigung, etwa ein positives Denken oder die völlige Veränderung der bisherigen Lebenssituation, sind kein "Muss" für Betroffene, mehr dazu im Text "Krankheitsverarbeitung".
Psychosoziale Krebsberatungsstellen gibt es in vielen Städten und Gemeinden. Sie können eine erste Anlaufstelle für Patienten und Angehörige sein, die sich bei der Verarbeitung ihrer Situation auch mit möglichen psychischen Risikofaktoren auseinandersetzen. Eine Liste niedergelassener Psychoonkologen mit besonderer Weiterbildung bietet der Krebsinformationsdienst ebenfalls an.
Hintergründe zu verschiedenen Aspekten der Krankheitsverarbeitung hat der Krebsinformationsdienst in eigenen Texten zusammengestellt. Die Übersicht findet sich unter "Krankheitsverarbeitung: Umgang mit einer Krebserkrankung".