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Die Diagnose Krebs erleben viele Betroffene als existenzielle
Bedrohung. Mit jeder Veränderung des Gesundheitszustands, aber auch mit
jeder Etappe der medizinischen Behandlung ergeben sich Situationen, die
so noch nie durchlebt wurden. Krebspatienten müssen sich neu
orientieren, sie müssen Möglichkeiten finden, mit den veränderten
Bedingungen zurechtzukommen. Dieser Prozess wird unter dem Begriff
Krankheitsverarbeitung zusammengefasst. Fachleute verwenden hierfür den
Begriff „Coping“. Was hilft Betroffenen auf diesem Weg? Müssen
Patienten - und ihre Angehörigen – „einfach nur positiv denken“? Oder
schadet es nicht, gelegentlich auch einmal den Kopf in den Sand zu
stecken?
Welche Strategien heute Experten Betroffenen empfehlen, hat der Krebsinformationsdienst im folgenden Text aufgeführt.
Jeder Krebspatient erlebt es früher oder später: Aus dem persönlichen Umfeld kommen Ratschläge und Empfehlungen, wie man die Situation am besten in den Griff bekommen könnte. Das ist meist gut gemeint und kommt doch oft ungebeten und ohne Kenntnis der individuellen Lage. Einen großen Raum nimmt in solchen Gesprächen häufig die Aufforderung zum „positiven Denken“ ein. Der Ratschlag von Verwandten, Freunden oder Kollegen, man solle sich von dem Tumor nur nicht unterkriegen lassen, ist dabei nicht selten Ausdruck ihrer eigenen Angst vor der Krankheit Krebs. Auch die Medien berichten mit Vorliebe von Menschen, die trotz Krebs aktiv sind oder den Krebs „besiegt“ haben.
Zwischen einer positiven Erwartungshaltung im Sinne von Hoffnung, eine schwierige Situation gut bewältigen zu können, und dem Prinzip des verordneten "positiven Denkens" bestehen jedoch große Unterschiede: Hoffnung ist eine umfassende emotionale und unter Umständen handlungsleitende Ausrichtung des Menschen auf Zukunft. Hoffnung erlaubt es, auch in schwierigen Situationen Pläne zu machen.
Die Empfehlung oder sogar die Aufforderung zum „Kämpfen“, zum „positiven Denken“, die Krebspatienten nicht selten erhalten, gehen über Hoffnung und Zuversicht dagegen oft weit hinaus, sie fordern Leistung vom Krebspatienten ein. Das Konzept des Kämpfens setzt zudem voraus, dass eine Beeinflussung des Krankheitsgeschehens durch die innere Einstellung wissenschaftlich gesichert sei. Stimmt das, hat positives Denken wirklich einen so hohen Stellenwert? Lässt sich eine Krebserkrankung tatsächlich durch die innere Haltung beeinflussen? Schadet es womöglich, wenn man auch Tage der Niedergeschlagenheit erlebt?
Wer dem Konzept „positives Denken“ folgt, wer davon ausgeht, nur durch ständiges „Kämpfen“ könne man Krebs „besiegen“, ist sich oft nicht bewusst, unter welch hohen Druck er sich selbst oder den betroffenen Patienten damit setzt: Verläuft zum Beispiel eine Therapie nicht so wie erhofft, könnte dies allzu leicht als persönliches Versagen gedeutet werden. Tage der Niedergeschlagenheit wären dann nicht nur belastend, sondern würden darüber hinaus noch zum Auslöser von Schuldgefühlen. In einem bereits 1995 erschienenen Fachartikel wird der auf Patienten ausgeübte Druck zum „positiven Denken“ dementsprechend auch als „unfaire Last“ bezeichnet.
Insgesamt scheint der Einfluss „positiven Denkens“ und ähnlicher aktiver Herangehensweisen auf die Prognose also überschätzt zu werden: Spontanheilungen aufgrund von "positivem Denken" halten Experten auf jeden Fall für ausgeschlossen. Auch konnte keine der neueren wissenschaftlichen Untersuchungen eindeutige Anhaltspunkte dafür finden, dass eine „ganz bestimmte Art“ des Umgangs mit der Krankheit, dass „positives Denken“ besonders günstig für den Verlauf sei oder womöglich das Leben verlängern könne.
Hinter der veränderten Sichtweise auf manche früher empfohlene
Strategie steht auch die Erkenntnis: Die Auseinandersetzung mit
Lebenskrisen ist für jeden Menschen etwas Einzigartiges. Dies gilt
ebenso für eine Krebserkrankung. So individuell unterschiedlich wie die
jeweilige Erkrankungssituation sind auch die persönlichen Möglichkeiten
der Bewältigung. Schon aus diesem Grund kann eine allgemeingültige Empfehlung nie allen Betroffenen gerecht werden oder für alle Lebensumstände passend sein.
Eine Krankheitsverarbeitung geschieht nicht von heute auf morgen. Sie ist ein individueller Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum erstreckt. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit immer wieder neuen Anforderungen, die aus der Therapie, der Nachsorge und der Rückkehr in den Alltag resultieren. Im Verlauf einer Krebserkrankung sind daher immer wieder andere Bewältigungsanstrengungen angemessen. Dieser Aspekt wurde bei früheren Untersuchungen zu wenig berücksichtigt: Sie beruhten oft auf der Befragung von Krebspatienten zu ihren Bewältigungsstrategien nur zu einem einzigen Zeitpunkt.
Ist es also unerheblich, wie man an die Erkrankung herangeht? Nach wie vor ist in weiten Bereichen ungeklärt, ob und vor allem wie seelische Faktoren den Krankheitsverlauf und die Überlebenszeit beeinflussen können.
Nur wenige Punkte gelten als belegt: Eine aktive Haltung erzeugt
das Gefühl, selbst etwas zum eigenen Befinden beitragen zu können. Vor
allem der Umgang mit Ängsten wird für Betroffene oft leichter, wenn sie
sich nicht völlig der Krankheit ausgeliefert fühlen, mehr dazu beim
Stichwort Angst.
Als unbestritten gilt auch: Gelingt Patienten im Sinn einer positiven
Krankheitsverarbeitung die Neuorientierung, geht dies mit einer
besseren Lebensqualität einher.
Dementsprechend gibt es keine eindeutige oder einfache
wissenschaftlich belegte Empfehlung darüber, welches der „richtige“ Weg
in der Krankheitsverarbeitung ist. Patienten und Angehörige, die sich
gern an einer klaren Vorgabe orientieren, mögen dies bedauern. Auf
der anderen Seite kann diese Aussage auch entlastend wirken, vor allem
in Zeiten mit Stimmungsschwankungen oder Zweifel: Denn zu wissen, dass
Gefühle wie Angst, Wut, Gereiztheit, Niedergeschlagenheit und
Mutlosigkeit nicht „falsch“ sind, kann erleichternd wirken. Diese
Gefühle sind natürliche Reaktionen in einer Lebenskrise und haben nach
bisherigem Kenntnisstand keine nachteiligen Folgen für den
Krankheitsverlauf.
Die Ergebnisse neuerer Untersuchungen lassen die Schlussfolgerung zu,
dass denjenigen Patienten die Auseinandersetzung mit der Krankheit
besser gelingt, die je nach den Erfordernissen der Situation flexibel
reagieren können.
Damit können völlig unterschiedliche Dinge zu
unterschiedlichen Zeiten genau das Richtige sein: Wo am einen Tag die
Informationssuche im Vordergrund steht, ist am anderen Tag vielleicht
Ablenkung wichtiger. Manchmal muss man sich mit den eigenen Ängsten
allein auseinander setzen. Manchmal möchte man sich lieber im Gespräch
anderen anvertrauen und sich helfen lassen. Auch Verleugnung, also
das „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ der Realität, kann in bestimmten Phasen
eine sinnvolle Reaktion darstellen, da die Angst möglicherweise sonst
unerträglich wäre,. Zeitweilige Verdrängung erlaube es Patienten, sich
mit der Diagnose Krebs im eigenen Tempo und schrittweise zu befassen,
so die Autoren eines Übersichtsartikels vom 2006.
Krebsberatungsstellen gibt es in vielen Städten und Gemeinden. Sie können eine erste Anlaufstelle bei Fragen zur Krankheitsbewältigung sein. Eine Liste niedergelassener Psychoonkologen mit besonderer Weiterbildung bietet der Krebsinformationsdienst ebenfalls an.